Schlüchterner Zeitung
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Nr. 10 (1. Blatt) Samstag, den 23. Januar 1926 78. Jahrg.
Amtliche Bekanntmachungen.
Landratsamt.
J.-Nr. 616. Die Herren Bürgermeister ersuche ich, die Hebammen anzuweisen, an den Herrn Medizinalrat (Kreisarzt) in Gelnhausen nachstehende Iahlenangaben baldigst einzusenden:
i. Zahl der von den Hebammen im Kalenderjahr 1925 behandelten Fehlgeburten.
2. Zahl der Wöchnerinnen, die an Kindbettfieber resp. Sepsis gestorben sind.
3. Zahl der aus anderen Ursachen gestorbenen Wöchnerinnen.
Um Doppelzählungen zu vermeiden, sind nur die Fälle zu zählen, die ohne Ueberweisung der Wöchnerin in ein Krankenhaus abgelaufen sind.
Schlächtern, den 19. Januar 1926.
Der Landrat. J. V.: Schultheis.
Lloyd George und die Arbeiter.
Die Grenzen des Sozialismus.
Nach einer Meldung aus England hielt der frühere englische Ministerpräsident Lloyd George in Carnavon seine lange erwartete Rede über das Verhältnis der Liberalen zur Arbeiterpartei.
Die Gerüchte, daß die Liberalen wieder mit der Arbeiterpartei in der Opposition gegen die konservative Regierung zusammengehen möchten, wies Lloyd George als Spekulation und Klatsch zurück. Die Arbeiterpartei habe im Jahre 1924 bewiesen, daß sie ohne Vorbereitungen und ohne Verständnis an die Macht gekommen sei. In jener Z-it habe allerdings die liberale Partei und er selbst eine falsche Haltung gegenüber der Arbeiterpartei eingenommen. Diese Zeit dürfe nie wieder- kommen.
Die Erfahrung habe bewiesen, daß der Sszialismus nicht über eine gewisse Grenze hinaus wachsen könne. Die Klugheit gebiete es, daß der Liberalismus sich selbst eine Macht- stellung erwerbe und im nächsten Moment eine starke Vertretung sichert. Dazu sei genügend Zeit bis zu den nächsten Wahlen, die in drei oder vier Jahren stattfinden müssen.
Das Urteil im Rotgardisten-Pwzeß.
Die beiden Angeklagten freigesprochen.
In dem Prozeß gegen den Leutnant a. D. Pölzing und ehemaligen Vizewachtmeister Prüfert, die beschuldigt wurden, in, den Münchener Räteunruhen 12 Arbeiter in Perlach erschossen zu haben, hatte der Staatsanwalt die Anklage auf Mord fallen lassen und Totschlag angenommen.
Das Gericht sprach beide Angeklagten frei, die Kosten des Verfahrens fallen der Staatskasse zur Last.
In der Begründung zu dem freisprechenden Urteil wird ausgeführt, daß wegen der Erschießung des Ludwig die Hauptverhandlung nicht den genügenden Beweis erbracht habe, daß die Erschießung auf Kommando Pölzings vorgenommen wurde. Es habe sich auch nicht feststellen lassen, daß Prüfert den Erschießungsbefehl für rechtswidrig gehalten habe. Er sei daher freizusprechen. Zum Fall Pölzing sei das Gericht auf Grund der Beweisaufnahme zu der Ueberzeugung gelangt, daß Pölzing den Befehl zur Erschießung der zwölf .Perlacher gegeben habe. Die Erschießung sei nach dem Ergebnis der Hauptverhandlung tatsächlich nicht gerechtfertigt gewesen. Auch nicht nach dem Schießerlaß Noskes. Auf der anderen Seite lasse sich die Behauptung Pölzings, er habe das Recht zur Erschießung gehabt, nicht mit einer zur Verurteilung ausreichenden Sicherheit widerlegen. Pölzing sei deshalb ebenfalls frcizusprechen.
Zu der Urteilsbegründung hatte sich eine große Menschenmenge eingefunden. Ein starkes Polizeiaufgebot mußte ein- greifen, um die Ordnung herzustellen.
