Wt. 27 (1. Blatt) Samstag, den 2. März 1929 8t. Jahrg.
Amtliche Bekanntmachungen
Lavdratsamt.
3.4fr. 1706. Der Entwurf des Landeshauptmanns zu Kassel zur Rurvenverbesserung in Kim. 5,5 und 5,6 der ßrückenauerlandstraße bei Vollmerz liegt in der Zeit vom 4, bis einschließlich 17. März d. 3s. in dem Dienstzimmer des Bürgermeisters zu vollmerz zu jedermanns Einsicht offen. Lr steht jedem Beteiligten frei, innerhalb der Gffenlegungs- frift im Umfang seines Interesses Einwendungen gegen die Ausführung des Entwurfs schriftlich oder zu Protokoll bei dem Unterzeichneten geltend zu machen. Zchlüchtern, den 26. Februar 1929.
Der Landrat: Dr. Müller.
3.4fr. 1648. Der Herr Rreismedizknalrat wird am Dienstag, dem 5. März d. 3s. von 930 Uhr ab im hiesigen Kreis« Hause Sprechstunden halten.
Zchlüchtern, den 25. Februar 1929.
Der Landrat: Dr. Müller.
Die Echtheit der Veröffentlichungen des „Utrechtsch Dagblad" bestätigt.
Berlin, 1. März. Wie Berliner Abendblätter aus Sem Haag berichten, hat der Chefredakteur des „Utrechtsch Dagblad", Dr. Ritter, in einer Unterredung erklärt, daß die Dokumente zu den Veröffentlichungen über den belgisch-französischen Gchcimvertrag aus völlig unverdächtiger Quelle stammten. Sie stellten das Protokoll einer in Brüssel abgehaltenen Sitzung militärischer Sachverständiger dar, seien auf amtlichem Papier des belgischen Staates ausgezeichnet und trügen die Unterschriften der Konferenzteilnehmer sowie Lacksiegel, wie sie bei den belgischen Ministerien gebräuchlich sind. Der Text des französisch-belgischen Vertrages sei in das Proto- M über die Konferenz nicht erngcschlossen.
Wie Polen Danzig erobern will.
Genf, 1. März. In hiesigen diplomatischen nnd politischen Kreisen ist gegenwärtig eine polnische Denkschrift von 30 Schreibmaschinenseiten Umfang im Umlauf, die die Zukunft her Freien Stadt Danzig im Rahmen des polnischen Einflusses behandelt. Die in der Denkschrift zum Ausdruck gelangende Tendenz, die ehemals reichsdeutsche Stadt hauptsächlich durch wirtschaftliche Maßnahmen immer enger an Polen zu ketten, entspricht durchaus der von den polnischen Delegationen beim Völkerbund in der letzten Zeit eingenommenen Haltung.
Hösch bei Briand.
PariS, 1. März. Von amtlicher deutscher SteNe in Paris wird mitgeteilt: Der deutsche Botschafter v. Hösch hatte «ach einer längeren durch die Krankheit des französischen Außenministers bedingten Pause, wieder eine Unterredung mit diesem über die schwebenden politischen Fragen. Bei die- ser Unterhaltung wurden insbesondere die auf der kommenden Genfer Ratstagung zur Erörterung stehenden Probleme verhandelt. Im Verlaufe der Unterredung nahm Briand Gelegenheit, Erklärungen über den kürzlich in einer holländischen Zeitung veröffentlichten Text eines französisch-belgischen Geheimabkommens abzugeben.
** Der Reichswirtschaftsrat zu den Steuervorlagen. Der Finanzpolitische Ausschutz des vorläufigen R e i ch s Wirtschaftsrates beschäftigte sich mit den Berichten der Arbeitsausschüsse über die Deckungsvorlage zum Reichshaushalts- Hian. Der Ausschuß st i m m t e den Deckungsvorlagen z u mit Ausnahme der Vorlage über die Senkung der Ein» so minensteuer. Der Ausschuß nahm ein allgemein grundsätzliches Gutachten an, wonach der Reichswirtschaftsrat „als oberster Gutachter der gesetzgebenden Körperschaft in wirtschaftlichen Fragen an diese das dringende Ersuchen richtet, den vorliegenden Reichshaushalt auf das sorgfältigste daraufhin Prüfen, ob sich nicht durch äußerste Sparsamkeit in den usgaben eine wesentliche Verminderung des Fehlbetrages erreichen lasse. Das Gutachten kommt zu dem Schluß, daß unter Vermeidung neuer Steuererhöhungen mit aller Ent- Medenheit in Reich, Ländern und Gemeinden jede mögliche ^frnünderung der öffentlichen Ausgaben durchgeführt werden müsse. — Der Reichsratist auf nächsten Dienstag zur Verabschiedung des Reichshaushalts einberufen worden.
