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(1. Blatt)
Donnerstag, den 4. April 1929
81. Iahrg.
' As Prinzip der LelstnngssiihiKeit
Die Pariser Sachverständigenkonferenz zur i. Marationsfrage ist mit ihren Arbeiten in ein e n t s ch e i- dendes Stadium eingetreten, bezw. wird dieses Sta- i - dmm voraussichtlich in den ersten Tagen mach Ostern errei- ; ^en, nachdem sie sieben Wochen lang sich auf dem Wege i ' Mr Spezialfragen, über die Technik einer Neugestaltung i 5 s^ Reparationsleistungen, über das Sachlieferungsprob- lem usw. an den ^Kernpunkt, die Höhe der-Leistungen, her-
1 : <mgearbeitet hat. Es darf anerkannt werden, daß sich bis f zu diesem Zeitpunkt auch die Presse des Auslandes einer Sachlichkeit und Zurückhaltung befleißigt hat, die dem 1 ■ Gang der Verhandlungen nur förderlich sein konnte. Seit einigen Tagen ist das anders geworden; es wird in Paris 1 ersichtlich mit tendenziösen Meldungen und Be- 1 richten gearbeitet, die freilich zu deutlich die Absicht verraten, um eine Einwirkung auf die Haltung der deutschen Sachverständigen und auf die Behandlung des Problems i s selbst ausüben zu können.
So wird von einem ultimativen Auftreten ‘ der Sachverständigen bestimmter Gläubigerstaaten berichtet, 1 und es wird behauptet, daß der amerikanische Vorsitzende ] der Konferenz — in dieser Eigenschaft — sich den Argumen- , ten der Sachverständigen anderer Gläubigerstaaten ange- ; : schloffen habe. Diese Argumente gehen, wie unschwer fest- ; zustellen ist, auf die Voranstellung der „Bedürfnisfrage" vor die Frage der deutschen Leistungsfähigkeit hinaus, also i r auf die Forderung nach deutschen Angeboten, die sich aus ' einer Summieru-ng der gegnerischen Verpflichtungen ohne , p Rücksicht auf das Ergebnis des deutschen Ziffernmaterials herleitet. Es ist bereits gemeldet worden, daß diese i Darstellung unzutreffend, mindestens schief ist, daß auch die ' i Erklärungen der hauptsächlichen Gläubigerländer keine Zah- e i len, sondern nur grundsätzliche Ausführungen über die i zweckmäßigen Wege zur Erreichung einer Diskussion über J die Höhe der Reparationsforderungen enthalten. And es ß ist ferner festgestell^ daß die ,qMrikaMchen DelLaiertev .bisher eine Meinung in der Frage der Ziffern noch n^ i fs geäußert haben.
Aber es darf doch schon heute darauf hingewiesen wer- I den, daß es durchaus untunlich und für den Zweck der Kon- I fercnz völlig verfehlt wäre, wenn man sich auf der Gegen- < feite jetzt einfach auf de-n Standpunkt stellen wollte: Deutsch, land hat den oder jenen Betrag zu zahlen, weil wir, die I Gläubigerländer in der Gesamtheit, so und soviel an die I Vereinigten Staaten zu entrichten haben. Das würde ein I sehr einfaches, aber auch sehr primitives Additionsexempel I sein, daß man auch ohne Einberufung einer Konferenz aus | den hervorragendsten Finanz- und Wirtschaftsfachverständi- I gen aller Länder hätte aufstellen können, anstatt einer Prü^ I sung der deutschen Leistungsfähigkeit und einer Ermittlung I der Mglichkeiten, die sich aus ihr für die künftige Gestal- | lung des Reparationsproblems und seine Endlösung er- I geben. Würde .nach diesem primitiven Schema verfahren, I so hätte man von den deutschen Sachverständigen sicherlich I ^e Gegenfrage zu gewärtigen, wie man sich denn die Auf- I dringung und Transferierung der nicht organisch ermittel- f ten und der deutschen Leistungsfähigkeit angepaßten, son- I t>ern nach einseitigen Bedürfnissen zusammengestellten Sum- | ^en vorstellt. Denn — und das muß in diesem Zusammen- | 9®ng unterstrichen werden — es ist zwar von deutscher I ^zu Anfang versucht worden, eine Diskussion über I diese Fragen, über die Aufbringung und Transferierbar- keit großer Beträge herbeizuführen, und dieser Wunsch ist I ^^hl auch im Verlauf der siebenwöchigen Erörterungen | wiederholt worden, aber es ist bisher nicht zu einer solchen I ^gemeinen Erörterung gekommen.
