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M 87 (1 Blatt) Samstag, den 21. Juli 1928 80. Jahrg.

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Amtliche Bekanntmachungen.

Landratsamt.

J.-Nr. 6131. Der Herr Kreiömedizinalrat wird am Dienstag, den 24. Juli d.. von 9.30 Uhr ab im hiesi­gen Kreishaule Sprechstunden halten.

Schlüchtern, den 16. Juli 1928.

Der Landrat: I. V.: Schultheis.

J.-Nr. 6113. Diejenigen Ortspolizeibehörden, die mit der Erledigung meiner Verfügung vom 23. Januar 1925 Nr. 89 Schlüchterner Zeitung Nr. 13/25 betr. Bekämpfung der Blutlaus, noch im Rückstände sind, werden hiermit daran erinnert.

Schlächtern, den 16. Juli 1928.

Der Landrat: I. V.: Schultheis.

J.-Nr. 6047. Der Landweg Schlüchtern-Hohenzell wird in der Zeit vom 23. d. Mts. bis einschließlich 8. n. Mtö. für sämtlichen Verkehr gesperrt.

Uebertretungen werden nach der Straßenverkehrsordnung vom 24. September 1926 (Beilage zum Reg. Amtsblatt Nr. 4o von 1926) bestraft.

Schlächtern, den 16. Juli 1928.

Der Landrat. J. V.: Rang.

Stadt Schlüchtern.

Orffentliche Mahnung.

Kn alle Zahlungspflichtigen, die ihre im Monat 3uli

1928 bezw. für Vormonate fällig gewordenen Staatssteuern - Grundvermögens- und Hauszinssteuern an die mit dem Einzug derselben beauftragten Hebestelle in Schlüchtern Ztadtkasse nicht bezahlt haben, ergeht hierdurch öffent­liche Mahnung.

Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß bei nicht rechtzeitiger Zahlung der monatliche Einzug der Staats steuern durch den Vollziehungsbeamten erfolgt, da die Ab­lieferung der Steuern an den Staat pünktlich erfolgen muß.

Anträge und Eingaben heben die Zahlungsverpflich­tung nicht auf, solange Stundungs- oder Fristbescheide nicht ergangen sind.

Schlüchtern, den 19. Juli 1928. Der Magistrat: Kenner.

Bekanntmachung.

Die Bekanntmachung des Präsidenten des Landesfinanz- amtes Kassel vom 30. Juni d. Js. betr. Durchschnittssätze für die Veranlagung der buchfsshrenden Landwirte zur Ein­kommensteuer für das Wirtschaftsjahr 1927/1928 (1. Juli 1927 bis 30. Juni 192 8) liegt im Rathaus Kanzlei zur Einsichtnahme aus.

Schlüchtern, den 18. Juli 1928.

Der Magistrat: Senner.

Gespannte Lage in Mexiko.

Nach der Ermordung des Präsidenten Obregon. Geständnis des Mörders. Weitere Verhaftungen. Scharfe polizeiliche

Sicherheitsmaßnahmen. Beisetzung Obregons.

Der Präsidenteumörder.

Wie aus Mexiko-Stadt gemeldet wird, ist der richtige Name des Mörders Obregons Jose Teleon. Fünf weitere Männer wurden verhaftet. Sie stehen in dein Verdacht, an der Verschwörung gegen Obregon beteiligt zu sein.

Im Verfolg der Untersuchung sind insgesamt achtzehn der Teilnahme verdächtige Personen, darunter eine Frau, die den richtigen Namen des Mörders bekanntgab, verhaftet wor­den. Unter den Zwangsmaßnahmen der Polizei gestand der Mörder endlich, daß Verbrechen aus religiösem Eifer (??) be­gangen zu haben.

Die mexikanische Armee mobilisiert.

Nach einem amtlichen amerikanischen Funkspruch auS Mexiko-Stadt hat die mexikanische Regierung außergewöhnlich Harfe Maßnahmen zur Unterdrückung der Unruhen getroffen, "e der Ermordung des neugewählten Präsidenten Obregon lalgten. Die Armee ist mobilisiert worden und die Truppen befinden sich in ständiger Alarmbereitschaft. Polizei und Mili­tär durchzieht die Straßen der Stadt. Die Zensur ist noch ver­schärft worden.

