Nr. 67 (1. Blatt) Samstag, den 4. Juni 1927
79. Jahrg.
Amtliche Bekanntmachungen.
Landratsamt.
I.-Nr. 4317. Die Grtspolizeibehörden werden ersucht, die Eltern der im Iahre 1926 geborenen und noch nicht geimpften Rinder nochmals daraus aufmerksam zu machen, daß alle Rinder vor dem Abläufe des aus das Geburtsjahr folgenden Ralenderjahres geimpft werden müssen.
Alljährlich wird die Unterlassung der Impfung einer immer größeren Anzahl Rinder damit entschuldigt, daß die Kinder zur Zeit der Impfung krank gewesen seien, ohne daß ärztliche Zeugnisse darüber vorgelegt werden können. Solche mündlichen Entschuldigungen sind aber nach den gesetzlichen Bestimmungen kein ausreichender Grund für die Unterlassung der Impfung und es müssen deshalb in Zukunft in allen solchen Fällen die Straf Dorf fristen des Impfgesetzes zur Anwendung kommen.
Schlüchtern, den 28. Mai 1927.
Der Landrat. I. D.: Schultheis.
I.-Nr. 4517. Diejenigen Herren Bürgermeister, welche mit der Erledigung meiner Verfügung vom 9. v. Mts. — Nr. 3634 — (Schl. Ztg. Nr. 57) betr. Feststellung der Zahl der Wohnungsuchenden nach dem Stande vom 16. Mai 1927 noch im Rückstände sind, werden hiermit daran erinnert.
Schlüchtern, den 2. Iuni 1927.
Der Landrat. I. V.: Schultheis.
I.-Nr. 4470. Die Grtspolizeibehörden des Kreises mache ich auf die Polizeiverordnung vom 18. d. Mts. — Regierungsamtsblatt S. 111 — aufmerksam.
Schlüchtern, den 31. Mai 1927.
Der Landrat. I. v.: Schultheis.
I.-Nr. 4277. In Abänderung meiner Verfügung vom 24. Mai d. Is. Nr. 4303 — Schl. Ztg.. Nr. 64 — betr. Lodenbenutzungserhebung, ersuche ich die Herren 3ü» ^ ’ meister und Gutsvorsteher die zweite Aufstellung des Erhebungsbogens ebenfalls bis zum 15. d. Mts. mithier- her einzureichen.
Schlüchtern, den 1. Iuni 1927.
! Der Landrat. I. V.: Schultheis.
Allgemeine Ortskrankenkafse Schlüchtern.
Fünfzehnter Nachtrag zur Satzung der Allgemeinen Ortskrankenkafse für den Kreis Schlüchtern.
In der Ausschußsitzung am 4. Mai 1927 wurde wie folgt beschlossen:
An Stelle der in dem unter der Bezeichnung „Gilt als 14. Nachtrag" zur Satzung der Allgemeinen Ortskranken- lasse für den Kreis Schlüchtern vom Vorstand auf Grund der Verordnung vom 1. 12. 1923 N. Ges. Bl. Nr. 124 Seite 1165 festgesetzten Grundlohnstufen und Beitragssätze gelten ab 1. Juli 1927 wie folgt die nachstehenden Festsetzungen und Aenderungen.
Zu § 19.
Zu 1 und 11.
a„ Täglicher Arbeitsverdienst: b. Grundlohnstufen:
1........bis 0,75 R.-M. 1. Stufe = 0,60 R.-M.
2. von
mehr als 0,75
„ 1,05
B
2.
//
= 0,90
//
3.
b
B
1,05
„ 1,50
//
3.
= 1,20
»
4.
b
u
1,50
„ 2,10
B
4.
B
= 1,80
B
5.
B
B
//
2,10
„ 2,70
B
5.
B
= 2,40
B
6.
11
//
„
2,70
„ 3,30
B
6.
„
= 3,00
V
7.
//
„
//
3,30
„ 3,90
V
7.
B
= 3,60
B
8.
H
//
//
3,90
„ 4,50
B
8.
B
= 4,20
B
9.
