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Nr. 7

Dienstag, den 17. Januar 1928

80. Jahrg.

Amtliche Bekanntmachungen.

Landratsamt.

B.-Nr. 41 Don dem Herrn Minister des Innern mit der Verwaltung des Landratsamts Bchlüchtern beauftragt, habe ich meine Dienstgeschäfte heute übernommen.

Bchlüchtern, den 13. Januar 1928.

Dr. Müller, Regierungsrat.

Am 21. Oktober b. 3s. wurde bei einem im Zchlacht- Hause zu Kassel geschlachteten Pferde ganz alter Rotz fest­gestellt. Die Nachforschungen haben ergeben, daß das Pferd mehrfach den Besitzer gewechselt hat und mit anderen Pfer­den in Berührung gekommen ist. Dadurch hat die Beuche eine größere Ausbreitung erlangt. Es wurden bisher rotz- krank befunden und deshalb getötet: 2 Pferde des Georg Kehe in Weisungen- 1 Pferd des Bsidor Katz in Heinebach, 2 Pferde des Wilhelm Peuster in Melsungen, 1 Pferd des Engelhard Marggraf zu Melsungen und 1 Pferd des Fuhr­unternehmers Albert Zahn zu Rllendorf, Kreis Kirchhain. Das Pferd von Bsidor Katz zu Heinebach war ganz frisch erkrankt und erst vor der Tötung angesteckt' es ist kaum anzunehmen, daß durch dieses Pferd schon eine Weiterver- breitung der Beuche stattgefunden hat. 3n den übrigen Fällen, handelt es sich dagegen um alte Rotzerkrankungen. Es ist zu befürchten, daß durch diese Pferde und ein verdäch­tiges Pferd des Landwirts Karl Baumbach zu Kirchhain eine weitere Verbreitung der Krankheit erfolgt ist. Der Rotz ist nichts nur durch unmittelbare Berührung sondern auch durch Zwischenträger (Tränkeimer, Futterkrippen, Geschirre, Putz­zeuge usw.) leicht von einem Pferd auf das andere über­tragbar und bleibt oft lange Monate und selbst Bahre ver­borgen, bis er äußerlich kennbar in Erscheinung tritt. Auch dann zeigen die Pferde oft nur wenig Rasenausfluß und «^MlMSMMlEasl^mMrützn oder Knoten und Ge­schwüre in der haut. Dagegen ist die Rotzkrankhert dur p die Blutuntersuchung schon bald nach der Rnsteckung erkenn­bar.

Alle Besitzer, deren Pferde, Maultiere, Maulesel u\b Esel, vermutlich mit den Pferden oben genannter Besitzer in unmittelbare oder mittelbare Berührung gekommen sind, werden hiermit ersucht, bei der Polizeibehörde oder dem beamteten Tierarzt Rnzeige zu erstatten. Das ist umso not­wendiger, als bekanntlich ein unvorsichtiger Umgang mit rotzkranken Tieren auch für den Menschen gefährlich ist und zu einer fast immer tödlichen Erkrankung führen kann. Ich weise ausdrücklich darauf hin, daß die Rnzeige keine langandauernde Sperre zur Folge hat. Die für den Besitzer kostenlose Blutuntersuchung gibt schnell Rufschluß. Die Pfer­de werden entweder getötet und entschädigt oder freigegeben. (AUL 3051.)

Kassel am 24.12.1927. Der Reg.-Präsident.

B.-Nr. 10576. vorstehende Bekanntmachung wird hier­mit veröffentlicht.

Bchlüchtern, den 10. Banuar 1928.

Der Landrat. 3. D.: Zchultheis.

Kreisausschutz.

B.-Nr. 14031 F.

Unentgeltliche Sprechtage für Sprachgestör- teinder Landestaub stummenanstaltzu hom- berg durch den Facharzt für Sprachstörungen, Herrn Dr. med. Höpfner in Kassel finden im 1. Viertel des laufenden Jahres wie folgt statt:

Sonnabend, den 4. Februar 1928 und

Sonnabend, den 3. März 1928.

Sprachgestörte, die die Beratung des Facharztes in An= spruch nehmen wollen, werden ersucht, dieses spätestens 3 Wochen vor dem Sprechtage dem Kreiswohlfahrtsamt mit- 3uteilert unter Angabe von Namen, Wohnort und Geburts­tag, ferner zu welchem Sprechtag sie sich in Homberg ein­finden werden.

Kreiswohlfahrtsamt.

