Nr. 22 (1 Blatt) Samstag, den 19. Februar 1927
79. Jahrg.
Amtliche Bekanntmachungen
Kretsattsschuß.
J.-Nr. 163 L. U. Auf die in Nr. 3 des Amtsblatts der Regierung zu Kassel vom 22. Januar 1927 als Beilage veröffentlichte, vom 1. Januar 1926 ab gültige Satzung der Hessen-Nassauischen landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft nebst Wahlordnung wird besonders hingewiesen.
Schlüchtern, den 15. Februar 1927.
Der Sektionsvorstand der Hess. Nass. Landw. Berufs
genossenschaft Sektion Schlüchtern.
J.-Nr. 852 K. A. Die Herren Standesbeamten der Landgemeinden des Kreises mache ich auf die in der Zeitschrift für Standesamtswesen Nr. 3 von 1927 abgedruckte Verwaltungsgebührenordnung (Ziffer 65 Personenstandsangelegenheiten) aufmerksam. Hinsichtlich der Erhebung und Abführung der Gebühren verbleibt es bei den den Herren Standesbeamten s. Zt. mitgeteilten Verfügungen des Herrn Regierungspräsidenten zu Kassel vom 4. Dez. 1924 — A. I. Nr. 4093 — und vom 13. März 1926 — K I. Nr. 121 a —7 die genau zu beachten sind.
Schlüchtern, den 16. Februar 1927.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses.
Stadt Schlüchtern.
Oeffentliche Mahnung.
An alle Zahlungspflichtigen, die ihre im Monat Februar 1927 bezw. für Vormonate an die Stadtkasse Schlächtern laut Aufforderung vom 4. Februar 1927 im Kreisblatt zu entrichtenden Steuern und Abgaben nicht bezahlt haben, ergeht hierdurch öffentliche Mahnung.
Bei Meidung kostenpflichtiger Einziehung sind sofort zu zahlen:
Preußische Grundoermögenssieuer _ mit MaLtuMlag^ Preußische Hauszinöfteuer, Gewerbeertragsteuer für 1925/ Gewerbeertragsteuer für 1926 (3. Rate), Gewerbekapitalsteuer- Vorauszahlungen bis zur endgültigen Veranlagung für 1925 und 1926, Holzgelder, Schulgelder, Wassergelder, Hundesteuern, Hütegelder sowie alle sonstigen angeforderten Abgaben.
Schlüchtern, den 17. Februar 1927.
Der Magistrat: Fenner.
Bekanntmachung.
Am Montag, den 2 8. Februar 1927 nachmittags 2 Uhr werden die städtischen Beete am Kreishaus auf weitere 6 Jahre verpachtet.
Zusammenkunft beim Kreiöhaus.
Schlüchtern, den 16. Februar 1927.
Der Magistrat: Fenner.
Zm BerWerW des deM-srmMcheilHaMspkovis»riWS
Die Unterzeichnung der Vereinbarung über die Verlängerung des provisorischen Handelsabkommens und der beiden Saarabkommen ist, wie angekündigt, Mittwochnachmittag durch Briand, v. Hoesch und Vokanowski am Quai d'Orsay erfolgt. In der Vereinbarung wird bestimmt, daß die in den dem vorläufigen Handelsabkommen vom 5. August 1926 beigegebenen Listen A und V und den der Vereinbarung vom gleichen Tage über den Warenaustausch zwischen Deutschland und dem Saargebiet beigefügten Listen A und B aufgeführten Kontingenteum 50 Prozent erhöht werden.