I . Vielleicht hat man sich in der Ruhepause, die die Öfter- feiertags auch für diese wichtigen Verhandlungen gebracht I aaben, die Dinge einmal unter diesem doch offenbar zwin- I logischen und einfachen Gesichtspunkt überlegt, bevor I "'an weiter versucht, im Wege eines Drucks auf die öf- ftntüche Meinung die Diskussionsgrundlage zu verschieben.
I ist von vornherein niemals eine Frage nach den Be- I ou^nissen der Gläubigerstaaten gewesen, so begreiflich es I 'st daß diese sie ihren Sachverständigen als Argumente I auf den Weg gegeben haben. Vielmehr hat es sich ü r darum gehandelt, durch geeignete internationale Sach« i ^ständige eine objektive Nachprüfung der deutschen Wirt- j fwast und Finanzen vornehmen zu lassen, um auf Grund I ’Preg Ergebnisses dann, vermutlich im Wege von Regie- ungsverhandlungen, eine Neugestaltung der Reparations- Rungen vorzunehmen. And nicht um den guten Willen i ^^/schlands kann und darf hier gehandelt werden, auch , cyt um die Bedürfnisse einzelner oder aller Gläubiger- ' ' Een, sondern ausschließlich um die gemeinsame Erkennt- I ^'^?.st.hoch auf Grund eines offen dargelegten Materials I »Fähigkeit der deutschen Wirtschaft zur Entrichtung und Übertragung großer Zahlungen auf eine gewisse Reihe von i wahren zu bewerten nst.
Dr. Schacht über die Sachverstandigen-Beratungen.
., Gegenüber einem Pressevertreter äußerte Dr. Schacht bi m ■ ^'sherigen Verlauf der Sachverständigenkonferenz, e ^riser Besprechungen innerhalb der Reparafionskonierem
hätten sich bisher in durchaus freundschaftlichem Geiste bewegt.
Die Bedeutung des Gegenstandes, nämlich die finanzielle Regelung internationaler Beziehungen auf Jahrzehnte und damit die endgültige Liquidierung des Friedens ließen jedoch noch manche Schwierigkeiten erwarten und eine lätt' gere Dauer der Verhandlungen voraussehen. Bei dem allseits vorhandenen guten Willen zur Verständigung und zur Aufbringung der notwendigen Geduld bei den schwierigen Verhandlungen bestehe jedoch die Hoffnung aus einen erfolgreichen Verlauf der Konferenz durchaus weiter.
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Deutsch-polnische Verhandlungen in Paris.
Nach einer Genfer Meldung sind bei dem japanischen Botschafter in Paris, Adatschi, in seiner Eigenschaft als Berichterstatter des Völkerbundsrates für Minderheitenfragen Verhandlungen zwischen Deutschland und Polen über gewisse Auslegungen des deutsch-polnischen Abkommens über Oberschlesien im Gange. Die Verhandlungen, die wegen der Öfter» feiertags unterbrochen wurden, würden in der kommendsH Woche fortgesetzt.
VrsahungSnot.
Die Denkschrift der'Reichsregieruug.
Der Reichsminister für die besetzten Gebiete hat nunmehr dem Reichstag die Denkschrift über die wirtschaftliche und kulturelle Notlage der besetzten Gebiete zugehen lassen. Sie enthält die zum größten Teil bekannten Denkschriften der Länder Preußen, Bayern, Hessen, Baden und Olden- b u r g in der gleichen Frage/— Reichsminister Severing nimmt für die Reichsregierung zu der Denkschrift u. a. wie folgt Stellung:
„Die Reichsregierung erkennt die wirtschaftliche und kulturelle Fürsorge wie für den Osten so auch für die notleidenden westlichen Grenzgebiete und für däs besetzte Gebiet als eine vi |unwtn lL/!U)ll^e-t ätUfßate:^!, UU VVM MSl<p W IgftlHeü.jxijUfl mit den beteiligten Ländern in lösen ist. Wenn die Reichs- regierung im gegenwärtigen Zeitpunkt davon absieht, das in den Denkschriften der fünf Länderregierungen zufammengetra- gene Material zu einem Hilfsprogramm von großem Ausmaß für den Westen auszuwerten, so ist hierfür in erster Linie die Rücksicht auf die derzeitige schwierige Lage der Reichsfinanren ausschlaggebend, die eine gleichzeitige Einleitung umfassender Aktionen in sämtlichen Grenzgebieten des Reiches verbietet. Die Reichsregierung wird in den nächsten Monaten die Vorarbeiten an der Aufstellung eines einheitlichen Hilfsprogramms für den Westä forrsetzen und behält sich ihre Entschließung über die etwaige Einbringung einer besonderen Gesetzesvorlage bis nach Abschluß der Verhandlungen und für einen finanzpolitisch geeigneten Zeitpunkt vor.
