»r. 21
(1. Blatt)
Samstag, den 16. Februar 1929
HilMU------IlllllWf-------—>
81. Aahrg.
Amtliche Bekanntmachungen
Landratsamt.
: Sprechstunden beim Landratsamt: Dienstags: : und Freitags, vormittags von 9 bis 12 Uhr i
J.=Hr. 1213. Die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher werden zu einer Besprechung dienstlicher Angelegenheiten (Arbeitslosenversicherung, Schußwaffengesetz u. s. w.) auf Utontag, den 1 8. d. Mt s., vorm. 91/2 Uhr in den Sitzungssaal des hiesigen Kreislaufes eingeladen.
Schlüchtern, den 13. Februar 1929.
Der Landrat: Dr. Müller.
Kreisausschutz.
Fortbildungskurse für Standesbeamte.
I.Mr. 712 K. N. Die Herren Standesbeamten der Landgemeinden mache ich auf den am Donnerstag, den 21. d. Mts. in Wächtersbach stattfindenden Fortbil- dungskursus für Standesbeamte nochmals besonders aufmerksam. Huf meine Ureisblatt-Verfügung vom 26. November 1928. — I.-Nr. 5190 K. H. — (Kreisblatt Nr. 142 von 1928) nehme ich hierbei Bezug.
Schlüchtern, den 14. Februar 1929.
Der Vorsitzende des Nreisausschusses: Dr. Müller.
Europa starrt in Schnee und Eis.
Sie Berliner Schulen wegen der Kälte geschloffen. — Eisbrecher müssen Hilfe bringen. — Berproviantierung eingeschlossener Schiffe durch Flugzeuge. — Furchtbare Kälte in Belgien. — Kohlenrationierung in Wien. — Schneeverwehungen in Ungarn und Jugoslawien. — An der Riviera und in Rom hat es geschneit. — Eine Wendung zum Besseren? —
Tauwetter in Norwegen.
Sämtliche Berliner Schulen geschlossen.
Der Berliner Magistrat stimmte der Bewilligung einer Sonderkohlenrate für laufend unterstützte Erwerbslose und andere Minderbemittelt« in Höhe einer Monatsrate zu.
Ferner wurde beschlossen zwecks Ersparung von Heizmaterial vom 15. bis 22. Februar einschließlich siimüiche Schulen zu schließen. Die Schulverwaltung wurde beauftragt, den Beschluß zur Durchführung zu bringen, soweit nicht technische Schwierigkeiten der Schließung entgegenstehen.
Die Schulverwaltung wurde ferner beauftragt, in eng bevölkerten Teilen der Stadt dafür zu sorgen, daß einzelne Schulen gut durchgeheizt als Aufenthaltsort für die Schul- Luder dienen können.
Die Reichsbahnverwaltung soll durch persönliches Bor- stwechen ersucht werden, durch Einlegung besonderer Kohlen« züge zu ermäßigtem Tarif die Kohlenheranschaffuug ja erleichtern.
„Schleswig-Holstein" und „Elsatz" zu neuer Arbeit ausgelaufen.
Ueber die Tätigkeit der Linienschiffe „Schleswig-Holstein" „Elsaß" wird gemeldet, daß der Dampfer „August Thyssen" gefunden wurde. Dann wurde Nordostkurs auf Fehmarn genommen. Die Linienschiffe hatten eine schwere Eisbarre zu durchbrechen. Die Suche gilt vor allen Dingen fünf Schiffen, die bisher von Flugzeugen nicht gefunden werden konnten und deren Schicksal unbekannt ist. Die eingesetzten Flieger konnten nicht weit genug vorstoßen.
Die fünf unbekannten Dampfer sind wahrscheinlich, wie Dampfer „Thyssen" meldet, im Langeland-Belt bei Albuflak.
Der Hilfsdienst der Deutschen Lufthansa.
Im Laufe der letzten beiden Tage haben Flugzeuge der Lufthansa im Dienste des Hilsswerks für eingefrorene Dampfer wiederum erfolgreiche Arbeit geleistet. Während cin dreimotoriges Großflugzeug die Besatzung des südöstlich von Jedser liegenden Dampfers „Sayn" mit Proviant für elf Tage versorgte, wurde am Mittwoch eine weitere Maschine zur Suche nach fünf vermißten Dampfern ausgeschickt. Sämtliche Dampfer sind im Langeland-Belt in dickem Packeins auf« gefunden worden. Es handelt sich um zwei deutsche, einen schwedischen, einen englischen und einen finnischen Dampfer.
