Einzelbild herunterladen
 

Nr. 48 Donnerstag, den 21. April 1927 79. Jahrg.

Politische Gedanken nach Ostern

Ostern, das Freudenfest, ist vorüber, und des Alltags Unrast entreißt die Menschen ihrer festtäglichen Auferste- ; Hungsfreude. Die Osterferertage haben dem geplagten All- tagsmenschen einige Muße gegeben, sich der Freude an der Auferstehung der Natur hinzugeben. Die Christenheit ge­dachte Christi-Opfertod für die Menschheit und feierte seine : Wiederauferstehung. In den Kirchen sangen die Gläubigen das Lied von der durch Christus aus ihren Banden erlö­sten Welt. In diesen Tagen sollte auch der moderne Mensch : innere Einkehr gehalten haben.

Nachdem der Werktag nun wieder in seine Rechte ein­getreten ist, kehrt auch das für einige Tage langsamer ge­laufene Getriebe der großen Politik wieder zu dem gewobn- ten hastenden Tempo zurück. Möchten seine Leiter, die füh­renden Staatsmänner, doch auch ihre Osterfeier zu beschau- ; licher Betrachtung benutzt haben! Noch haben die Staaten nicht die furchtbaren Folgen des Weltkrieges überstanden und noch bedrohen seine Ausläufer den mühsam zustande ! gekommenen Frieden. Der Weltfriede ist noch nicht zur : Wirklichkeit geworden. Die von den Freunden des Frie­dens unternommenen Anstrengungen haben bis heute nicht den gewünschten Erfolg zu zeitigen vermocht. Allzu sehr sind noch die Mächte in die Kriegspsychose verstrickt, und mißtrauisch beargwöhnt ein Volk das andere. Die Waffen sind scharf geblieben und werden zahlreicher von Tag zu Tag. Trotz allerNie wieder Krieg"-Rufe klirren sie be- I drohlicher denn je, und heute bedarf es nur kleiner An­lässe, um sie wieder in Tätigkeit zu setzen.

I Macht geht in der Welt immer noch vor Recht. Deutschland hat dies seit dem unglücklichen Ausgang des Krieges immer und immer wieder erfahren müßen, von den 14 Punkten Wilsons angefangen bis zu den jetzigen vorbereitenden Abrüstungsverhandlungen in Genf. And alles Geschehen deutet darauf hin, daß die Leidensstationen für Deutschland noch nicht zu Ende sind. Es ist ein schier aus- > sichtsloses Beginnen, die waffenstarrenden Mächte zur Ab- rüstlmg zu brmgeu^ während an allen Enden die Welt vom Kriegsgeschrei Widerhall. Friede auf Erden! Die Macht­haber der Welt kehren sich wahrlich wenig um die Verhei­ßung. Guten Willens sind nur wenige, die Schwachen, die wehr- und waffenlos ihren Platz an der Sonne wiederer­langen müßen. Ihre Hoffnung auf die endliche und tat- sächliche Einsicht des Nachbarn ist fast ganz geschwunden.

Ostern 1927 läßt auch den Deutschen nur wenig frohe Zukunftshoffnungen. Der Glaube des deutschen Volkes an Aussöhnung und Verständigung mit seinen vormaligen Kriegsgegnern ist durch die Ereignisse der letzten Monate kaum erstarkt. Trotz aller deutschen Opser und Verständi­gungsbereitschaft hat die Gegenseite bisher nur wenig ge­tan, um den deutschen Friedensglauben zu stärken. Locarno und Thoiry haben bisher nicht das gehalten, was man er- hosfen zu können glaubte. Langsam, allzu lang­sam macht die Befriedung Europas Fortschritte. Der Machtstandpunkt einflußreicher französischer Militärkreise baut dem Verstündigungswerk der Außenminister Deutsch­lands und Frankreichs Hindernis auf Hindernis.

So konnten Ostern 1927 die Osterglocken im Rhein­land auch noch nicht ihre freudige Osterbotschaft ins freie Land hinausläuten. Die Vesetzungszeit hat ihr Ende noch nicht gefunden. Man darf sich auch nicht darüber täuschen, daß die Hoffnung auf eine baldige Aufhebung der Besetzung heute nicht sehr groß sein kann obwohl Deutschland alle Voraussetzungen nach dem Versailler Vertrag erfüllt hat und dem Völkerbund angehört. Wieder erleben wir, daß die Gegenseite es mit der Erfüllung der Bestimmungen des Versailler Vertrages nicht allzu genau nimmt, wenn sie einmal für Deutschland einem Vorteil bei ihrer Durchfüh­rung bringen könnten.

