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(1. Blatt)

-tr. 22

Dienstag, den 19. Februar 1929

81. Aahrg.

Amtliche Bekanntmachungen

Landratsamt.

J.-Nr. 953. Nach § 1. des Jmpfgesetzes vom 8. April 1874 (R. G. Bl. S. 31) soll der Schutzpockenimpfung unter­legen werden:

1. Jedes Kind vor dem Ablauf des auf fein Geburts­jahr folgenden Kalenderjahres, sofern es nicht nach ärztlichem Zeugnis die natürlichen Blattern überstanden hat. 7:^ v 2. Jeder Zögling einer öffentlichen Lehranstalt oder Privatschule mit Ausnahme der Sonntags- und Abendschulen innerhalb des Jahres, in welchem der Zögling das 12. 'ebensjahr zurückgelegt, sofern er nicht nach ärztlichem Zeug­nis in den letzten 5 Jahren die natürlichen Blattern über» landen hat oder mit Erfolg geimpft worden ist.

Zur Ausführung dieser Bestimmungen haben nach § 8 >cS Reglements vom 4. März 1875 (Amtsblatt Seite 118/ 19) zunächst:

1. Die Herren Standesbeamten vollständige und genaue Listen der in der Zeit vom 1. Januar bis einschließlich 31. Dezember v. Js. geborenen und noch am L ben befindlichen linder für jede Gemeinde ihres Bezirks besonders aufzustellen uub alsbald hierher einzusenden;

2. die Herren Lehrer bezw. Schulvorstände der oben unter 2 bezeichneten Unterrichtsanstalten Listen über diejenigen linder, welche im lautenden Jahre das 12. Lebensjahr zu- Megen, sowie ein Verzeichnis über diejenigen Schüler auf- ustellen und hierher einzureichen, für welche der Nachweis ier Impfung bisher nicht erbracht worden ist und

3. die Herren Bürgermeister eine Uebersicht über die- migen Kinder, welche aus anderen Bezirken zugezogen sind, mszuffellen und alsbald hierher einzureichen oder Fehlanzeige u erstatten.

Die Herren Bürgermeister werden hiermit veranlaßt, Üese Verfügung den Herren Lehrern bezw. Leitern der oben unter 2 gedachten Unterrichtsanstalteu, sowie denjew2u Standesbeamten, welche nicht zugleich Bürgermeister sind, mit dem Ersuchen bekannt zu geben, für die Anfertiguug tob Einsendung der unter 1 und 2 gedachten Listen, zu welchen Formularpapier bereits übersandt worden ist, unge­säumt Sorge zu tragen.

Schlüchtern, den 13. Februar 1929.

Der Landrat: Dr. Müller.

Kreisausschuß.

GemeindekassenbScher.

3.=Hr. 615 K. R. Nach Mitteilung des Herrn Regie- rungspräsidenten zu Kassel ist mit der Herausgabe einer neuen Dienstanweisung für die Gemeindekassen der Landge­meinden in nächster Zeit nicht zu rechnen. Demzufolge wer­den die bisher bei den Gemeindekassen gebräuchlichen Kas­senbücher vorerst nicht geändert. Bis aus weiteres sind also bei den Gemeindekassen die bisher vorgeschriebenen Büdner auch in Zukunft alljährlich am Anfang des Rech^ nungsjahres zu beschaffen und zu benutzen. Indem ich den Herren Bürgermeistern und Gemeinderechnern des Kreises hiervon Kenntnis gebe, teile ich gleichzeitig mit, daß die ^oranfchlagsformulare für das Rechnungsjahr 1929/30 wie seither, von mir bestellt und den Gemeinden seinerzeit zuge- sandt werden.

5chlüchtern, den 16. Februar 1929.

Der Vorsitzende des Kreisausschusses: Dr. Müller.

Stadt Schlüchtern.

Mahnung zu sparsamsten Wasserverbrauch.

