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Schlüchterner Zeitung

Kreis-Kmtsbtatt * Myememee amtlich er Kirzeitzte für tat Kr eis Schlüchtem

Rr. 151

Dienstag, den 21. Dezember 1926

78. Jahrg.

Amtliche Befanntmachnnge«.

LandratsLMt.

J.-Nr. 11888. In Salzhof, Gemeinde Ziegel und auf der Domäne Maberzell, Kreis Fulda, ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen.

Schlächtern, den 16. Dezember 1926. £ Der Landrat.

Stadt Schlüchtern.

Warnung für^tzauseigentümrr und Wohnungs­suchende.

Auf Grund verschiedener Vorkommnisse der letzten Zeit siehr der Magistrat sich genötigt, fortan in allen Fällen, in denen Wohnungen oder Wohnräume ohne die erforder­liche G e n e h m i g u n g d e ö Magistrats (Woh - n u n g S a u ö s ch u s s e s) an Wohnungssuchende überlassen und von diesen bezogen oder von dem Hauseigentümer selbst in Gebrauch genommen werden, die sofortige Räum­ung der unerlaubt bezogenen Räume anzuordnen und ohne Rücksicht auf eine etwa erfolgende Anfech­tung der Räumungsverfügung unnachsichtlich im Wege unmittelbaren polizeilichen Zwanges zur Durchfüh­rung zu bringen. (§ 11 Satz 2 des Wohnungsmangel­gesetzes vom 26. Juli 1923, R. G. Bl. I S. 754, § 2 Abs. 2 der Preußischen Ausführungsbestimmungen vom 11. Sept. 1923, G. S. S. 432, Ziffer 6 der Ausführungsvorschriften vom 3. Juli 1920, G. S. S. 361).

Zuwiderhandelnde haben außerdem Bestrafung mit Geldstrafe bis zu 10 000 Mk. und mit Gefängnis bis zu 5 Jahren oder mit einer dieser Strafen zu gewär­tigen. (§ 17 des Wohnungsmangelgesetzes).

Schlächtern, den 16. Dezember 1926.

Der Magistrat. Gaenßlen.

Zum Sturz der AeWregierung.

Was die öffentliche Meinung sagt.

Die führende deutsche Presse beschäftigt sich natürlich aus- Eich mit der Lage, wie sie durch den Sturz des Kabinetts x geschaffen worden ist.

; DieD rutsche Tageszeitung" schreibt: Durch das Eingreifen der Deutschnationalen ist dir Bereitwilligkeit zur Teil­nahme au der Verantwortung nur noch Unterstrichen worden, denn sie haben damit den toten Punkt ihrerseits übetwinden helsen. Die nächste Initiative liegt beim Reichspräsidenten.

DieK r e ». z z e i t u n g" betaut: Im Vordergründe auch der inmmenden Verhandlungen über die Regierungsbildung wird der Schutz der Reichswehr stehen, die unter keinen Umständen der Tozialdemokratie ausgeliesert werden darf. Die große Fülle ande­rer innerpolitischer Erwägungen tritt dgvor zurück.

Auch dieD. A. Z." effhärch daß die Bereitschaft der Deutsch- notionalen zur Beteiligung an der Regiern» ^Verantwortlichkeit unverändert andauere und daher Berücksichtigung als wesentlichstes Moment der Verhandlungen erheische.

DerLokal-Anzeiger" hebt hervor: Daß der Kurs der Außenpolitik unverändert bleiben muß, wird von den meisten Par­teien für selbstverständlich gehalten.

. DieTägliche R undscha u" sagt: Bei den gegenwärti­gen politischen Verhältnissen ist es ganz unmöglich, eine Regie- rung unter Umgehung der Mitte zu bilden. Deshalb ist auch der Gedanke der Weimarer Koalition überhaupt nicht diskutlerbar..

In derGermania" heißt es, das Endresultat wäre also dieses: Beide Flügelparteien haben gesündigt und partripoutische Bedenken über staatspolitische Gesichtspunkte gestellt. Daraus er­geben sich für das Zentrum bestimmte Pichtlsnicu. Es ist in seinen Entschlüssen völlig frei, nach keiner Seite hin gebunden, und kann seine Entschließungen in voller Unabhängigkeit fassen.

DasBerliner Tageblatt" sieht den einzigen Aus­weg aus der Krise in der Wiederherstellung derselben Koa ltwn mit anderen Personen mib mit dem Ziel, die Große Koalition später zu bilden.