In der Pariser Presse wird die Verlängerung des deutsch-französischen Handelsprovisoriums im allgemeinen begrüßt, obwohl die geringe Dauer des Provisoriums sowie die immer noch nicht erfolgte Einbeziehung der Wein- frage bedauert wird. Das „Journal" sagt, daß Deutschland in dieser letzteren Frage vorläufig noch nicht an eine Cinlenken denke, weil es eine Waffe für die Verhandlungen über einen endgültigen Handelsvertrag in der Hand behalten wollte. Das „O e u v r e" spricht von einer beginnenden wirtschaftlichen Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich, für die ein Verdienst allerdings weniger Vokanowski als Vriand zu- kommen. Es sei bedauerlich, daß gleichzeitig die deutschpolnischen Verhandlungen eine Verzögerung erlitten hätten. Obwohl aber Frankreich Anrecht tue, den Creig- nissen in Osteuropa teilnahmslos gegenüberzustehen, hätte es gleichzeitig auch Anrecht, die Angelegenheiten im eigenen Lande und die im Osten mit der gleichen Wage 31t wägen. Die „I 0 urnee industrielle" bedauert, daß es bei den wirtschaftlichen Beziehungen mit Deutschland immer noch bei einem Provisorium bliebe. Auf beiden Seiten habe man den Wunsch, bald zu einem endgültigen Vertrag zu gelangen. Die Zeitung sieht schwierige Verhandlungen voraus, da der Hochschuhzöllnerische französische Zoll- tarif, der in der nächsten Woche veröffentlicht werden soll, die Anterhandlungen nicht erleichtern würde.
Verband der »teuWen Sandameindei
Berlin, 17. Febr. Der Gesamtvorstand des Verbandes der Preußischen Landgemeinden in Berlin nahm in seiner Sitzung vom 15. Februar zu den zurzeit für die Landge- meinden wichtigen kommunalen Angelegenheiten Stellung. Er beschäftigte sich hauptsächlich mit der Gestaltung des in Vorbereitung befindlichen
Finanzausgleichs
im Reich und in Preußen. Der Vorstand erklärte sich mit der Verlängerung des Provisoriums auf zwei Jahre einverstanden, insbesondere, nachdem sich ergeben hat, daß bet der ursprünglich vorgesehenen Rückgewährung des Zuschlagrechts der Gemeinden zur Einkommensteuer mit einer finanziellen Verschlechterung der Landgemeinden zurzeit noch gerechnet werden muß. Die in Aussicht stehende Erhöhung der Garantie des Reiches aus dem Aufkommen aus der Einkommen- und Körperschaftssteuer von 2,4 und 2,6 Milliarden Mark wurde begrüßt; es wurde jedoch betont, daß es notwendig sei, sicherzustellen, daß das Land die Gemeinden an diesem Mehr von 250 Millionen teilnehmen lasse, sofern es nicht den Gemeinden ausschließlich zugewiesen werde. Weiter beschäftigte sich der Vorstand mit einer Reihe von Fragen auf dem Gebiete der
Schulverwaltung.
Insbesondere wurden Maßnahmen zur finanziellen Ent- lastung des Leistungsschutzes unter Wahrung der kommu- nalen Interessen an die Verwaltung beraten. Für die demnächst überall durchzuführende Trennung zwischen Kirchen- und Schulverwaltung wurde die Schaffung eines besonderen Auseinandersetzungs-Gesetzes für notwendig erachtet. Hinsichtlich der Fortbildungsschulen müsse eine stärkere Bewilligung von Staatsmitteln gefordert werden.
Die Herausnahme der Eingemeindungsbestimmungsn aus der Landgemeindeordnung wurde gleichfalls für nötig gehalten.
In Bezug auf die inneren Organisationen wurden wichtige Beschlüsse, hauptsächlich die Provinz Ostpreußen betref-
Hessens Zefetzmgsnöte.
Und die Nachwirkungen des Ruhrkrieges.
Eine halbamtliche Meldung aus Darmstadt macht darauf aufmerksam, daß am schwersten unter der unzureichenden Reichshilfe für das besetzte Gebiet der Volksstaat Hessen leidet.
Fast 40 Prozent feines Gebietes sind besetzt. Der Wohn- und Verwaltungsraum, der gerade in Hessen von dem französisch-englischen Besatzungsheer in Anspruch genommen wird, ist enorm, während im preußischen besetzten Gebiet nach der letzten Zahlung aus 10 000 Einwohner 181, in der Pfalz 169 Besatzungsangehörige kommen, entfallen in Hessen auf 10 000 Einwohner 420 Angehörige des französisch-englischen Besatzungsheeres.