Die Besatzungen wurden mit 20 Sack Proviant versorgt. Der Mannschaft ging es sehr schlecht. Die Sendungen wurden mit großem Jubel in Empfang genommen.
Neuschnee und Kohlenverteilung in Wien.
In Wien setzte bei 13 Grad Kälte leichter Schneefall ein, der sich allmählich in einen Schneesturm verwandelte und die ganze Nacht andauerte. Der neue Schneefall ist für den Verkehr um so hinderlicher, als in den Straßen der Stadt noch große Mengen nicht weggeräumten Schnees liegen. Die Gemeindeverwaltung erklärt, daß sie den Schnee nicht durch die Kanäle wegräumen könne, da infolge des Wassermangels die Kanäle nicht durchgespült werden können, um den Schnee ab- zuschwemmen. Verkehrsstörungen waren die Folge. Die Temperatur betrug minus 11 Grad. Auch aus den Bundesländern laufen Meldungen über neue Schneeverwehungen ein. Der Kohlenverbrauch ist rationiert worden, vor allem, um daS Hamstern von Kohlen einzuschräuken.
70 Zentimeter Schnee in Budapest.
Der heftige Schneefall dauert auch in gau$ Ungarn an. In Budapest erreichte der Schnee eine Höhe von 60—70 Zentimeter, wodurch der Straßenbahnverkehr Störungen erlitt. Der Eisenbahnverkehr war in ganz Ungarn gehemmt. Der Nizza- und Triest-Expreß blieb stecken. Auf einer Reihe von Provinzialbahnen mußte der Verkehr ganz eingestellt werden. In den Abendstunden zeigte das Thermometer in Budapest nur noch 8 Grad. Ein alter Wächter und seine Frau wurden mit schweren Erfrierungen aufgefunden. Der Mann war bereits tot.
Lahmlegung des Verkehrs in Südslawien.
Die seit 24 Stunden anhaltenden Schnee stürme haben sich zu einer ernsten Verkehrsbehinderung ausgewirkt. Der Eisenbahnverkehr nach Dalmatien wurde eingestellt. Auch die Strecke Agram—Belgrad ist stark verweht, so daß von der Agramer Hauptstation ab jetzt anstatt der 110 Züge täglich nur noch 10 der wichtigsten Züge abgelassen werden können. Biete Telephon- und Telegraphenleitungen sind gestört. In Agram mußte der Straßenbahnverkehr eingestellt werden. Die Schulen sind geschlossen.
15 Zentimeter Schnee an der Riviera.
Die in Frankreich herrschende Kälte hat weiter zugenom- men. Im Theater von Rouen Platzten zwei Feuerschutzapparate und überschivemmten einen Teil des Zuschauerraumes. In Nordwestfrankreich fiel das Thermometer in La Courtine von Plus 1 auf minus 22 Grad. In Bordeaux von plus 7 auf minus 11 Grad. Bordeaux verzeichnete außerdem eine außerordentliche Zunahme der Sterblichkeit. Täglich sterben 35 bis 40 Personen gegen 15 bis 20 in normalen Zeiten. Die ganz« Riviera mit Marseille bis Nizza und Cannes liegt unter einer Schneedecke von 15 Zentimeter. In einem Dorf, L'hospitalet, in der Auvergne sind die Bewohner durch Schnee und Eis von der Umwelt abgeschlossen.
Schneetreiben in Rom.
Wie in Oberitalien und an der Riviera herrscht auch in Rom Schneetreiben.
Im nördlichen Norwegen 8 Grad Wärme.
Während es im südlichen Norwegen weiterhin kalt ist, war die Stadt Vardö im nördlichen Norwegen Wohl die wärmste Stadt Europas mit einer Temperatur von acht Grad Wärme. Oslo und Stockholm haben Kohlenmangel, da weder in Stockholm selbst noch in anderen schwedischen Ostseehäfen größere Kohlenvorräte vorhanden sind.
Zusammenstoß deutscher Kriegsschiffe.