■^ Volksentscheid über die Fürstenabfindung. Der Bundesvorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundcs hat nach einer Mitteilung des „Vorwärts" beschlossen, die Sozialdemokratische und Kommunistische Partei zu einer gemeinsamen Sitzung zu laden, die voraussichtlich noch in dieser Woche stattfinden soll. In der Sitzung will der Bundesvorstand zwischen den beiden Parteien vermitteln, um dein Volksentscheid über die entschädigungSlose Enteignung der früher regierenden Fürsten eine einheitliche Grundlage zu geben.
" Deutschland aus der Abriistungsvorkonferenz. Es vcr- lautet, daß zu denVerhandlungen dcrAbrüstungsvvrkonferenz des Völkerbundes das Mitglied der demokratischen Reichstags- fraktion Gmf Bernstorff, der frühere deutsche Botschafter in Washington, entsandt werden soll.
*« Der Kreuzer „Berlin" in Argentinien. Der deutsche Kreuzer „Berlin" ist am 16. Januar in Mardel-Plata ein- getroffen. Der Kommandant wurde vom Präsidenten der Republik, Dr. Alvacar, empfangen, der später in Begleitung des MarinemisterS einen Besuch an Bord des Kreuzers machte, wobei er besonders herzliche Worte für Deutschland, für die in Argentinien ansässigen Deutschen sowie für den Kreuzer „Berlin" selbst fand.
Seufzer Reichstag.
Berlin, 21. Januar.
Die dritte Lesung des Haushaltsplanes.
wird fortgesetzt. Beim Reichsjustizministerium wird ein Antrag des Sparausschusses angenommen, wonach beim Reichspatentamt nicht 10 Millionen, sondern 13 Millionen an Gebühren herausgeholt werden sollen.
Der Haushalt des Reichspostministeriums wird ohne Aussprache angenommen, ebenso der des allgemeinen Pensionsfonds. Dabei werden die Unterstützungen der ehemaligen Angehörigen der Wehrmacht und deren Hinterbliebenen von 2 Millionen auf 3,5 Millionen Mark erhöht.
Beim Reichsarbeitsministerium fordert Abg. Rädel (Komm.) eine Erhöhung der Unfall- und Invalidenrenten.
Abg. Simon-Franken (Soz.) protestiert gegen die Herabsetzung der Löhne.
Angenommen wird ein Antrag Ersing (Ztr.), für Zwecke der Ausbildung von Personen, die zur Vertretung der Arbeitnehmer berufen werden können, 500 000 Mark auszusetzen. Ferner gelangte ein Antrag Stückleu (Soz.) zur Annahme, zur Ausbildung von Arbeitsnachweisbeamten und Berufsberatern 10 000 Mark zu gewähren.
Abg. Hoch (Soz.) fragt, in welcher Weise den notleidenden Krankenkassen geholfen werden soll.
Reichsarbeitsminister Dr. Brauns erwidert, daß besondere Reichszuschüsse nicht möglich seien, daß man aber nötigenfalls Darlehen gewähren werde.
Angenommen wird ein Antrag, den aus Anlaß des Rrchr- kampses erwerbslos gewordenen Arbeitern und Angestellten weitere 20 Millionen Mark zu bewilligen.
Beim Ernährungsministerium empfahl Abg. Schmidt-Hannover (Dntl.) einen von allen bürgerlichen Parteien unterstützten Anlrag zur Erneuerung und Ergänzung der Schifte der Treibnetzfischereien, sowie der Erhaltung der Dampfer-Hochseefischereien einen langfristigen Kredit zu mäßigem Zinsfuß zu gewähren.
Abg. Beythien (D. Vp.) unterstützt den Antrag, über den erst am Freitag abgeftinunt werden foIL
Abg. Putz (Komm.) fordert für die in Not geratenen bäuerlichen Familienbetriebe einen Warenkredit von 100 Millionen Mark und zum Bau von Landarbeiterwohnungen 50 Millionen Mark.
