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* Nr. 73 Dienstag, den 22. Juni 1926 78. Aahrg.
| Amtliche Bekanntmachungen ida Landratsamt.
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Polizeiliches Meldewesen.
II D. 88i. Nach Abschnitt 11a des RdErl. vom 16. Januar 1904 (MBliV. S. 40) hat die Meldebehörde des Anzugsortes der Meldebehörde des Abzugsortes von dem erfolgten Anzüge in allen Fällen Nachricht zu geben, wenn sich den Umständen nach annehmen läßt, daß diese über den Ort, wohin der Abziehende sich begeben hat, nicht unterrichtet ist. Solche Fälle liegen stets vor, wenn sich jemand ohne Vorlegung einer Abmeldebescheinigung anmeldet oder wenn in der Abmeldebescheinigung ein Ort, wohin der Umzug erfolgt, nicht angegeben ist, oder wenn zuziehende Personen sich nach einem anderen als dem Zuzugsorte oder auf Reisen oder Wanderschaft abgemeldet haben.
Obwohl die angezogene Bestimmung bereits durch die RdErl. vom 16. April 1921 (MBliV. S. 138) und vom 27. Januar 1923 (MBliV. S. 125) in Erinnerung gebracht worden ist, sehe ich mich infolge wiederholter Klagen veranlaßt, erneut darauf hinzuweisen.
Berlin, den 7. Juni 1926.
Der Minister des Innern.
In der Gemeinde Karsbach, Bezirksamt Gemünden, ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen.
Schlüchtern, den 16. Juni 1926.
Der Landrat.
J.-Nr. 5902. Der Landweg zwischen Mernes—Marjoß wird wegen Vornahme von Straßenbauarbeiten vom 21. 3unt bis einschließlich 1. Juli d. Js. für Lastfuhrwerke, «usschließlich Erntefuhrwerke, gesperrt.
Uebertretungen werden nach der Polizeiverordnung vom 6. April 1877 (Amtsblatt S. 137) bestraft.
Schlüchtern, den 19. Juni 1926.
Der Landrat. J. V.: Schultheis.
Stadt Schlüchtern.
NekanntmaMng.
Von Montag, den 21. d. Mtö. ab findet eine Revision d» Quittungskarten statt.
Die Arbeitgeber werden ersucht, die Quittungskarten "ebst Lohnbüchern, Lohnlisten usw. bereit zu halten.
Schlüchtern, den 21. Juni 1926.
Die Polizeiverwaltung: Gaenßlcn.
Stadt Steinau.
Bekanntmachung
Der Entwurf des Haushaltsplanes der Stadt Steinau für das Rechnungsjahr 1926 liegt von Montag, den u. Juni 1926 ab 8 Tage lang, im Zimmer Nr. 2 des hiesigen Rathauses gemäß § 76 der Städteordnung zur Ein- sicht der Gemeindeangehörigen offen.
Steinau, den 18. Juni 1926.
Der Magistrat. Dr. Hausmann.
Der Volksentscheid ergebnislos.
Das Gesamtergebnis vom Reich.
Bei einer Gesamtzahl Stimmberechtigter von 39 687 848 wurden bis Montag morgen insgesamt r; 025451 Stimmen abgegeben, davon 559 370 ungültig und 14992961 gültig waren. Mit ja stimmten 14440779 und mit nein 584672. ^uf dieses Ergebnis hin werden 36,2% der Stimmberech- ^glen mit ja gestimmt haben.
Zum Vergleich:
Für das Volksbegehren haben sich eingetragen: 12 523 939 Personen.
Für die sozialistischen Parteien (S. P. D., S. P. und K. P. D.) wurden bei der letzten Reichstagswahl abgegeben: 10 686 689 Stimmen.
Neue Funde im Breölaner Kindermord.
„ «reslau, 21. Juni. Bei der Untersuchung in der Eindermordsache fand man im Vorort Zimpel in einem Malschacht in Zcitungspapier gewickelt verschiedene "örperteile, an einer andern Stelle eine in Zeitungs- Papter eingewickelte blut® ArbeitSschlirze. Von dem Täter, der die beiden Kinder nmgcbracht hat, hat man "och keine Spur.