Kiel, 1 5. 2. Wie der an Borb der „Schleswig-Holstein" entsandte Sonderkorrespondent des „B. T." berichtet, sind die havarierten Linienschiffe „Schleswig-Holstein" und „Elsaß" gestern nachmittag mit drei geretteten Skiffen in den Hafen von Kiel eingelaufen. Die „Elsaß" ist gestern fast zu gleicher Zeit, wie die „Schleswig-Holstein" von dem Dampfer „Thyssen" gerammt wurde, mit dem Dampfer „planet", den sie bei Fehmarn aus Hungersnot gerettet hatte, zusammengestoßen. Hm Heck der „Llsaß" sind die Bullaugen zertrümmert, die Wunde der „Schleswig-Holstein" ist viel schwerer. Der Nnker der „Thyssen" hatte in die Backbordwand der „Schleswig" ein Loch geschlagen, das fünf Meter Durchmesser hat. Man wird im Hafen versuchen, den Schaden notdürftig zu reparieren. Wenn es gelingt, werden die beiden Schiffe übermorgen wieder in die Kieler Bucht hinausfahren, um die zwei deutschen Schiffe, die noch im Packeis liegen, herauszubrechen. Der Zug, der fünf Schiffe, die gestern vermißt und dann im Langelandbelt gesichtet wurden, wird jedenfalls von dänischen Eisbrechern erlöst werden. Ueber den Zusammenstoß der „Schleswig" mit der „Thyssen" berichtet der Korre spondent des „B. T." noch, daß die „Thyssen" das gepanzerte Heck der „Schleswig" wie Pappe zusammendrückte und den zwei Tonnen schweren Nnker durch die Backbordwand bis in die Kabine des Flottenchefs bohrte. Die Maschinisten der „Schleswig" vollbrachten ein Meisterstück, als sie, in der eisigen Kälte an Stricken über der Tiefe baumelnd, die Nnkerkette der „Thyssen" durchschweißten. Der an der „Schleswig-Holstein" angerichtete Schaden dürfte sich auf 25—30 000 Mark belaufen.
Scharfer Kampf gegen das Bandenwesen in Chicago.
Chicago, 14. 2. (WB) In Thicago drang eine Unzahl als Polizisten verkleidete Männer in eine geheime Versammlung von Spritschmugglern ein, stellte die Anwesenden an die Wand und schoß sie mit Gewehren und Maschinen? gewehren einfach nieder. Nach dem Blutbad, das sechs Todesopfer und zwei Schwerverletzte forderte, bestiegen die Banditen ein Huto und flüchteten. Man nimmt an, daß es sich um eme rivalisierende Ulkoholschmugglerbande handelt. Der Polizeichef erklärte im Hinblick auf den Massenmord in der Nutomobilgarage, er werde jetzt einen Großkampf beginnen, um mit dem Bandenwesen aufzu- räumen. — Einer der beiden verwundeten ist gestorben. Ein Nachbar beobachtete, daß fünf Männer nach der Schießerei die Garage verließen.
Die Sachverständigen tagen!
Bor Ostern Ende der Konferenz?
Zu den Beratungen der Finanzsachverständigen erfährt der „Petit Parisien", daß die Aussprache über die Darlegungen des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht wahrscheinlich noch mehrere Tage in Anspruch nehmen werden. Die Forderungen nach Herabsetzung der Dawes-Jahreszahlungen und ihrer Anzahl durch den Reichsbankpräsidenten, die bereits formuliert sein sollen, seien mit der wirtschaftlichen Notlage begründet. Deshalb hätten die alliierten Sachverständigen, die gegenteiliger Ansicht seien, den Wunsch, sehr eingehend die Unterlagen nachzuprüfen, die für die Festsetzung der deutschen Schuld von Bedeutung seien.
Das „Echo de Paris" sagt, wenn die Auffassungen der Sachverständigen auch auseinandergingen, so zeige sich keiner von ihnen geneigt, gegenüber den gegnerischen Ansichten festen Widerspruch zu erheben.
Fehlende Sachverständige.
Den Mittwochsitzungen des Sachverständigenausschuffes wohnte, wie die Pariser Presse festftellt, der erste englische Vertreter Sir Josiah Stamp nicht bei, da er sich nach London begeben mußte. Er wurde von Addis vertreten. Die italienischen Hilfssachverständigen sind bis jetzt noch nicht in Paris eingetroffen, ebenso der Amerikaner Perkins, der täglich erwartet wird.
