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Nr. 11S

Gchlüchtemer Zeitung

2. Blatt

Die Handelsbilanz im August 1928.

Einfuhrüberschuß 58 Millionen Mark.

Der deutsche Außenhandel zeigt im August 1928 im rei­nen Warenverkehr einen Einfuhrüberschuß von 58 Millionen Rm. gegen 268 Millionen Rm. im Vormonat. Die starke Verminderung des Einfuhrüberschusses beruht sowohl auf einer Abnahme der Einfuhr als auch auf einer Zunahme der Ausfuhr. Die Abnahme der Einfuhr in Höhe von 99,1 Mill. Rm. entfällt fast ganz auf Rohstoffe und halbfertige Waren und Lebensmittel und Getränke. Die Einfuhr von Fertig­waren ist nur wenig verändert. Die Einfuhr von lebenden Tieren hat sogar etwas zugenommen.

Die Ausfuhr ist um 111,7 Millionen Rm. auf 1025,8 Mill. Rm. gestiegen. Sie liegt damit um 4,2 Mill. Rm. über ihrem bisher höchsten Stand im März d. I. An der Zunahme find überwiegend Fertigwaren verhältnismäßig stark, aber auch Rohstoffe und halbfertige Waren beteiligt. ' Die Aussubr von Lebensrnitteln und Getränken sowie von lebenden Tieren ist dagegen kaum verändert.

Der neue Danziger Aölkerdundslommissar

Ein Italiener: Graf Gravina.

Der Völkerbundsrat hat beschlossen, an Stelle des bis­herigen Danziger Völicrbundskommiffars van Kamel den italienischen Fregattenkapitän Graf Gravina zum Bölker- bundskonnnissar in Danzig zu ernennen.

Diese Entscheidung des Rates wird zweifellos in den Kreisen der Danziger Bevölkerung mit Genugtuung begrüßt werden. Es ist bekannt, daß die Tätigkeit des Holländers van Hamel in den letzten Jahren auf starre Widerstände und viel­fache Kritiken sowohl innerhalb Danzigs als auch innerhalb maßgebender Völkerbundskreise gestoßen ist. Seine rechtlichen Entscheidungen in verschiedenen Auseinandersetzungen zwischen Danzig und Polen fanden selten die Billigung des Danziger Senats und der polnischen Regierung, so daß sowohl der Rat als auch der Internationale Haager Schiedsgerichtshof fort­gesetzt gezwungen waren, auf Anruf des Danziger Senats als letzte Instanz in den Danzig-polnischen Fragen endgültige Entscheidungen zu treffen, d:e vielfach nicht mit den An­schauungen van Hamels übereinstimmten. Aus diesem Grunde wurde bereits seit längerer Zeit in maßgebenden Völkerbunds­kreisen mit der Notwendigkeit einer Abdankung van Hamels gerechnet.

Der Episkopat und der Frieden.

Eine Kundgebung der Fuldaer Bischofskonferenz.

Die Fuldarer Bischofskonferenz erläßt folgende Kund­gebung: Es ist außerordentlich erfreulich, daß das Verlangen der Völker nach Völkerfrieden immer lauter und lebendiger Ausdruck findet. Weniger durch einzelne feierliche Veran­staltungen als durch die stille Einwirkung der führenden Männer im Staate und durch die zielbewußte Arbeit der Presse wird das Friedensverlangen denjenigen Einfluß ' auf die öffentliche Meinung und die verantwortlichen Stellen finden, von denen die (Gestaltung der Zukunft abhängt. Diesen Erwägungen ist die Resolution entsprungen, die die Fuldaer Bischofskonferenz am 8. August 1928 in den Worten ausge­sprochen hat: Friedensförderung und verwandte Bestrebungen.

Vom Episkopat werden Bestrebungen, die im Geiste Benedikts XV. (daß die Völker sich toterer in Liebe zusammen­finden) und Pius' XI. (Christi Friede in Christi Reich) den Ausgleich der Gegensätze unter den Nationen und Feinden herbeizuführon suchen, herzlich begrüßt. An die katholischen Organisationen wird ein warmer Appell zur Nntersiü ung dieser Bestrebungen gerichtet werden.

Graf Zeppelins" nächster Aufstieg.

Voraussichtlich erst am Mittwoch.

Wie aus Friedrichshafen gemeldet wird, findet die nächste Fahrt desGrafen Zeppelin" nicht am Dienstag, sondern voraussichtlich erst am Mittwoch statt. Wohin diese Fahrt gehen wird, steht immer noch nicht fest.