Muß hiernach die Frage der Einleitung einer neuen großen Hilfsaktion für den Westen einstweilen zurückgestellt werden, so soll die laufende Betreuung der bedrängten westlichen Grenzgebiete und des besetzten Gebietes in dem bisherigen Rahmen auch weiterhin selbstverständlich fortgesetzt werden. Die Reichsregierung hat zu diesem Zweck ausreichende, z. T. gegenüber dem Vorjahr erhöhte Beträge in den Entwurf des Haushaltsplanes des Reiches für das Rechnungsjahr 1929 eingesetzt. Dle von der Reichsregierung aus den Grenzfonds I und II im engeren Grenzgürtel an der Westgrenze und in Baden geförderten Hilfsmaßnahmen sind in der Durchführung begriffen und werden voraussichtlich im Lause des Rechnungsjahres 1929 zum Abschluß kommen."
Der Lohnstreit bei der Reichsbahn.
Berlin, 3. April. Die Gewerkschaft Deutsch r Eisenbahner teilt mit: Die Loynverhandlungen mit der Reichs- bahn sind bekanntlich gescheitert. Die Kündigungsfrist lief am 31. März ab. Die drei Tariforg-nisationen haben am 2. April in gemeinsamen Verhandlungen die derzeitige Lage eingehend geprüft. Aus den vorliegenden Berichten der Bezirke ergab sich eine wesentliche Verschärfung der durch die unnachgiebige Haltung der Reichsbahnverwaltung entstandene« Lage. Die Organisationen werden am Donnerstag, den 4. April, erneut zusammentreten, um weitere Kampfmaßnahmen vorzubereiten.
Äbbrucharbeilen beim Luftschiffbau Zeppelin.
Friedrichshafen, 2. 4. (R)B) stuf dem werftge- lände des Luftschiffbaus sind zurzeit die Kbbrucharbeiten an den beiden kleineren Bauhallen, die bis zum Sommer erledigt sein sollen, in vollem Gang. So ist das Dsttor der Halle 1 bereits entfernt, und auch die Hallenbedachung wird dieser Tage völlig abgetragen sein.
Die Suche nach Ersparnissen.
Die vertraulichen Tinzelbesprechungen der haurhaltssach- verständigen aus den Fraktionen der Socialdemokraten, des Zentrums, der Deutschen Dolkspartei und der Demokraten find, wie der „Lokal-Rnzeiger" mitteilt, sofort nach den Feiertagen wieder ausgenommen worden, und voraussichtlich wird der Reichsfinanzminister am Donnerstag die erste gemeinsame Sitzung mit den an diesen Besprechungen beteiligten Abgeordneten abhalten.
England, Rußland und die Lage in Afghanistan.
Die in Bombay erscheinende Zeitung „Times of Jndia" lenkt erneut die Aufmerksamkeit auf die sowjetrussischen Ziele in Indien, die Moskau nun zu verwirklichen hoffe. Großbritannien wünsche ein starkes und geeintes Afghanistan, während Rußlands Interessen auf ein schwaches Afghanistan gerichtet seien. Großbritannien könne nicht länger über dies« Tatsachen hinwegsehen, ebensowenig wie über die, daß Stalin die Ausdehnungspolitik der Zaren übernommen habe.
Die Feststellung des führenden indischen Blattes stützt sich auf die inzwischen von russischer Seite widerlegten Berichte, wonach das Ucberschreiten der afghanisch-russischen Grenze wegen der auf russischer Seite in Gang befindlichen geheimen Rüstung seit einiger Zeit unmöglich gemacht wird.
Die türkische M i l i t ä - nt i ff i o n in Afghanistan ist nach Berichten auS Konstantinopel zurückgerufen worden. Sie fährt auf dem Luftwege über Rußland nach der Türkei zurück.
Die Kunstschätze des Schlosses AmraS beraubt.