B
//
//
4,50
„ 5,10
B
9.
B
= 4,80
W
10.
„
//
b
5,10 R.-M. u. mehr. 10.
11
= 6,00
»
Zu lll.
1. Lehrlinge ohne Entgelt werden der 1. Stufe zugeteilt.
2. Die in der Landwirtschaft beschäftigten Personen, sowie die Dienstboten werden folgenden Stufen zugeteilt:
a) männliche Personen über 21 Jahre, Stufe 5,
b) weibliche Personen über 21 Jahre, Stufe 4,
c) männliche Personen von 16 bis 21 Jahren, Stufe 4, d) weibliche Personen von 16 bis 21 Jahren, Stufe 3, e) männliche Personen unter 16 Jahren, Stufe 3, f) weibliche Personen unter 16 Jahren, Stufe 3.
Zu IV.
Für freiwillig Beitretende bestimmt der Vorstand die jeweils in Frage kommende Grundlohnstufe.
Zu § 42.
Die Kassenbeiträge werden ab 1. Juli 1927 auf ^/^/o des in § 19 festgesetzte,: Grundlohnes festgesetzt u. s. w. wie seither. '
An Stelle der Beitragssätze in § 42 unter a und b, treten darnach ab 1. 7. 1927:
für die Stufe 1 . . . = 0,21 R.-M. „ „ „ 2 . . . — 0,30 „ „ „ „ 3 . . . = 0,39 „
„ „ 7 . . . 1/14 „ m » „ 8 . . . = 1,32 „ „ „ „ 9 . . . = 1,53 , „ „ „ 10 . . . = 1,89 „
Zu § 62 und 68 e.
In § 62 und 68 e tritt an Stelle von 3 bezw. 51/4°/0 ebenfalls ab 1. 7. 1927 — 41/2°/0, sonst wie seither.
Schlüchtern, den 12. Mai 1927.
Der Vorstand der Allgemeinen Ortskrankenkasse für den Kreis Schlüchtern.
Preiß, Vorsitzender.
*
Genehmigt! Kassel, den 21. Mai 1927.
Oberversicherungsamt. Der Vorsitzende: 11 166/27 (S.) von Lentze.
StadtGchlüchtern
BekanutmaHung.
Der Betrieb der städtischen Badeanstalt wird am 7. Iuni bs. Is. eröffnet.
Die Ladezeiten sind wie folgt festgesetzt Montag, Mittwoch, Freitag und Samstag 5—8 Uhr- für Männer,- 2—5 Uhr nachmittags für Frauen. Dienstag und Donnerstag 2—5 Uhr nachmittags für
Männer,- 5—8 Uhr nachmittags für Frauen.
Sonntags 7—8 Uhr vormittags für Männer: 8—9
Uhr vormittags für Frauen.
Die Ladeprekse bleiben die vorjährigen.
Schlüchtern, den 3. Iuni 1927.
Der Magistrat. Gaentzlen.
Am Samstag, den 4. Iuni 1927 vormittags 8Vs Uhr wird auf dem Rathaus — Ranzlei — der Schafpfer^öf- fentlich verpachtet.
Schlüchtern, den 2. Iuni 1927.
Der Magistrat. Gaentzlen.
Ser britisch-russische Sruch.
„Der erste Schritt zum Krieg."
In der Versammlung der Sowjets in Moskau machte der Kommissar Rhkow nähere Mitteilungen über die englischrussischen Differenzen, wobei er u. a. erklärte:
Die Tatsachen und die Ereignisse der letzten zwei Monate rechtfertigen den Bruch nicht. Die erhobenen Beschuldigungen beruhten auf gefälschten Dokumenten. Die Erklärungen der englischen Regierung habe keinerlei triftige Beweis enthalten. Er wies darauf hin, daß der Bruch mit der Tagung de-Weltwirt- schaftskonferenz, auf der selbst Balfour die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit der Sowjetunion mit den kapitalistischen Staaten anerkannte, zufammenfiel.
