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Ergebnisse und Ausblicke der experimentellen Entwicklungsgeschichte.

Von Pros. Dr. W. Goetsch

Zoologisches Institut dex Universität München.

Der Gedanke, Teile von Tierkörpern zu einer neuen lebens­fähigen Einheit wieder zusammenzufügen, erscheint den Fern­stehenden zunächst absurd, und doch besteht die Möglichkeit hierzu in weitem Maße, und es lassen sich im Tierreich sogar Kom­binationen von verschiedenen Formen herstellen, wie wir sie Lei Pflanzen, durch den Vorgang der Pfropfung, schon lange kennen. Allerdings nimmt die Möglichkeit, solche Vereinigungen oder Transplantationen vorzunehmen, immer mehr zu, je weiter wir im Tierreich die Entwicklungsreihe herabsteigen. Bei den Schwämmen, den niedersten Formen der vielzelligen Organis­men, kann man sogar die Zerlegung in kleinste Partikeln durchführen,- Wilson verrührte sogar Kieselschwämme durch ein Sieb und in dem entstandenen Brei fügten sich sofort die Einzelteile wieder zu einer neuen Schwammeinheit zusammen!

Die Lebensfähigkeit wird durch Zusammensetzungsopera- tionen an niederen Lebewesen in keiner Weise geschädigt. So lebte ^ B. in Marburg ein zusammengesetzter Regenwurm über 12 Jahre, und im Münchner Institut existierten Planarien, an denen ähnliche Operationen ausgeführt wurden, ebenfalls jahre­lang: b. h. länger, als sie es in der Natur tun.

Noch besser als Regenwürmer eignen sich Süßwasser-Polypen (Hydren), die auch in unseren Teichen und Seen vorkommen, für derartige Experimente; sie sind deshalb auch eines der Lieb­lingsobjekte experimenteller Forschung. Bei ihnen können nicht nur Teile derselben Arb in beliebiger Weise zu neuer lebens­fähiger Einheit verbunden werden, sondern sogar art- und gattungsfremde Partien. Solche Zusammensetzungen ent­sprächen, wenn wir einen Vergleich mit größeren, bekannteren Tieren bilden wollen, dann etwa einem Monstrum, das vorn ein Kaninchen, hinten eine Ratte ist! Im günstigsten Falle konnte es bei solchen Vereinigungen schließlich sogar zu so inniger Durchdringung aller Teile kommen, daß im ganzen Polypenkörper die verschiedenen Teile abwechselten. Auch diese künstlicheTierkonstruktion" war durchaus lebensfähig und er­zeugte sogar durch Knospung Nachkommenschaft, die dem Muttertier völlig glich.

Nach einem griechischen Sagentier, das aus einer Zusammen­setzung von Löwe. Ziege und Schlange bestand, nennt man der­artige KunstprodukteEh-mären", und es fragt sich nun noch, ob auch bei höheren Tieren derartige Lhimären-Erzeugung mög­lich ist. Diese Frage ist mit ja zu beantworten: allerdings mit der Einschränkung, daß wir dann nicht wie bisher erwachsene Individuen, sondern Larvenstadien oder junge Embryonen ver­

wenden müssen. Nimmt man aus Frosch- oder Molcheiern die jungen Keime heraus, so vermag man mit ihnen in ähnlicher Weise zu experimentieren, wie wir es bisher beschrieben. Harrison konnte so aus zusammengesetzten jugendlichen Teil- stücken einen Frosch aufziehen, der vorn aus einer anderen Art bestand als hinten, und Spemann einen Molch, bei dem rechte und linke Seite verschieden waren; und trotz dieser künstlichen Zusammensetzung aus divergenten Teilen funktionierten diese Gebilde als Einheit als Individualität!

Es könnte nun vielleicht scheinen, als ob solche Experimente, so interessant sie auch sein mögen, doch nur eine Art wissen­schaftlicher Spielerei sind. Um unsere Wissenschaft von diesem Vorwurf zu befreien, möchte ich eine Anzahl von Punkten her­vorkehren, die ihre Berechtigung dartun.

Es sei hier zunächst an die Perlenzucht erinnert, die sich ganz auf Erkenntnisse dieser Transplantationsforschung auf- | baut. Man setzt nämlich der Perlenmuschel ein Organ ein, in dem die Perlerzeugung vor sich geht, den sogenannten Perlsack, und zwar mit einer aus Perlmutter schon gedrehten Perle. Nach Einwachsung wird dann dieser Fremdkörper vom Tier mit echter Perlsubstanz umlagert, so daß solch eine gezüchtete Perle sich in keiner Weise von einer normal entstandenen unterscheidet. Nur mittels komplizierter Behandlungsmeisen läßt sich fest­stellen, ob sich im Innern die aus Perlmutter gedrehte Kugel befindet oder, wie dies bei normalen Perlen meist der Fall ist, das Entwicklungsstadium eines Bandwurms, als dessen Sar­kophag die Perle dient! Da ein stärkerer Ausbau der Perlzucht vielleicht einmal wirtschaftliche Folgen haben kann, und die Wirtschaft ja heutigen Tages stets im Vordergrund steht, mußte dieser Punkt zuerst erwähnt werden!

