Schlüchterner Zeitung
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Nr. 107
Donnerstag, den S. September 1926
78. Aahrg.
BIM111MM1BM»mbbhbb»bb««mmm«»"»m»" ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ ! Sprechstunden beim Landratsamt: Dienstags: ;und Freitags, vormittags von 9 bis 12 Uhr.;
Amtliche Bekanntmachungen
Landratsamt.
J.-Nr. 490z K. A. Am Sonnabend, den 1 8. September 1926 findet in Sterbfritz (beim Gemeindebullenstall) eine
Ziegenbockkörung statt.
Zu dieser sind, vormittags um 1 o Uhr, sämtliche bereits angekörten (alten) Ziegenböcke und, mittags um 1 2 Uhr, sämtliche jungen Ziegenböcke, deren An- körung gewünscht wird, vorzuführen.
Die Herren Bürgermeister ersuche ich, dafür zu sorgen, daß sowohl die alten (gekörten) Böcke vollzählig zur Vorführung gelangen, als auch das gesamte körfähige Material an Jungböcken. Es ist erforderlich, daß jede Gemeinde durch den Bürgermeister oder eine andere Persönlichkeit auf dem Körungetage vertreten ist, damit sie in der Lage ist, nach Bekanntwerden des Vormittags-Körungsergebniffes gleich am Nachmittag nach Körung der Jungböcke den erforderlichen Bedarf für die Gemeinde zu decken.
Wie bekannt ist, muß für 80 deckfähige Ziegen ein Bock, «und sobald diese Zahl überschritten ist, ein 2. Bock gehalten werden. Da die Zählung der Ziegen vor Kurzem stattge- funden hat, sind die Herren Bürgermeister selbst in der Lage, zu prüfen, wieviel gekörte Ziegenböcke sie für ihre Gemeinde bezw. für ihren Bezirk benötigen.
Die Herren Bürgermeister ersuche ich, wiederholt auf vorstehende Bekanntmachung in ortsüblicher Weise (Schelle etc.) in ihren Gemeinden aufmerksam zu machen.
Aus Gemeinden, in welchen die Maul- und Klauenseuche ’ herrscht, dürfen selbstverständlich keine Ziegenböcke vorgeführ. werden.
Schlüchtern, den 3. September 1926.
Der Landrat. von Trott zu Solz.
J.-Nr. 8578. Der Herr Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten hat den mit der kommissarischen Verwaltung der Veterinärratsstelle in Schlüchtern beauftragten Tierarzt, Herrn Dr. Reich zum Veterinärrat ernannt und ihm vom i. September d. Js. ab die Veterinärratsstelle des Kreises Schlüchtern übertragen.
Schlüchtern, den 6. September 1926.
Der Landrat. J. V.: Dr. Hausmann.
J.-Nr. 8459. Unter Bezugnahme auf meine Verfügung vom 3. v. Mls. Nr. 7434 — Kreisblatt Nr. 94 — und vom 26. v. Mts. Nr. 8145 — Kreisblatt Nr. 103 — betr. Unfälle im Luftverkehr, ersuche ich die Ortspolizeibehörden des Kreises, mich in jedem einzelnen Falle ebenfalls sofort (telephonisch oder telegraphisch) zu benachrichten.
Anruf (auch während der Nachtzeit): „Unfallmeldestelle Kreishaus Schlüchtern."
Schlüchtern, den 3. September 1926.
Der Landrat. von Trott zu Solz.
Ttadt Schlüchtern.
Bekanntmachung.
Aus dem Stadtwald Schlüchtern Distrikt 23 und 24 w'rd Streugras, der Wagen zu 3 Mk. abgegeben.
Reflektanten wollen sich bis zum 13. d. Mts. bei Herrn vtadtförster Klotz melden.
Schlüchtern, den 6. September 1926.
Der Magistrat: Fenncr.
Bekanntmachung
Am Montag, den 13. September 1926, abends 6 Uhr c " eine Uebung für sämtliche Mannschaften der Pflicht- f-uerwchr statt.