Bezüglich der Spionage Englands in Rußland stellte Rhkow fest, daß die englische Mission sich in den letzten Tagen damit befaßt habe, Schriftstücke zu verbrennen, obgleich die Sowjetunion nicht daran denke, Uebersälle auf exterritorialeRäumlich- keiten vorzunehmen. Der Bruch sei ein Versuch der englischen Regierung, über die Mißerfolge der Innen- und Außenpolitik hinwegzutäuschen und die Offensive gegen die Arbeiterklasse zu bemänteln. Er sei der erste Schritt zum Krieg. Die Hoffnung Baldwins, die Handelsbeziehung ohne diplomatische Beziehungen aufrechtzuerhalten, sei durchaus illusorisch. Der Kriegsgefahr werde die Sowjetunion eine unverrückbare Friedenspolitik entgegensetzen. Der Bruch sei letzten Endes kein Schlag gegen die Sowjetunion, sondern gegen England gewesen.
Zuspitzung der Lage in Lhina.
Englisch-französische Maßnahmen.
Wie der „Matin" berichtet, bezog sich eine Unterredung, nie Außenminister Briand mit dem englischen Botschafter Lord C r e w e hatte, auf die Entwicklung der Ereignisse in China. Es sei aller Grund zu der Annahme vorhanden, daß der englische Botschafter im Laufe dieser Unterredung auf die lebhafte Beunruhigung, die sich in diplomatischen Kreisen in Peking äußere, aufmerksam gemacht habe. Es scheine, daß das Londoner Kabinett infolge des starken Vorrückens der Südtruppen auf Peking und wegen der ernsten Folgen, die sich daraus ergeben könnten, schon jetzt der Ansicht sei, daß die Großmächte die notwendigen Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit ihrer Staatsangehörigen und deren eventuellen Abtransportierung nach den verschiedenen Hafenstädten ergreife« müßten.
Gedanken in der Pfingstwoche
Kr. Kr. Nur wer des Geistes voll ist, nur wer heiligen Geistes voll ist, heften Rede, besten Gedanken formen sich so, daß aller Menschen Ohren sie empfangen, sie aufnehmen können, daß sie allen Menschen, welcher Sprache, welcher Nation, welchen Kultur- und Sittenkreis sie ange- hören mögen, daß sie a l l e n v e r st ä n d l i ch werden. Cs sind die Gedanken, die aus dem Urgrund der menschlichen Seele aufsteigen, die so allmenschlich sind, daß sie, in welcher Sprache sie auch ausgedrückt werden mögen, ihren Gleich- klang in jedem Menschenherzen finden und so verstanden werden. Das war das tiefste Geheimnis der Lehre Jesu Chllsti. Das war das Geheimnis ihres ungeheuren Erfolges. Diese geheimnisvolle Macht in ihr wirkte sich so aus, daß heute die ganze Welt, jedes Menschendasein auf dieser Erde so oder so durch sie bestimmt ist. Auf dieser Macht Christi beruht b t e Stellung Europas in der ganzen Welt, die Ueberlegenbeit der europäischen Kultur und Sitte über die ganzen Reste alter Kulturen, die noch in unsere Zeit hinein, agen. Wie der amerikanische Kontinent heute ein Kind Europas ist, so werden in den nächsten Jahrhunderten auch die anderen Kulturreiche, vor allem Asien und Afrika völlig europäisiert sein. Ihre ganze sittliche und moralische Gestaltung wirb 'sich nach Europas Vorbild richten. Ueberall, wo andere Kulturen noch ragen, stehen sie in der Umwandlung, bestimmt durch europäische Einflüsse. Oder sie sind im Absterben begriffen, weil die äußere Gestaltung des Lebens ihrer Träger sich na* europäischem Muster schon gewandelt hat und sie so in ihm keine Ausdrucksmöglickkeit mehr findet.