Auf der Möglichkeit, ein fremdes Organ einzusetzen, be­ruhen auch die an die Namen Steinach und Voronoff geknüpften Versuche, die Geschlechtlichkeit umzustimmen und eine Ver­jüngung auszuführen. Diese Versuche sind durch die Tagespresse ja so bekannt geworden, daß es wohl nur dieses Hinweises bedarf. Ob die bei Tieren erzielten Erfolge auch auf den Menschen Anwendung finden können, muß erst die Zukunft zeigen. Für ein anderes Gebiet, das mit den Transplantationen aufs engste zufammenhängt, lieferten die Vereinigungen ver­schiedener Tierteile weitgehende Erkenntnisse: sie lüfteten etwas von dem Schleier der so rätselhaften Vorgänge, die aus dem kleinen, einheitlich erscheinenden Ei den vielgestaltigen fertigen Organismus werden lassen. Dadurch, daß auf verschieden alten Entwicklungsstadien in wachsende Keime andersfarbige Teile eingesetzt wurden, konnte-Spemann und seine Schule die-Ver­schiebungen und Einstülpunven genau verfolgen, die im Ent- wicklungsverlanf eintreten. Man konnte dadurch auch festst-llen, daß im jungen Ei schon frühzeitig manche Teile den anderen voraus waren, und gerade deshalb wohl die Fähigkeit besaßen, auf andere Partien «inzuwirken, sie zu organisieren. Setzte man 'olcheOrganisatoren" des einen Eis an irgendeine Stelle eines i anderen io erzeugten sie dort aus dem vorhandenen fremden Material einen neuen Organismus, und zwar auch dann, wmn man sie an Stellen verpflanzte, in denen sonst die Entwicklung anders verlaufen wäre.

SolcheOrganisatoren" undOrganisationsfebder" höherer und niederer Ordnung spielen wahrscheinlich auch eine Rolle bei der Anlage von Eliedmaßen usw., und wenn bei manchen Tieren an der Stelle des verlorengegangenen Fußes. Schwanzes und dergl. des gleiche wieder regeneriert, ist dieser Vorgang vermut­lich ebenfalls auf die Anwesenheit eines besonderen Organisa- tionsfeldes zurückzuführen. Ist genügend Bildungsmaterial vor- . Handen, wie bei jungen Molchen z. V., so kann man durch be­

stimmte Reizung sogar dies Material an anormalen Stellen zu Wachstum und Vermehrung veranlassen, wie dies kürzlich Filatow tat, der an Molchlarven ein fünftes Bein hervorwarhsin ließ.

Da die Anwesenheit von bildungsfähigem Zellmaterial die Grundbedingung für derartige Erscheinungen ist, fragt man sich unwillkürlich, wie es damit beim Menschen stehi? Die Krebs­geschwülste zeigen, daß ein neues Wachstum auch schon älteren Gewebes vorkommen kann; allerdings geht dies unorganisiert vor und wird dadurch dem Körper so gefährlich. Gelänge es, Organisatoren zu finden, die das wachstumswütige Material in irgendwie geregelte Bahnen zu leiten vermöchten, so wäre viel­leicht die Möglichkeit gegeben, die Menschheit von einer schweren Geißel zu befreien.

Versuche hierüber sind im Gange natürlich zunächst an Tieren, die auch hier unter dem Forschungs- und Fortschritls-

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Konstruierte Pflanze, bei denen die Außenhaut von einer anderen Pflanzenart stammt als der Körper.

Die Früchte entsprechen denen der Pflanze, die der Jnnenkörper lieferte.

drang des Menschen zu leiden haben. Hier aber wird die Be­rechtigung dazu wohl niemand bestreiten.

Uebrigens ist nach dem was wir eingangs hier erörtert haben, die Frage wohl erlaubt, ob wir den Tieren ohne wei­teres alle die Gefühle und Empfindungen zusprechen dürften, die wir selbst haben Zeigen nicht gerade viele der hier an­geführten Versuche, daß der tierische Organismus oftmals e.was anders konstruiert sein muß als der unselige?

