Nr. 65 Samstag, den 31. Mai 1927 79. Jahrg.
Amtliche Bekanntmachungen.
Landratsamt.
I.-Nr. 4213 II. Der Herr Nreismedizinalrat wird am Mittwoch, den 8. 3uni d. 3s. von vormittags 9 Uhr ab im hiesigen Kreisläufe Sprechstunden halten. Um Mittwoch, den 1. Juni d. 3s. fallen die Zprechstunden aus.
Schlüchtern, den 28. Mai 1927.
Der Landrat. 3. V: Schultheis.
3.-Hr. 4369. Um Sonnabend, den 18. 3unt d. 3s. von vormittags 8 Uhr ab findet in Schlüchtern, Ulte Bahnhof- straße 13, die Gesellenprüfung für Maurer und Zimmerer statt.
Lehrlinge, welche bis dahin ihre Lehrzeit beendet haben, müssen sich unter (Einreibung des Lehrvertrages, Lehr- zeugnis und des Zeugnisses der Fortbildungsschule baldmöglichst bei dem dimmermeifter, Herrn Philipp! in Schlüchtern anmelden.
Schlüchtern, den 25. Mai 1927.
Der Landrat. 3. D.: Schultheis.
Kreisausschutz.
3.=Hr. 2229 K. U. Bei der am 14. Mai d. 3s. in Schlüchtern stattgefundenen Körung sind die 3ungbullen der nachstehend aufgeführten Besitzer angekört worden:
Nath. Uohlhepp Witwe in Schwarzenfels mit 70,5 Punkten, Witwe Hilberg in Gundhelm mit 73,5 P., Heinrich Gärtner in Sterbfritz mit 83,5 P., Karl Uohlhepp in Schwarzenfels mit 76 P., derselbe mit 70 P., Udam Simon in Gundhelm mit 70 p., Johann Georg Werthmann in Schwarzenfels mit 74,5 P., Johannes Uffelmann in Elm mit 74,5 p., derselbe mit 72,5 p., Udam Zelter in Mott- gers mit 70 p., Gutsverwaltung in vollmerz mit 71,5 P., dieselbe mit 70,5 p., dieselbe mit 76,5 p., dieselbe mit 74 P., .dieselbe JÜt 72 P., dieselbe mit 74 P., GemNnde Sterbfritz mit 82,5 p., Udam Fuß in Ultengronau mit 79 p.
Schlüchtern, den 27. Mai 1927.
Der Landrat. v. Trott zu S0I3.
Stadt Schlüchtern. ”
Bekanntmachung
Die Holzkäufer werden hierdurch aufgefordert, die Holz» verabfolge-Zettel aller Termine bei der Stadtkasse Schlüchtern innerhalb 8 Tagen abzuholen.
Schlüchtern, den 23. Mai 1927.
Der Magistrat. Gaeußlen.
Eine Reichsflagge in München verbrannnt.
Unlätzlich einer Zusammenkunft des Reichsbanners, an der auch Reichskanzler a. D. Dr. Wirth und Dberpräfident Hörsing teilnahmen, war aus dem Gewerkschaftshaus in München die schwarz-rot-goldene Reichsflagge gehißt worden. Gegen 10 Uhr abends erlosch plötzlich die Straßenbe- leuchtung und die Fahne ging in Flammen auf. Der Mon- tags-post zufolge kommt als Täter ein junger Mann in Windjacke in Frage, der an der Dekoration des Hauptportals emporgeklettert war, die Fahne mit Benzin bespritzte und sie dann angezündet hatte, während ein Kom= plize das Ubblenden und Wiedereinschalten der Straften« Beleuchtung besorgte.
Ein Deutscher erster Inhaber der Goldenen Lorentz- Medaille.
Amsterdam, 30. Mai. In einer außerordentlichen Sitzung der Naturwissenschaftlichen Abteilung der Kitz niglich Niederländischen Akademie der Wissenschaften wurde dem bekannten Berliner Physiker Pros. Dr. Planck die Goldene Lorentz-Medaille feierlich überreicht. Diese Auszeichnung wurde anläßlich des 50 jährigen Doktorjubiläums des holländischen Physikers Dr. Lorentz am 31. Oktober 1925 von der Niederländischen Akademie der Wissenschaften zum Zwecke der Anerkennung bedeutender Leistungen auf dem Gebiete der Naturwissenschaften gegründet und soll alle vier Jahre verliehen werden. Professor Dr. Max Planck ist der erste Inhaber der Medaille.