Dieser Prozeß der Welteroberung durch die Lehre Christi begann mit jenem Tage nach Christi Himmelfahrt, als seine Jünger den versammelten Völkern die neue Botschaft verkündeten und jedermann glaubte, sie sprächen in seiner Sprache. Die Jünger Christi, die seine Heilskehre mit feurigen Zungen predigten, sie wurden von allen verstanden, denn diese Lehre war aus dem göttlichen Menschenherzen entsprungen, aus dem alle Menscken mit . gleicher Liebe Mnfassendep, alle 9$elf mit gleicher Güte be- Tickenden Herzen des Menilbensobnes, der Gott ist. Alle, die diese Lehre hörten, erkannten, daß sie für sie verkündet wurde, daß sie ihnen das Leben zur oöttlicken Wallfahrt aus Erdendunst in Seligkeit verwandelten. In diesem beseli- s genden Gedanken lieat. für den Menschenoeist allein der tiefste Sinn des Daseins, das, wenn es nur die animalische Existenz, bedeuten würde, nickt werk wäre gelebt zu werden. Ueber uns hinaus sollen wir schaffen. Ueber uns, F über unser täglickes Leben her Notdurft hinaus sollen wir uns gestalten, um zur vollen Freude und Bejahung unseres Daseins zu aelangen. Auf diesem Wege ist uns die Lehre Christi die Leuckte. Sie wirft ihre Strablen bis tief in die fernsten Erdwinkel bis in die tiefsten Gründe der Men- sckenseele, wo sie auch wohnen mag, in welckem Laute sie sich auck immer kundaeben mag, in welckem Körver sie auck stecken mag. In diesen Strahlen göttlichen Lichtes wachen die Menschen auf zu neuem Dasein.
Den Strahlen dieser Himmelsleuckte aefolgt zu sein, das hat Europa zur Mutter aller anderen Erdteile gemacht. Von den Völkern Europas empfangen die anderen Völker den Segen neuen Lebens. Es ist keine Ueberbeblichkeit/ die solches der europäiscken Seele zuspricht. Im Gegenteil, es ist die demütige Erkenntnis dieser Sendung, dieser Mission Europas die den europäischen Men- scheu als Träger dieser Mission stärker verpflicktet, ibm ernstere Pflickten auferlegt als iedem anderen Erdenvolk. Das Wunder, das den Jüngern Christi an jenem ersten Pfingst- feste offenbar wurde, daß sie von allen verstanden und erkannt wurden, das wirkt noch heute fort in den Trägern europäischer Geisteskultur. Das ist die hohe Sendung Europas, der europäischen Menschen Das ist die tiefe Verpflichtung Europas vor dtzm himmlichen Willen.
Es will oft scheinen, als ob Europa dies vergessen hätte, als ob die Europäer ungehorsam würden dem göttlichen Wort. Wofür die Furcht Gottes über sie kommt, um sie mit allen Himmelsstrafen zur Erkenntnis zurückzuführen! Wenn die Europäer ihre heutige Stellung unter den Völkern der Erde mit klaren Augen betrachten, mag es ihnen wohl bang um ihre Zukunft werden. Nicht wenige gute Europäer hat denn auch ein dunkler Pessimismus erfaßt. Sie sprechen vom Untergang Europas, sprechen davon, daß das altersschwache Europa über kurz oder lang seine Sendung an das junge amerikanische Volk abgeben müsse. Gerade im Hinblick auf Amerika möchte es manchem scheinen, als ob sich jener Vorgang wiederhol- '-'Ute, der sich in der Antike abspielte, als das'junge gesck. . Jü*tige Rom das alte, gelehrte und weise Athen eroberte. Mit Waffen, mit Geld und Technik war zwar Rom der Sieger . . . Aber Kunst, Geist und Wissenschaft Athens gingen nicht unter. Im Gegenteil, sie eroberten die junge Welt der römischen Seele und feierfen ein neues Auferstehen.
Es war nicht Deutschland allein, das in dem grossen Kriege vor der Waffengewalt und Geldmacht erlag. Es war Europa. Es war Europa, ganz Europa, das in dem großen Kriege von der Waffenmacht, von den Geldkräften Amerikas überwunden wurde. Gerade in diesem Sinne gewinnt die Hartnäckigkeit Amerikas, womit es auch darauf besteht, daß auch seine Verbündeten die Kriegs-