Dieser Gedankengang führt noch zu einem letzten Punkt, der zum Schluß angeführt sein mag.Tierkonstruktionen" wurden nicht zuletzt auch aus dem Grunde vorgenommen, um zu erfahren, was denn eigentlich die individuelle Persönlichkeit, das höchste Glück der Erdenkinder, bedeutet. Wir müssen aus unseren Ver­suchen schon jetzt unbedingt den Schluß ziehen, daß dieseIn­dividualität" nicht überall in der organischen Welt die gleiche Bedeutung besitzt: es muß verschiedene Stufen und verschiedene Formen des BegriffsIndividuum" geben, der damit keine absolute, sondern nur eine relative Bedeutung haben kann. Sonst würden Zusammensetzungen in der Art, wie sie hier kurz dargestellt wurden, nicht möglich sein.

was verdient ein Seitler?

Die Bilanz eines einträglichen Gewerbes.

Von Rudolf Sehnert.

In Berlin wurde kürzlich ein Bettler verhaftet, der neben diesem Beruf noch den eines Rentiers mit sympathischem Ein­kommen betrieb.

Die gewerbsmäßige Bettelei ist wohl seit langem in allen Kulturländern gesetzlich verboten, treibt aber trotzdem und besonders in Deutschland reiche Blüte. Ohne Frage hat das Lebensniveau großer Volkskreise einen besonderen Tiefstand erreicht, und obwohl viele Menschen vom ehrlichen Drang nach

Arb-« beseelt sind, sind sie durch die mißlichen Umstände ge- jwvnacn, ihren Unterhalt durch Almosen zu bestreiten. Dieser Grvvpe von Mitmenschen, der während der Inflationszeit die Deutsche Notgemeinschaft hilfreich zur Seite stand, wird auch jetz* Hilfe durch verschiedene soziale Einrichtungen und durch vnoate humanitäre Vereinigungen, und in den meisten Fällen Hubes diese Versorgung Notleidender mit Lebensmitteln und Bekleidung reichen Lohn und dankbare Anerkennung.

Ganz anders steht es um den Bettel, der weniger auf die Versorgung mit Lebensmitteln, als auf Geld ausgeht. Diese Bettler wollen einbares Einkommen", um sich damit einen sorgenfreien arbeitslosen Tag mit dem dazugehörigen Alkohol zu verschaffen. Milde Herzen werden sich gegen diesse Tatsache empören wollen: aber sie bleibt bestehen. Ich bin mit den 21 rmeitpflegern fast aller deutschen Großstädte zusammen- gek»m»*n un> habe überall dieselbe« Erfahrungen g«aacht.

Vetteln ist, wie einwandfrei festgestellt ist, ein sehr einträg­liches Geschäft. Es ist daher zu begreifen, daß der Bettler sein Gewerbe schätzt, weil es ihm mehr einbringt, als er durch ehr­liche Arbeit zu verdienen imstande wäre.

Ein Pariser Schriftsteller veröffentlicht« vor einiger Zeit seine Erlebnisse als Bettler. Er übte sein Gewerbe so aus, daß

er die Wagentüren der vor der Oper vorfahrenden Wagen öffnete. DieseTätigkeit" brächte ihm pro Abend 150180 Goldfranken ein.

Dem gleichen Geschäft widmete sich mit dem gleichen Erfolg ein Berliner Journalist. Beispiele eigener Erlebnisse mögen das Vettlereinkommen demonstrieren.

Vor dem Schauspielhaus in Dresden sitzt in den Nach­mittagsstunden ein Vierzigjähriger und bettelt. Auf der Po- lizeiwach« nach dreistündigem Geschäft untersucht, wird eine Reineinnahme von 14 Mark festgestellt. Abends sitzt derselbe

Mann am Marktplatz, total betrunken. Eine neue Visitation ergibt rund 18 Mark.

In einer kleineren Wirtschaft der Provinz bettelt ein Dreißigjähriger. 30 Gäste geben ausnahmslos Almosen. Be­scheiden gerechnet ergibt 30 Gäste ä 5 Pfg. 1,50 Mark in 5 Minuten. Das Exempel stimmt aber, wenn man diesen trag mit 8 multipliziert.

Eine andere Wirtschaft. Ein etwa Fünfundzwanzigjähriger steigt auf einen Stuhl, pfeift in gewöhnlichen Gassenjungenton

Schlager und sammelt. Ergebnis: 80 Gäste ä 5 Pfg. = 4 SKa in einer Viertelstunde

Jahrmarkt in H. Vor einem Geschäft bläst in den geschak schwachen Morgenstunden einKunde" Mundharmonika, ^a zwei Stunden betritt er den Laden und bietet für 7 5- und 10-Pfennig-Stücke zum Einwechseln an. Stundenen- kommen also 3,50 Mark.

Es ist nicht nötig, die Aufzählung fortzusetzen. Sie genug' um zu zeigen, daß auch der gutbezahlte Arbeiter mit . Lohn weit hinter dem schlechtesten Bettler zurückbleibt.

ist zu beachten, daß der Bettler keinen Aufwand für Untertu aufzuwenden hat. Einen Teil dieser Sorge nehmen ihm n die Wohlfahrtseinrichtungen ab.