B.-Nr. 21 K. A. Diejenigen Herrn Bürgermeister der Stadt- und Landgemeinden, sowie die Herren Gutsvorsteher des hiesigen Kreises, welche noch mit der Erledigung meiner Verfügung vom 18. 3uni v. 3s. B.-Nr. 2797 K. A. (Kreisblatt Nr. 75) betr. Berichterstattung über die in der Seit vom 1. Oktober bis 31. Dezember v. 3s. gefallenen und an die Fleischmehlfabrik abgelieferten Tiere im Rück­stände sind, werden hieran mit einer Frist von 8 Tagen erinnert.

Bchlüchtern, den 11. 3anuar 1928.

Der Vorsitzende des Kreisausschusses. 3. D.: Rang.

B.-Nr. 14 K. A. Diejenigen Herren Bürgermeister der Landgemeinden, welche noch mit der Einsendung der Kassen-

prüfungsverhandlungen für die Monate Oktober Dezem­ber v. 3s. im Rückstände sind, werden an die Einsendung derselben mit einer Frist von 8 Tagen erinnert.

Schlüchtern, den 11. 3anuar 1928.

Der Vorsitzende des Kreisausschusses. 3. v.: Rang.

Umpfropfarbeiten im Bezirk der Landwirtschafts- kammer für den Regierungsbezirk Kassel.

Tgb. Nr. 12744/27.

Der Landwirtschaftskammer für den Regierungsbezirk Kassel stehen für das Umpfropfen von Gbstbäumen Er- werbsobstanlagen, das sind solche Obstpflanzungen, deren Erträge nicht für die Versorgung des eigenen Bedarfs des Erzeugers dienen, sondern dem Markt zugeführt werden, gemäß Ministerialerlaß vom 22. 12. 1927, Gesch. Nr. I, 28439, Staatsmittel in beschränktem Umfange zur Verfü­gung. Die Arbeiten sollen im Laufe dieses Winters durch­geführt werden unter Beachtung nachstehender Vorschriften:

1. Die Leitung der Arbeiten hat der Garteninspektor der Landwirtschaftskammer A. Beckel-Dberzwehren.

2. Die Arbeiten werden durchgeführt von besonders einge­richteten Pfropfkolonnen.

3. Die Geräte, Materialien und Edelreiser werden ein­heitlich von der Gbstbauanstalt Gberzwehren gestellt.

4. Es werden nur solche Sorten aufgepfropft, die von der Landwirtschaftskammer für den betr. Bezirk festge­setzt sind und zwar für jede Anlage nicht mehr wie im Höchstfälle 2 Sorten, wenn die Zahl der umzupfropfen- den Dbstbäume 20 überschreitet. Unter 20 kommen nur 1 bis 2 Sorten in Frage.

5. Für die Umpfropfarbeiten hat der Baumbesitzer pro Pfropfkopf 15 pfg. nach Fertigstellung der Arbeiten an die Gbstbauanstalt Gberzwehren zu zahlen und daneben für Unterbringung und Beköstigung des Pfropfkolonne zu sorgen.

6. Die übrigen Kosten für Beaufsichtigung, Reise, Be­schaffung oer Edelreiser und MüMialiek iaefdeü Staatsmitteln bezahlt.

7. Der Dbstbaumbesitzer ist verpflichtet, 3 Bahre nach dem Umpfropfen die umgepfropften Bäume ordnungsmäßig pflegen zu lassen. Die Bäume bleiben während dieser Zeit unter Kontrolle der Landwirtschaftskammer.

8. Anträge auf Umpfropfen von Gbstbäumen der Er­werbsobstanlagen sind bis zum 1. Februar an die Gbstbauanstalt Gberzwehren unter Angabe der Gbst- arten und Zahl der Bäume einzureichen.

Die Genehmigung der Anträge im einzelnen bleibt vorbehalten.

Kassel, den 6. Banuar 1928.

Den Vorsitzende der Landwirtschaftskammer für den Regie­rungsbezirk Kassel: von Keudell.

Shemlandräumung gegen Kontrolle.

Bitte Erklärung Bonconrs.

Zur Räumungs- und Sicherheitsfrage äußerte sich Paul Boncour, der französische sozialdemokratische Ab- geordnete und Delegierte im Völkerbund, einem fran­zösischen Pressevertreter gegenüber u. a., er wolle, das; man den Frieden organisiere und wenn er sein Land auf diesen internationalen Plan verpflichte, dann habe er die Pflicht, darüber zu wachen, daß sein Land nicht übers Ohr gehauen werde.

Er könne nur wiederholen, daß die tu , ,ran= zösische Frage von Grund auf geregelt werden müsse, und daß jede wirkliche Annäherung zwischen Frank­reich und Deutschland unmöglich sei, solange die Trup­pen des einen Landes das Gebiet des andern besetzt hielten. Jeder Fortschritt des Friedens würde durch diesen Umstand beträchtlich verzögert.