Ueber den teilweise« Ausfall des Funkverkehrs während der Donnerstagfahrt wird vom Luftschiffbau Zeppelin mitge- teilt, daß kurz nach dem Aufstieg ein kleiner Transformator des Hauptsendegerätes versagte und eine Sicherung beschädigt wurde. Ein Ersatz war an Bord nicht vorhanden. Der Verkehr mit der Funkstelle im Luftschiffbau Zeppelin konnte während der ganzen Fahrt einwandfrei mit dem Notsender aufrecht erhalten werden. Dagegen mußte durch den Ausfall des Haupt­senders der Telegrammverkehr wieder teilweise eingeschränkt werden.

Obgleich die endgültigen Fahrtleistungen desGraf Zeppelin" auf der Reise vom Donnerstag noch nicht vor- liegen, da die Fachberichte noch nicht abgeschlossen sind, steht jetzt fest, daß die gesamte zurückgelegte Strecke über 1000 Kilo­meter betrug, die in 9K>stündiger Fahrt bewältigt wurde. Die Durchschnittsleistung dürfte somit etwa 110 Kilometer pro Stunde betragen. Der Brennstoffverbrauch war normal und entsprach den Erwartungen. Die Verwendung von Triebgas ist auch für die Werkstättenfahrt in der kommenden Woche unwahrscheinlich. Man wird wegen der geringen^ Blaugas­vorräte voraussichtlich erst bei einer der Amerika-Fahrt vor- ausgehenden größeren Fahrt Blaugas verwenden. Die Störun­gen der Sendeanlage des Luftschiffes werden damit erklärt, daß durch die wesentlich erweiterten elektrischen Anlagen und Apparaturen des Schiffes Stromkreise entstehen, die ungünstig auf die Funkanlage einwirken.

Die Donnerstagfahrt hatte zahlreiche Anfragen von Städten aus dem ganzen Reich zur Folge, alle wollen

^AS^TAB

Die erste Fernfahrt vesGraf Zeppelin".

Zeppelin"-Besuch haben. Es ist jedoch nach wie vor unmög­lich, im voraus den Besuch der einzelnen Städte auzntünd gen.

*

Dr. Eckener hat die Einladung der Sarrbrücker Flug­hafengesellschaft, mit dem neuen LuftschiffGraf Zeppelin" aus einer seiner Fahrten über Süddeutschland auch Saar­brücke n zu besuchen, angenommen, so daß voraussichtlich in den nächsten TagenGraf Zeppelin" über dem Saargebiet erscheinen wird. Die Regierungskommission, mit der die Flug­hafengesellschaft zur Stunde noch verhandelt, wird falls feine Hindernisse in den Weg legen.

Vor großen Semonstralisnen in Oesterreich.

Ein Temonstrationsverbot abgrlehnt.

Die österreichischen Heimwehre« eine Selbst- fchntzorgauisation von der Art der Einwohnerwehren habe« auf den 7. Oktober ein großes Tressen mit Ausmärschen usw. nach Wien einberufen. Daraufhin hat der hauptsächlich aus Sozialisten bestehende Republikanische Schutzbund aus diesen Tag ebenfalls eine große Demonstration angekündigt, und man befürchtet daher Zusammenstöße zwischen den beiden Organisationen. Nach einer Meldung aus Wien hat nun Die Sozialdemokratische Partei sich im Einvernehmen mit der Bundesleitung des Republikanischen Schutzbundes, dem Landes- Hailptmanu Dr. Buresch, gegenüber bereiterklärt, den Arbeusr- tag in Wiener Neustadt am 7. Oktober abzusagen, salls der Heimwehrausr.iarsch nicht stattsindet. Die Sozialdemokraniche i Partei erklärt überdies, daß sie bereit sei, einem Gesetz znzu- stimmen, durch das Aufmärsche der Selbstschutzverbände, darunter auch des Republikanischen Schutzbundes, überhaupt verboten werden mit Ausnahme des Ausrückcns zu festlichen Feierlichkeiten und dergleichen. Die Sozialdemokraten seien jedoch nur dann bereit, einem solchen Verbot zuzustimmen, . wenn es vor dem 7. Oktober erlassen werde und bereits auf diesen Tag Anwendung finde.

Bundeshauptmann Buresch hat be.^ Angebot dem Bundes­kanzler Dr. Seipel übermittelt und nach Einholung der Ent­scheidung des Bundeskanzlers dem sozialistischen Landes at Hellmer mitgeteilt, daß die Regieru:-.^ nicht in der Lage sei, aus das Angebot einzugehen.

Aufregende Zagd naO e nem Hochstapler

Der Fliehende erschossen, ein Beamter schwer verletzt.