Toppelmord und Selbstmord.
Malterödorf bei Großschönau, 21. Juni. In einem Unfall von Schwermut hat ein 39 Jahre alter Muster- ieichner, hier, seine beiden Kinder int Alter von 4 "nd 6 Jahren die Kehle durchschnitten und sich dann ckbst auf die gleiche Weise entleibt. Der Mann lebte " glücklicher Ehe, war aber zur Zeit ohne Beschaf- »gung.
Die Entscheidung.
(Von unserem Berliner Mitarbeiter.)
Die nervöse Spannung, die während der ganzen letzten Woche über dem Lande lagerte, hielt bis in die letzten Stunden an. Am Sonnabend und Sonntag konzentrierten sich alle Kräfte auf die bevorstehende Entscheidung. Wie immer, konnte man auch diesmal wieder feststellen, daß die Linksparteien in der Propaganda wesentlich geübter und geschickter sind, als die Rechtsverbände. Auch kam den Anhängern des Volksentscheids bei ihrer Agitation wesentlich zustatten, daß sie ihre Massen bei weitem besser in der Hand haben, als die Organisationen der Rechten. Kommunisten und Sozialdemokraten bedienten sich diesmal eines neuen Propagandamittels in Form von Sprechchören, die an den Hauptplätzen Berlins auftraten und mehr oder weniger sinnreiche Schlagworte in gleichmäßigem Takt jedem, ob er es wissen oder nicht wissen wollte, zu Gehör brachten. Die Wogen des Abstimmungskampfes gingen schon am Sonnabend haushoch. In den Arbeitervierteln flatterten Tausende von roten Fahnen. Im übrigen ist man in Berlin der Aufforderung zu flaggen, wenig nachgekommen. Selbstverständlich ist es auch diesmal wieder ohne Zusammenstöße zwischen rechts und links nicht abgegangen. An manchen Stellen scheint man, um die Wahl zu beeinflussen, selbst vor Terrorakten nicht zu- rückgeschreckt zu sein. Zuverlässiges hierüber werden aber erst die inzwischen eingeleiteten Polizeiermittlungen ergeben. Viel Beachtung hat die Tatsache gefunden, daß große Masten der Sparer und Rentner in Berlin, die bei den letzten Reichstagswahlen für die Deutschnationale Volkspartei gestimmt haben, jetzt aus Erbitterung über die Aufwertung offen für den Volksentscheid eingetreten sind. Die Deutschnationale Volkspartei hat zwar in letzter Stunde einen Antrag im Reichstag eingebracht, demzufolge „unter Aufhebung der Fürsorgeverordnung und entsprechender Aenderung des Finanzausgleichgesetzes dem durch die Inflation um Vermögen gebrachten Rentnern eine a n - gemessene Ver so rgung reichsgesetzlich gewährleistet werden soll". Aber auch mit diesem Antrag hat man wohl kaum verhindert, dag viele irregesuhrte Reniner und epio rer am Sonntag ihre Stimme für den Volksentscheid abgegeben haben.
Bis kurz vor der Abstimmung bildeten die verschiedenen politischen Auswirkungsmöglichkeiten des Volksentscheids das Tagesgespräch. Die Möglichkeit einer Annahme des Volksentscheids wurde allgemein als gering angesehen.