Gerüchte über Aufstände und Metzeleien haben sich als Unrichtig herausgestellt. Nach wie vor ist die Lage außcrordcnt- "ch gespannt. Die Regierung hat eine amtliche Bekannt- Uiachung angeschlagen, wonach die Armee die öffentliche Sichcr- garantiert. Die Person des Präsidenten Callcs wird stark bewacht. Zahlreiche politische Widersacher und Gegner General Obregons haben die mexikanische Hauptstadt fluchtartig ver- wssen. Man hält es für wahrscheinlich, daß Calles gebeten werden wird, vorläufig das Amt des Präsidenten nach Ablauf seiner Amtszeit beizubehalten.

Der mexikanische Kongreß wird zu einer außerordentlichen Tagung zusammentreten, um an Stelle des ermordeten Obre­gon einen provisorischen Präsidenten zu wählen, der im De­zember Calles in der Präsidentschaft ablösen wird.

Beisetzung Obregons in Sonjora.

Wie aus Mexiko Stadt gemeldet wird, ist der Sonderzug mit der Leiche General Obregons von dort nach seiner Heimal- stadt Sonjora abgefahren. An dem Trauerzuge von dem Nationalpalast zum Bahnhof nahmen etwa 150 000 Menschen teil. Obregon wird auf Wunsch seiner Frau in aller Einfach­heit beerdigt werden. Eine vieltausendköpfige Menge zog am Nationalpalast, in dem die Leiche Obregons aufgebahrt war, vorbei. Die öffentliche Ordnung ist nirgends gestört worden.

Ein katholischer Bischof zur Ermordung Obregons.

Nach einer Washingtoner Meldung derChicago Tribune" befürchtet man in dortigen unterrichteten Kreisen, daß der Religionsstreit in Mexiko im Anschluß an die Ermordung des Generals Obregon schärfere Formen annehmen werde.

Diese Befürchtung wird auch von dem Bischof von Tabasco, dem Sekretär des mexikanischen katholischen Episko­pats, geteilt, der augenblicklich in Brooklyn lebt. Der Bischof befürchtet, daß die Religionsfrage eine Rolle bei der Ermor­dung Obregons gespielt habe. Er glaubt, die Ermordung habe politische Gründe. Er erklärt, daß eine solche Tragödie dir Dinge nur verschlimmern könne. In amerikanischen Regie­rungskreisen erklärt man, daß Amerika alles unternehmen werde, um einer Revolution in Mexiko im Anschluß an dir Ermordung Obregons vorzubeugen.

Die Uebersührung der Leiche Carranzas.

Wie aus Mexiko gemeldet wird, ist die Leiche des mexika­nischen Fliegers Carranza von Jersey nach New Dork gebracht worden, von wo sie nach Mexiko überführt wird. Der Sarg war mit zahlreichen Kränzen, darunter einem vom Präsidenten Coolidge, bedeckt und wurde von einer Abteilung amerikanischer Truppen durch die Straßen New Jorks geleitet und 21 Flug­zeuge begleiteten den Zug in der Luft.

England für die Aheinlandrüumung.

Eine bedeutsame Erklärung des englischen Außenministers.

Während die Frage der vorzeitigen Räumung der besetzten deutschen Gebiete bisher nur in der Presse diskutiert wurde, hat sich jetzt auch eine amtliche Stelle und zwar eine sehr wichtige dazu geäußert: der englische Außenminister, der im Namen der englischen Regierung sprach. Es wird darüber aus London gemeldet:

Im englischen Unterhaus erklärte Außenminister Cham« berlain, der deutsche Reichskanzler habe keine Forderung bezüg. l'ch der Räumung des Rheinlandes erhoben. Der Reichskanzler habe kürzlich die Ansicht zum Ausdruck gebracht, daß unter den gegenwärtigen Umständen das Rheinland vor Ablauf der im Bersailler Friedensvertrag festgesetzten Frist geräumt werden sollte. Die britische Regierung schließe sich diesem Stankchunkt an und sei bereit, einen entsprechenden Vorschlag in frem^- schaftliche Erwägung zu ziehen.