— Der Reichspräsident hat am Sonntag mittag eine Reise nach Hamburg und Schleswig-Holstein angetreten.
— Die Sowjetregierung ließ am Sonntag dem britischen Geschäftsträger als Antwort auf die Note der englischen Regierung eine Antwortnote überreichen, in der die Beschuldigungen der englischen Regierung als unbegründet zurückgewiesen werden.
— In der Nähe von Warschau wurde eine Abteilung Soldaten, die in einem Heuschober übernachteten, von Feuer überrascht. 7 Soldaten wurden getötet, 14 so schwer verbrannt, daß an ihrem Aufkommen gezweifelt wird. 15 weitere erlitten leichtere Verletzungen.
Tschitscherin kommt nach Berlin.
BesprechungenmitStresemaun?
Der russische Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten Tschitscherin ist zur Fortsetzung seiner Kur nach Frankfurt am Main zurückgekehrt. Wie die Londoner Blätter erfahren haben wollen, soll er Paris mit der Zusicherung Briands verlassen haben, daß Frankreich nicht beabsichtigt, die diplomatischen Beziehungen mit Rußland abzubrechen. Briand soll Tschitscherin jedoch darauf hingewiesen haben, daß Frankreich eine propagandistische Einmischung der Russen in die innere französische Politik nicht gestatten werde.
Auf seiner Rückreise nach Moskau wird Tschitscherin Berlin berühren und voraussichtlich zwischen Sem 6. und 10. Juni in der Reichshauptstadt eintreffe«. In politischen Kreisen nimmt man an, daß er sich einige Tage in Berlin anfhalten und eingehende Besprechungen mit dem Außenminister Dr. Stresemann haben wird.
Nach dem offiziellen Bruch zwischen Rußland und England haben auch in Berlin diplomatische Besprechungen stattgefunden, aus denen man offenbar ku den beteiligten Kreisen zunächst die Auffassung gewonnen hat, daß der Konflikt nach außen hin sich nicht aus andere Staaten ausdehnen wird.
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Die Abreise der Russen aus London.
Der „Daily Herald" berichtet, daß der russische Geschäftsträger R 0 s e n g 0 l z wahrscheinlich am Mittwoch oder Donnerstag London verlassen werde. Eine Anzahl Kisten und Koffer aus dem Sowjethaus sind au Bord des russischen 2000-Tons-Dampfers „Jous- har" geschafft worden, der auch eine Anzahl von So- wjctbeamten nach Rußland bringen wird. Das Schiff, das am Dienstag abfahren soll, wird von der Polize" sorgsam bewach:.
Wie der Vorsitzende der russischen Handelsdelegation K h i n t s ch u k erklärte, werden die Arcos-Gesell- schaft und die staatlichen Sowjetorganisationen, die in England tätig waren, ihre Tätigkeit einstellen, dagegen werden die Russisch-Britische Getreidegesellschaft und ähnliche private Unternehmungen ihre Arbeit fortser- zen, wenn keine Hindernisse in den Weg gelegt werden.
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Die Engländer erhalten ihre Pässe.
Entsprechend dem Vorgehen der Londoner Regierung hat die Sowjetregierung am Sonnabend den Mitgliedern der englischen Mission in Moskau ihre Pässe zugestellt. Die Engländer werden in den nächsten Tagen abreisen, sobald sie die Geschäfte dem Vertreter Norwegens, das auf Bitten Englands die Wahrung der britischen Interessen in Rußland übernommen hat, übergeben haben.
Der deutsche Russenschutz.
