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Nr. 77

Dienstag, den 28. Juni 1927

79. Jahrg.

Amtliche Bekanntmachungen.

Landratsamt.

Am 15. Juli d. Js. gehen die Zuchthengste des Land­gestüts Dillenburg wieder von hier fort.

Die Herren Bürgermeister und GutSvorsteher ersuche ich, dafür zu sorgen, daß alle Deck- und Fohlengelder b e- stimmt bis zum angegebenen Zeitpunkte an die hiesige Deckstellenkasse eingezahlt werden, andernfalls sofort deren zwangsweise Beitreibung erfolgen muß.

Schlüchtern, den 23. Juni 1927

Der Landrat. J. V.: Rehmert.

J.-Nr. 5241. Der Landweg von Seidenroth nach Ahl wird wegen Vornahme von Jnftandsetzungsarbeiten für jeg­lichen Fuhrwerksverkehr gesperrt.

Uebertretungen werden nach der Straßenverkehrsordnung vom 24. 9. 1926 Beilage zum RegierungSamtöblatt Nr. 40 von 1926 bestraft.

Schlüchtern, den 25. Juni 1927.

Der Landrat. I. V>: Rehmert.

Eine Köpenickiade in Paris.

Leon Daudet aus dem Gefängnis befreit.

Wie aus Paris gemeldet wird, sind die im Gefäng­nis La Sants zur Verbüßung ihrer Strafen unterge­brachten Leon Daudet, der Geschäftsführer der Action Francaise, Delest, und der Generalsekretär der kommu­nistischen Partei Ssmarö auf Grund einer Mystifika­tion des Gefängnisdirektors entlassen worden.

Leon Daudet, der bekannte Royalistenführer, dessen unentwegteste" Anhänger sichCamelots du roi" nen- nen, war in eiMN Beleid igunüLprozeß zu fünf Mv naten Gefängnis verurteilt worden und hatte zur Zeit diese Strafe zu verbüßen. In der Redaktion derAc- tion Francaise" feierte man seine Befreiung mit einem Sektgelage. Ueber die Art, wie sie durchgesetzt wurde, gab man hier folgende Darstellung:

Wie die Befreiung geschah.

Gegen 1 Uhr Mittag begab sich ein Camelot du Roi in das Ministerium des Innern. Elf andere Mit­glieder der royalistischen Jugendorganisation verteil­ten sich auf elf Cafes, die in der unmittelbaren Nähe des Ministeriums gelegen sind, und verlangten sämt­lich gleichzeitig die Telephonverbindung mit dem Mi­nisterium des Innern, um die Telephonleitungen zu blockieren. Der Camelot, der sich ins Ministerium des Innern begeben hatte, ließ sich von dort aus eine Ver­bindung nach dein Gefängnis geben und den Gefäng­nisdirektor ans Telephon bitten, dem er mitteilte:

Im Ministerrat ist die Freilassung von Leon Daudet, Delest, dem Geschäftsführer derAction Francaise" und dem Generalsekretär der Kommnni- stischen Partei, Semard, beschlossen worden. Ich bitte Sie, um Kundgebungen zu vermeiden, die drei In­haftierten sofort unauffällig aus dem Gefängnis zu entlassen."

Der Unterdirektor des Gefängnisses, der dieses Ge­spräch entgegennahm, gab seiner Verwunderung dar­über Ausdruck, daß man den Kommunisten freilassen wolle,- über die Freilassung Daudets war er nicht er­staunt. Der Camelot du Roi antwortete ihm in ener­gischer Weise:Sie haben sich darum gar nicht zu küm­mern. Es liegt ein formeller Beschluß der Regierung vor. Sie werden in Kürze Aufklärung erhalten."

Hierauf wollte der Direktor des Gefängnisses sich vergewissern und rief das Ministerium an, dessen elf Leitungen besetzt waren, so daß er nur eine Verbin- vung, und zwar die mit dem Camelot du Roi erlangte. Der Direktor erklärte, man habe soeben vom Jnnenmi- Werütm telephoniert und die Freilassung von Daudet und Semard angeordnet. Er möchte sich vergewissern, ob die Nachricht richtig ist. Der Camelot du Roi ant­wortete:Ich selbst habe den Befehl des Ministers übermittelt, beeilen Sie sich. Ich bin der Unterdirektor seines Privatkabinetts und wenn der Befehl nicht so­fort ausgeführt wird, werde ich dafür verantwortlich gemacht. Das kann zu Unannehmlichkeiten führen, denn die Presse ist bereits von der Tatsache unter­richtet."