DerVorwärts" schließt seine Ausführungen mit den Worten: Läßt sich das Bentrum uid)t 511m Burgerblock zwingen dann bleibt nur zweierlei: Es muß mit der Sozialdemokratin «giert werden, oder der Reichstag muß aufgelop werden.

, Der Artikel derR 0 t c n F a h U e" ist eine einzige -l'Mstss- anfare gegen die Tozialdemokratie wegen deren Koafttwnsbcti.it Ichasi.

Die nächsten Schritte.

, Wie in Berlin verlautet, beabsichtigt der Reichspräsident ^'lachst einige informatorische Besprechungen zuführe». Zu Um Zweck' sei dc-r Führer der volksparte-üchen ^a 0 , Abg. Schulz « m Reichspräsidenten berufen. Es sei damit zu Müller und vielleicht auch noch andere P^rbEckarwrvom ^'chspräsideuteu ein Pfaugen werden. Es werde fiOM dabei vorausiiebtürb Tebiaiich um orientierende Untereeoungei Handeln denn die Betrannng eines für die Kabmeltsbildnng rzw Parlamentariers fei für die vollsten Tage noch nicht in Aussicht genommen.

Fach dem Sturz der Regierung.

(Von unserem parlamentarischen Mitarbeiter.)

Das Kabinett Marx ist durch Annahme des am Don­nerstag von den Sozialdemokraten eingebrachten unmoti­vierten Mißtrauensvotums unmittelbar vor Beginn der parlamentarischen Weihnachtsferien gestürzt worden. Es scheint sich nachgerade zu einer Gewohnheit allerdings zu einer sehr üblen herauszubilden, daß wir uns in Deutschland regelmäßig um die Zeit des Christfestes in einer Regierungskrise befinden. Die Krise, in der sich das , Kabinett Luther um dieselbe Zeit vor einem Jahre befun­den hat, hat nahezu zwei Monate gedauert. Damals de­missionierte die Regierung bekanntlich infolge der Haltung der Deutschnationalen in der Locarno-Politik, die den Rück­tritt der deutschnationalen Reichsminister zur Folge hatte. Das neue Kabinett Luther, das endlich gegen Ende Ja­nuar zustande gekommen war, fiel bereits Mitte Mai in­folge des Streites um die Flaggenverordnung. Das ihm folgende Kabinett Marx, das jetzt gestürzt worden ist, kann auch nur auf eine Lebensdauer von etwa sieben Monaten zurückblicken.

Wie im vergangenen Jahre werden wir auch diesmal wieder über die Weihnachtszeit hinaus nur ein proviso­risches Reichskabinett haben. Denn wenn auch der Reichs­präsident den Willen hat, die Krise einer schnellen Lösung entgegenzuführen, und wenn er zu diesem Zweck sich bereits am Sonnabend mit Parteiführern in Verbindung gesetzt hat, so wissen wir doch aus den Erfahrungen der letzten Jahre, daß noch niemals bei uns eine Krise schnell gelöst werden konnte. Daß die Krise notwendig oder unvermeid­lich gewesen wäre, kann wohl niemand behaupten. Wenn alle Parteien und insbesondere die Sozialdemokraten und die Deutschnationalen lediglich staatspolitisch gedacht hätten, dann hätte diese Krise unter allen Umständen vermieden werden müssen. Der Reichskanzler hat in seiner Erklärung am Donnerstag mit Recht betont, daß man gegenwärtig, namentlich aus außenpolitischen Gründen, eine Regierungskrise nicht verantworten könne, und die Regierung hat sich infolgedessen auch mit gutem Grunde geweiaert. dem Verlangen d-" Sozialdemokraten. zurückzutreten, zu entsprechen. Der Reichsrug tritt erst wieder am 19. Zanuar zusammen, und bis dahin werden wir diesenregierungslosen Zustand" wohl haben. In diese Zwischenzeit aber fallen die äußerst schwierigen Verhandlungen mit den West machten über die in Genf noch offen gebliebenen Fragen. Diese Ver­handlungen müssen jetzt von einer Regierung geführt wer­den, die sich nurmehr einegeschäftsführende" nennen kann und deren Autorität infolgedessen geschwächt ist. Für alle sich etwa hieraus ergebenden Fähigen müßten diejenigen Parteien, die diesen Ausgang durch ihre Abstimmung er­zwungen haben, die Verantwortung übernehmen.