Zu einem deutschnationalen Antrag, der 25 Millionen zur Förderung des Siedlungswesens verlangt, erklären die Abgg. Schmidt (Soz.) und Rönneburg (Dem.), sie könnten bei aller sachlichen Uebereinstimmung mit dem Ziel des Antrages nicht damit einverstanden sein, daß das Siedlungswesen dem Arbeitsministerium entzogen und dem Ernährungswesen übertragen werde. Die Abstimmung erfolgt am Freitag.
Beim Finanzministerium protestiert Abg. Höllein (Komm.) gegen die hohen Steuerlasten. Die Verantwortlichkeit der reaktionären Lutherregierung müsse schon jetzt festgenagelt werden.
Der Haushalt wird genehmigt, ebenso der der allgemeinen Finanzverwaltung. Angenommen wird ein Antrag, den Betrag für Beihilfen an hilfsbedürftige Kriegsteilnehmer von 13,5 auf 20 Millionen zu erhöhen.
Das Haus vertagt sich. Freitag 3 Uhr: Fortsetzung der dritten Lesung des Etats und Untersuchungsausschuß für Fememorde.
Delltschnationale und Sozialdemottalen.
Ihr« Haltung gegenüber dem neuen Kabinett.
Im Reichstag haben die Fraktionen, die nicht zur Koalition der Mitte gehören, zu dem neuen Kabinett noch keine Stellung genommen.
Es hat aber bereits ein Meinungsaustausch stattgefunden, aus dem hcrvorzugehen scheint, daß die Deutschnationalen und auch die Sozialdemokraten, sowie die Wirtschaftliche Vercini. gung nicht von vornherein dem neuen Kabinett grundsätzliche Opposition machen werden. Diese Parteien werden erst die Regierungserklärung des Reichskanzlers Dr. Luther am nächsten Dienstag abwarten und dann ihre Stellung fcstlegcn.
Am Dienstag wird sich der Reichstag vertagen, um den Fraktionen Gelegenheit zu geben, sich mit der RegierungL- erklärung zu beschäftigen. Die Kommunisten und Völkischen stehen natürlich dem Kabinett Luther ablehnend gegenüber.
Das neue Deutschland.
In Paris hielt der deutsche Schriftsteller Thomas Mann in der Carnegie-Stiftung für den Internationalen Frieden vor einem geladenen Kreise Intellektueller einen Vortrag über die geistigen Tendenzen des neuen Deutschlands. Professor Henry Lichtenberger von der Sorbonne stellte Thomas Mann vor als die deutsche Literaturpersönlichkeit, die in sich das alte und das neue Deutschland vereint, das neue nur nach Westen orientierte Deutschland, das geeignet sei, viel für eine aufrichtige und fruchtbare geistige Annäherung zu tun, namentlich aber für ein besseres Verstehen Frankreichs und Deutschlands einzutreten.
Thomas Mann, der seinen Vortrag in deutscher Sprache hielt, führte aus, daß während des Krieges Deutschland sowohl wie seine Gegner mit Gedanken gekämpft haben, die auf die scheinbar widerspruchsvolle Formel „Kultur und Zivilisation" zurückgeführt werden können. Nach seiner Ansicht gewinne in Deutschland die Demokratie jeden Tag an Gelände. In hohem Gedankenfluge entwickelte Thomas Mann dann, daß Nietzsche der große Prophet des neuen Geistes sei. Er führt die Schuld am Kriege auf rein philosophische Meinungsverschiedenheiten zurück und stellt den Grundsatz auf, daß durch den rauhen Kontakt der letzten Jahre die Sehnsucht nach relativer Einigung der Völker untereinander gewachsen sei. Europa als Ganzes stehe und falle, und in diesem Europa müßten Frankreich und Deutschland die Säulen der Verständigung werden.