Daraufhin begab sich der Direktor sofort in die Zelle Daudets, der sehr überrascht war, vor Erregung 3it weinen begann nnd den Gefängnisdirektor um­armte. Dieser forderte Daudet auf, möglichst schnell seine Kleider zu packen und das Gefängnis zu ver­lassen. Darauf begab er sich mit der gleichen Nachricht l« die Zelle von Delest. Inzwischen hatten die Came­lots du Roi vor dem Gefängnis eine Kraftdroschke vor- mhren lassen. Der Gefängnisdirektor begleitete die bei- den Entlassenen bis zur Schwelle des Gefängnisies. Sie bestiegen das Auto und fuhren in Richt'"»-> des Boulevards Arago davon.

*

Das Kabinett, das alsbald nach dem Bekanntwer­den des Streiches zusammentrat, beschloß, den Direktor des Gefängnisses La Sante einstweilen seines Amtes zu entheben und gegen ihn ein Disziplinarverfahren einzuleiten. Außerdem wurde eine Untersuchung über die Umstände der Befreiung der drei Gefangenen an­geordnet. Von der Staatsanwaltschaft wurde ein Ver­fahren wegen Amtsanmaßung gegen Unbekannt eingc- leitet.

Die Agentur Havas stellt übrigens fest, daß Dau­det und der Geschäftsführer derAction Francaise" in einer Kraftdroschke aus dem Gefängnis fortfuhren, die der Gefängnisdirektor für sie holen ließ und die in den Gefängnishof einfuhr, damit die beiden angeblich Be­gnadigten unbemerkt das Gefängnis verlassen konnten.

Guter Eindruck in London.

Zur Strefcmavn-Rede.

In der Londoner Presse hat die große Rede Stresemanns eine höchst beifällige Aufnahme gesunden. So schreibt der diplomatische Korrespondent desDaily Telegraph", Strese- Manns Reichstagsrede habe in besonderem in dem Falle, der in der Art einer direkten Antwort auf Poincarss Ansprüche gehalten ist, einen sehr guten Eindruck in London gemacht.

Seine Argumente waren fast durchweg, vom britischen Standpunkt gesehen, ebenso einwandfrei im Ton wie bem In- halte nach, eine seltene Kombination von Festigkeit und Würde mit Maß. Seine Logik war ebenso unanfechtbar. Leider könne die auf dem Spiele stehenden Streitfragen nicht durch oratorische Wettbewerbe geregelt werden; werden sie doch immer mehr ein Gegenstand großer Besorgnis in Europa.

Bemerkenswert ist die außerordentliche Bedeutung, die der Rede von Luneville sofort sowohl von der amerikanischen und von der britischen Meinung beigemessen wurde.

Zur Interpellation über die Poincars-Rede.

Der französische Abgeordnete Leon Blum setzt sich im sozialistischenPopulaire" mit dem Zweck seiner Interpellation "über die Piunr<cw-AtzweckN"LmrevtM'aNMkurmder. "SOfwrek-r: Die Rede von Luneville hat der ganzen öffentlichen Meinung Frankreichs wie im Auslande den Eindruck eines Planes der Aenderung der gegenwärtigen Richtung der Politik gegeben. Es ist möglich, daß dieser Eindruck nicht im Sinne Poincarss gelegen hat. Vielleicht ist Poincars das Opfer seiner 0 rar 0 rifch en Ge p fl 0 ge n h e ite n I geworden oder das Opfer seines Gedächtnisses. In diesem I Falle ist es notwendig, dieses Mißverständnis zu beseitigen. { Als noch eine andere politische Frage wirft Leon Blum in diesem Zusammenhang auf, indem er schreibt: Wenn in der politischen Leitung oder richtiger gesagt in der psychologischen Leitung unserer Beziehungen zu Deutschland eine Aenderung - eintritt, handelt es sich dann um das persönliche Werk Poin- cares oder um eine Gesamtmaßnahme der Regierung? Man muß wissen, ob Poincars und Herriol ihren Erklärungen in London und Genf treu geblieben sind, und man muß wissen, ob die ehemalige Mehrheit vom 11. Mai, die sich auf anderen Gebieten gelockert hat, sich wieder zusammengefunden hat.

Sie Meutereien in Frankreich.

Kommunistische Reservisten.

