Kreis-Kmtsblatt * Myememer amtlicherfta^tiger für tat Kreis Schlächtern
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Ät. 7 (1. Blatt) Samstag, den 15. Januar 1927 78. Jahrg.
Amtliche Bekanntmachungen
Landratsamt.
J.-Nr. 314. Durch Erlaß des Staatsmimsteriums vom 4. Dezember 1926 — Md. J. IV a II 1531 III — ist die Schreibweise des Ortsnamens Cassel in „Kassel" abgeändert worden.
Schlüchtern, den 11. Januar 1927.
Der Landrat. I, B.: Schultheis.
J.-Nr. 209. Auf Antrag der zuständigen Forstverwaltungsbehörde habe ich die Mitwirkung bei der Ausübung der Jagdpolizei
1. dem Förster Meyne in Altengronau in den Gemarkungen Altengronau, Jossa, Marjoß und Neuengronau,
2. dem Förster Frohn in Thalhof in den Gemarkungen Steinau und Bellings und
3. dem Hilssförster Meyer in Marjoß in den Gemarkungen Steinau, Altengronau, Bellings, Jossa, Marjoß, Neuengronau und Seidenroth übertragen.
Schlüchtern, den 11. Januar 1927.
Der Landrat. J. B.: Schultheis.
Stadt Schlächtern.
Oeffentliche Aufforderung zur Entrichtung von Steuern und Abgaben.
Im Monat Januar 1927 sind an Steuern und Abgaben für Januar 1927 bezw. Vormonate an die Stadtkasse Schlüchtern zu zahlen:
Preußische Grundvermögenssteuer (nach Steuerzettel zuzüglich 2?o°/0 Stadtzuschlag; hierbei ist die Erhöhung des Stadtzuschlags ab 1. 4. 26 nachzuzahlen.)
Preußische Hauszinösteuer (iooo°/0/ soweit nicht Ermäßigungen vorliegen.)
Gewerbeertragssteuer (Z75°/g von der lt. Steuerbescheid des Gewerbesteuer-Ausschustes erfolgten Veranlagung für 1926; zu zahlen war nach zugestelltem Steuerzettel bezw. besonderer Benachrichtigung bereits bis zum 10. Dezember 1926 die Hälfte — 1. und 2. Rate — abzüglich der geleisteten Vorauszahlungen.)
Gewerbekapitalsteuer (Vorauszahlungen nach dem bisherigen Steuerzettel bis zur endgültigen Veranlagung.)
Gleichzeitig wird auf baldigste Zahlung aller bereits fällig gewesenen angeforderten Abgaben wie Holzgelder (aller Termine) Schulgelder, Wassergelder, Hundesteuern usw. hin- gewiesen.
Mahnungen erfolgen nicht mehr durch Behändigung von von Mahnzetteln, sondern durch öffentliche Bekanntmachung.
Die Steuern sind am 15. eines jeden Monats — ohne Schonfrist — fällig. Für verspätete Zahlungen sind 10 0/0 Jahreszinsen zu entrichten.
Anträge und Eingaben schieben den Fälligkeitstag nicht hinaus. Die Steuer und Abgabenzettel sind zur Vermeidung einer umständlichen Bearbeitung unbedingt bei der Zahlung vorzulegen.
Schlüchtern, den 12. Januar 1927.
Der Magistrat: Gaenßlen.
Unterzeichnung des deutsch-türkischen Handels- und Niederlassungsvertrages.
Berlin, 13. Januar. Am 12. Januar sind in Angora die deutsch-türkischen Handels- und Niederlassungsvertrage unterzeichnet worden. Der Handelsvertrag ist auf den Grundsätzen der Meistbegünstigung und der Gleichbehandlung mit den eigenen Staatsangehörigen aufgebaut. Der Niederlasfungs- Vertrag geht von dem Grundsatz der Gegenseitigkeit aus und enthält besondere Bestimmungen über die Besteuerung und den freien Zutritt zu den Gerichten. Der Austausch der Ratifizierungsurkunden wird in Berlin stattfinden.
Barmat-Prozeß.
Berlin, 13. Januar. Zu Beginn des heutigen Verhandlungstages im Barmat-Prozeß stellte der Vorsitzende fest, daß sechs Anaeklagte, darunter Lange-Hegermann, nicht erschienen sind Der Vorsitzende erklärte, das Gericht werde sich über die Konsequenzen des Ausbleibens schlüssig machen. Auf Antrag des Oberstaatsanwalts beschließt das Gericht, ohne die sechs Angeklagten die Verhandlung fortzusetzen. Der Ablehnungsantrag gegen den Sachverständigen Regierungsrat Selckmann wurde für begründet erklärt. Regierungsrat Selckmann soll jedoch als sachverständiger Zeuge vernommen werden.