Ein seit einiger.Zeit in einer Pension in Norderireh »nr wr weilender junger Mann, der sich als Direktor Kunowsk: aue- gab, verübte bei einer ihm bekannten Familie einen Diebstahl, bei dem ihm 255 Mark in die Hände fielen. Dieses Geld be­nutzte er, um die rückständige Pensionsrechnung um bic er gedrängr wurde, zu bezahle«.

Da.der Verdacht sofort auf Krmowikl fiel und man ver­mutete, daß er am Freitagmorgen abreifen mürbe, besetzte die Polizei die Dampferanlegestelle und nahm die Ermittlungen «ach dem vermutlichen Täter aus.

Es entwickelte sich eine aufregende Jagd durch die Straßen, wobei oer Fliehende mehrere Schüsse abgab. ' g c- rungsassesfor Grabi, der sich unter den Verfolgern befand, wurde von zwei Schüssen in die Bauchgegend getroffen. Grabi etzte trotz der Verwundung die Verfolgung fort und gab seiner- eits aus den Fliehenden einen Schuß ab. Tödlich am Hinter- ppf getroffen, brach der Hochstapler zusammen. Grabi, der «folge seiner schweren Verwundung ebensalls zufammen- gebröche« war, lvurde ins Krankenhaus gebracht, wo er in bedenklichem Zustand daniederliegt.

Die für einander sind

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Roman von Fr. Lehne

(Nachdruck verboten);

, Die Baronin Bieseneck saß, keines Wortes mächtig, »a. Sie begriff kaum, was um sie herging. Dieses fremde, schöne Mädchen, von dem sie nie etwas gewußt, oes Sohnes Braut! Atemlos lanschte sie, was Iulchen letzt kurz und knapp berichtete von ihrer Bekanut- fchast mit Fritz, von seiner Verzweiflung nach jenem lolgenschmereA Vorfall, die ihn beinahe zum Aeußer- mn getrieben, von seinem ehrlichen Willen zu arbei- und von seiner Trauer über des Oheims Nuver- lohnlichkeit. Sie heftete die schönen, klaren Augen voll auf das grimmige Gesicht des alten Soldaten »einen reuigen Sünder hat Gott lieb, Exzellenz! Ist es wohl gerecht, klug und menschlich, einen Bereuen- °en, der den ehrlichen Willen zum Gntmachen hat, sich zu stoßen und ihm die Gelegenheit zn nehmen, ein anderer zu werden? Man treibt ihn dadurch nur W den Weg des Verderbens indessen man sich im Ge- lubl der eigenen Untadeligkeit und Gerechtigkeit groß vunkt__*

»Fräulein Schultze, Sie führen eine sehr kühne Sprache"

aber eine wahre, Exzellenz! Fritz hat seinen Leichtsinn bitter genug gebüßt, und im Grunde hat ^f ia gar nichts Unrechtes getan! Er ist nur das Opfer einer Verkettung von unseligen Zwischeniäuen!"

»Wo ist Fritz jetzt?" fragte die Baronin mit trü- nenerstickter Stimme.

»Fritz ist seit drei Wochen als Lehrling auf Ritter- Buchenheim in Mecklenburg. Er will nun die ^uidwirtschaft gründlich erlernen und hofft dann, in lNlgen Jahren so weit zn fein daß er einen Inspek- or- oder Verwalterposien annehmen kann! Er schreibt Zlr befriedigt" Julia nahm aus ihrem Handtäsch- zwei Briefe, die sie dem General reichte. Doch er ehrte abdanke, ich habe kein Interesse Aber e stetste die Briefe nicht wieder in das Täschchen, son- "w ließ sie, wie absichtslos, aus dem Tisch liegen

iagte der General,das ist ja alles sehr und gut kostet aber dennoch Geld - ich hoffe $ nicht, daß der Monsieur irgendeine Anleihe hin- . > Meinem Rücken und mir wird die Rechnung 'uu präsentiert! Wenn Sie alles so genau -,en' werden Sie ohne Zweifel auch hierüber unter­

richtet sein! Es diene Iknen, bat ich für nichts ans- komme" drohend ichwvll seine Stimme an.

Exzellenz können ganz unbesorgt fein Fritz hat keine Verpflichtungen irgend welcher Art auf sich ge­nommen"

»Ah, ich verstehe Ihre Eltern sind wohlhabend" Rein, Exzellenz, meine Eltern sind unvermögend. Mein Vater ist ein pensionierter Philologe*

und doch, ich muß missen, woher Fritz eine pekuniäre Unterstütznna bekommt er ist doch er mittellos*

Julia errötete.

Ich habe ein ganz kleines Kapital durch Erb­schaft mein geworden das hab' ich ihm vorläufig zur Verfügung gestellt. Er soll nicht Rot leiden, und es soll ihm nicht zu schwer gemacht werden sich znrccht- znfinden"

Sie erhob sich.