Antreten: 53/4 Uhr abends im Hofe des Köhler'schen Anwesens, Fuldaerstraße 47-
Schlüchtern, den 8. September 1926.
rle Polizeiverwaltung: Der Ortsbrandmeister: ___V.: Fcnner. Denhard.
I ^adt Steinau.
Bekanntmachung.
I Die Urliste der in der Stadt Steinau wohnhaften Per- I Ionen, welche zu dem Amte eines Schöffen oder Geschworeyen
I werden können, liegt vom 10. d. Mts. ab eine I lang im Zimmer Nr. 2 des Rathauses während den kr^nststunden zu jedermanns Einsicht offen.
Steinau (Kreis Schlüchtern), den 6. September 1926. Der Bürgermeister. Dr. Kraft.
Das Verbrechen von Leiferde geklärt.
Verhaftung und Geständnis der Täler.
Das böse Gewissen als Verräter.
Die furchtbare Eisenbahnkatastrophe in Leiferde bei Hannover, der vor einigen Wochen 21 Menschenleben zum Opfer fielen, hat nunmehr ihre Klärung gefunden. Die Annahme, daß es sich um ein Attentat handelt, um den verunglückten Zug und die Reisenden zu berauben, hat sich bestätigt.
Im Asyl für Obdachlose in Berlin verhaftete die Kriminalpolizei zwei Leute unter dem dringenden Verdacht, an dem Unglück in Leiferde mitbeteiligt zu sein. Einer der Verhafteten, der Musiker Otto Schlesinger hat ein Geständnis abgelegt. Nach seiner Aussage traf er sich durch Zufall mit dem Kaufmann Willy Weber und, da beide über keine Barmittel verfügten, beschlossen sie. das Attentat auf den Zug, um sich durch Raub Geldmittel zu verschaffen.
Ursprünglich wollten sie über die Chaussee ein Drahtseil spannen, um Automobile aufzufangen und die herausgestürzten Insassen dann zu berauben. Dieser Plan hatte sich aber nicht verwirklichen lassen, weil sie nirgendwo ein Drahtseil erbeuten konnten.
Zur Festnahme der jungen Leute unter dem Verdacht, das Eisenbahnattentat bei Leiferde verübt zu haben, werden noch folgende Einzelheiten bekannt: Auf dem Polizeipräsidium m Hannover erschien ein Kaufmann Weber, der wichtige Angaben über die mutmaßlichen Täter machte. Er beschuldigte seinen eigenen Bruder des Verbrechens und gab an, daß dieser mit ihm am Sonntag an der Grabstätte seines verstorbenen Bruders weilte. Unter Tränen habe der jüngere Bruder gestanden, daß er
in jugendlichem Leichtsinn zusammen mit seinem Freunde Schlesinger das Attentat auf den O-Zug bei Leiferde verübt habe. Seit einigen Tagen hätte er keine Ruhe mehr gefunden und müßte sich nunmehr stets verborgen halten, ^ • bereits .<. Polizei auf seine Spur gekommen sei. — Bevor noch Weber die Verhaftung seines Bruders hatte veranlassen können, war dieser vom Friedhof verschwunden und zusammen mit seinem Freunde Schlesinger nach Berlin gefahren. Hier trieben sie sich
Mittel- und stellenlos
umher. Die Kriminalpolizei in Hannover machte dem in Hannover weilenden Berliner Kriminalkommissär Dost sofort von dieser Anzeige Mitteilung, und dieser kehrte sofort im Flugzeug nach Berlin zurück. Mit zwölf Beamten begab er sich nach dem städtischen Obdach, in der Annahme, daß hier die beiden Burschen übernachten würden. Nach mehrmaligem Durchsuchen der Schlafräume fand man in später Abendstunde Weber und Schlesinger hier vor; si« wurden schwer gefesselt nach dem Polizeipräsidium gebracht.
Auch weher gesteht das Attentat ein.
Die letzten Einzelheiten geklärt.
Willy Weber, der Zweite der Verhafteten in der Leiferder Attentatsaffäre hat unter dem Eindruck der Aussagen Schle- singers ebenfalls cingcstanden, daß er und Schlesinger den Kölner v-Zug zum Entgleisen gebracht haben.