Berlin, 29. Mai. In Berliner diplomatischen Kreisen, auch in den Kreisen der hiesigen fremden diplomatischen, Vertretungen, wird allgemein anerkannt, daß der Entschluß des Auswärtigen Amtes, dem Wunsche der Russen entsprechend den diplomatischen Schutz in London zu übernehmen, keinerlei Option der Reichsregierung im englisch-russischen Streit bedeutet. Nach Lage der Dinge war eine Ablehnung des russischen Ersuchens unmöglich. Dazu kommt, wie in diplomatischen Kreisen ausdrücklich hervorgehoben wird, daß Deutschland ohnehin als gleichzeitiger Vertragspartner der Locarno-Ver- träge und des Berliner Vertrages für die Rolle des neutalen Vermittlers am geeignetsten erschien. Praktisch wird sich die Uebernahme des Schutzes der russischen Staatsangehörigen in England nur dahin auswirken, daß die deutsche Londoner Botschaft zum Mittler der Wünsche und etwaigen Beschrverden der in England lebenden russischen Staatsangehörigen wird.
Haussuchungen bei Kommunisten in Buenos Aires.
Buenos Aires, 29. Mai. Auf Grund des von der Londoner Polizei bei der Haussuchung tm Arcos-Gebäude gefundenen und im englischen Weißbuch veröffentlichten Adressen- Materials hat die Polizei hier an verschiedenen Stellen Haussuchungen vorgenommen und eine Anzahl Briefe und Zeitungen mit Beschlag belegt sowie mehrere Personen verhafter.
Drohende Kriegsgefahr?
London, 29. Mai. „Daily Herold" gibt den Jichakt der Rede wieder, die Rosengolz aus dem gestern von Mitglieder« der Arbeiterpartei und Gewerkschaftsführern ihm zu Ehren gegebenen Frühstück gehalten hat. Er betonte danach „die Unechtheit des Beweismaterials, auf Grund dessen die britische Regierung gehandelt hat", und sagte, an oberen Stellen habe Leichtgläubigkeit geherrscht, an unteren Stellen aber seien ver- brecheriiche Handlungen begangen worden. Die Gefahr eines neuen Krieges sei niemals so groß gewesen wie augenblicklich
— Wie der „Matin" aus Berlin berichtet, verbreitet man das Gerücht, daß Moskau für das Personal der Arcos nach Ausweisung aus London um die Erlaubnis nachsuchen werde, sich gewisse Zeit in Berlin auszuhalten, um die laufenden Angelegenheiten zu liquidieren.
— Der südafrikanische Ministerpräsident sagte im Parlament anläßlich des Bruches zwischen England und der Sowjetunion, daß die südafrikanische Regierung nicht beabsichtige, augenblicklich irgendwelchen Schritt in dieser Sache zu tun.
Völkerbund und Sowjets.
Kaum ist der Bruch zwischen England und Sowjetrußland gekommen, als sich auch schon in anderen Lagern gewisse An- näherungsversnche an Rußland bemerkbar machen. Zunächst kann man das in Frankreich feststellen, und es ist zweifellos von Interesse, daß derade der bekannte französische Staatsmann Albert Thomas in einem großen Bericht an die Arbeitskon- erenz die Zusammenarbeit des Völkerbundes mit Moskau be- ürwortet. So schreibt er im Anschluß an frühere Völkerbund- feindliche Kundgebungen Tschitscherins:
„Wie groß auch immer der Radikalismus ist, den solche Erklärungen vorgeben — wie lange wird sich Rußland außerhalb der Gemeinschaft der Staaten halten können? Wird es unterscheiden können zwischen politischen Beziehungen mit verschiedenen Völkern und der Zusammenarbeit mit dem Völkerbund? Sollen wir von den rein politischen Verträgen, Neutralitätsverträge genannt, sprechen, die es bereits mit der Türkei, dem Deutschen Reiche, Litauen und Lettland geschlossen hat, von den wirtschaftlichen Verträgen, die es geschlossen hat mit Deutschland, von Handelsabmachungen mit Norwegen, Polen, Dänemark oder Finnland? Hat der Bund der Sozialistischen Räterepubliken im letzten Jahre nicht internationale Abkommen ratifiziert, an denen das alte russische Reich beteiligt war? Müssen ferner nicht