Zum erstenmal seit dem Krieg sind die französischen Reser­visten in diesem Jahre zu Uebungen einberufen worden. Es kam dabei in Bourges und Bourg-Lastic zu antimilitärischen Kundgebungen, die den Kommunisten in die Schuhe geschoben werden. Auf eine Anfrage des Matin äußert sich der Kriegs­minister Painleve zu diesen Fällen in ziemlich beruhigender Weise, obwohl auch der Regierung nahestehende Kreise das Gespenst der Revolution in den denkbar größten Umrissen an die Wand malen. Painlevs sagt unter anderem:

Die Berichte der verschiedenen militärischen Führer, und im besonderen der Korpskommandanten sind in ihrer Gesamt­heit ausgezeichnet. Die Reservisten haben nicht nur ihre Pflicht getan, sondern waren mit ganzem Herzen bei ihrer Aufgabe, und zwar tu um so befriedigenderer Weise, als die cinbcrufene Jahresklasse vom Jahre 1920 nur eine sehr unvollkommene Ausbildung erhalten hatte. Die Zwischenfälle beweisen, daß die zukünftigen Reservisten beeinflußt werden sollten, was jedoch nur bei einer verschwindend geringen Zahl Erfolg hatte. Zusammen handelt es sich etwa um 250 Mann von 20 000.

Auf den Rat des Generals Rollet, des Inspekteurs des betreffenden Armeekorps, wurde das Reservistenregiment auf das Uebungsgelände von Mailly gebracht, wo es heiter keinen Anlaß zur Kritik gab. Der dritte Zwischenfall von Bourg-Lastic ist beträchtlich übertrieben worden. Der Kommandierende General des XIII. Armeekorps, der wegen seiner Energie be­kannt ist und im Ruhrgebiet während der Besetzung bett Effen- bahnluenst organisiert und befehligt hat, war der Ansicht, daß die Haltung aller Offiziere durchaus der Lage entsprach und man den Hetzern sogar einen Dienst geleistet hätte, wenn man der Angelegenheit eine übertriebene Bedeutung hätte beimessen wollen.

Dr. Stresemann hat Sonntag vormittag in Begleitung seiner Gattin die angekündigte Reise nach Oslo angetreten.

Ein mit Reichsbannerleuten besetztes Automobil wurde hinter Münchcberg in der Mark von noch unbekannten Personen überfallen und beschossen. Eine Person wurde ge­tötet, mehrere teils leicht verletzt.

Der Geld- und Anleihemarkt.

Die Effektenmärkte stehen immer noch unter dem Zeichen der Stagnation: Es herrscht ausgesprochene Lustlosigkeit, und die Geschäftstätigkeit hält sich in engsten Grenzen. Wenn auch die Gesamttendenz etwas freundlicher zu werden scheint, so läßt doch die Ungewißheit über die weitere Gestaltung des Geldmarktes keinen rechten Schwung im Effektenverkehr auf­kommen. Nur in einzelnen bevorzugten Spezialwerten, so z. B. in den Aktien der Glanzstoff-Bemberg-Konzern, in Zell­stoff Waldhof-Aktien, ist eine stärkere Bewegung und ein etwas lebhafteres Interesse festzustellen. Man ist noch nicht sicher, ob die leichte Besserung, die soeben aus dem Geldmarkt ein­getreten ist, auch anhalten wird. Zu Anfang der Woche schien es, als oh aus der Zuspitzung der Geldmarktlage für die Effektenmärkte eine ernste Gefahr erwachsen würde. Tatsäch­lich war das Angebot an Privatdiskonten beständig höher als die Nachfrage, die schon aus dem Grunde begrenzt wir, weil die Rediskontierungsmöglichkeiten für Wechsel im Auslande, insbesondere in England, trotz der Erholung der deutschen Diskontrate nicht in erwünschtem Umfange bestehen. Der Privatdiskontsatz mußte infolgedessen mehrmals Erhöhungen erfahren, zuletzt um % Prozent auf 5% Prozent, wodurch sich die Spanne zwischen Privatdiskontsatz und offizieller Dis­kontrate, die kurz uach der Diskonterhöhung auf 1 Prozent angewachsen war, wieder auf % Prozent vermindert hat, so daß also damit annähernd der Zustand erreicht ist, der vor der Diskonterhöhung bestanden hat. Die Tatsache, daß die Bank von England wider Erwarten ihren Diskontsatz nicht heraufgesetzt hat, hat zwar etwas entspannend gewirkt, so daß sich der Umfang des Wechselangebots in etwa der Nachfrage angepaßt hat, unverkennbar ist aber, daß ein großer Teil der Wechfeleinrichtungen zur Finanzierung von Devifenkäufen (die ihrerseits durch die dauernd passive Handelsbilanz bedingt sind) dient, daß also hier ein kontinuierlich starker Geldbedarf oorliegt, der vorderhand eine fühlbare Einschränkung nicht er­fahren dürfte. Viel ausschlaggebender für die leichte Gmt- spannung, Sie auf dem Geld und Kapitalmarkt eingetreten ist, mag die vorsorgliche Politik der Banken getvesen sein, die er- *^e^.n tüßt^datz-sich int Befürchtungen für den bevorstehen­den Ultimo als nicht berechtigt erweisen werden.

