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Kr. 56 Donnerstag, den 10. Mai 1928 80. Jahrg.

Amtliche Bekanntmachungen.

LandratsKMt.

6 . VII. 895. Auf Grund des § 131 b der Reichsgewerbe- orbnung habe ich im Einvernehmen mit der Handwerkskam­mer zu Raffel eine Gefellenprüfungsordnung für das Btricke- reihandwerk erlassen.

Nach Vervielfältigung werde ich den Innungsauffichts- behörden und der Vorstand der Handwerkskammer den Ge- fellenprüfungsausfchüffen je einen Abdruck übermitteln.

i Die Prüfungsordnungen liegen vom 1. Juli d. 3s. ab bei den Innungsaufsichtsbehörden zur Einsicht aus und find außerdem bei der hiesigen Waisenhausdruckerei käuf­lich zu haben.

Rassel, am 18. April 1928.

Der Regierungs-Präsident.

3 .=Hr. 3917. Es bestehen keine Bedenken dagegen, daß die Herren Bürgermeister die Bekanntmachung von Wahlversammlungen durch die Grtsschelle zulassen. Belbst- verständlich muß alsdann dieses Veröfsentlichungsmittel allen politischen Parteien in gleicher Weise zur Verfügung ge­stellt werden.

' Bchlüchtern, den 8. Mai 1928.

Der kom. Landrat: Dr. Müller.

? 3.=Ur. 4058. Mit Rücksicht auf die jetzt stattfindenden Wahlversammlungen werden die nachstehenden Vorschriften des § 107 a des Reichsstrafgefetzbuckes erneut veröffentlicht;

§ 107 a.

Wer nichtverbotene Versammlungen, Auszüge oder Kundgebungen mit Gewalt oder durch Bedrohung mit einem verbrechen verhindert oder sprengt, wird mit Gefängnis, neben dem auf Geldstrafe erkannt werden kann, bestraft.

Wer in nichtverbotenen Versammlungen oder bei nicht- verbotenen Auszügen oder Rundgebungen Gewalttätigkeiten H ^~4iMKi>t teg^^ die OrHkm-^-uul, Heir^Attfzug vde,-4^ Kundgebung zu sprengen, wird mit Gefängnis und mit Geldstrafe oder mit einer dieser Strafen bestraft.

Bchlüchtern, den 8. Mai 1928.

Der kom. Landrat: Dr. Müller.

' Kreisausschutz.

I .-Nr. 492 a R. A. Diejenigen Herren Bürgermeister der Landgemeinden, welche mit der Erledigung meiner Ver­fügung vom 16. März d. 3s. I.-Nr. 492 R. A. (Kreisblatt Nr. 34) betr. Beitreibung rückständiger Gemein- dcabgaben noch im Rückstände sind, werden hieran mit einer 8 tägigen Frist erinnert.

Bchlüchtern, den 8. Mai 1928.

Der Vorsitzende des Rreisausschusses: Dr. Müller.

I.-Nr. 1963 R. A. Der Rreisausschuß hat aufgrund

§ 4 der Abgaben-Grdnung über die Erhebung von Vorausleistungen für die Wegeunterhaltung vom 9. De= 3embcr 1927 ahgedruckt im Kreisblatt Nr. 5 von 1928 ^n Beitrag für den tierischen Verkehr für das Rechnungs- I^r 1928 auf 4 Rpfg. pro Tonnenkilometer festgesetzt.

bchlüchtern, den 5. Mai 1928.

Der Vorsitzende des Rreisausschusses. Dr. Müller.

Nach einer Meldung aus Beirut hat ein mit 20 per- l°nen besetztes Auto sich in der Wüste verirrt. Als ein englisches Flugzeug den Pilgern Hilfe bringen wollte, fand es sämtliche Insassen tot auf.

Um einen Zusammenstoß zu nermeiben, geriet in Ulm Uuto auf einen Gehweg, auf dem zwei pglizeibeamte

'hren Familien standen. Eine Frau und ihr Rind wur- °cn sofort getötet, während die Töchter des anderen Ehe- Paares mehr oder minder schwere Verletzungen erlitten.

Bei Köln wurde am Dienstag im Rhein ein Back E dem Körper einer zerstückelten weiblichen Person ge= pmoen. Anhaltspunkte über die Person der Toten sind nicht vorhanden.