Von Deutschland müsse mau mindestens verlangen, daß es eine solche Kontrolle ebenfalls über die bereits bestehende Abrüstungsabmachung in bezug aus die ent­militarisierte Rheinlaudzoue annehme, wie sie im Bersailler Vertrag festgelegt und in Locarno bestätigt werben sei. Es handelt sich nicht um eine internationale Militärkontrolle, sondern um eine von einem inter- nationglen Organismus, dem Deutschland angehöre, nämlich dem Völkerbund, ausgehende internationale Kontrolle. Diese Kontrolle würde für Frankreich eben­so gelten wie für Deutschland.

Die Landerkonferenz'

Berlin, 16. 1. Die große Konferenz der Reichsregie- Mng mjh den Ministirpräsidenten der deutschen Länder ist am heutigen Montag zusammengetreten. 3n erster Linie' wird sie sich mit der Frage einer verwaltungSeeform im Sinne einet Vereinfachung des staatlichen Behördenappa- rats befassen,

Das Wirtschaftsjahr 1927.

Von Dr R. Dieckmann, Berlin-Schönabsrg.

Vie Lage unserer Wirtschaft erscheint an der Wende 1927 28 in wenig erfreulichem Lichte, wenngleich zugegeben werden muß, daß einzelne Industriezweige, wie die Farben-, Trxtil-. Drauindu- strie u. a., im allgemeinen erfolgreich gearbeitet haben und auch die nahe wirtschaftliche Zukunft nicht ungünstig beurteilen. Das Wirtschaftsjahr 1927 stand großenteils noch im Zeichen der Nach- Wirkungen des großen englischen Bergarbeiterstreiks vom Jahre 1926. Nur allzubald mußte aber unsere Montanindustrie nach Be- cnoigung dieses Streikes erfahren, mit welcher Energie und Rück- sichtslosigkeit die englischen Bergherren darauf ausgingen, den Deutschen ihre neugewonnenen Absatzgebiete wieder abzunehmen. Diese mochten es noch als eine gute Fügung des Schicksals ansehen, daß sich der Inlandsabsatz dank der im allgemeinen günstigen Kon- junltur in weit höherem Grade als aufnahmefähig erwies als während einer langen Zeit vor dem Ausbruch des englischen ^l?.' Nichtsdestoweniger lassen die stetig wachsenden Halden- bestande, die zahlreichen Feierschichten u. a. keinem Zweifel mehr vorüber Raum, daß der deutsche Steinkohlenbergbau wieder sehr ernsten Zeiten entgegengeht. Recht zweifelhaft ist es auch, ob die zu n chmende Arbeitslosigkeit lediglich als eine Saison- erscheinung anzusehen sei. In, dieser Hinsicht erweckt namentlich die Entwicklung unserer Handelsbilanz, die am Jahres- Ichlusse mit etwa 4 Milliarden Mark passiv geworden sein dürfte, schwere Bedenken, insbesondere auch deshalb, weil in den letzten Rkonaten der saisonmäßig zu erwartende Rückgang der Einfuhr nicht eingetreten ist und unsere Ausfuhr mit steigenden Schwierig­keiten zu kämpsen hat. Hatte sich d'e Lage des Arbeitsmarktes bis in den Spätherbst hinein erfreulich gebessert, indem das Heer der Arbeitslosen von einst 2)4 Millionen auf etwa 300 000 zu- sammengeschmolzen, war, so muß leider damit gerechnet werden, daß die Rentabilität keineswegs dem Aufschwung der Gewerbetätigkeit entsprochen hat. Nicht nur das starke Anziehen der Lohn- und Steuerschraube, sondern auch die Verteuerung des Geldes, die im Berichtsjahre ein.u... lige Erhöhung des offiziellen Bankdiskonffatzes erforderlich machte, haben die Gewinne der Unternehmungen beträchtlich geschmälert, teilweise sogar Verluste verursacht.