Infolge des langandauernden starken Trostes ist der Zufluß zu den Hochbehältern der Wasserleitung dermaßen gering, daß der eine Behälter z. Zt. leer, der andere nur )U!etwa 1/3 gefüllt ist. Es fließt ständig mehr Wasser ab, uls zufließt.

Die Einwohner werden daher im eigensten Interesse ZUr größten Sparsamkeit beim Wasserverbrauch ermähnt, ^besondere muß jegliches Baden und Wäschewaschen bis uuf Weiteres unterbleiben.

Den Viehbesitzern wird dringend nahegelegt, dasWaf- er zum Tränken des Viehes nicht aus der Wasserleitung mudern aus den öffentlichen Wasserläufen und den Ka- Ualschächten zu entnehmen. Der durch die Brückenauer- kaße und die Hanauerstraße führende Kanal wird zu die- M Zweck zeitweise gestaut werden.

Schlüchtern, den 18. Februar 1929.

Der Magistrat: Gaenßlen.

Bekanntmachung.

Der Zuschlag auf die beim städtischen Nutzholzverkauf

6. d. Mts. abgegebenen Gebote wird hiermit mit nach- uchenden Ausnahmen erteilt. Soweit mit einzelnen Bietern ^sondere Vereinbarungen getroffen sind, gelten diese. So= ^it in einzelnen Fällen die Zuschlagsfrist durch besondere

Absprache verlängert ist, bleibt die Entscheidung über den Zuschlag vorbehalten.

Folgenden Bietern wird wegen zu geringer Gebote der Zuschlag nicht erteilt:

Aböls Ruppert, Langenprozelten, Berneaub u. Kalkhof, Hanau.

Schlüchtern, den 18. Februar 1929.

Der Magistrat: Gaenßlen.

Erklärungen Brauns im Haupt- ausschufl.

Im Verlaufe der Beratung des Haushalts des preußischen Staatsministeriums im Hauptausschuß des Landtags ging Ministerpräsident Braun in längeren Ausführungen auf die schwebenden Fragen und die in der Aussprache vorgebrachten Beschwerden und Wünsche ein. U. a. erklärte er:

Zu den Steuervorlagen des Reiches er­klärte der Ministerpräsident, daß sich die preußische Staatsregierung im Reichsrat davon leiten lasse, daß nach Möglichkeit Ersparnisse gemacht werden müßten. Sie habe lediglich für die notleidenden Gebiete im Osten einige Mehrforderungen aufgestellt und dafür entsprechende Deckungsvorschläge gemacht.

Weiter stellte der Ministerpräsident fest, daß die Frage, ob es mit der Stellung eines Beamten noch vereinbar sei, wenn er sich aktiv im Stahlhelm be« tätige, jetzt ernstlich im Schoße der Staatsregierung erörtert werde-

Daß die Verwaltungsreform in den letz­ten zehn Jahren Nicht vorwärts gekommen sei, habe besonders die Rechte verschuldet. Die Auflösung der Gutsbezirke sei ein Schritt auf dem richtigen Wege gewesen. Die Krise der Landwirtschaft liege im Geldmarkt begründet und habe sich naturnotwendig zuerst bei den Großbetrieben gezeigt. Gerade der heu­tige preußische Staat habe für die Landwirtschaft sehr viel mehr getan als der frühere. Für Ostpreußen seien in den letzten Jahren insgesamt 170,45 Mil­lionen ausgegeben worden.

Zur Frage des Panzerkreuzers erklärte der Ministerpräsident, daß er eine gewisse Wehrhaftigkeit gegen eventuelle Ueberfälle für notwen­dig halte, aber die Ausgabe für den Panzerkreuzer sei überflüssig und unzweckmäßig, weil wir im Kriegsfalle mit den uns zur Verfügung stehenden Seekriegsmitteln den Seeweg nach Ostpreußen niemals offen halten könnten.

Die Besorgnisse wegen der großzügigen Rege­lung in der Minderheitenfrage zeigten ein Ge­fühl der Schwäche, zu dem keine Veranlassung bestehe. Die deutsche Kultur sei so stark, daß sie im Wett­bewerb auch mit den Minderheiten nicht leiden werde.

