Nr. 19
Schlüchlerner Zeitung
2. Blatt
Landwirtschaftliche Selbsthilfe — nationale Rothilfe.
Gute Gedanken und Pläne werden oft dadurch zu Tode geritten, daß sich die Öffentlichkeit mit einem maßlosen Uebereifer auf sie stürzt unb, ohne ihnen Zeit zur Reife und Auswirkung zu gönnen, sie mit Hoffnungen und Wünschen be. lastet, deren Erfüllung erst lange, mühfelige Arbeit bringen kann. Die Schädlichkeit dieses Uebereisers wird oft noch dadurch verstärkt, daß zu gleicher Zeit die notwendigen Er- aänzungsmaßnahmen vernachlässigt werden, daß man glaubt, ein Allheilmittel gefunden zu haben, das einen jeder wei« teren Sorge enthebt.
In dieser Gefahr befindet sich auch der Gedanke der landwirtschaftlichen Selbsthilfe. Das ist um so bedenklicher, als der Gedanke der landwirtschaftlichen Selbsthilfe nicht nur die Lebensfrage eines einzelnen Br-
rufsstandes, sondern der gesamten deutschen Volkswirtschaft ist. Landwirtschaftliche Selbsthilfe ist nationale Nothilse schlechthin. Das bedingt aber, wenn sie gelingen soll, das Zusammenwirken aller volklichen, staatlichen und berufsständischen Kräfte.
Es muß daher mit Dankbarkeit begrüßt werden, daß die „G r ü n e Woche" Berlin 1929 zum ersten Male in großem Maßstabe den Versuch unternommen hat, das weite, vielverzweigte Gebiet der landwirtschaftlichen Selbsthilfe dem Besucher vor Augen zu führen. Die „Grüne Woche" wandte sich damit nicht nur an den bäuerlichen Besucher als Berater und Werber, sondern in nicht geringem Maße an den Städter, Verständnis, Achtung und Mit- arbeit fordernd. Besonders deutlich zeigte sich dieses Doppelgesicht der Ausstellung in dem Teil, der unter dem zu- sammenfassenden Namen „Landwirtschaftliche Selbsthilfe" in der Hauptsache die Preisbildung» -und Absatz, fragen auf landwirtschaftlichem Gebiete be- bandrite. Schon die Eingangskoje dieser Abteilung lenkte das Auge des Besucher» auf das große volkswirtsHaftliche
Ziel aller Selbsthilfe, au» eigener Kraft das deutsche Volk zu ernähren, ihm seine Nahrungsfreiheit zu sichern, zeigte in Gestalt der steigenden Hektarerträge im Laufe des Jahrhunderts und in der Nachkriegszeit den Aufbauwillen der Landwirtschaft, zeigte aber auch die Gefährdung dieses Zieles durch die wachsende ausländische Einfuhr.
In den folgenden Kojen wurden die Preisbildungsund Absatzverhältnisse in den einzelnen landwirtschaftlichen Betriebszweigen, dem Getreidebau, dem Kartoffelbau, der Bieh. und Fleischproduktion, der Milchproduktion, der Hühner- und Eierproduktion, de» Obst- und Gemüsebaue» behandelt. Alle diese Kojen, die von der Ausstellungsabteilung des Reichs-Landbundes bearbeitet worden waren, zeichnete kine manchmal fast zu zurückhaltende Sachlichkeit aus; denn die Darstellung, sei es, daß es sich um Schaltbilder, um plastische Ausbauten, um Leuchttafeln handelte, war geleitet von dem Gedanken, lediglich die nüchternen Tat- s a ch e n, nur mit den notwendigsten Erklärungen versehen, zu den Beschauern sprechen zu lassen. Oder mußte es nicht den städtischen Besucher nachdenklich stimmen, wenn er an der Hand bunter plastischer Kurven verfolgen konnte, daß in den letzten Jahren die Getreide-, Kartoffel- und Vieh- 'reise ihrem Real-, d. h. ihrem Kaufwert nach, nur ganz elten, bei den Rindviehpreisen sogar überhaupt nicht den durchschnittlichen Dorkrieaspreis erreicht oder sogar über- chritten haben? Sind diese Tatsachen nicht ohne viel Worte kin starker Ansporn für den betrachtenden Bauern, alle ^elbsthilfemöglichkeiten auf dem Absatzgebiet mobil zu ma» chen? Sind diese Tatsachen nicht zugleich eine ernste Mah- Nung an die verantwortlichen Regierungsstellen, ihrerseit» das Notwendige zu tun?