Schwer leidet auch heute noch die Wirtschaft Hessens unter den Nachwirkungen des Ruhrkrieges. In Mainz kamen am 1. Dezember 1926 auf 1000 Einwohner 47 nicht- ausgesteuerte Arbeitslose, während der Durchschnitt für die deutschen Großstädte 35 auf 1000 Einwohner betragt. Geradezu tragisch ist noch immer die Lage Offenbachs. Während die deutschen Mittelstädte, zu denen Offenbach zahlt, rm Durchschnitt auf 1000 Einwohner 28 Arbeitslose aufweisen, entfielen in Offenbach am 1. Dezember 1926 rund 72 nicht- ausgesteuerte Arbeitslose auf 1000 Einwohner. Das sind Zahlen, die die Notwendigkeit ausreichender Reichshilfe für Hessen überzeugend dartun.
-k Entschließung des Zentralvorstandes des Evangelischen Bundes. Am 14. und 15. Februar 1927 war aus Anlaß der neuesten Vorgänge in der Leitung des Evangelischen Bundes und besonders des Rücktritts des ersten Präsidenten D. Doehring von seinem Posten der erweiterte Zentralvorstand des Evangelischen Bundes zusammengetreten. Es wurde einstimmig eine Entschließung gefaßt, in der es heißt: „Der erweiterte Zentralvorstand des Evangelischen Bundes billigt uneingeschränkt das gesamte Verhalten des Präsidiums. Er betont mit allem Ernst, daß irgendwelche politischen oder kirchen- politischen Absichten oder Rücksichten in der ganzen Frage keinerlei Rolle gespielt haben; er erklärt zugleich nachdrücklichst, daß von irgendeiner Richtungsänderung im Evangelischen Bund oder von einer Umstellung in der Frage der konfessionellen Auseinandersetzung feine Rede fein kann."
— Der in London tagende Unterausschuß des Völkerbundes zur Beratung der Maßnahmen über ein beschleunigtes , Eingreifen des Rates im Falle einer Kriegsgefahr hat eine vollständige Einigung erzielt. Die Vorschläge werden dem Völkerbundsrat übermittelt.
— Nach Nachrichten aus San Franzisko sind infolge von Wolkenbrüchen, die an der Küste des Stillen Ozeans niedergegangen sind, weite Strecken überschwemmt. Die Fluten haben bis jetzt 24 Menschenleben gefordert.
— Der deutsche Dampfer Rio de Janeiro ist vor Rotter- bam mit einem ausfahrenden italienischen Dampfer zusammengestoßen. Beide Schiffe wurden stark beschädigt.
Rückblick.
Nachdem auch der Fall Keudell in der vergangenen Wo- che seine Erledigung gefunden hat und dadurch sozusagen der letzte Vorbehalt von dem der neuen Regierung ausgesprochenen Vertrauen genommen ist, sind die letzten Hindernisse für eine gedeihliche Regierungs- und Parlamentsarbeit jetzt endlich aus dem Wege geräumt. Die Bahn ist frei und die Regierung Marx-Sttesemann-Hergt, die unter so unsäglichen Schwierigkeiten zustandegekommen ist, wird jetzt reichlich Gelegenheit haben, zu beweisen, daß sie die Hoffnungen, die weiteste Kreise auf sie gesetzt haben erfüllen bzw. die Befürchtungen, die andere Bevölkerungsschichten hegen, zu schänden machen wird. Die parlamentarischen Voraussetzungen für eine ersprießliche Arbeit des neuen Kabinetts sind insofern nicht ungünstig, als keine der früheren Regierungen das Glück hatte, sich auf eine so große parlamentarische Mehrheit im Reichstag stützen zu können.
Der Amtsantritt der neuen Minister fällt ungefähr zu- sammen mit dem Beginn eines neuen Abschnittes in d e r A r b e i t des Parlaments. Am Mittwoch ist nämlich der Reichstag in die letzte Sitzungsperiode seiner diesjährigen Tagung, die am 3. November v. I. begonnen hat, eingetreten. Man kann nur wünschen, daß dieser letzte Tagungsabschnitt, der mit kurzen Unterbrechungen sich voraussichtlich bis in den späten Sommer hinziehen wird, erfolgreicher ist als der bisherige Abschnitt. Denn wenn man jetzt rückschauend die parlamentarischen Arbeiten der letzten Monate einer kritischen Betrachtung unterziehen würde, so müßte man leider feststellen, daß das Ergebnis recht dürftig ist. Die beiden einzigen größeren Gesetzgebungs- werke des Reichstages in dieser Zeit waren das Arbeitsgerichtsgesetz und das sogenannte Schmutz- und Schundgesetz, wobei der kulturpolitische Wert dieses letzteren bekanntlich noch sehr umstritten wird.