Zur Konkordatsfrage erklärte der Ministerpräsident, solange das Staats­ministerium nicht mit dem Vertragsgegner einig sei, sei der Zeitpunkt noch nicht gekommen, der weiteren Po­litischen Oeffentlichkeit über das Ergebnis der Verhand­lungen irgend etwas zu sagen.

In der Frage der R e i ch s r e f 0 r m sei keiner der bisherigen Vorschläge zu Ende gedacht. Der Minister­präsident kam in diesem Zusammenhang nochmals aui den preußisch-bayerischen Konflikt zu spre­chen und bezeichnete die Ausführungen derBayeri­schen Volkspartei Korrespondenz", die die Tatsache des bayerischen Bedauerns bestritten habe, als unverständ­lich. Die preußische Gesandtschaft in München halte er persönlich nicht mehr für notwendig. Die Ab­machungen zwischen Preußen und Hamburg hät­ten gezeigt, daß bei beiderseitigem guten Willen Schwie­rigkeiten behoben werden könnten. Es gehe nicht an, daß man für die Ausführung von Reichsgesetzen immer neue Reichsbehörden schaffe. Es sei nicht das Bestreben Preußens, sich die kleinen Länder anzugliedern, aber es dürfe zwangsläufig sein, paß sie allmählich zu Preußen kämen.

Reichskanzler Müller ist am Sonntag früh wieder in Berlin eingetroffen.

In Lodz mußten 51 Fabriken wegen Kohlenmangels stillgelegt werden.

Die Nordseeinseln Wangeroog, Norderney und Bor- Kum, die vollständig von Packeis umgeben sind, werden durch Flugzeuge mit Lebensmitteln und Post verfehen.

Sonntag früh brach auf dem der Stabt Trier gehö­renden Gute Schloß Menaise Großfeuer aus, das sämtliche Wirtschaftsgebäude mit großen Futtervorräten und zahl­reichen landwirtschaftlichen Maschinen vernichtete. Das Vieh konnte gerettet werden.

Der SchnelldampferPresident Harding" funkte, daß der amerikanische FrachtdampferPadnsay", der SOS-Rufe ausgesandt hatte, außer Gefahr fei.

Der strenge Winter.

Kabelstörung als Folge des Frostes.

Essen, 17. 2. (WB) Ungefähr 800 der Fernsprech­teilnehmer Essens rburben heute durch eine plötzlich gegen Mittag aufgetretene Kabelstörung, von der besonders das Nord-, Süd- und ein Verbindungskabel betroffen wurden, ausgeschaltet. Die Störung ist auf den Frost zurückzufüh- ren. Die Folgen dieser Störung werden sich erst im Laufe des Montag auswirken, da der Schaden so bald nicht be­hoben sein dürfte.

Der vereiste Rhein.

Koblenz, 17. 2. (WB) wie die Haupteiswachtstelle der Rheinstrombauverwaltung Koblenz mitteilt, sind die Eisstauungen des Rheins weiter fortgeschritten. Der bei Gernsheim beginnende Eisstand reicht über Mannheim hinaus bis Germersheim. Line neue Eisstockung hat sich bei Oppenheim gebildet. Ferner hat die mittelrheinische, bei der Loreley a nfangende Eisversetzung Nackenheim über­schritten, während die niederrheinische bei Nymwegen ober­halb Ursel weiter zunimmt. Nach der heutigen Sonder- meldung der Aachener Wetterwarte wird die am Nieder- und Mittelrhein bei Kälteabnahme herrschende Neigung zu ge­ringen Schneesällen durch eine neue Ostströmung einge­schränkt, so daß wieder eine Abkühlung zu erwarten ist. Der Rhein hatte in Köln am Sonntag Abenb einen Pegel­stand von 0,28 Meter, b. H. 34 Ltm. unter dem bisher bekannten tiefsten Stande.