Die Großhandelsindexziff^r für den Monat April gegenüber dem Dormonat um 0,7 v. h. gestiegen.

Den verhafteten deutschen Ingenieuren in Rußland , nunmehr die Anklageschrift zugestellt worden. Der Pro- wird voraussichtlich am 22. Mai beginnen.

In Wilmenrod bei Limburg wurde ein junger Ur= c'ter durch einen sich vorzeitig lösenden Bprengschuß buch- i nölich in Btücke gerissen.

In Grünstadt (Pfalz) wurden ein 19 jähriges Dienst- "ndchen und ein 21 Iahre alter Schmied zusammengebunden "sir dem Eckbachweiher geländet. Die Beiden hatten aus iiibcskummer den Tod gesucht.

Auf dein Flugplatz Dortmund-Brackel ist ein Rekla- ^Mgzeug aus geringer Höhe abgestürzt. Der Pilot und mne Begleiterin, eine Dortmunder Dame, wurden schwer das Flugzeug vollständig zertrümmert.

31 ReiHstsalWorWäge Mgelaffea.

Die Eutscheitung des Neichswahlausschusses über den amtlichen Stimmzettel.

Der Reichswahlausschuß trat unter dem Vorsitz des Reichswahlleiters Professor Dr. Wa gewann zu einer Sitzung zusammen, um den Stimmzettel für die Reichstags- ivahlen endgültig festzustellen. In der Debatte ergab sich eine Meinungsverschiedenheit darüber, ob der Reichswahlausschuß oder der Reichswählleiter die Berechtigung habe, die Benum- merung der einzelnen Parteien auf dein Stimmzettel end­gültig vorzunehmen. Besonders wurde daran Anstoß ge­nommen, daß der Reichswahlleiter die linken Kommunisten als eine im Reichstag bisher schon vertretene Partei behandelt hat. Aus eine Aenderung der Reihenfolge wurde mit Rück­sicht auf den dicht bevorstehenden Wahltermin verzichtet. Insgesamt wird der amtliche Stimmzettel 31 verschiedene Parteien ausführeu. Von den eingegarrgenen 33 Anträgen sind zwei zurückgewiesen worden.

Die Parteibezeichnungen mit den vom Reichswahlleiter endgültig festgesetzten und vom Reichswahlausschuß gebilligten Nummern des amtlichen Stimmzettels lauten wie folgt:

1. Sozialdemokratische Partei Deutschlands,

2. Teutschnationalc Volkspartei,

3. Deutsche Zentrumspartei, ,

4. Deutsche Volkspartei,

5. Kommunistische Partei,

6. Deutsche Demokratische Partei,

7. Bayrische Volkspartei,

8. Linke Kommunisten,

9. Reichspartei des deutschen Mittelstandes «Wirtschaftspakte!),

10. Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei fHitterbewegnng),

11. Teutsche Bauernpartei,

12. Völkisch-nationaler Block,

13.

14. Landbnnd,

15. Christlichnationale Bauern- und Landvolkpartei, .....18:-^L-c,»ksrLchKpükM WeichSpartek Ptr^Esrecht ü. AnfArriung),

Die Nummern von 17 bis 32 entfallen auf neugebil­dete kleinere Parteigruppen. Nummer 13, die für den Reichs­wahlvorschlag der Deutsch-Hannoverschen Partei vorgesehen war, fällt aus, da von dieser Partei ein ReichSwahlvorschlag nicht eingereicht worden ist.

Die leidige Zersplitterung seit der letzten Wahl hat nach erheblich zu genommen. Es handelt sich obendrein viel­fach um seidenartige, zahlenmäßig ganz schwache Absylit- terungen. So besteht neben der eigentlichen sozialdemokra- tischen Lifte ein Reichswahlvorschlag der Unabhängigen Bo- zialdemokraüe, die sich um den früheren Abgeordneten Ledebour gruppiert, und außerdem dieAlte fozialdemokra- tische Partei", eine spezifisch sächsische Erscheinung. Auch die Kommunisten sind nicht ganz radikal genug, weshalb es nochLinke Kommunisten" undRevolutionäre Rommu- nisten" gibt. Um die ^enttäuschten Inflationsgeschädigten werben nicht weniger als drei Parteien.

Zurückgewiesen und mangelhaft waren: die Liste:Le- bensintereffen der Ledigen" und eine andere Liste mit der famosen AnschriftGanz parteilos, nur des Volkes Wohl".