** Verschärfung der Lebensmittelkrise in Rußland. Wie nur Leningrad gemeldet wird, nimmt dort die Lebensmittelkrise immer schwerere Formen an. Die Behörden haben °on Privatbäckereien angekündigt, daß sie kein Mehl mehr er- hüten würden. Trotz der Brotkarten haben umfangreiche Schiebungen mit Mehl eingesetzt. Nur die Genoffenschafts- bäckereien und die Brotempfänger erster Ordnung, d. h. die Witer, sollen mit Mehl regelmäßig beliefert werden. Bei Verteilung der Brotkarten sind große Mißbräuche festgestellt worden. Eine allgemeine Untersuchung steht bevor. Voraus- M)tlid) werden neue Karten ausgegeben werden. Die Behörden haben angeordnet, daß in allen Lebensmittelgeschäften logen, proletarische Wachen ausgestellt werden, die darauf Wen sollen, daß niemand mehr Lebensmittel erhält, als ihm ^setzlich zu stehen. Solche proletarische Wachen sollen auch M Moskau eingeführt werden.
- Vom 1. bis 3. März findet im Präger Repräsentanten- Haus eine Tagung des internationalen Kriegsbeschädigtenver- Landes statt. Deutschland ist vertreten durch Maroke und Leh- Mann, Oesterreich durch Hirsch, Foscht und Schnürmacher.
Die Haltung des Zentrums.
Die erste Beurteilung des Standes der Koalitionsper« Handlungen hat bereits dazu geführt, daß in gewissen politischen Kreisen ganz neue Möglichkeiten der Regierungsbildung erörtert werden. So wird z. B. von sozialdemokratischer Seite der Gedanke in die Debatte geworfen, es bei einem Scheitern der jetzigen Verhandlungen mit der Weimarer Koalition zu versuchen, mit der die Deutsche Volks- partei in einer Rrt a-la-suite-Stellung verbunden wäre. Ruch wird von anderen Kombinationen gesprochen, in denen die Deutsche Volkspartei die geschonte Stellung einer unterstützenden Partei einnehmen solle. Ueber den Standpunkt des Zentrums sagt die „Germania", daß es derartige Lösungen, welcher Rrt auch immer sie sein mögen, entschieden ablehnen wird. Das Zentrum wird nur in eine Regierung hineingehen, die auf der festen Grundlage einer Koalition beruht, und in der alle Partner mit gleichen Rechten und Pflichten vertreten sind.
Die Stellung der Demokraten.
Wie der Demokratische Zeitungsdienst hört, kam in der Sitzung der demokratischen Reichstagsfraktion einmütig zum Rusdruck, daß angesichts der gespannten Finanzlage des Reiches mit allen Kräften versucht werden müsse, eine Rus» gabenminderung herbeizuführen. Rn der Regierung sei es, ein Programm auszustellen, und die Regierung habe ihrerseits dann mit den Fraktionen Fühlung zu nehmen.
Die demokratische Reichstagsfraktion sei des langen Einund Herziehens müde. Die einmütige Ruffassung gehe dahin, daß eine längere Rufrechterhaltung des gegenwärtigen Zustandes eine schwere Gefahr für Volk und Staat bedeutet.
Diese Ruffassungen sind von den demokratischen Vertretern auch dem Reichskanzler Müller gegenüber zum Rusdruck gebracht worden.
ß AbrüstungSantrag der englischen Arbeiterpartei.
London 28. 2.. (WV) Im Unterhaus? krachte bas Mitglied der Arbeiterpartei Dunnick eine Entschließung ein, die sich für ein internationales Rbkommen über eine allgemeine Herabsetzung der militärischen Streitkräfte aus- spricht und die britische Regierung auffordert, im vorbereitenden Rbrüstungsausschuß in Genf Vorschläge für eine wirksame Verminderung der Rüstungen zu unterstützen. Dunnick stellte weiter an den Kriegsfebretär die Frage, wann die britische Besatzungsarmee aus dem Rheinlande zurückgezogen werden solle. Für die Aufrechterhaltung der Besatzungsarmee werde viel Geld verschwendet, und außerdem rufe ihre Rnwesenheit starke Erregung hervor, die den guten Willen vernichten und dem Frieden abträglich sein müßte.