Das stärkste Hindernis für eine Wiederbelebung und Stärkung des Binnenmarktes ist unzweifelhaft in der geradezu trostlosen Lage der Landwirtschaft zu er- blicken. Das Mißverhältnis zwischen Betriebseinnahmen und -ausgaben hat sich auch während des Jahres 1927 zu einer er­schreckenden Berschuldungszunahme der Landwirtschaft geführt. Die Gesamtverichuldung im Betrage von etwa 12 Milliarden Mk. -b eine Zinslast von mindestens 850 Millionen Mark, die i.iglich als untragbar erscheinen muß. Wenn der Ernährung-- minister Schiele auf Grund der Ermittelungen des Enquete-Aus- 'chusscs für die Jahre 1924/25 und 1925/26 schon 51 bzw. 42 c. H. der landwirtschaftlichen Betriebe als Verlustbetriebe hinstellte, so kann leider kein Zweifel mehr darüber auflommen, daß sich diese Verhältnisse in den beiden folgenden Jahren noch erheblich ver­schlechtert haben. , Nach der durchaus unbefriedigenden Ernte der Jahres 1926 enttäuschte auch die 1927er Ernte gewaltig, nicht was die Menge, sondern die Beschaffenheit der geernteten Feldfrüchte anlangt. Wie namentlich die Ermittelungen des deutschen Sand)- wirtsrats erkennen ließen und durch die Praxis an den Produkten- Märkten bestätigt wurde, erweist sich das durch die Witterungs- unbilden beschädigte Getreide großen- oder größtenteils als nicht andienungsfähig. Sofern es überhaupt abgenommen wird, müssen sich die Produzenten beträchtliche Preiskürzungen gegenüber den offiziellen Börsennotierungen gefallen lassen. Große Mengen Brot­getreide können nur als Viehfutter Verwendung finden. Empfind­lich geschädigt wurde durch die Wetterkatastrophen auch die Hack - fruch t ernte, insbesondere bestehen wegen der Haltbarkeit der Kartoffeln berechtigte Besorgnisse. Und was die Viehhaltung betrifft, so ist auch sie wieder völlig unrentabel geworden, nachdem der Schweinepreis von 80,5 Mark im Januar auf 57,5 Mark je Zentner im Dezember gefallen ist. Plan begreift danach die Aengste der Landwirtschaft vor dem Abschlüsse eines Handels­vertrages m i i Polen, der mit seiner voraussichtlich recht ausgiebigen Schweinceinfuhrkonzession schwerste Verluste für die Schweinemast im Gefolge haben müßte.

In seiner Rundfunkrede vom 22. Dezember hat Minister Schiele den landwirffchaftlichen Mfftand voll gewürdigt und namens der Reichsregierung Hilfsmaßnahmen in nahe Aussicht ge­stellt, insbesondere eineOrdnung der landwirtschaft­lichen S ch u l d v e r h ä l t n i s s e, die für die in der rationellen Fortführung bedrohten Betriebe eine Umwandlung der schweben­den Schulden in langfristigen Kredit herbeiführt und eine Ab­senkung der untragbaren Zinslasten mit sich bringt*. Die Land­wirtschaft mag in ihrer schweren Bedrängnis einen Trost darin erblicken, daß an der Spitze der landwirffchaftlichen Verwaltung im Reich ein sachkundiger IRt nistet steht, der dasHerz auf dem rechten Fleck hat" und die überragende Bedeutung der Landwirt­schaft für unsere Gesamtwirtschaft erkennt. Ob die Mittel des Reiches ausreichen werden, um den drückenden Notstand zu be­seitigen, muß abgewartet werden. Nicht zuletzt wird es auch dar­auf abgesehen werden müssen, unsere Handelspolitik den elementarsten Lebensbedürfnissen der Land­wirtschaft anzupassen.

Es braucht nicht verfduoiegen zu werden, daß die Ernte- enttäuschungen der letzten Jahre und die dadurch verursachte Un- rentabilität in weiten landwirtschaftlichen Kreisen die Arbeits- freudigkeil und Unternehmungslust eingedämmt haben, namentlich im Hinblick auf die Fortführung der intensiven Be­triebsweise. Trotz dankenswerter Derbilligung der künstlickstn Düngemittel scheint deren Verbrauch bedenklich nachzulassen, haupt­sächlich wegen Kapitalmangels, sodann auch, weil vielfach die Ueberzeugung Platz gegriffen hat, daß die extensive Betriebsweise mit geringeren Gefahren für die Rentabilität verbunden sei als die intensive. Es ist kaum abzusehen, welche verhängnisvollen Ge­fahren sich für unsere Handelsbilanz, Volksernährung und gesamte Volkswirtschaft daraus ergeben müßten, wenn sich die Ueber­zeugung von der gesicherteren Rentabilität des extensiven Betriebes weithin befestigen würde. Da die Landwirtschaft wahrlich nicht durch eigene Äi;uld in den unerträglichen Notstand geraten ist, so gilt es jetzt, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um sie zu befähigen, die G ü t e r e r z e u g u n q bis zum H ö ch st in a ß z u , st e i - gern. Eine leistungsfähige und kaufkräftige Landwirtschaft war stets der wertvollste Abnehmer der industriellen Produktion. Die Steigerung der Äbsatzmöglicksieit industrieller Erzeugnisse wächst, je intensiver die Landwirtschaft betrieben wird. Möge das neue Jahr baldigst die dunklen Wolken verscheuchen, die sich an unserem Wirtschaftstzimmel zusammevbraucnl