Die Wahlvorschläge im 19. Wahlkreis

HeffeN-Naffan.

Rassel. In einer Montag beim Wahlleiter für den 19. Wahlkreis abgehaltenen Sitzung des Wahlausschusses wurden folgende 18 Wahlvorschläge für Reichstag und Land­tag festgestellt und zugelassen: 1. Bozialdemokratische Partei Deutschlands, 2. Deutschnationale Volkspartei, 5. Zentrum, 4. Deutsche Volkspartei, 5. Rommunistische Partei, 6. Deut­sche Demokratische Partei, 7. Linke Kommunisten, 8. Reichs­partei des Deutschen Mittelstandes (Wirtschaftspartei), 9. Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (Hitlerbewe- gung), 10. Deutsche Bauernpartei, 11. Völkisch-Nationaler Block, 12. Lhristlich-Nationale Bauern- und Landvolkpartei, 13. Volksrechtpartei (Reichspartei für Volksrecht und Auf­wertung), 14. Evangelische Volksgemeinschaft (Evangelische Partei Deutschlands), 15. Deutsch-Boziale Partei, 16. Unab= hängige Bozialdemokratische Partei Deutschlands, 17. Volks­block der Inflationsgeschädigten (Allgemeine Volkspartei), 18. Deutscher Reichsblock der Geschädigten.

Durch unvorsichtiges hantieren mit einem Zünder einer französischen Granate wurden in Essen sechs Personen verletzt, davon fünf schwer.

In New York geht das Gerücht um, daß Präsident Gomez von Venezuela ermordet worden sei.

- -Das englische Unterhaus nahm den Gesetzentwurf, der den Frauen in gleicher Weise wie den Männern vom 21. Lebensjahr an das Stimmrecht gewährt, in dritter Lesung und damit end­gültig an.

- In Südserbieu kam es zwischen albanischen Freischärlern und Gendarmerie zu einem blutigen Zusammenstoß, bei dem drei Albaner getötet wurde»!.

In Tsinantu wurde ein chinesisches Flugzeug beim lieber» fliegen der Fremdenstadt von der japanischen Artillerie abgeschossen.

GirchWW 50 Jahre all

Am 10. Mai, dem Jahrestag bet Unterzeichnung des Frankfurter Friedens, feiert Reichsaußenminister Dr. Strese- mann seinen 5 0. Geburtstag. Die Freunde Dr. Strese- manns haben dem Jubilar große Ehrungen zugedacht, und die Anhänger der Politik des Reichsaußenministers gedenken des Mannes, der in den letzten Jahren wiederholt entscheidend auf das Geschick Deutschlands eingewirkt hat.

In engen Verhältnissen als Sohn eines Berliner Bier- Verlegers groß geworden, hat Dr. Stresemann nach Studien­jahren in Berlin und Leipzig und nach längerer Tätigkeil in der sächsischen Wirtschaft sich im parteipolitischen Kampf die ersten Sporen verdient. Für die breiten Volksmassen haben das Leben und die Wandlungen des P a r t e i m a n n e s Dr. Stresemann keine Bedeutung, anders dagegen verhält es sich mif dem Staatsmann Dr. Stresemann, dem Leiter der deut­schen Außenpolitik, deren Erfolg oder Mißerfolg für das deutsche Schicksal ausschlaggebend sein wird.

Das Wort vom Primat der Außenpolitik ist nicht mehr neu, und es hat nichts von seiner Berechtigung eingebüßt. Im Gegenteil, für das Deutschland der Nachkriegszeit haben außenpolitische Dinge noch weit größere Bedeutung als es vor dem Kriege der Fall war. Von der befriedigenden Lösung der außenpolitischen Fragen hängt die Z u k u n f t des Reiches ab! Gewiß, auch innerpolitisch gilt es große kulturelle, soziale und wirtschaftliche Werke zu vollenden; aber was hilft der Ausbau des Reiches, wenn der Staat durch äußere Ein­flüsse nicht gedeihen kann und in seinen Grundfesten wankt.