auch, trotzdem Rußland in der Weltwirtschaft zurzeit nicht die bedeutende Rolle spielt wie in der Vorkriegszeit, seine gegenwärtigen Bedürfnisse es unfehlbar dazu treiben, aus der Isolierung herauszutreten? Die langsame, ober sichere und anhaltende Umwandlung seiner innern wirtschaftlichen Verhältnisse wird es, schneller vielleicht, als es selber denkt, dazu zwingen, immer mehr tätigen Anteil am internationalen Leben zu nehmen. Ferner ist die Krise, in welche die gesamte russische Volkswirtschaft im letzten Jahre von neuem geraten ist und deren Nachwirkungen noch jetzt fühlbar sind, in Beziehungen zwischen Rußland und der Weltwirtschaft verflochten. Die teilweise wirtschaftliche Isolierung, in der sich Rußland etwa zehn Jähre lang befunden hat, wird für die russische Volkswirtschaft und besonders für die russische Industrie immer weniger erträglich sein, wenn sie sich wieder heben sollen. Unter der Einwirkung dringender und unwider- ÄchüchLL^Behüpftüsse wird der-gx^fte Staat, der in der Vergangenheit so lebhaft Anteil am internationalen Leben genommen hat, zweifellos in naher Zukunft sich allen den Bestrebungen anschließen müssen, die darauf gerichtet sind, die Gemeinschaft der Völker auf neuen Grundlagen zu organi- siereen."
In England wird man von dieser Stellungnahme im verbündeten französischen Lager nicht gerade entzückt sein. Und der englische Ministerpräsident Baldwin hat anch schon einen kleinen Rückzug angetreten, indem er sagt, daß er trotz Abbruch der politischen Beziehungen Anhänger eines rechtmäßigen Handels mit Rußland bleibe.
Die Völkerdundsligen bei Sttefemann
Empfang durch den Berliner Magistrat.
Der Reichsminister des Auswärtigen Dr. Stresemann veranstaltete anläßlich der Tagung des Weltverbandes der Völkerbundsligen in Berlin einen Emv fang in den Räumen des Palais Prinz Friedrich Leopold, ZU dem neben den in Berlin anwesenden Delegierten der verschiedenen Völkerbundsgesellschaften die Mitglieder des Diplomatischen Korps geladen waren.
Zuvor waren die Delegierten der Völkerbundsligen
Gäste der Stadt Berlin,
die zu Ehren der Kongreßteilnehmer einen Empfang im festlich geschmückten Rathaussaal verunstaltete. Für den behinderten Oberbürgermeister Boß hielt Bürgermeister Dr. S ch 0 l tz die Begrttßurrgsansprache, in derer u. a. ausführte:
„Zum ersten Male seien aus allen Ländern der Welt Männer und Frauen versammelt, die sich zu bem großen Gedanken des Völkerbundes bekennen. Es sei nicht Sache der städtischen Gemeindearbeit, unmittelbar an dem großen Werk der Völkerbundsqesellschaft mitzuarbeiten, das der zwischenstaatlichen Verständigung diene. Aber die große Stadt, könne in diesem Zeitalter durch ihre Arbeit für das Wohlergehen ihrer Bürgerschaft jene Atmosphäre schaffen helfen, in der die großen Gedanken friedlichen Austausches von Volk zu Volk und der geistigen Annäherung auf fruchtbaren Boden fallen. Berlin sei sich bewußt, Mk es in dem großen Vefriednngsprozeß unserer Zeit eine besondere Aufgabe zu erfüllen habe. Berlin sei nicht nur die politische Hauptstadt eines europäischen Reiches, Berlin ist eine Stadt, die mit dem a l l g e in e i - nen Weltschicksal verbunden ist."
Der Präsident des Weltverbandes der Völkerbundsgesellschaften Professor Aulard-Paris dankte der Reichshauptstadt in herzlichen Worten für den kreundlichen Empfang. Air der Veranstaltung nahm neben dem diplomatischen Korps auch eine große Anzahl von Parlamentariern teil.
Beileid des Reichskanzlers zum Tode des Generals von Stein.
Berlin, 29. Mai. Reichskanzler Dr. Marx hat den An- gehörigen des verstorbenen früheren preußischen Kriegsministers v. Stein telegraphisch im Namen der Reichsregie- rung sein herzlichstes Beileid ausgesprochen.