An den Landwirt insbesondere aber «andts sich die Ausstellung, wenn sie ihn immer wieder auf die Notwendigkeit der G e s ch m a ck s a n p a s s u n g seiner Produkte an die Bedürfnisse des Verbrauchers, der Qualitätsverbesserung, guter Sortierung und Verpackung hinwies. Auch hier sprachen die zahlreichen statistischen Darstellungen über die Preisunterschiede der verschiedenen Qualitäten be^i guter u.nd
s ch l e ch t e r V e r p a ck u n g bei Eiern, Butter, Milch, Obst und Gemüse eindringlicher als große Reklameplakate. Der städtische Besucher aber wurde stets von neuem auf die Gefahren der fremden Einfuhr hingewiesen, auf die Grenzen der Selbsthilfemöglichkeiten der Landwirtschaft, die in ungünstigen Produktionsbedingungen, die durch keine Rationalisierung ausgemerzt werden können, gegeben sind.
Es ist hier nicht der Raum, auf die Fülle der Einzelheiten, welche die Ausstellung bot, einzugehen. Aber aus allen Einzelheiten klang immer wieder der st a r k e A p p e l I
&r öeutschc KnrtoMöeöarf kann auch her schlechtester Snrte mehr ÄS reichlich auS eigsner^roöMtisu ge-e-htiveröerr.
an da» genoss « nschastlich« Denken der Landwirtschaft hervor. Der Appell war gerade da am stärksten, wo in aller Offenheit die noch zu leistenden Aufgaben aufgewiesen wurden. Das reugt am besten von dem Ernst, von dem sich der Aussteller, der Reichs-Landbund, leiten ließ. Darüber hinaus aber war die Ausstellung zu- gleich ein ernster Appell an das Gemeinschaft»- denken des ganzen Volke». Produzent, Handel und Verbraucher, da» zeigte die Ausstellung in jeder ihrer Abteilungen, müssen verständnisvoll zusammenwirken, wenn die große Aufgabe der Ernährung aus eigener Kraft geleistet werden |oil.
Die Ausstellung wäre daher unvollständig gewesen, wenn sie nicht wenigstens auf die Ursachen landwirtschaftlicher Not, deren Beseitigung außerhalb des landwirtschaftlichen Selbsthilfevermögens liegt, hingewiesen hätte. Besonders eindrucksvoll war in diesem Teile der Ausstellung eine geschickt mit Lichteffekten arbeitende Darstellung der steigenden Verschuldung der Landwirtschaft. Diese ist ja in erster Linie dadurch entstanden, daß die Landwirtschaft durch Schwund ihres Betriebskapitals in der Inflationszeit sich bei eintretender Stabilisierung der Mark vor die Wahl gestellt sah, entweder ihre Produktion in verhängnisvollem Ausmaße zu verringern oder zur Wei- terführung der Betriebe die rentabilitätsvernichtende Last der kurzfristigen Schulden auf sich zu nehmen. Daß in dieser Schicksalsstunde die Landwirtschaft nicgt nach privatwirt- schaftlichen Vorteilen handelte, sondern nach den Erforder- nisten des Gemeinwohls, ist ein Hauptgrund ihrer gegen- wärtigen Notlage, schließt aber zugleich die Verpflichtung für die Allgemeinheit in sich, Treue um Treue zu üben. So ist die Ausstellung ein ernster Appell an die nationalen Instinkte des Volksganzen und kann als solche nicht hoch genug geweitet werden.