Nichts wäre aber verkehrter, als wenn die Freunde des Weltfriedens jetzt verzagt zur Seite treten würden. Klein sind bisher zwar die Fortschritte des Friedensge­dankens, aber ersichtlich sind sie deshalb doch. In zäher Ausdauer hat die deutsche Außenpolitik dem Frieden ge- dient und dabei Deutschlands Stellung in der Welt wieder zu stärken vermocht. Deutschland zählt heute wieder im Kon­zert der Völker als wichtiger Faktor.

Der Sieg des Rechts läßt sich nicht dauernd aufhalten!

Deutschland und Rußland.

Die gefestigten Beziehungen.

Ueber die russische Außenpolitik erklärt« der Sowjet- führer Rykow in einer großen, in Moskau gehaltenen Rede U. a.:

Die Beziehungen zwischen Sowjetrutzland und Deutsch­land wurden nach dem Rapallovertrag erheblich ausgebaut und gefestigt. Die deutsche Regierung hat die nach Locarno erschienene' Mitteilung, daß Deutschland sich verpflichtet, durch sein Gebiet im Falle eines Krieges mit der Sowjet­union Truppen durchzulassen, offiziell dementiert. Die Sowjetregierung geht davon aus, daß Deutschland sich nicht Zu feindlichen Ättionen ausnutzen lassen wird. Die Gewäh­rung eines 300-Millionen-Kredits von feiten Deutschlands st» die Sowjetunion erweist, daß die Freundschaftspolitik, die bou beiden Regierungen nach Napallo durchgeführt wird, sich auf dem Gebiete wirtschaftlicher und kultureller Beziehungen vollkommen bewährt.

Von besonderer Bedeutung für die Politik der Sowjet­regierung sind die Randstaaten und Polen, denen gegenüber die Sowjetregierung die Politik des Friedens durchführt, die sie durch Garantiepakte zu festigen sucht. Ein Hindernis ist daraus erwachsen, daß Polen die Rolle eines Garanten spielen wollte. Auf eine derartige Verhandlungsmethode konnte die Sowjetregierung nicht eingehen. Die Sowjet­union ist bestrebt, die baltischen Staaten für die Entwicklung ihrer Wirtschaftsbeziehungen zur Sowjetunion zu inter­essieren und diese wirtschaftlichen Bande zu festigen und zu entwickeln. ........

Die amerilamsche prasidentschastswahl.

Coolidge kandidiert wieder!

In den politischen Kreisen Washingtons, wird die letzte Erklärung des Präsidenten Coolidge, daß bei Kelloggs Rück­tritt, der hier als kurz bevorstehend angesehen wird, Hoover nicht als Nachfolger in Betracht komme, eifrig besprochen. Coo­lidge lud Mellon und Hoover zu einem Frühstück am Oster- sonntag ein. Dies wird als Bemühen des Präsidenten gedeutet, der vielleicht im Lande falsch aufgefaßten Erklärung den Stachel zu nehmen.

In demokratischen Kreisen sieht man in dieser für den sonst so vorsichtigen und schweigsamen Präsidenten unerwarte­ten Bemerkung die Ankündigung, daß er wieder kandidieren wolle und daß er beabsichtige, die besonders im Westen bereits einsetzende Propaganda einiger republikanischer Organisatio- nen für Hoovers Kandidatur abzublasen. Es sei selbstverständ­lich, daß die republikanische Konvention sich nach der Empfeh­lung Coolidges richten und den als Staatssekretär von ihm ab­gelehnten Hoover nicht als Präsidenten aufstellen werde.

Dem Weißen Hause nahestehende Politiker dagegen sind der Ansicht, der Präsident habe, beunruhigt durch die beharr­lichen Gerüchte, daß Hoover, der als Verfechter eines schärferen Vorgehens gegen die Kantonesen angesehen werde, Kellogg er­setzen und eine Aenderung in der amerikanischen Chinapolitik . vorsehen wollen. Vor allem beabsichtige er, durch seine deutliche Erklärung, diese Gerüchte zu dementieren.Tribune" bezeich- I net in einem Leitartikel die Behauptung, daß die Tradition einer dreimaligen Präsidentschaft des gleichen Mannes wider­spreche, als Ammenmärchen. Jefferson habe seinerzeit verhin­dern wollen, daß der Präsident ein Monarch werde. Diese Gefahr sei jetzt längst vorbei.

Der Kandidat der Demokraten.