In Beantwortung einer weiteren Anfrage erwiderte Chamberlain, er glaube nicht, gegenwärtig irgendwelche nütz­lichen Schritte in dieser Angelegenheit ergreifen zu können. Die Frage, ob nicht für Großbritannien die Zeit gekommen sei, der Welt zu zeigen, daß es sich nach dem Frieden sehne und alle seine Truppen aus dem Rheinland zurückziehen werde, beant­wortete der Außenminister dahin, daß die alleinige Zurück­ziehung der britischen Truppen die Angelegenheit nicht bereinigen würde.

Um die Endregelung der deutschen Neparations- Verpflichtungen.

Schatzkanzler Churchill erklärte im englischen Unterhaus, die Regierung habe von den letzten Erklärungen des General­agenten für die Reparationszahlungen und des deutsche»» Reichskanzlers Kenntnis genommen und sei bereit, irgendwelche Vorschläge für die Endregelung der deutschen Reparations- Verpflichtungen 31t prüfen, vorausgesetzt, daß diese Vorschläge die Wahrung der Rechte und Interessen Großbritanniens in Uebereinstimmung mit seiner Politik gewährleisten.

Doch zahlreiche Verhaftungen in Spanien?

Paris, 20. Juli. DasOeuvre" veröffentlicht ein Telegramm der spanischen Liga für Menschenrechte, in dem gegenüber den amtlichen spanischen Regierungserklärungen fcstgestcllt wird, daß in den letzten Tagen zahlreiche Verhaftun­gen in den Großstädten vorgenommen worden seien. In Bar- relona und Madrid habe man 450 Personen, in San Sebastian 42 und in Valencia 80 Personen verhaftet. Die Gesamtzahl der Verhaftungen gehe über tausend hinaus. In Wirklich­keit habe gar keine Verschwörung bestanden. Die über die zu­nehmende Feindseligkeit der öffentlichen Meinung beunruhigte Regierung habe das System willkürlicher Verhaftungen von Spiellisten. Republikanern und Liberalen angenommen.

Nach den neuesten Meldungen hat sich die Zahl der in Niederschlesien durch Ertrinken ums Leben Gekommenen auf 55 erhöht. Davon entfallen allein 16 auf das Breslauer Stadtgebiet.

Rückblick

Kr. Kr. Die Wochen der Hundstagshitze galten ehemals in der Politik als die ödesten des Jahres. "Was in den großen Städten Politik mit Leidenschaft und von Berufswegen treibt, flieht in die Kühle der Sommerfrischen und Bäder. Was konnte da schon geschehen? Höchstens ein paar geschickt arrangierte Zusammenkünfte maßgeben­der und ausschlaggebender Persönlichkeiten an den freund­lichen Orten des Sommervergnügens. Daraus sogen dann die politischen Zeichendeuter der öffentlichen Meinung ihre bewunderungswerten Ausblicke auf die Gestaltung der zu­künftigen Politik. Sie werden nie beim Wort genommen, wenn's nachher njd)t stimmt. Manchmal grollte doch auch in die friedliche Ruhe der Erholung böses Wetter und oj- wurde es ungemütlich für die Politiker und Diplomaten vom Fach. Denn die Politik wird nun einmal nicht nur in Amtsstuben, in offiziellen und öffentlich bekannten po­litischen Organen gemacht. Viel gewaltiger ist die Macht jener anonymen politischen Kräfte, die in einem Volke leben. In der großen Masse, die nicht durch Namen oder Amts­bezeichnung erkennbar als Träger bestimmter politischer Ideen in die Erscheinung treten. Diese namenlose Kräfte gehen niemals in die Sommerfrische. Sie machen nicht Halt vor diesem schönen Bedürfnis des kultivierten Men- sschen, ebensowenig wie Erdbeben Rücksicht nehmen auf hei­lige Orte und Zeiten der Menschen.