Welches die tatsächlichen Auswirkungen der Entscheidung vom Sonntag sein werden, kann man jetzt noch schwer voraussagen. Das endgültige Abstimmungsergebnis wird ja auch erst in einigen Tagen bekannt sein. Aus der Tatsache, daß diesmal die Abstimmungsziffer diejenige des Volksbegehrens übersteigt, werden die Linksparteien zweifellos die Forderung herleiten, daß der Regierungsent- wurf über die Auseinandersetzung mit den ehemaligen Fürstenhäusern, der in der nächsten Zeit im Vordergrund der Erörterungen stehen wird, eine Gestalt erhält, die ihren Wünschen entspricht. Daß auch auf eine A u s l ö s u n g d e s Reichstages hingearbeitet wird, erscheint zweifelhaft. Ein dahingehender Mehrheitsbeschluß könnte nur mit Hilfe des Zentrums zustandekommen. Das Zentrum hat aber bereits vor dem Volksentscheid klar zum Ausdruck gebracht, daß erst dann die Auflösung des Reichstages unumgänglich ist, wenn sich herausstellen sollte, daß auch nach dem Volksentscheid sich der Reichstag als unfähig erweist, eine dem sozialen Empfinden und dem Eercchtigkeftspnn genügende Lösung der Fürstenabfindungsfrage zu finden.
Der Lesslnglonflilt.
Die Studentenschaft hält den Vergleich für unzureichend.
Hannover, 31. Juni. Die Studentenschaft der technischen Hochschule begrüßt in einer Erklärung den Versuch der sechs Hochschullehrer, in dem bestehenden Konflikt eine Lösung herbeizuführen. Andererseits stehe sie aber auf dem Standpunkt, daß die Ausführungen des Kultusministeriums dem berechtigten Streben deutscher Studenten nach Reinheit und Wahrhaftigkeit an dcuschen Hochschulen nicht gerecht werden.
Die Studentenschaft sehe sich daher nicht in der Lage, die in dem Erlaß des Kultusministers vorgesehene Lösung als endgültig anzusehen.
Die Studentenschaft stellt weiter mit Genugtuung fest, daß auch von feiten des Kultusministeriums die Eignung des Herrn Professor Lessing als Hochschullehrer tatsächlich verneint wird. Diese Tatsache geht daraus hervor, daß ihm an Stelle seines bisherigen LehrauftrageS ein dauernder ForschungSauftrag erteilt wird. Die Studentenschaft hält aber trotzdem lediglich eine Einstellung der VorlesungStät'gkeii nicht für ausreichend.
Schlagende Wetter anf der Zeche »Püttlingen*.
Saarbrücken, 21. Juni. Auf dem Matyildeufchacht der Zeche Püttlinnen entstand durch schlagende Wetter eine Explosion. Im Bereich der Explosion waren 9 Bergleute tätig, von den 8 schwer verletzt wurden. Zwei schweben in Lebensgefahr.
Duisburg, 21. Juni. Auf der Zeche Westende schlug ein Hauer mit der Spitzhacke auf eine Sprengkapsel im Gestein. Durch die Explosion wurde der Hauer getötet, ein zweiter erheblich verletzt.
Neues vom Tage.
— Die deutsche Hochseeflotte ist in ihre Heimathäfen zurückgekehrt, und zwar die Linienschiffe „Hessen" und „Elsaß" und der Kreuzer „Nymphe" nach Kiel, die übrigen Schiffe nach Wilhelms- Haven.
— Am 21. d. M. werden in Aachen Verhandlungen zwischen Deutschland und der belgisch-luxemburgischen Wirtschastsunion zwecks Abschlusses eines Vertrages über Erleichterungen im kleinen Grenzverkehr beginnen.
— In das französische Militärgefängnis in Trier wurde der Reichswehrsoldat Scheer aus Flensburg eingclicsert, der sich ohne Erlaubnis der Besatzungsbehörden bei seinen Verwandten in Bitburg ausgehalten hatte und dort von französischen Gendarmen festgenommen worden war.
— Wie aus London gemeldet wird, konnte zum erstenmal seit dem Beginn des Streiks der Bergarbeiterverband von Lancashire die Streikunterstützung an seine 80 000 Mitglieder nicht mehr zahlen.
— Der polnische Sejm-Marschall Ratai ist von seinem Posten zurückgetreten. Die Sozialisten haben im Sejm einen Antrag auf sofortige Auslösung eingebracht, der jedoch keine Aussicht auf Erfolg hat. Trotzdem ist die Lage wieder sehr kritisch geworden, und man rechnet mit überraschenden Entwicklungen.