Ueber die Vorgänge, die der entscheidenden Abstimmung voraufgingen, ist noch folgendes nachzutragen: Die Lage war von allem Anfang an äußerst kritisch und das Kabinett hatte nur geringe Hoffnung, daß es ihm gelingen werde, den konzentrischen Sturmangriff von links und rechts in offener Feldschlacht abzuwehren. Die Deutschnationalen hatten von ihrem parteipolititschen Standpunkt aus' begreiflicherweise als Gegenleistung für eine etwaige Hilfe gegen den sozialdemokratitschen Mißtrauensantrag Garantien verlangt, und zwar in der Richtung, daß mit ihnen über den Eintritt in die Regierung verhandelt werden sollte. Die Deutsche Volkspartei war bereit, den Deutschnationalen die geforderten Garantien zu geben. Sie faßte am Freitag vor der entscheidenden Abstimmung einen Beschluß, daß man nunmehr versuchen müsse, die Verhandlungen mit den Deutschnationalen aufzunehmen. Parallel mit dem Beschluß der Deutschen Volkspartei lief eine andere Aktion. Im Laufe des Freitag vormittag hatte der Reichspräsident den Grafen Westarp und den Reichskanzler Marx empfangen. Es ist anzunehmen, daß Herr v. Hindenburg mit dem deutschnationalen Mh-wr die Möglichkeit eines Zusammengehens der jetzigen Regie- rungskoalition mit den Deutschnationalen erörterte. Der Gedanke einer Verständigung mit den Deutschnationalen blieb jedoch in den Anfängen stecken. Das Zentrum ins­besondere war der Meinung, daß den Deutschnationalcn in diesem Augenblick keine Zusagen gemacht werden dürften. Ebenso lehnte es aber auch das Zentrum ab, noch einmal mit den Sozialdemokraten zu verhandeln. So nahm das Schicksal seinen Lauf, und die Regierung stürzte. Das Er­gebnis ist ein heilloser Wirrwarr. Niemand weiß, was kommen wird. Soviel steht jedenfalls fest, daß das parlamentarische System wieder einmal aufs schwerste dis­kreditiert worden ist. Es ist doch schon eine sehr groteske Sache, daß der Reichstag eine Regierung stürzt und dann seelenruhig in die Ferien geht, ohne sich irgendwelche Ge­danken darüber zu machen, was nun geschehen soll. Der Eindruck dieses Schauspiels im Lande draußen dürfte kein günstiger sein.

Der Wahlfieq der ungarischen Regierung.

Budapest, 20. Dezbr. Die Ergebnisse der Wahlen sind mit Ausnahme des Wahlbezirks Budapest-Nord und eines Provinzbezirks sämtlich bekannt. Danach ver­fügt die Regierung über 206 Mandate, davon entfallen 169 auf die Einheitspartei, 32 auf die Christlich- Soziale Wirtschaftspartei. Die Opposition erzielte 29 Mandate, davon enthalten 11 die Sozialdemokraten, 6 die Demokraten.

Neues vom Tage.

28 Einheiten des englischen Mittelmeergeschwaders wer­den im Piräus erwartet. Man nimmt an, daß die Lage im nahen Osten diese Schiffsbewegung veranlaßt.

Reichsaußenminister Dr. Stresemann ist Sonntag abend in Hamburg eingetroffen. Wie verlautet, wird er voraussicht­lich am 27. Dez. eine Reise nach Aegypreu antreten, um seine Gesundheit wieder herzustellen.

Der bisherige Präsident der Republik Litauen, Grimus, ist zurückgetreten. In feinem Nachfolger wurde Professor Smetona gewählt.

Wie das PariserJournal" aus Madrid meldet, ist in Santander ein anarchistischer Anschlag gegen General Pri- mo de Rivera aufgedeckt worden. Zahlreiche Verhaftungen wurden 'vorgenommen.

Der Reichspräsident empfing den Fraktlonssührcr bei Deutschen Volkspartei, Dr. Scholz, und anschließend die Führer der Sozialdemokraten, des Zentrums und der Deutschnationalen.

Das gestürzte Kabinett Marx wird die Geschäfte bis zur Ernennung eines neuen Kabinetts auf Wunsch des Reichspräsi. deute» weitersührcn.

Das Reichskabmett ist zu einer Sitzung zusammengetreten, um laufende Angelegenheiten zu erledigen.

Der Reichstag tritt zu seiner nächsten Tagnng am 19. Jan. zusammen.