Innsbruck, 3. April. Trotz der umfassenden Sicherheitsvorkehrungen für die kostbaren Sammlungen des Schlosses Amras bei Innsbruck war es unbekannten Einbrechern möglich, einen verwegenen Diebstahl auszuführen. In der Nacht zum Ostermontag drangen Einbrecher über die etwa 12 Meter hohe Umfassungsmauer des Hochschlosses Amras und begingen den Diebstahl. Es fehlen einige Urkunden, ein goldenes Ei mit einer Inschrift, die auf den Tod Kaiser Karls VI. Bezug hat, ein vergoldeter Apfel ungarischer Herkunft von großem Wert, eine Madonna mit dem Kinde, ein kostbares Relief in Silber, Augsbnrger Arbeit aus dem 17. Jahrhundert, eine utnbe silberne Schale und vieles andere. Alle Kunstschätze sind unerft-Hlich. Im Schlosse wohnen vier Gendarmen.
Die Ratifizierung des Kellogg-Paktes im japanischen Parlament «^
Tokio, 3. April. Im japanischen Parlament lehnte nach den Ausführungen des Ministerpräsidenten Tanaka das Parlament die Ratifizierung des Kellogg-Paktes mit der Begrün- bung ab, daß der Satz „im Namen der Völker" den japanischen Belangen nicht entspricht. Die Frage der Ratifizierung soll in der nächsten Parlamentssitzung noch einmal zur Sprache gebracht werden.
Typhusepidemie im Saargebiet. v
Saarbrücken, 3. April. In Vehrden ist seit einigen Tagen der Typhus aufgetreten. Die Krankheit hat sich derart schnell ausgedehnt, daß bis jetzt etwa 30 Personen ins Krankenhaus gebracht werden niußten. Es sind Fälle zu verzeichnen, wobei mehrere Mitglieder einer Famisie von der Krankheit befallen wurden. Todesfälle sind bis jetzt nicht vorgekommev. Den Krankheitsherd glaubt man in einem Wasserbecken entdeckt zu haben. Durch die langanhaltende strenge Kälte soll dieses Becken an mehreren Stellen geborsten sein, so daß sein Inhalt in das Grundwasser eindringen konnte.
(:$ Wie aus London gemeldet wird, ist am 1. April eine Anweisung des englischen Kriegsministeriums auf Verminderung des Hauptquartiers der britischen BesatzungS- truppen am Rhein um 20 v. H. in Kraft getreten. Die Ber- nlinderung bezieht sich auf alle Abteilungen und alle Rangstufen, ebenso wie auch auf die von der englischen Heeresverwaltung beschäftigten Zivilisten. Die Auswirkungen der Verncinderung stehen im einzelnen noch nicht fest, da der Stab der britischen BesatzungS« armee einer größeren Umorganisation unterzogen wird.
— Die am 1. bzw. 2. stpril fällig gewordene erste Halbjahresrate der Jnbuftriebelaftungen für das 5. stnnui- tätsjahr in Höhe von 150 Millionen Goldmark ist fristord- nungsgemäß von der Bank für deutsche 3nbuftrieobliga= Honen an den Generalagenten für Reparationszahlungen für Rechnung des Treuhänders für deutsche Industrieobligationen überwiesen worden.
— Reichskanzler Hermann Müller, der an einer Gallen- affektion leidet, wird voraussichtlich noch bis Ende dieser Woche das Bett hüten müssen.
— Der englische Staatssekretär des Reußeren Thamber- lain, der zurzeit in Florenz wellt, hatte dort mit dem italienischen Ministerpräsidenten Mussolini eine längere Unterredung. Sie gelangten zu der Feststellung, daß die beiden Regierungen in den wichtigsten politischen Fragen, welche die beiden Länder interessieren, übereinftimmen.
— Im Ruhrbergbau hat nunmehr auch der Zechen- verband Lohnordnung und Rahmentarif zum 30. Iuni 1929 gekündigt. *
— Flugzeuge der mexikanischen Rufständischen unternahmen am Dienstag einen Luftangriff auf die mexikanische Stadt Naco-Sonora und warfen vier Bomben ab; zwei davon schlugen auf der amerikanischen Seite der an der Grenze gelegenen Stadt ein, zertrümmerten zahlreiche Fensterscheiben und verwundeten einen Knaben.
— In den Berglagen der Zchweiz hat der Winter wieder Einzug gehalten. Die Neuschneedecke beträgt bis zu 800 Meter hinunter 20 Zentimeter. Das St. Gotthard- gebiet verzeichnete schwere Stürme, das Thermometer sank bis aus minus 18 Grad.