— Nach einer Meldung der „Times" hat der Premierminister von Australien den vormals deutschen Konsul in Brisbane, Dr. Hirschfeld, aus die Vorstellung seiner australischen Frau wieder zugelassen. Dr. Hirschseld war während des Krieges unter der Beschuldigung der Spionage interniert und im Jahre 1920 ausgewiesen worden.
— Das Hochwaffer des Rheins steigt weiter.
— Anläßlich der Agitation zum Volksentscheid kam es in verschiedenen Städten Deutschlands zu blutigen Zusammenstößen zwischen Mitgliedern der Rechtsparteien und Kommunisten. Die Polizei stellte überall die Ruhe wieder her.
— Am Sonntag Nachmittag ist der Schnellzug , .,A» Bordeaux bet Vouvray in der Nähe von Tours enr- gleist. Fünf Personen wurden getötet und mehrere verletzt, darunter sieben schwer.
— Herriot hat auf die Kabinettsbildung verzichtet.
politische Zusammenstöße.
Blutige Kämpfe in Halle. — Ueber 80 Verletzte.
Am Vorabend der Volksabstimmung über die Für- stenenteignung kam es in verschiedenen Städten zu schweren Zusammenstößen zwischen Freunden und Gegnern des Volksentscheids. Am schlimmsten ging es in H a l l e her. Dort veranstaltete der „Stahlhelm" auf Lastautos eine Propagandafahrt durch die Stadt. Als die Autos in das Stadtviertel Glaucha kamen, begegnete ihnen ein geschlossener kommnnistischer Zug, der die letzten Autos abdräugte und die Insassen mit Ziegelsteinen bewarf und mit Latten, in die Nägel eingeschlagen waren, auf sie einschlug. Die Stahlhelmleute, die nicht bewaffnet waren, mußten sich darauf beschränken, die auf sie geschleuderten Steine zurnckzn- werfen. Das herbeigerufene Ueberfallkommando brächte die Kämpfenden auseinander. Ueber 20 Personen wurden verletzt, darunter drei schwer.
In S t e t t i n wurden die Teilnehmer eines Fak- kelzuges, den die Gegner des Volksentscheids vcran- stalteten, von den Kommunisten vielfach mit Steinen beworfen. Es kam an mehreren Stellen der Stadt zu Zusammenstößen und Schlägereien, so daß die Polizei mit Gummiknüppeln gegen die Ruhestörer vorgehen mußte. Auch hier gab es zahlreiche Verletzte.
Auch in B r e 8 t a u ist es zu einem Zusammenstoß gekommen, bei dem ein Mitglied des Stahlhelms, ein Breslauer Arbeiter, durch einen S-treifschub am Hals und einen Unterleibsschuß verletzt wurde. Der Täter konnte von der Polizei verhaftet werden.
Eine Bluttat im Frankfurter Hauptbahnhof.
Frankfurt a. M., 20. Juni. Im Südausgang des Frank kurier Hauptbahnhofs wurde ein etwa 20jähriges Mädchen aus Kassel bei Gelnhausen von einem gleichaltrigen jungen Mann durch mehrere Schüsie niedergestreckt. Das Mädchen brach scbtververletzt zusammen und wurde sofort ins Krankenhaus acfdjafft und operiert. Der Täter gibt an, das Mädchen, das lungenleidend ist, auf dessen Verlangen niedergeschoffen zu haben. Er selbst wollte sich nach der Tat gleichfalls erschießen, wurde jedoch daran gehindert und von der Polizei fest- genommen.
Deutsche Turner beim Präsidenten Coolidge.
Chicago, 20. Juni. Nach der begeisterten Aufnahme der deutschen Turnerriege auf dem Deutschen Tag tn Ch.cago bcflab sie sich zur Teilnahme am amerikanischen Bundestetz nach Louisvillc. Auf dem von 15 000 Turnern und Festakten besuchten Begrüßungsabend in der Amory-Hall errang sie durch ihre hervorragenden Leistungen verdienten Beifall, ^m deutsche Turnerriege hat vom Präsidenten Coolidge ttkgrapm|d? eine Einladung erhalten.