Die Auszahlung der Beamtcn-Weihnachtöbcihilfcn soll nach Anweisung des Reichsfinauzminffteriums und des preußischen Finanzministeriums am 21. und 22. Dezember erfolgen.

DieEre Rondelle" erklärt, daß eine indirekte Offensive gegen Briand hinter den Kulissen von Louis Marin geführt wird und zwar auf Anstisten von Millerand.

In Moskau wurde die Bestätigung der Ausschließung Maslows, Ruth Fischers und Genossen aus der Kommunistischen Partei Deutschlands und damit aus der Dritte» Jnternotionale

Zu den bereits gemeldete» Unruhen in Südportugal wird aus der Provinz Alemtejo ergänzend gemeldet, daß das Marine- und Zollkorps wegen revolutionärer Tendenzen entwaffnet wurden. Es wird mit einer Fortsetzung der Unruhen gerechnet.

Deutschlands Wirtschaftslage.

Nach anfänglicher Unsicherheit, die manchmal an Schwäche grenzte, gestaltete sich die Tendenz an den Effektenbörsen schließ­lich fest, wenn auch einzelne Werte eher noch weiter nadmaben. Diese Kurseinbußen waren jedoch geringfügig, wahrem» auf der anderen Seite verschiedentlich wesentliche Steigerungen zu verzeichnen Untren, wobei die vorübergehend mißtrauisch be­handelten J. G. Farbeilindustrieaktien führend waren. Das über die Aufsichtsratssitzung des Farbentrusts ausgegcbeiie Kommunique fand schließlich eine ruhigere Beurteilung, und man muß in der Tat feststellen, daß das Kommunique keines­wegs als enttäuschend betrachtet werden kann. Das Geschäft vermochte aber im allm:meinen keinen größeren Umfang 011511» nehmen, da die Bankenkuudschaft sich weiter zurückhält, doch war dafür die Spekulation etwas reger tätig. Auf ben Wochen- schluß zu wurde die Geschäftstätigkeit aber auch etwas reger, und die Tendenz blieb durchaus fest.

Am Devisenmarkt Ivar in den wichtigsten Devisen eine, wenn auch nur leichte, Abschwächung festzustellen. Berührt wurde hiervon insbesondere der französische Franken und die Lira, tvelche sich gegen Wochenschluß allerdings wieder be­festigen konnte. Die Devise Spanien ivar uneinheitlich und mußte sich zuletzt ebenfalls eine Abschwächung gefallen lassen; das Geschäft blieb int ganzen still.

Der Geldmarkt ist, nachdem die Medioverpslichtungen ohne Anstand erledigt wurden, wieder etivaL flüssiger gewor­den. Der hohe Zinssatz, welcher diesmal für Reportgelder her langt wurde, wurde von den Geldnehmern anstandslos bezahlt, iveil die Geldverteuerung nur als eine vorübergehende Er­scheinung betrachtet wurde. Tagesgeld 56^ Prozent, Mo­natsgeld 78 Prozent.

An den Produktenmärkten blieb es, wie jedes Jahr um diese Zeit, still. Vom Ausland lagen keine sonderlichen An­regungen vor, nur Mais war von Argentinien merklich fester gehalten. Weizen kaum verändert und vom Jnlande meist nur in geringeren Qualitäten offeriert. Roggen war wiederum nur wenig altgeboten, im Preis daher fest. Gerste war nur in guten Qualitäten und bei nicht zu hohen Forderungen ver­käuflich, Hafer war vernachlässigt und das Mehlgeschast still.

Der Metallmarkt bot ein sehr ruhiges Bild. Silber ist wiederum schwächer geworden und auch in Platin lag ba« Geschäft still. Die Saisoneinkäufe bet Verbraucher sind natur­gemäß völlig beendet und die Nachfrage aus der elektrotech­nischen und chemischen Industrie blieb im engsten Rahmen.

Auf ben letzten Rohhäuteversteigerungen konnte man sei­tens der Käufer eine gewisse Zurückhaltung beobachten, doch kann nach den erzielten Preisen, die sich nur wenig nach oben und unten veränderten, die Tendenz am Rohhäutemarkt weiter als fest bezeichnet werden. Die Situation dürfte sich auch bis zum Jahresschluß kaum verändern, dies um so inehr, da nur noch wenige Versteigerungen ftattfinbcii. Dagegen sind gleich zu Beginn des neuen Jahre8 eine ganze Reihe ben Versteigerungen bereits angemeldet.