E ™^ Sagtrig&tb^ des M ^-ages ist am Mittwoch eröffnet worden mit einer großangelegten. Rede des neuen Reichsfinanzministers Dr. Köhler über dieFinan z- lage in Deutschland. Die Ausführungen Dr. Köhlers brachten insofern eine gewisse Aeberraschung, als er die Finanzlage des Reiches durchaus nicht so günstig beurteilte, wie wir das bei seinem Amtsvorgänger Dr. Rein- Hold gewohnt waren, wobei allerdings zuzugeben ist, daß auch Dr. Reinhold in letzter Zeit die Lage etwas weniger optimistisch als früher beurteilt hat. Dr. Köhler wies mit einer erfreulichen Offenheit auf zahlreiche Schwächen und Mängel der deutschen Finanzverwaltung hin, und er betonte, daß Deutschland allen Anlaß hat, mit ernster Sorge der Weiterentwicklung der Reichsfinanzen zu folgen. Die Auf- fassung, die man in den letzten Monaten so häufig antrcffeii konnte, daß unsere Finanzlage geradezu eine glänzende sei, ist verhängnisvoll. Im Ausland ist dadurch ein völlig fal- sches Bild in der Beurteilung der deutschen Reparations- fähigkeit entstanden. Welches Arteil gerade im Ausland durch solche Auffassungen angerichtet wird, zeigen die Ausführungen des Amerikaners Henry Robinson, der in einem offiziellen Bericht die phantastische Behauptung auf- stellt, daß das deutsche Volk jetzt in der Lage sei, Reparationszahlungen in voller Höhe zu leisten. Es ist zu begrüßen, daß der neue Reichsfinanzminister in seiner Etat- rede diesem Märchen ein Ende gemacht hat. Tatsächlich liegt die Zukunft noch fehr im Dunkeln, und bis jetzt ist noch keine Möglichkeit zu sehen, wie bei den fortgesetzten Steigerungen der Reparationslasten das deutsche Budget auf die Dauer im Gleichgewicht gehalten werden kann.
Wendet man sich von der finanziellen und wirtschaftlichen Lage dem Gebiete der Außenpolitik zu, so muß man leider feststellen, daß auch hier nicht der geringste Anlaß besteht, unsere Aussichten irgendwie übertrieben optimistisch zu beurteilen. Nachdem die Botschafterkonferenz jetzt klipp und klar zugegeben hat, daß die Entwaffnung Deutschlands den im Versailler Vertrag vorgeschriebenen Stand erreicht hat, ist der Zeitpunkt in unmittelbare Nähe gerückt, wo Deutschland auf Grund des Versailler Vertrages verlangen muß, daß ihm seine volle Souveränität in feinen Territorien am Rhein wiedergegeben wird. In den Hauptstädten der Besatzungsmächte ist man sich dieser zwangsläufigen Konsequenz zwar durchaus bewußt; wenn man aber einen Blick in die französische Presse tut und sich außerdem noch bestimmte Vorgänge, wie z. V. die neueste Rede des belgischen Außenministers Vandervelde vor Augen hält, dann wird man gewiß seine Hoffnungen, daß unsern Brüdern und Schwestern am Rhein die Stunde der Freiheit schlagen mögen, nicht sehr hoch spannen. Die Haltung der französischen Presse gegen Deutschland wird von Tag zu Tag unfreundlicher, vom Locarnogeist findet man da aber auch nicht mehr eine Spur. Das besonders Bedenkliche ist dabei, daß sich an der Hetze, die augenblicklich wieder einmal von Paris aus systematisch betrieben wird, auch Blätter beteiligen, von denen man es am wenigsten erwarten dürfte.
Peinliches Aufsehen hat die Rede Herrn V a n Verve l d e s hervorgerufen, der sich berufen und berechtigt fühlt, in einer amtlichen Rede in der belgischen Kammer sich zum Richter darüber zu machen, wie wir unser Haus im Innern bestellen. Es ist — gelinde gesagt — merkwürdig, in dieser