<« Zu den Wirren in China. Wie die Agentur Jndo Pacific aus Peking berichtet, ist die chaotische Lage des Pekinger Kabinettes unverändert. Wellington Koo, der das Amt des Ministerpräsidenten übernommen habe, finde keinen Finanzminister. In Peking selbst herrsche Ruhe. Die Polizei sei durch Truppen Tschang-Tso-lins, der sich immer noch in Peking befinde, verstärkt worden.
Zur Regierungsbildung.
Eine Entscheidung des Zentrums.
Zu den Verhandlungen des Reichswirtschastsministers Dr. Curtius zur Bildung einer neuen Reichsregierung faßte die Zentrumsstartion des Reichstages nach 2^stündiger Beratung einstimmig folgenden Beschluß:
„Die Zentrumsfraktion des Reichstags teilt die schweren außen- und innenpolitischen Bedenken des Fraktionsvorstandes hinsichtlich der von Dr. Curtius beabsichtigten Kabinettsbildung. Der Vorstand wird beauftragt, diese Bedenken Herrn Dr. Curtius und dem Vorsitzenden der Deutschen Volkspartei, Herr« Dr. Stresemann, erneut darzulegen."
Dieser Beschluß der Zentrumsfraktion des Reichstags findet in den Berliner Blättern je nach der Parteirichtung eine verschiedenartige Auslegung. Während in den demokratischen und sozialdemokratifchen Blättern von einem Scheitern der Mission Dr. Curtius' gesprochen wird, sehen die deutschnationalen und volksparteilichen Blätter keine unbedingte Absage an Dr. Curtius.
In der „Deutschen Tageszeitung" heißt es: Einstweilen kann man den Zentrumsbeschluß nur dahin auslegen, daß mit ihm die Tür zu Verhandlungen nicht zugeschlagen werden soll. Auch schwere und schwerste Bedenken brauchen in keiner Weise unüberwindbare Bedenken zu sein.
Die „D. A. Z." schreibt: Wenn im Reichtag bereits davon gesprochen wurde, daß Dr. Curtius' Mission erledigt sei, so erscheint das zum mindesten verfrüht.
Die „Tägliche Rundschau" erklärt allerdings, daß ein von Zentrumsseite zu dem Fraktionsbeschluß gegebener Kommentar darauf hinauslaufe, daß damit die Abneigung des Zentrums ausgesprochen sein soll, sich an ernsthaften Verhandlungen über die Bildung einer gesamtbürgerlichen Regierung zu beteiligen.
Die „Germania" schließt ihre Betrachtung mit den Worten: Was den äußeren Fortgang der Verhandlungen an- betrifft, so nimmt man in parlamentarischen Kreisen an, daß Curtius seinen Auftrag dem Reichspräsidenten zurückgeben wird.
Die „V 0 s s i s ch e Z e i t u n g" versieht ihren Kommentar ^ mit d"r Ueberschristr. „Curtius- ist -gescheitert".
Das „Berliner Tageblatt" findet es ebenso wie mehrere andere Blätter äußerst bemerkenswert, daß der Zentrumsfraktionsvorstand beauftragt worden ist, die Bedenken des Zentrums, neben Dr. Curtius auch Dr. Stresemann als Vorsitzenden der Deutschen Volkspartei, und nicht etwa dem Fraktionsvorsitzenden Dr. Scholz, darzulegen.
Der „Sozialdemokratische Pressedienst" glaubt den Zentrumsbeschluß dahin auslegen zu können, daß die Gesamtfraktion des Zentrums ebenso wie ihr Vorstand als die beste Lösung der Krise die Bildung einer Regierung von der Volkspartei bis zur Sozialdemokratie, oder wenigstens mit deren Unterstützung, betrachtet.
Die Jndustrievertreter bei Dr. Curtius.