Schlesinger ergänzte sein Geständnis dahin, daß beide nach der Ausführung des Attentats von der Unglucksstattc geflohen seien. Ihm sei bei der Ausführung des Anschlages auf den v-Zug nicht der Gedanke gekommen, daß dadurch Menschen- leben gefährdet werden könnten.
Berlin, 7. September. Wie verlautet, ist in der Angelegenheit des Eisenbahnattentats von Leiferde der Bruder Willy Webers, der Kaufmann Walter Weber in Hannover, von der Polizei unter dem Verdacht der Mitwisserschaft verhaftet wor. den. Schlesinger sagte im Verlauf seiner Vernehmung aus, daß ein ihm bekanntes junges Mädchen, das bei Leiferde wohnt, gleichfalls von dem Plan gewußt habe. Die Hannover- schc Kriminalpolizei forscht nach diesem Mädchen, um eS eben- falls in Haft zu nehmen.
Das Geständnis der Leiferder Täter.
‘ Berlin, 7. September. Bei den weiteren Vernehmungen aus dem Berliner Polizeipräsidium gab Schlesinger an, daß sie schon am Tage vor dem Attentat einen Anschlag auf den Amsterdamer Schnellzug versuchten, indem sie einen Hemmschuh auf das Gcleis legten. Die Lokomotive schob aber das Hindernis beiseite. Am folgenden Abend gelang ihnen der Anschlag, ohne daß die Täter den beabsichtigten Raub aus- führen konnten.
Zur Vervollständigung der Aussagen der verhafteten Urheber der Eisenbahnkatastrophe wird an der Unglücksstelle bei Leiferde ein Lokaltermin abgehalten werden. Gegen Schlesinger und Weber wird die Voruntersuchung, die sich gegen beide auf Mord erstrecken soll, eröffnet werden.
' Dem „Lokal-Anzeiger* zufolge dürfte der Hauptteil der für die Aufklärung des Attentats ausgefetzten Belohnung in Höhe von 27 000 Mark dem Landstreicher Schröder zufallen, der die Aeußerungen feines Zunftgenossen Walter Weber über den Anschlag der Polizei mitgeteilt hat.
Neues vom Tage.
— Wie aus Magdeburg gemeldet wird, ist das Verfahren gegen Haas, Fischer und Reuter durch Beschluß der Magdeburger Strafkammer eingestellt worden. Die Verhandlung gegen Schröder vor dem Magdeburger Schwurgericht findet am 16. und 17. September statt.
— Der Völkerbundsrat hat am Dienstag debattelos die Vertagung der Frage der Zurückziehung der französischen Truppen aus dem Saargebiet bis zur Wintertagung beschlossen.
— Auf der Zeche „Holstein* bei Wickede-Asseln wurden vier Bergleute verschüttet. Zwei konnten geborgen werden. Der Dritte gibt noch Lebenszeichen von sich, während sich der vierte nicht mehr meldet.
— Nach einer Havasmeldung aus Bayonne wird das Gerücht von einer angeblichen Entführung des spanischen Königs dementiert.
— Bei der spanischen Botschaft in London ist ein Bericht rin- gegangen, wonach sich die aufrührerischen Artillerieoffiziere den Behörden übergeben haben. Die Regierung hat es infolgedessen nicht für notwendig gehalten, Truppen einzusetzen. Der König wird morgen wieder nach San Sebastian zurückkehren. Die Situation wird allgemein als geordnet bezeichnet.
— Einer Meldung aus Tokio zufolge wird der deutsche Botschafter Dr. Sols am 11. September nach Berlin reisen, um mit der deutschen Regierung über das deutsch-japanische Handelsabkommen zu beraten.
— Nach einer Meldung aus Berlin soll der Plan des erweiterten Arbeitsbeschaffungsprogramms der Reichsrcgicrung in den nächsten Tagen dem Reichskabinett und dem Rcichsrat zugchen. Die neuen Vorschläge berücksichtigen besonders den Bau von Ueber- landstratzen.
Znirigenipiel in Gens.