Und das war lange Zeit der Fall! Das deutsche Vater­land lag ohnmächtig nach bewunderungswerten Anstrengun­gen im Kriege am Boden, altes deutsches Kulturgebiet wurde vorn Reiche gerissen, fremdes Militär pflanzte am Rhein die Trikolore und den Union Jack auf, die Währung verfiel, brächte unermeßliches Eleitd über das deutsche Volk und zu der Not gesellte sich der Hohn des Gegners, der in das Ruhr- gebict entfiel und mit Gewalt Leistungen erpressen wollte, die das deutsche^Volk nicht aufbringen konnte. In dieser schlim­men Notstunde übernahm Dr. Stresemann die Außenpolitik, umsT seither in Händen zu behalten. Die Wplken Md ver- i^^' ^ wüt w'MSskLucht über DeuJchländ!

erfolge der deutschen Außenpolitik sind nicht zu ver­kennen, aber hierbei handelt es sich immer nur um Etappen, um die Rückeroberung von Stellungen, die wir in glücklicheren Jahren älle schon inncgchabt haben. Ueber die in den einzelnen Fällen angewandten Methoden der Außenpolitik gehen die Meinungen auseinander, über das Ziel der deutschen Politik ist man sich von rechts bis links einig: es gilt die Freiheit des Reiches wiederherzustellen und dem deutsche,» Volke volle Gerechtigkeit zu erkämpfen! Dr. Stresemann hat der Welt den Beweis erbracht, daß die deutsche Politik eine Politik des Friedens ist. Er hat aber auch, so z. B. bei seiner Rede in der Heidelberger Universität, die Welt nicht darüber im Zweisel gelassen, daß ein dauerndes Hand-in- Hand-Arbeiten der Mächte nur möglich ist, wenn alle Staaten auf dem Fuße völliger Gleichberechtigung miteinander ver­kehren und nicht fremdes Militär auf deutscher Erde an die Talsohle des deutschen Elends erinnert.

Heute hat Deutschland noch große Forderungen zur Wie­derherstellung seiner Freiheit geltend zu machen. Noch schul­tern am Rhein fremde, teilweise sogar farbige Soldaten die Gewehre, noch gehen Gesetze der Besatzung denen des Reiches voran, noch ist das Saargebiet vom Reiche abgetrennt, noch steht Deutschland völlig entwaffnet unter waffenstarrenden Nationen, noch blutet das Reich an den Fol­gen der Grenzziehung im Osten und Westen und noch lasten riesige Kriegsschuldenzahlungen auf dem deutschen Volk, ist die Handlungsfreiheit des Reiches wesentlich eingeengt. Und doch stellt alles das nur einen Auszug aus einer Fülle von Ungerechtigkeit und Unfreiheit dar; auch in der Kriegsschuldfrage und in der Kolonia I po 11« t i k muß noch, harte Arbeit geleistet werden.

Zu Genugtuung liegt somit kein Anlaß vor; die Stunde zum Feiern ist noch nicht gekommen. Das deutsche Volk be­schränkt sich deshalb daranf, seinem Außenminister d i e Kraft zu wünschen, die notwendig ist, um dem deutschen Volke Recht und Freiheit zu erstreiten. In der Außenpolitik müssen ^die Partdiunterschiede verschwinden, muß sich das gesamte Volk auf ein Programm einigen, um dann mit Nachdruck zu seiner Verwirklichung zu schreiten. Deutschland hat der Welt viel zu geben; es will deshalb für die Zukunft wirken und seine Lebenskräfte nicht mehr mit Arbeiten verzetteln, die längst durchgeführt sein sollten: Es gibt keinen Grund mehr, mit dem die Anwesenheit fremder Truppen im deutschen Westen gerecht- fertigt werden kann.

In wenigen Tagen wird das Volk über die Znsammcn- setzung des Reichstages entscheiden. Und dann hat die Regie- rung aas Wort. Ihre Außenpolitik ist zwangsläufig bedingt; sie muß gipfeln in der B e f r e i u n g d e 8 R h ei n l a n d e s und in der Endlösung der Kricgsschuldfrage, ui'd Dr. Stresemann ist einer der Männer, die für die zu treffenden Entscheidungen verantwortlich sind. Erfolge aller­dings sind nur dann zu erreichen, wenn die Politik der Regie­rung von der großen Masse des Volkes gebilligt und ge- t r a e n wird. Möge sich deshalb aus Volk und Regierung eine feste Pha.gnx bilden, an der die Not zerschellt, damit Deulfänand wieder frei und glücklich wird.

In Berlin-Niederschöneweide kam es in Wahlvcrsamm- lunxen zu Störungen und Ausschreitungen, so daß Polizei Herbei­gerufe« werden mußte. .-