Berlin, 13. Januar. Der Empfang der Jndustrievertreter- bei Dr. Curtius, der gegen Mittag stattfand, war, wie das Nachrichtenbüro des V. d. Z. erfährt, nur von kurzer Dauer. In parlamentarischen Kreisen sieht man nunmehr mit lebhaftem Interesse der Unterredung entgegen, in der der Vorstand der Zentrumsfraktion Dr. Curtius die zum Ausdruck gebrachten innen- und außenpolitischen Bedenken gegen die Bildung einer bürgerlichen Mehrheitsregierung durch ihn im einzelnen darlegen soll. Voraussichtlich wird , dies in einer gemeinsamen Besprechung der Zentrumsführer und der Führer der Deutschen Volkspartei mit Dr. Curtius und Dr. Stresemann geschehen. Von dem Verlauf der Verhandlungen mit dem Zentrum dürfte es abhängen, ob Dr. Curtius dann noch mit den Deutschnationalen Rücksprache nehmen wird.
*« Die Behandlung Untergebener in der Reichswehr. Der Chef der Heeresleitung, General Heye, hat, wie der Demokratische Zeitungsdienst erfährt, in einem Erlaß gegen die vorschriftswidrige Behandlung von Untergebenen darauf hingewiesen, daß er Vorgesetzte, die die Ehre des Untergebenen in irgendeiner Weise verletzten, nicht im Heere dulden werde und sich in jedem Fall Vorbehalte, zu prüfen, inwieweit übergeordnete Vorgesetzte der ihnen obliegenden Aufsichtspflicht entsprochen haben.
^ Weltreklame für den Völkerbund. Der englische Staatsmann. Ramsay Macdonald, unterstützt in der Wochenschrift „Spectator" den Vorschlag einer Reklame für den Völkerbund in der ganzen Welt. Er führt aus: Wenn durch dieses Mittel das Problem, den Völkerbund zu einer wirksamen Realität in der Völkerpsychologie zu machen, gelöst werden könne, werden wir Großes erreicht haben. Die Kosten hierfür sollen, so schlägt Macdonald vor, auf die Ausgaben für die drei Waffengattungen verteilt werden, indem er hinzu- fügt, dies würde ein wirksameres Verteidigungsmittel sein als Waffen.
^ Der Kirchenkonflikt in Mexiko. Der Bischof von Tabasco wurde nach unbekannter Richtung abgeführt. Es geht das Gerücht, daß er verbannt werden soll. Er wurde in dem bischöflichen Palast verhaftet zusammen mit mehreren Klerikern uns Bürgern, darunter dem Berichterstatter eines der bedeutendsten Presseverbände der Vereinigten Staaten. Dieser wurde spa^r infolge des Einschreitens des Nordamerikanischen Botschafters auf freien Fuß gesetzt.
Rückblick.
Kr. Kr. Kriegsgeschrei in Ost und West. In Amerika und Asien. In Europa aber, im Herzen unseres Kontinents, in Genf sitzt eine Organisation, der Völkerbund, der ausdrücklich dazu berufen ist, alle Gründe wegzuräumen, die solche Schreie des furchtbaren Krieges hervorrufen. Selbst dann, wenn die Gründe bei Nichtmitgliedern des Bundes liegen. Aber es muß die legitime Regierung eines Vundesmitglie- des den Generalsekretär in Genf darauf aufmerksam machen, daß sich da irgendwo e'twas abspielt, was den blutigen Krieg, den Mörder der Menschen zum Leben erwecken könnte. Bis heute kann sich der Genfer Generalsekretär noch sorgenlos seinen anderen Amtsgeschäften hingeben. Das Kriegsgeschrei erschüttert seine Seele nicht, denn niemand in der weiten Halle des Bundes nimmt irgendwelchen Anstoß daran. Warum wohl?
Die hochgepriescne Macht der Nordamerikanischen Union, ein Nichtmitglied des Völkerbundes, schützt ihre Interessen in dem Gebiet des Völkerbundmitgliedes Nicaragua. Schützt ihre Interesien dadurch, daß amerikanische Truppen gelandet werden und die ganze Ostküste als neutral erklärt wird, so daß doch also Nicaragua nichts mehr zu sagen hat. Einem Mitglied des Völkerbundes wird also seine elementarste Eigenschaft der Mitgliedschaft, nämlich die Eigen- souveränität genommen« genommen von einem Nichtmitglied, und der Völkerbund wird von keinem Mitglied in Bewegung gesetzt, irgendetwas dagegen zu tun. Ja, es sind dunkle Vorgänge, die sich in Nicaragua abspielen. Aber für den Völkerbund müßte es sich doch zunächst um die Treue zu seinem Prinzip handeln.