Die Ausführungen Thomas Manns, die einen starken Beifall auslösten, wurden von Professor Lichtenberg ins Französische übertragen. Schließlich wurden an den deutschen Dichter einige Fragen gestellt, die sämtlich in dem Gedanken gipfelten: „Will Deutschland sich in den europäischen Gesamt- körper eingliedern und ist das junge Dichtergeschlecht gewillt, für diese Gemeinschaft zu kämpfen und zu streiten? Thomas Mann beantwortete diese Fragen optimistisch, indem er keinen Zweifel ließ, daß die Entwicklung in Deutschland schließlich von der Entwicklung im gesamten Europa abhängen werde.
Die Petroleumfrage und Locarno. —
Berlin, 21. Januar. In die deutsche Presse sind erneut Meldungen aus engllscher Quelle gelangt, wonach trotz aller offiziellen Dementis die Petroleumfrage während der Locarno- Verhandlungen eine Rolle gespielt habe. Diese Meldungen entbehren jeder tatsächlichen Unterlage. In Locarno ist — soweit Deutschland in Frage kommt — weder über Orient- noch über Petroleumfragen überhaupt gesprochen worden.
Empfänge beim Reichspräsidenten.
Berlin, 21. Januar. Der Reichspräsident empfing heute den Reichskommissar für die besetzten Gebiete, Botschafter z. D. Freiherrn Langwerth v. Simmern, ferner den zweiten Präsidenten des österreichischen Nationalrates, Dr. Dinghofer, sowie später den neuernannten Reichswirtschaftsminister Dr. Curtius.
Zur Reise Stresemanns nach Paris.
Berlin, 21. Januar. Zu den Erörterungen über eine Zusammenkunft des Reichsaußenministers Dr.Stresemann mit dem französischen Ministerpräsidenten Briand Anfang Februar wird von zuständiger Stelle erklärt, daß zwar allgemein solche Zusammenkünfte vorgesehen seien, daß aber im gegenwärtigen Augenblick weder über eine Reise des Außenministers nach Paris noch über den Zeitpunft eine Vereinbarung getroffen sei.
Räumung Bonns.
Bonn, 21. Januar. Der hiesige französische Gendarmeriekommandant ist gestern nachmittag nach Abschiedsbesuchen bei der Stadtverwaltung nach Trier abgereist. Der Kommandic- rende General der" französischen Besatzungktruppen stattete gestern dem Oberbürgermeister gleichfalle einen Abschiedsbesuch ab.
-*-« Ein neuer deutscher mäumungsschritt in London. Nach einer Meldung aus London verlautet in diplomatischen Kreisen, daß die Beratungen zwischen der englischen, französischen und belgischen Regierung über die an Deutschland zu gebende Antwort in der Frage der Besatzungstruppen in vollem Gange seien. Außerdem erwartet man in den nächsten Tagen einen neuen Schritt der deutschen Regierung in London.
" Thomas bei den Gewerkschaften. Der Direktor des internationalen Arbeitsamtes, Alvert Thomas, wurde von dem Deutschen Gewerkschaftsbund empfangen. Die Aussprache diente der Fühlungnahme mit den christlichen Gewerkschaften im Deutschen Reiche. Es wurden alle Fragen, die die christlichen Gewerkschaften und das Internationale Arbeitsamt berühren, eingehend erörtert. Besonders wurde auch die Frage der Vertretung der christlichen Gewerkschaften auf den internationalen Arbeitskonferenzen besprochen.
*< Ein neuer Befehlshaber des Wehrkreises III. Mit dem dem 31. Januar scheidet der Generalleutnant von Horn, Kommandeur der 3. Division und Befehlshaber des Wehrkreises III auS dem .Heeresdienst aus. An seine Stelle tritt der Chef des Truppenamtes, Generalmajor Haffe, der durch den bisherigen Inspekteur der Nachrichteutruppen, Generalmajor Wetzell, ersetzt wird.
-k Der Fall des Einreisevisums. Am vorigen Mittwoch ist im Verkehr zwischen Deutschland und der Schweiz der Bisumzwang gefallen. Die deutsch-schweizerische Presse feiert in ihrer Mehrheit dieses fortschrittliche Ereignis, wobei die „Neue Züricher Zeitung" Arbeitssuchende nochmals davor warnt, nicht ohne die erforderliche Bewilligung in die Schweiz zu kommen.