Startes Sinken der Temperatur in Jugoslawien. Belgrad, 28. 2. (OB) Die in den letzten Tagen stark gestiegene Temperatur ist heute wieder rasch gefallen. Es herrscht Schneetreiben mit Frost. Die Ueberschwemmungs- gefahr, die wegen des plötzlich eingetretenen Tauwetters drohte, scheint daher vorläufig beseitigt.
Heftige Explosion im Süden EssenS.
Essen, 1. März. In der Nacht zum Donnerstag, sog in einer Arbeiterbaracke im Süden Essens eine Sauerstoff-Flasche die neben einem geheizten Ofen stand, in die Luft. Viele Fensterscheiben der Nachbarhäuser wurden zertrümmert und die Baracke selbst stand bald in Flammen. Menschen sind glücklicherweise nicht zu Schaden gekommen. Nur wurden die Scheiben und Lampen eines während der Explosion an der Unglücksstelle vorbeifahrenden Personenzuges zertrümmert. Die Explosion wurde weithin gehört, richtete aber trotz der entstandenen Aufregung keinen weiteren Schaden an.
Zwei schwere Eisenbahnunfälle in Ostoberschlesien.
Kattowitz, 1. März. Im Bereich der Eisenbahndirektion Kattowitz ereigneten sich zwei Eisenbahnunfälle. Auf der Strecke Dziedzietz-Bielitz stießen zwei Lokomotiven zusammen. Der Zusammenstoß war so gewaltig, daß die beiden Maschinen die Böschung hinunterstürzten, wobei ein Heizer schwer verletzt wurde. Ein zweiter Unfall ereignete sich im Kreise Lublinitz in der Stadt Baronow, wo ein Güterzug mit einer Kohlen- ladung für Danzig entgleiste. 20 Güterzugswagen sprangen aus den Schienen und wurden schwer beschädigt.
— Der Versicherungsoberinspektor Richard Frank aus Bab Thal warf sich in der letzten Nacht auf der Bahnstrecke Wutha-Eisenach in der Nähe von Eichrodt vor einen Zug. Frank wurde der Kopf vom Rumpfe getrennt. Der Grund der Tat soll geschäftlicher Natur sein.
— Nach einer französischen Meldung aus Eherbourg ist das bisher vermißte zweite Rettungsboot des bei Barf- leur gestrandeten Dampfers „St. Malo" an der Rüste angetrieben worden. Fünf der in dem Rettungsboot befindlichen Matrosen waren tot; von dem sechsten fehlt jede Spur.
— Das Schwurgericht in Heilbronn hat den 21 Iahre alten Schmiedegesellen Emil Kies wegen Brandstiftung zu sechs Iahren Zuchthaus verurteilt. Kies hat am 19. November 1928 in Schwaigern einen Brand gelegt, dem 21 Gebäude zum Opfer fielen.
Dem Höhepunkt entgegen.
Die Pariser Beratungen.
Die Arbeiten der Pariser Sachverständigen« - Konferenz über die Reparationsfrage nähern sich jetzt ihrem Höhepunkt: es geht um die Festsetzung der Endsumme der von Deutschland zu zahlenden Reparatio« n e n. Pariser Blätter wollen wissen, daß Deutschland ein Angebot machen werde und nennen sogar schon Zahlen.
So schrieb der „Matin", das erste Angebot der Deutschen habe sich auf eine Milliarde Mark jährlich belaufen. Die Gegenrechnung der Alliierten hingegen habe sich auf 3% Milliarden Mark belaufen. Von Dr. Schachts Borschlag hänge der Enderfolg der Verhandlungen ab. Möglicherweise werde sich Dr. Schacht nach Berlin begeben, um die ganze Frage gemäß den aus den Arbeiten der Unterausschüsse sich ergebenden Fingerzeigen nochmals zu erwägen.
Diese französischen Darstellungen bestätigen, daß die Beratungen der Sachverständigen in die entscheidene Phase getreten sind. Die französische Taktik ist sicherlich darauf angelegt, ein deutsches Angebot herauszulocken, wohl um die deutsche Stellung zu erschweren. Ob Dr. Schacht nach Berlin zurückkehren muß, um sich über die Höhe der deutschen Zahlungsfähigkeit zu unterrichten, scheint überaus zweifelhaft, da die deutschen Vertreter sicherlich sachverständig genug sind, um diese Frage in Paris zu entscheiden.