Auch der Niederrhein zwischen Dinslaken und Emmerich bis zur holländischen Grenze bildet eine große Eis­fläche von zusammengepreßten Schollen.

In B e nd 0 r f hat katastrophale Kälte die Wasserversor­gung des Ortsteiles Sayn lahmgelegt. Die Hauptleitung ist zugefroren, so daß der ganze Ort ohne Waffer ist.

In H 0 t 1 a n ö sind bereits umfangreiche Spren­gungen vorbereitet worden, um bei eintretendem Tau- ivctter die Anstauungen zu lockern. Infolge des starken Frostes sind in den Dortmunder Häfen nahezu 100 Lastkähne ein­gefroren, wodurch 700 Arbeiter zur Untätigkeit gezwungen sind. Seit dem 11. Februar ruht die Schiffahrt auf dem Dort- mund-Ems-Kanal vollständig-

Stillegung bau Schnellzugslinien in der Tschecho­slowakei.

In der Tschechoslowakei müssen infolge der Schnee­verwehungen laut Verfügung des Eisenbahnministe- riums ab 18. Februar 24 weitere Schnellzuglinien eingestellt werden. In Brünn sind etwa 2000 Häuser ohne Wasser, da die Wasserleitungen eingefroren sind. In Wien hat sich durch Einsatz aller verfügbaren Ar­beitskräfte zur Räumung der Strecken und Bahnhöfe die vollständige Lahmlegung des Verkehrs noch einmal abwenden lassen. Lebensmittel, Kohlen und Früchte gehen nunmehr wieder in größerem Umfange ein.

In Thrazien und Mazedonien sind nach wol- kenbruchartigen Regen alle Flüsse über die Ufer ge­treten. Eisenbahn- und Telegraphen-Verbindungen sind unterbrochen. Die beiden Städte Kavalla und Seres sind vollständig überflutet und die Straßen gleichen Flüssen.

Noch überall Berkehrsstörungen.

Die Reisenden des Nizza-Expreß, der infolge der Schneeverwehungen stecken geblieben war, sind am Sonn­abend in Budapest eingetroffen. Im nördlichen Teil Europas hat sich durch heftige Schneestürme, beson­ders in Schweden und Norwegen die Lage noch ver­schlimmert. Viele Eisenbahnzüge sitzen fest. Für die Hilfeleistung der im Eis liegenden Dampfer sorgen schwedische Flugzeuge. Auch in Holland werden die vom Festland getrennten Inseln nördlich der Zuider- see durch Flugzeuge mit Lebensmitteln und Post ver­sorgt. Im Hafen von Rotterdam hat sich in der ver­gangenen Woche ein äußerst großer Rückgang des Schiffverkehrs bemerkbar gemacht. In England sind besonders im Norden und Schottland durch den star­ken Schneefall größere Störungen zu verzeichnen. In Südwales ist der Verkehr teilweise unmöglich gewor­den. Das Eis auf der Themse ist etwas zurückge­gangen.

Rückkehr der beiden LinienschiffeSchleswig-Holstein" undElsaß".

Die beiden LinienschiffeSchleswig-Holstein" und Elsaß" die am Sonnabend morgen erneut ausgelaufen waren, mußten am Nachmittag nach Kiel zurückkehren, da sich ihrem Vordringen unüberwindliche Eisschwierig- keiten entgegenstellten. Wann die Hilfstätigkeit wieder ausgenommen wird, steht noch nicht fest.

Die Zufahrt zum Bayern-Werk unter Wasser.

Durch die Eiskatastrophe bei Allach steht die Zufahrts­straße zum Bayern-Werk bei Karlsberg unter Wasser, und es droht die Gefahr, daß die AcKerräunte des Umspannwerkes unter Wasser geraten. Dies hätte katastrophale Auswirkungen, für die gesamte Stromversorgung zur Folge.

Sturm im Kanal.

Im Aermelkanal herrscht außerordentlicher Sturm und behindert die Schiffahrt. Der deutsche DampferHansa _,