' Der Kampf um die Besetzung der Ratssitze und bie. gleichzeitige oder wenigstens unmittelbar auf die deutsche Ausnahme ; (nde Aufnahme Polens in den Rat wird mit unverminderter Energie in Genf ausgefochten. Die erste Phase begann unmittelbar nach der Abreise der deutschen Delegierten von Hoesch und Gaus aus Genf. Letztere waren mit dem Eindruck abgereist, daß die deutsche Delegation unter Führung Dr. Stresemanns Gelegenheit haben würde, im Völkerbund an den Beratungen der Vollversammlung über das Projekt der Studienkommission teilzunehmen.
Aber bereits am Samstag versuchte Briand in geheimer Ratssitzung, leider mit Erfolg, seine These durchzusetzen, daß gleichzeitig mit dem Beschluß über die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund die Schaffung der drei neuen wieder- wählbaren Sitze vorgenommen werden soll. Gegen diesen Vorschlag Briands, der von fast allen Ratsmitgliedern unler- stützt würde, erhob der frühere schwedische Außenminister Huben heftigen Protest, und obgleich er seinerseits die Unterstützung des belgischen Außenministers Vanderveldc fand, drang er mit feiner Anschauung nicht durch. So kam es denn dazu, daß die Vollversammlung sich dazu entschloß, gleichzeitig über die Aufnahme Deutschlands und über die Schaf- ung der drei wiederwählbaren Sitze zu beraten und zu be- chlicßen. Weiter verlautet, daß bereits Ende der Woche an >tc Besetzung der nichtständigen Ratssitze herangetreten werden wird, um es Poleu zu ermöglichen, fast gleichzeitig mit Deutschland in den Rat einzutreten. Briand wird es somit gelingen, seine These, die er bereits int März mit allem Nachdruck vertrat, daß Polen mit Deutschland gleichzeitig in den Rat eintritt, durchzudrücken. Wenn Stresemann in Genf ein- trifft und seinen Platz in der Vollversammlung einnimmt, wird er sich festen Beschlüssen der Vollversammlung über die Unigestaltung des Rates gegenübcrsehen, an denen er nichts mehr ändern kann. So wird die These der deutschen Delegation, daß der Vollversammlung volle Bcschlußfrciheit bei der Umgestaltung des Rates gewährt werden müsse, allerdings aufrechterhalten fein, ohne daß aber Deutschland dieser Vollversammlung bereits angebürt.
Ueber dem Beschluß der Vollversammlung hängt allerdings noch immer das Damokles-Schwert des schwedischen Vorbehalts, nur unter der Voraussetzung, dem Projekte der Studienkommission Altstimmen zu wollen, daß sie die Krisis des Völkerbundes in glücklicher Weise löse. Mit Bestimmtheit verlautet, daß die schwedische Regierung in der Vollversamm- lung vom Mittwäch einen formellen Protest gegen das Projekt der "Studienkommission einlegen wird, und daß sie bei dieser Gelegenheit von Norwegen, Dänemark, Finnland und Holland auf das energischste unterstützt werden wird. Die schwedische Regierung beabsichtigt hierbei zu erklären, daß das Projekt der Studienkommission nach der Zurückziehung Spaniens vom Völkerbünde zwecklos geworden fei und der volitischen Situation infolgedessen nicht mehr entspreche.
Es wäre wünschenswert, daß die Reichsrcgicrung sich nochmals in letzter Stunde entschlösse, nach Genf einen diplomatischen Vertreter und Beobachter zu entsenden, der ihr über die Vorgänge in Genf eingehend berichten könne, ehe es zu spät ist? Abschließend ist hervorzuheben, daß noch einige andere Staaten in letztar Stunde ihre Kandidatur auf wieder- wäblbare nichtständige Ratssitzc ausgestellt haben, so u. a. Südafrika, das von Holland unterstützt wird, und Portugal, das auf die Unterstützung Englands rechnen kann. So be- E denn im Augenblick im Völkerbünde folgende Kannen: Belgien, Polen, Kanada, China, Südafrika, Portugal und eventuell ein Staat der Kleinen Entente.