Am 14. Juli 1789 stürmte eine Masse Menschen die Vastille. Wie hießen die Einzelnen? Ihre Namen sind Schall und Rauch. Aber der Sturm dieser Masse Unbe­kannter galt als Zeichen heiliger Menschwerdung des Volkes. Als Zeichen der Befreiung der Völker aus knechtischer Hörigkeit. Als Beginn unserer Zeit der Demokratie. An diesem Gedenktag jubelt heute noch das französische Volk der Enkel dieser Vastillenstürmer. Und auch die Enkel jener, die damals deren Gegner waren. Denn ste mußten leben und gingen mit der Zeit. An diesem Tage fi?V i<.* ^'?'*'^ ö^s Festes das gewaltigste Verteidi- gungsinstrument, das sich diese französische Demokratie ge­schaffen hat. Das Heer! Dem anzugehören heute mehr denn vormals für den Franzosen höchste Bürgerpflicht heißt. Im Gegensatz zu anderen Demokratien, denen das Heer Grund aller Uebel bedeutet. So verschieden können Demo­kraten denken.

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Nicht ganz ist von der Hand zu weisen, was der Bolsche- wist Stalin in Leningrad sagte: Der imperialistische Pazi- fismus sei ein Werkzeug der Kriegsvorbereitung. Ohne solchen Pazifismus wäre eine Kriegsvorbereitung unter den gegenwärtgcn Verhältnissen unmöglich. Frie­densphrasen dienen dazu, die Kriegsvorbereitungen zu ver­bergen. Nichts anderes als das wirft auch der englische Innenminister I 0 y n s 0 n H i ck s den Amerikanern vor, wenn er unter dem Hinweis auf deren gewaltige Seerü- stungen meint: Es sei unmöglich, riesige Armeen und Flot­ten weiter zu unterhalten und dabei zu behaupten, man denke an keinen Krieg. Große Entrüstung einer Reihe von liberalen Blättern über diese Worte. Entrüstung etwa, weil nicht wahr ist, was Hicks behauptet hat? Weit ge­fehlt! Entrüstung, weil diese Wahrheit die Amerikaner verärgern könnte. Das ist Politik!

Da wird der Krieg geächtet. Ein französischer Mar­schall Le R 0 n d bat aber gerade das schöne Geschäft zu besorgen, den nächsten europäischen Krieg vor- zubereiten. Dieser wird im O st e n u n d S ü d 0 st e n ent­brennen. So heißt es denn für die größte Militärmacht, dort nach dem Rechten zu sehen. Die polnischen und ru­mänischen Generalstäbe müssen in Einklang gebracht wer­den. Dann müssen noch die militärischen Beziehungen mit den anderen französischen Klienten geregelt werden. Mit Jugoslawen und der Tschechoslowakei. Hinderlich ist dabei, daß Polen gar nicht so böse mit Angara ist, wie Rumänien. Daß ferner Iugoslavien seinen slavischen Bruder, auch wenn er den Sowjetstern angesteckt hat, mit freundlicheren Augen betrachtet als Polen lieb ist. Ueber allen schwebt dazu noch das dunkle Auge des rätselhaften faschlsti- schen Italien, unter dessen scharfen Blicken nicht nur Iugoslavien bebt, sondern auch Bulgarien immer tiefer in eine feinere Krise hinein gerät. Schon knallen die Schüsse der politischen Gegner aufeinander, ein Zeichen tiefster Er­schütterung des Staates. Am Mazedonien geht es. Der bulgarische Außenminister B u r 0 w erklärte am gleichen Tage, als in Belgrad der Chef des Sicherheitsdienstes unter der Kugel eines politischen Fanatikers zusam- menbrach, mit offenbarer Beziehung auf Mazedonien:Die Minderheitsfrage stellt eine wahre Wunde in den Beziehun­gen zwischen den Völkern dar. Der wahre Friede wird auf dem Balkan nicht kommen, solange ungeheure Massen von Minderheiten bestehen, die ständig leiden". Was Bu- row über den Balkan sagt, kann ruhig auf ganz Europa ausgedehnt werden.

Auch Griechenland wird unruhig. Der alte Kämpe und Aeberlister Veniselos ist wieder auf den Plan getreten. Das will besagen, daß auch dort etwas Beson­deres erwartet wird.