So, Exzellenz, Ihnen dies über Fritz mitzuteilen, hielt ich für meine Pflicht"

Ich bin Ihnen für Ihre Bemühungen sehr ver­bunden, meine Gnädige! Doch Sie haben bei mir ein zu großes Interesse, das gar nicht mehr vorhanden, vorausgesetzt! Mein Neffe hat es verwirkt: er kann sich sein Leben einrichten, wie es ihm beliebt? Ihre Bemühungen bei mir waren vergeblich. Sie sind ja spür klug, Fräulein Schultze! ick beglückwünsche ihn zu seiner zukünftigen Frau! Nehmen Sie ihn nur straff in die Kandare er hat es nötig!" sagte er mit ver­letzendem Spott.

Die Baronin meinte leise vor sich hin. Julia sah den alten Herrn mit den klaren, ehrlichen Augen furchtlos an.

Ich glaube au Fritz, Exzellenz! Der Tag wird bald kommen, so hoffe ich. an dem Sie einsehen wer­den, daß Sie Fritz durch Ihre unberechtigte Härte Un­recht getan haben! Wenn ein Mensch nnbedachtsam ein­mal gefehlt hat, so ist das gewiß kein Grund, ihn dar­um für ein ganzes Leben aufzugeben, zu verdam­men!" entgegnete sie ruhig.Jetzt habe ich Ihre Zeit wohl schon über Gebühr in Anspruch genommen, er­lauben Sie daher, daß ich mich entferne" sie ver­neigte sich ehrerbietig und ging hinaus. Die beiden Briefe von Fritz hatte sie liegen lassen. Ohne daß der General daraus achtete, nahm sie die Baronin au sich.

Als sie die Briefe gelesen, meinte sie wieder doch diese Tränen erleichterten ihr Herz. In später Abend- sinnde wagte sie, zum General davon zu sprechen, und

ihn zu bitten, diese Briefe zu lesen. Aber schroff wehrte er anfangs ab, bis ihn doch das verhärmte Gesicht der Schwägerin rührte und er ihren schüchter­nen, innigen Bitten nachgab. Denn im Grunde sei­nes Herzens war er nicht fertig mit dem Neffen, dem letzten Träger seines Namens, und es war ihm nicht gleichgültig, was aus ihm wurde, wenn auch sein Groll ihn so sprechen ließ.

Fritz hatte in den Briefen ausführlich von seiner Tätigkeit berichtet, wie man ihn auf Rittergut Bu­chenheim freundlich ausgenommen, wie er dem Baron Stümer, dem Besitzer, offen und ehrlich alles von sich gesagt. Er schilderte Iulchen, wie der Tag mit dem Morgengrauen für ihn beginne, wie jede Stunde mit angestrengtester Tätigkeit ausgefüllt sei, daß er abends todmüde auf fein Lager sinke mit dem Gedanken an sie, sein Iulchen die seines Lebens guter Stern geworden sei! Bitter klagte er sich nochmals feiner Schuld gegen sie an »nd dankte ihr für die großen Opfer, die sie ihm gebracht. Er wollte seine ganze Kraft und Arbeitsfähigkeit daran seyen, sie zn ent­schädigen, daß sie seinetwegen ihre glänzende Zukunft aufgegeben doch er wollte ihr in ihrer künftigen kleinen Inspektorwohnung so viel Glück bereiten, wie sie es drüben in Südwest in der üppigen Villa nie- nmls gefunden haben würd-- ,

Viele liebe, zärtliche Worte sagte er ihr noch. Froh blickte er in die Zukunft, und vielleicht sei der Tag nicht allzu fern, an dem er dem Onkel beweisen könne, daß auch ohne dessen Hilfe etwas Rechtes ans ihm geworden fei; seine Tätigkeit mache ihm viele Freude und Befriedigung, und hoffentlich wird es doch noch mal kommen, daß er ein kleines Gütchen sein Eigen nennen könne.

Obwohl die Baronin daraus wartete, sagte er nichts zu den Briesen. Sie fragte ihn darnm auch nicht, da ihr die Hauptsache war, daß er sie gelesen!--

An einem der nächsten Tage führte Frau von Bie­seneck einen Entschluß aus. den sie ohne Vorwissen des Generals gefaxt er wurde vor die vollendete Tat­sache gestellt: sie war auch nach Buchenheim abgereist. um ihren Sohn Fritz ansznsnchen, nachdem sie vorher noch einen aussährlichen Brief an ihre Freundin die Frau Rat Schlosiermann, geschrieben und sie gebeten, ihr über Fritz und Fräulein Julia Schultze Auskuuft zu geben.

(Fortsetzung folgt.)