Deutschfeindliche Stimmungsmache des „Excelsior".
Im Anschluß an den über die Sitzung der Sachverständigen ausgegebenen Bericht erklärt „Excelsior", die Sachverständigen hatten die deutsche Abordnung ersucht, offen an Dem Bericht Parker Gilberts Kritik zu üben, nachdem das durch verschleierte Anspielungen bereits geschehen fei. Man errät, schreibt das Blatt, welche Fülle an Statistiken und Urkunden Dr. Schacht entfaltet habe, um die so klaren Zeugnisse des Reparationsagenten zu widerlegen, der festgestellt habe, daß die deutsche Wirtschaft den Dawes-Plan durchaus tragen könne. Das Blatt nimmt an, daß die französisch«, englische und belgische Abordnung, da sie wüßten, was sie von den Tar« Zungen im Reichshaushalt, seinen Dichtungen an die Einzel- staaten, seinen verschleierten Subventionen an alle großen Werke der öffentlichen oder privaten. Wirtschaft, den hohen Zahlungen an die Beamten usw. zu halten hätten, nicht verfehlt hätten, den deutschen Behauptungen ihre Gegengründe zu stellen.
Der Dawes-Plan ist nach der Meinung des Blattes von Deutschland bis jetzt sehr wohl ertragen worden. Die Vergangenheit sei eine Gewähr für die Zukunft. Es bleibe nur übrig, die deutsche Schuld und die Art ihrer Flüssigmachung festzusetzen.
— Der größte Teil der Vormittagssitzung des Sachver- ständigenausschusses war durch ein sehr verständiges Expose des stellvertretenden deutschen Delegierten Dr. Melchior über die Handelsbilanz Deutschlands ausgefüllt.
Acht Personen aus treibender Eisscholle aus dem Vodensee.
Fünf gerettet.
Acht Einwohner aus Hardt am Bodensee, drei Männer und fünf Burschen, die sich am Mittwochnachmittag auf das Eis des Bodensees begeben hatten, gerieten auf eine treibende Scholle, die der heftige Wind immer weiter in den See Hinaustrieb. Sie wurden zwar vom Lindauer Seehafen bemerkt, doch meinte man, daß es sich um Schlittschuhläufer handele. Unglücklicherweise wurden auch die Hilferufe nickst vernommen. Die Unglücklichen mußten die ganze Nacht auf dem See verbringen. Erst nach langen Bemühungen konnten am Donnerstagnwrgen fünf der Unglücklichen an Land gebracht werden.
Drei der jungen Burschen wurden infolge eines Bruches der Scholle noch vor dem Herannahen der Hilfe weiter abgetrieben. Bis Donnerstagmittag 12 Uhr war es infolge der Schneestürme nicht möglich, die Leute zu retten. Man befürchtet, daß die Unglücklichen nur noch als Leichen geborgen werden können. Die fünf Geretteten sind ins Krankenhaus Lindau eingeliefert worden, wo sie zum Teil in recht bedenklicher Verfassung darniederliegen.
— Don den Mittwoch auf einer Eisscholle im Bodensee abgetriebenen drei Knaben wurden am Donnerstag zwei erfroren aufgesunden, von dem dritten fehlt jede Spur, so daß man annimmt, daß er ertrunken ist.
— Der Oberst« Rat der Heilsarmee beschloß, General Booth aus gesundheitliche« und anderen Gründen zur Beibehaltung seines Postens als ungeeignet zu erklären. Der bisherige Stabschef Commander HigginS wurde mit 42 Stimmen zum General gewählt, während auf Commander Booth 17 Stimmen entfielen. Higgins nahm die Wahl mit Dank an und erklärte, daß er nicht glaube, daß noch irgendwelche rechtlichen Auseinandersetzungen folgten.
— Der Vorsitzende des FlottenanSschufses deS amerikanischen Repräsentantenhauses veröffentlicht eine Erklärung, in der er dem amerikanischen Präsidenten für die Unterzeichnung der Flotten- Vorlage dankt.
— Auf den Präsidenten von Venezuela, Gomez, ist ein Attentat verübt worden, daS jedoch mißglückte.