So ist Tagesgeld infolge der starken Vorversorgung zum Ultimo wieder reichlich angeboten, während Monatsgeld mit 6% bis 8% immer noch recht teuer und fast nur in Prolon- gationsfällen zu haben ist. Wenn es gelingt, die neue 5 Mill.- 1 Anleihe der Stadt Berlin noch vor dem Ultimo hereinzu- I bringen, so dürfte der bevorstehende Ultimo sogar besonders leicht überwunden werden.

Ueberhaupt ist für die nächste Zeit ein verstärktes Her­einströmen ausländischer langfristiger Gelder zu erwarten. Es sei nur erinnert an die bevorstehende 20 Mill.-Dollar-An- leihe, die der Freistaat Sachsen soeben in England abgeschlossen hat, und an die neuerdings wieder recht zahlreichen Auslands- Anleihen industrieller Unternehmungen. Da es sich um Be­träge handelt, die in ihrer Gesamtheit recht beträchtlich sind, so darf man annehmen, daß durch die hereinkommenden M1- tel auch der Effektenmarkt neue Antriebe erhalten wird, ganz abgesehen davon, daß damit ohne weiteres eine Erleichterung der Geldmarkt!^« eintreten muß. Immerhin ist vorläufig die Spekulation noch sehr zurückhaltend, das Publikum ver­hält sich abwarterrd.

Die deutsch-französische» Verhandlungen gefährdet.

Die Berliner Blätter beschäftigen sich eingehend mit den französisch-deutschen Handelsvertragsverhandlungen, die in ein kritisches Stadium getreten sind.

Es ist damit zu rechnen, daß am 30. Juni nach Ablauf des Provisoriums ein vertragsleerer Zustand eintritt. Nach­dem der französische Handelsminister erklärt hatte, daß der französische Zolltarif kaum vor dem 1. Januar nächsten Jahres zur Verabschiedung kommen werde, hat sich eine Situation ergeben, die trotz redlicher Bemühungen auf beiden Seiten den Abschluß eines nochmaligen Provisoriums unmög­lich macht.

Die deutsche Delegation hat den Vorschlag gemacht, ein vorläufiges Handelsabkommen zu schließen, das Geltung haben soll, bis der neue französische Zolltarif in Kraft tritt, mindestens aber für ein Jahr. Dieser Vorschlag ist jedoch von der französischen Regierung abgelehnt worden. Von fran­zösischer Seite sind Gegenvorschläge gemacht worden, die aber im Grunde genommen immer wieder auf eine f ü r De u t s ch- land unannehmbare vorläufige Teilrege - lung hinanslaufen. Die Verhandlungen sind zwar noch nicht endgültig abgebrochen, jedoch ist es zweifelhaft, ob noch eine Verständigung erfolgt. Wenn vom 1. Juli ab ein ver- tragsloser Zustand eintreten wird, so bedeutet dies jedoch keinesfalls einen Handelskrieg. Es ist zu erwarten, daß von keiner Seite etwas Aggressives gegen die andere Seite unter­nommen werden totrb. Während der Geltungsdauer des letzten Provisoriums waren übrigens nur 17 Prozent aller in Betracht kommenden Positionen geregelt, während für die übrigen bereits ein vertragsloser Zustand vorhanden war. Was in diesem Zusammenhang die Frage des bestehenden deutsch-französischen Eisenpaktes anbetrifft, so wird jedenfalls die deutsche Regierung den Vertragslosen Zustand nicht zum Anlaß einer Kündigung des Vertrages machen. Deutschland will ferner vorschlagen, die beiden kleinen Saarabkommen zu verlängern, bei denen es sich in der Hauptsache um die Eiseneinfuhr handelt.