Noch keine festen Vorschläge.
Wie aus Paris gemeldet wird, nehmen die Arbeiten der Sachverständigenkonferenz ihren Fortgang, allerdings nur in den Ausschüssen. Die Pariser Presse rechnet mit der Möglichkeit, daß die Vollsitzungen auf die kommende Woche ver- tagt werden, um in vorbereitenden Aussprachen zu ermöglichen, die Meinungsverschiedenheiten über die Zahl und die Höhe der Jahresraten und ihrer geschützten und ungeschälten Teile zu klären.
Der „Exeelsior" hebt die herzliche Atmosphäre und den gemeinsamen Wunsch aller Sachverständigen hervor, zu prak- .»ische? lWrhWe» zu kommen, dir iowcit wie möglich den
Interesse» gerecht werden. Der Fünfer-Aus- schuß hat dem Blatt zufolge in Besprechungen mit den Bank- herren der verschiedenen Abordnungen die Ausgabe von Obligationen für den nicht durch die Transferklausel geschützten Teil der deutschen Jahresraten sowie die Aufnahmemöglich« leiten des internationalen Marktes besprochen. Die bisher darüber veröffentlichten Zahlen entbehren, dem Blatt zufolge, jeder Grundlage.
Eine halbamtliche französische Mitteilung.
Zu dem Stand der Sachverständigenverhandlungen veröffentlicht „Havas" eine halbamtliche Note, in der es u. a. heißt: In gut unterrichteten Kreisen zeigt man sich sehr überrascht durch die Nachrichten aus ausländischer Quelle, denen zufolge der Sachverständigenausschuß grundsätzlich die Zahlen und den Betrag der deutschen Jahresraten festgesetzt haben soll. Die Sachverständigen hätten sich über die Zahlen noch gar nicht ausgesprochen.
Eine Verrechnungsstelle?
Der zurzeit von einem amerikanischen Blatt aufgeworfene Gedanke der Einsetzung eines Clearing Houfe (Verrechnungsstelle) für die deutschen Zahlungen wird, wie ein Aufsatz von Jules Cambon beweist, auch von französischen Kreisen ausgenommen und teilweise lebhaft begrüßt.
Der „New York Herold" erklärt dazu, der Vorschlag werde wahrscheinlich von der Sachverständigenkonferenz geprüft werden. Die Verrechnungsstelle würde die Tribut-Obligatio« nen in Verwaltung nehmen und sie den verschiedenen Gläubigerstaaten nach einem noch zu entlverfenden Plan über« weisen.
Kastl und Vogler fahren zurück.
Die „Rassische Zeitung" meldet aus Paris: Wie bereits gemeldet, hält die Sachverständigenkonferenz in Dieser Woche voraussichtlich keine Vollsitzung mehr ab. Ein Teil der deutschen Delegation scheint diese durch die Rommissionsberatun- gen bedingte Pause dazu benutzen zu wollen, das Wochenende in Deutschland zu verbringen. Geheimrat KaftI wird bereits Freitag abend nach Berlin reisen, während Dr. Vögler zur Teilnahme an dem Deutschen Industrietag sich für einige Tage nach München begeben wird. Da die Reise der beiden deutschen Delegierten hier zu neuen Gerüchten und Kombinationen Rnlaß geben wird, sei schon jetzt auf Grund von Erkundigungen an zuständiger Stelle festgestellt, daß hier keinerlei mit der Ronferenz in unmittelbarem Zusammenhänge stehende Ursachen zugrunde liegen.
Dagegen ist es wahrscheinlich, daß Dr. KaftI. seinen Ruf» enthalt in Berlin dazu benutzen wird, den aus Fachleuten und Vertretern der Wirtschaft bestehenden Beirat der deutschen Delegation über den bisherigen Verlauf der Verhandlungen zu unterrichten. Die beiden anderen deutschen Delegierten, Dr. Schacht und Dr. Melchior, bleiben in Paris, um an den weiteren Beratungen der Unterausschüsse teil- zunehmen.
— Der Vorstand der Wiener Rinderklinik, Pros. Kle« mens Pirquet, und seine Frau wurden in ihrer Wohnung tot ausgefunden. Es handelt sich vermutlich um einen Unfall infolge Vergiftung durch Rohlenoxydgas, das aus einem schadhaften Dauerbrandofen ausströmte.