Nicaragua wird geschlagen, Mexiko aber wird gemeint. Wenn es dort zu Kampfhandlungen kommen wird, so sind die Gegner die Nordamerikanische Union und Mexiko. Diese stehen sich in Nicaragua gegenüber in dem Union- freunde Diaz und dem Mexiköfreunde S a k a s a. Das ganze Hin und Her gibt ein Schulbeispiel ab für die Art und Weise, wie Kriege entfesselt werden, ohne daß die tiefsten Gründe dafür hinausposaunt werden. Wenn die Kanonen über die Wogen des Caribischen Meeres dar rern werden, fc: 0 Europa das Echo ihrer todbringenden Einschläge vernehmen, dann können wir fragen: Wieviel Muschkoten gaben jetzt ihr Leben hin, den Profit der nordameri- kanischen Oelmanaten in Mexiko sicherzustellen? Denn darum geht es letzten Endes! Die Mexikaner wollen den Oelreich- tum ihres Nationalgebietes für ihr eigenes Volk ausbeuten und nicht zum Profit der noramerikanischen Großfinanz. Darum hetzt diese Großfinanz zum Kriege gegen Mexiko. Es sollte nicht wundernehmen, wenn Europa das ganz in Ordnung finden würde. Dort ruft man zwar ganz vernehm- lich: „Nie wieder Krieg!" Nie wieder Krieg um höherer Volksinteresien willen.....Aber die Interessen des Futternapfes dürfen heüte, wie zu Zeiten der Horden des Steinzeitalters mit der Waffe in der Hand, Mann gegen Mann verteidigt und erkämpft werden. Schweigt darum die gesamte Mitgliedschaft im Völkerbund? Obwohl es um die Souveränität eines ihrer Kollegen geht?
Die Mitgliedschaft des Völkerbundes schweigt auch zu den — das ist ja doch wohl nicht mehr zu überhören! — be- unruhigendenVorgängen in dem Völkerbundsland China. Will jemand heute noch glauben, dort schlügen sich nur ein paar ehrgeizige Generäle um den Vorsitz im Reich der Mitte? Immer schärfer hebt sich das Kampfbild heraus. China ist erwacht; es schüttelt die Vormundschaft Europas, in seinem Falle England ab. Anders als in Amerika und Afrika, wo die Eingeborenen verengländert wurden, kam die Kolonisation in Ostasien nicht über das erste Stadium der Konzession hinaus. Das China-Memorandum zog den Schluß, daß es auch damit aus ist. Daß China frei ist. Es zog aber diesen Schluß um ein Jahr zu spät. Heute ist es mit England so völlig aus in Ostasien, daß es nicht mit rechten Dingen zugehen müßte, wenn sich die Folgen davon nicht durch alle Glieder des englischen Weltimperiums bemerkbar machen sollten. Der Krach, der durch das Gebälk dieses ungeheuren Reiches geht, weckt den alten Gegner Englands in Ostasien, den Russen, in neuer Gestalt, in der Gestalt des Sowjetrussen. Wenn auch das noch alles sich im Fernen Osten abspielt, wenn der politische Spießer sich immer noch beruhigen möchte, daß fern im Osten die Völker aufeinanderschlagen können, soviel sie wollen, daß seine Ruhe dadurch nicht gestört werden wird, so wird doch eines Tages Europa auffahren, beim Klang einer Kriegstrompete aus nahen Gefilden. Wir nehmen so behaglich Notiz davon, daß unsere Landsleute von den Chinesen Erkennungsmarken erhalten, damit sie, als befreundetet Nation kenntlich gemacht, nicht den Gewaltaten ausgeseht bleiben wie Engländer und andere Europäer. Ob das nicht doch den Neid der Anderen weckt? Ob sich dadurch nicht doch die anderen Nationen von uns Deutschen überflügelt fühlen? Durch unsere Tatkraft? Dann wären wir glücklich wieder in der Rolle der Zeit vor 1914. Dann bekäme manches, was rings um uns geschieht, auch für uns ein gefährlicheres Gesicht, als es zuerst den Anschein hat. Wir wissen, daß England in den baltischen Staaten eine besondere Politik treibt, eine Politik gegen Rußland. Daß die Umwälzung in L i - tauen antirussischen Charakter hat, beweisen die Todesurteile, die in Kowno an Kommunisten vollstreckt wurden. Werden hier nicht englische Interessen durch Litauen vertreten? Daß die neuen Machthaber in Kowno nicht gerade