Der Gouverneur Alfred Smith von New Aork, der sich als demokratischer Kandidat für die Präsidentschaft aufstellen lassen will, dem aber viele protestantische Demokraten entgegen­halten, daß er als überzeugter Katholik sich nach den Wünschen des Vatikans richten werde, antwortete auf einen in der Zeit­schriftAtlantic Monthly" enthaltenen offenen Brief, in dem die Enzyklika des Papstes Pius IX. zitiert wird, wonach bei einem Konflikt zwischen weltlichen und geistlichen Gesetzen die letzteren den Vorrang hätten, mit einer langen Erklärung. Smith betont in dieser Erklärung, daß Enzykliken nicht Glau­bensartikel seien und daß für ihn die Verfassung der Vereinig­ten Staaten oberstes Gesetz sei. Er glaube an Gewissensfrei­heit, gleiche Behandlung aller Kirchen und Sekten und voll­kommene Trennung von Kirche und Staat.

Oesterreichische Anschlußlundgebung.

Es gibt Grenzen, die nicht trennen."

Im Rahmen eines großen Sportfestes veranstaltete die Sozialdemokratische Partei Wiens eine Anschlußlundgebung. Das sportliche Ereignis war ein Fußball-Länderkampf zwischen ausgewählten sozialdemokratischen Mannschaften Deutschlands und Oesterreichs, wobei Deutschland mit 3:1 siegte. In seiner Ansprache während einer Spielpause erklärte Nationalrat Deutsch: Wenn ein Habsburger den ungarischen Königsthron besteige, so sei auch in Oesterreich die Republik bedroht. Dann aber ist die s o f o r t ig e P r o k l a - mierung des Anschlusses die einzig mögliche Ret­tung. Reichskanzler a. D. Hermann Müller führte in seiner Rede u. a. aus: Wir kennen auch Grenzen, die nicht trennen. Angeblich sollten die Verträge von Versailles und St. Germain das Selbstbestimmungsrecht der Völker lösen, aber für das deutsche Volk ist dieser Gedanke nicht durchgeführt worden. Ich kann Ihnen versichern, daß im alten. Reich alle Parteien von rechts bis links im Ziel zum Anschluß einig sind. Man soll aber die Geduld des deutschen Volkes nicht zu lange mißbrauchen. Die Republik in Deutschland steht fester denn je. Wir wollen ein freies Reich der Deutschen, in wel­chem sich nach dem Anschluß ein jeder Oesterreicher wohl fühlen soll.

*- Französische Truppen für den Fernen Osten. Das PariserJournal^ wiederholt die vor einiger Zeit verbreitete Nachricht, daß zwei Bataillone der, algerischen Fremdenlegion nach Jndochina entsandt werden follem Das Blatt hält es nicht für ausgeschlossen, daß ein noch stärkeres Kontingent in Frage komme, da man beabsichtige, wie in der Vorkriegszeit, in Jndochina wieder vier Bataillone Fremdenlegion in Garnison zu legen. Auch sei davon die Rede, aus Französisch-Westafrika ein Bataillon Senegalschützen zum Schutze der französischen Handelskonzessionen nach China zu entsenden.

Der japanische Generalkonsul in Charbin berichtet, daß entgegen anderslautenden Gerüchten keinerlei Truppenbewegungen von russischer oder chinesischer Seite an der chinesisch-russischen Grenze wahrzunehmeu sind.

Rußland und der Völkerbund

Aussöhnung zwischen Rußland und der Schweiz.

Am 16. ds. Mts. ist zwischen dem russischen Botschafter in Berlin, Krestinski, und dem schweizerischen Gesandten in Berlin, Rüfenacht, die nachstehende Erklärung aus­getauscht worden:

Im Hinblick auf das Bestreben der Regierungen ver Union der SSR. und der schweizerischen Eidgenossenschaft, den zwischen den beiden Staaten bestehenden Zwist beizule- gen, der infolge der Ermordung des Herrn Worowski wäh­rend der Konferenz in Lausanne und infolge des Anschlags auf die Herren Abrens und Diwilkowski entstanden ist, er­klärt der schweizerische Bundesrat erneut, daß er vtese ver­brecherischen Handlungen durchaus verurteilt und sehr be­dauert. Er wird überdies im Geist der Versönlichkeit bereit sein, wenn einmal Verhandlungen zwischen den Regierun­gen der Union der SSR. und der schweizerischen Lidge- noßenschaft über die Gesamtheit der zwischen den beiden Ländern noch zu erledigenden Fragen eingeleitet werden, der T o ch t e r des Herrn Worowski eine materielle Beihilfe zu gewähren, deren Art und Weise gleichzeitig mit diesen Fragen wird besprochen werden können. Damit erklären die beiden Regierungen den zwischen ihren Ländern beste­henden Zzoist als beigelegt und die gegenseitigen Sperrmaß- nahmcn als aufgehoben."