Sis-Si!ssdienst der Deutschen Lufthansa.
Erkundungsflüge nach festliegenden Schiffen.
Der Eisbrecherdienst der Reichsmarine in der Ostsee wird jetzt durch Hilfeleistung der Deutschen Lufthansa unterstützt. Die Lufthansa hat am Freitag von Tempelhof aus ein Junkers- Großflugzeug mit FT.-Einrichtung in das Seegebiet der Insel Rügen entsandt, um die Lage festgesahrcner Dampfschiffe festzustellen. Nach längeren Kreuzflügen, bei denen ständige Funkverbindung mit Küstenstationen unterhalten wurde, landete die Maschine ohne Zwischenlandung gegen Abend wieder in Berlin. Dieser EiS-Hilfsdienst mit Flugzeugen soll in den nächsten Tagen weiter durchgeführt werden, um möglichst bald alle festliegenden Schiffe, die vielfach keine eigene FT.-Ausrüstung besitzen, durch die Linienschiffe befreien zu lassen.
Die Versorgung der seit einiger Zeit vom Eis völlig blockierten Insel Pellworm bei Sylt mit Post und Lebensmitteln durch Flugzeuge der Lufthansa ersolgt nach wie vor mit größter Regelmäßigkeit. Die Flugzeuge landen auf dem Eise, laden ihre Fracht ab und kehren mit Postsendungen wieder -ach dem Festland zurück.
Berlin, 11. Februar. Das am Sonnabend zur Auffindung von im Eise festsitzenden Schiffen aufgestiegene Lufthansa-Grotzflugzeug hat 12 Handelsschule und zwei Fähren ohne Funksendeanlagen aufgefunden, die teils noch festgefroren, teils von der „Schleswig- Holstein" bereits erreicht und befreit waren. Der Fortgang des Hilfswerkes ist dank der etwa dreistündigen Luftaufklärung so erleichtert, daß der Rest der Handelsschiffe in kürzester Zeit flott gemacht sein dürfte.
O Selbstmord der Gattin deS Flugzeugbauers Fokker. Die 29jährige Gattin deS bekannten FlugzeugbauerS Fokker hat, wie aus N e w B o r k gemeldet wird, durch einen Sprung aus dem Fenster ihrem Leben ein Ende gemacht. Die so
«umS Leben gekommene Frau war erst einige Stun- rher aus dem Krankenhaus entlassen worden, wo sie wegen ein«) nervösen Leidens in Behandlung war.
□ Ein japanischer Dampfer in Seenot. Der japanische MM-Tonnen-Dampfer „Allowah" besindet sich, nach Meldungen aus Washington, in einem schweren Schneesturm im Stillen Ozean, etwa 1000 Meilen von Puget Sound entfernt, in Seenot. Der Dampfer, der frühst der amerikanischen Regierung gehörte, hat 37 Mann Besatzung an Bord. Zwei Dampfer sind unter Volldampf zur HÄfe- Leistung unterwegs, —............
Schützt Leben unb Gesundheit.
Enge Kleidung
verbürgt
Sienerheitl
Täglich 64 Tote durch Anfall!
vierundsechzig wertvolle Menschenleben opfert Deutschland täglich dem Moloch Unfall. Im kurzen Zeitraum eines Iahres vierundzwanzigtausend. Ganz zu schweigen von der um ein Vielfaches größeren Zahl der durch Unfall zu Krüppeln Gewordenen.
Das sind Ziffern, die uns erschrecken müssen. Die uns aber auch dringend die Frage nahelegen, ob solchen Menschenhekatomben nicht gesteuert werden kann und auf welche Weise sich dies ermöglichen läßt.