Die Spannung zwischen Rußland und der Schweiz be­stand seit dem 10. Mai 1923: An diesem Tage war in Lausanne in einem Gasthof der russische Bevollmächtigte auf der Orientkonferenz, Worowski, von einem zaristischen Offizier schweizerischer Herkunft, Conradi, durch einen Revolverschuß getötet worden. Worowskis Begleiter, der Pressechef Abrens, und der Sekretär der russischen Abord­nung, Diwilkowski, waren durch mehrere Schüße verletzt worden. Die russische Regierung machte die schweizerischen Behörden verantwortlich, weil diese die russische Abordnung ohne Schuh gelassen hätten, obwohl sie von Drohungen ge­gen die Rußen unterrichtet gewesen seien. Die schweizsrische Regierung ^-r lehnte jede VKMntw: rtuv.g Hr^-ie . tat ab und betritt, daß die russische Abord unF a Aichen Charakter besessen habe; sie habe daher auch keinen Anspruch auf diplomatische Vorrechte befeßen. Es kam die Frei­sprechung Conradis und seines Helfers, ehemals gleichfalls zaristischen Offiziers. Vor dem * - " ^ .Schu" 'eri^r hinzu. Nun hat man also eine Formel. g^uttben, um end­lich diese Spannung beizulegen.

In Berner politischen Kreisen betont man besonders die Bedeutung der Einigung zwischen der Schweiz und Sowjetrußland für die Haltung Moskaus gegenüber dem Völkerbünde. Mit Recht, denn der Völkerbund hat jetzt freiere Hand, auch Rußland wieder nach Genf crnzu- laden, und Rußland hat jetzt keinen Vorwand mehr zu ei­ner Absage, es sei denn seinegrundsätzliche" Abneigung gegen den Völkerbund. Nach Moskauer Meldungen wird die Sowjetregierung sofort einen diplomatischen Vertreter nach Genf senden. Für diesen Posten wird u. a. der Bot­schaftsrat der Berliner Botschaft, B r a d o w s k i, genannt, In den Ausländerkreisen Moskaus behauptet man, daß Deutschland eine große Rolle bei der Versöhnung der beiden Länder gespielt habe.

Preßcstimmcn zur Beilegung.

Zur Beilegung des Konfliktes zwischen der Schweiz und Rußland schreibt "dieNeue Züricher Zeitung": Welche Haltung man auch in der Frage unserer Beziehungen zu Rußland einnehmen mag, so wird man doch auf alle Falle die endlich erfolgte Beilegung des Konfliktes begrüßen müssen. Unsere Würde wird dabei nicht berührt.

Die sozialistischeBafler Arbeiterzeitung" be­zeichnet die Nachricht von der Beilegung des Konftiktes als eine frohe Osterbotschaft und sagt: Das bisherige Verhältnis der beiden Staaten zueinander war unhaltbar. Was jetzt erzielt wurde, ist nur ein Anfang. Es müssen normale Beziehungen zwischen den beiden Staaten geschaffen werben, und zwar sind wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen aufzunehmen.

Der kommunistischeBasler Vorwärts" sagt: Die gesamte Arbeiterschaft nimmt die Meldung mit der größten Genugtuung auf. Sie muß aber sofort die Forderung stellen, daß die Schweiz formell die Sowjetregierung anerkennt und geregelte diplomatische Beziehungen mit ihr aufnimmt.

Der deutsche Botschafter in Washinton, Frhr. v. Maltzan, gab in der Botschaft zu Ehren der deutschen Journalisten ein Gabelfrühstück, dem auch der ehemalige Reichskanzler Cuno nebst Gattin sowie Graf und Gräfin v. Roedern beiwohnten.

Zwischen Moskau und Berlin wurden zum siinsjiihrigen Jahrestage des Rapallo-Bertrages freundschaftliche Telegramme gewechselt.

Am 19. April trat in Paris ein Kongreß sür Geschichte des Christentums zusammen, an dem auch zahlreiche ausländische Gelehrte teilnehmen. Für Deutschland ist Pros. Karl Clemen von der Universität Bonn gemeldet.

Präsident Coolidge empfing den ehemaligen Reichskanzler Cuno in Anwesenheit des Botschafters von Maltzan und nahm mit herzlichem Glückwunsch die Mitteilung von der Ankunft des neuen HapagdampfersNew York" entgegen. Der Präsident bekundete weiter seine Anteilnahme an der Gesamtlage Deutschlands, ins­besondere an seinen wirtschaftlichen Verhältnissen.

Die amerikanisch-englisch-japanische Seeabrüstungs-Konfe- renz soll am 12. Juni stattfinden.