Aufgabe dieser kurzen Zeilen kann es nicht sein, ein Allheilmittel gegen Unfälle anzupreisen. Ein solches wird auch mit dem Stein der Weisen nie erfunden werden. Es kann sich auch nicht darum handeln, alle Unfallmöglichkeiten nachzuweisen, um ihrer Herbeiführung entgegenzuarbeiten. Sie' sind unzählbar wie die Gestirne des Himmels.
handeln kann es sich lediglich darum, jene psychische Haltung zu vermitteln, die dahin tendiert, auf lauernde Unfallgefahren zu achten, oder mit anderen Worten, zu un« fallsicherem verhalten zu erziehen.
Daran ist es nämlich gelegen: wir heutigen, in eine hochtechnische Zeit Gestellten, sind den Gefahren unserer Zeit gegenüber, die uns in Haus und Beruf, im verkehr, in Werkstatt und Betrieb bedrohen, noch zu unwissend, daher harmlos und unvorsichtig, wir haben noch nicht gelernt, daß unser Leben gefährlich ist. Es fehlt uns das wissen um die rings drohenden Gefahren. Wie ahnungslos, um nur ein Beispiel zu nennen, sind die meisten von uns gegenüber den todbringenden Gefahren des elektrisch n Stro» mes, wie er im Haushalt für Licht und Kraft verwendet wird.
AIs wir noch die Schulbank drückten, lasen wir mit ange- nehmem Gruseln in Beste- und Ubenteuergeschichten von den vielfältigen Gefahren der Wildnis und der vorzeiten menschlicher Entwicklungsstufen, von reißenden Tieren, wilden Eingeborenen, übermächtigen Elementen, und waren erfüllt von dem beruhigenden Bewußtsein, in einem gesitteten Zeitalter und in, einer hohen Kultur erschlossenen, Teilen der Erde beheimatet zu sein.
wer Augen hat zu sehen, dem erscheinen die Ungeheuer aus Vorzeit und Wildnis belustigend harmlos im Vergleich zum rasenden Verkehr, den gigantischen Maschinen, den Hochsrequenzströmen.
Die dankenswerte Aufgabe, den nichtsehenden Zeitgenossen die .Äugen zu öffnen, haben die verbände der deutschen Berufsgenossenschaften übernommen, indem sie eine „Beichs-Unfallverhlltunqs-Woche"
— R U H)o —
ins Leben riefen, die vom 24. Februar bis 3. März d. Is. abgehalten werden wird und zu deren wirksamer Durchführung die Beichs- und Landesbehörden, die Gewerkschaften, die Wirtschaftsverbände, die Filmindustrie, die Lichtspieltheater, der Runbfunk, die Versicherungsträger usw. ihre tatkräftige Unterstützung zugesagt haben.
praktische Erfolge werden freilich nur erzielt werden, wenn jeder Einzelne nicht nur nach dem Motto der BUWo: „Augen auf!" besser als bisher um sich schaut, um Gefahren zu vermeiden, sondern wenn er auch in sich blickt und "die in ihm selbst liegenden und in seiner Einstellung begründeten Unfallursachen erkennt und abstellt.
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Großer Spinnereibrand in Grünberg (Schlesien).
Grünberg, 10. Februar. Hier bräunte die Köhlersche Spinnerei bis auf die Umfassungsmauern nieder. Von dem groben Wohngebäude fiel den Flammen außerdem der Dach- stuhl zum Opfer. Den Feuerwehren gelang es, die anliegen- &n Gebäude vor Uebergreifen des Brandes zu schützen.
Opfer des Frostes in Rumänien.
des heftigen Frostes sind
Bukarest, 11. Februar. Infolge des heftigen Frostes sind in Rumänien neun Personen erfroren. Die meisten Todesfall« teerten aus der Umgebung von Jassy gemeldet. Bec dem Dorf Strehaia fuhren zwei Bauern in die Stadt, um Lebensmittel zu holen. Auf dem Rückweg wurden sie von ausgehungerten Bauern überfallen, die ihnen die Lebensmittel abnahmen und sie an di« Telegraphenstangen bauten. Am Morgen fand man die beiden erfroren auf.