Nr. 154
Dienstag, den 29. Dezember 1925
77. Aahrg.
Des Kanzlers WeihnachtswunsH.
^Vertrauen auf Deutschlands Leistungsfähigkeit.
In der „Essener Allgemeinen Zeitung" wird ein Weihnachtswunsch des Reichskanzlers Dr. Luther für das Ruhrgebiet veröffentlicht, der unter den augenblicklichen wirtschaftlichen Verhältnissen durch seine Mahnung zum Vertrauen auf die Leistungsfähigkeit des Volkes und zur Hoffnung auf seine bessere Zukunft von ganz besonderer Bedeutung ist. Der Kanzler weist zunächst darauf hin, daß das diesjährige Weihnachtsfest für den ganzen Ruhrbezirk im Rahmen ernster wrrtsch aftlicher Not steht.
„Und doch sollte," so meint der Kanzler weiter, „uns allen der Blick in die Zukunft auch im jetzigen Notwinter die Grundlage für eine stimmungsvolle Feiertagsfreude geben.
Am Ausgang einer schweren Krise, die wir jetzt durchleben, und die in ihrer Hanptrichtnng eine Gc- sundnngskrise ist, wird das deutsche Wirtschaftsleben wieder erstarken. Das freilich wird nur eintreten, wenn die Verwirklichung des wahrhaften Friedens zwischen den Völkern allgemeines Vertrauen zur Selbständigkeit der wirtschaftlichen Bedingungen wachruft. Darum muß und wird jetzt jede Reichsregierung an dem Ausbau und an der Festigung solchen wirklichen Friedens arbeiten und jeder deutsche Volksgenosse sollte ihr tatkräftige Unterstützung gewähren.
Mit dem festen Vertrauen auf die Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes können wir dann hoffnungsvoll unserem Leitstern, den alten heiligen Worten folgen: „Friede aus Erden und den Menschen ein Wohlgefallen."
Slresemami über ZukunftKro-kiue.
„Europäische Schicksalsgemeiuschast."
Reichsaußenminister Dr. S t r e s e m a n n hat einem Dresdener Blatt einen Weihnachtsartikel zur Verfügung gestellt, in dem er über die Zukunftsprobleme der deutschen Außenpolitik folgendes erklärt;
„Verschiedenartige Not schafft Schicksalsgemem- . schaft. Englische Arbeitslosigkeit kann besser geheilt werden durch einen aufnahmefähigen deutschen Markt, als vurch einen verelendeten. Frankreichs Finanznot — die kein wirtschaftlicher Vorteil für uns ist — kann nur geheilt werden, wenn ein friedliches Europa den großen Finanzmächten der Welt ein friedliches risikoreiches Feld der Betätigung bietet. Neberlegene Technik überseeischer Märkte zwingt zum Zusammenwirken der Wirtschaft über die Landesgrenzen hinaus. Daraus ergeben sich Zukunftsprobleme von großem Ausmaße. In ihnen erst werden die großen Rückwirkungen sich geltend machen. Aus der Kriegspsychose und dem Haß sondern sich die Gedanken der Anerkennung der Rechte und Nationen und der einzelnen wieder ab. Ein waffenloses Volk kann von einer Fortdauer der Kriegsstimmung nichts, von einer Verständigung nicht alles, von einem europäischen Zusammenwirken aber doch manches für seine Zukuns erwarten. Diesem Gedanken galt die Politik von ^o- carno. Eine Politik der Revanche ist Wahnwitz. Der heute gegangene Weg schafft die Möglichkeit einer friedlichen Entwickelung, unter der allein ein deutscher Wiederaufstieg möglich ist."
Neuregelung der ErmrbMenMsorge. Einbeziehung der höher bezahlten Angestellten r» vre
Erwerbslosenfürsorge.
Halbamtlich wird mitgeteilt: Entsprechend . er _ - klärung, die der Reichsarbeitsmimster am . zember 1925 im Haushaltsausschuß Reichstages bei der Beratung zur Erwerb^osenfursorge g^ Anträge abgegeben hat, und dem ru oer-oo , lung des Reichstags am 12. Dezember 19.5 em stimmig gefaßten Beschlusse des Reichstag - >t ^ Reichsarbeitsministerium ein Gesetzent hoher gearbeitet worden, der die Eiübez.ehung der yvyer bezahlten Angestellten in die Erioerbslosenfurso 3
1 ^Das Reichskabinett hat w. seiner letzten^Sitzung der Neuregelung zugestimmt. Der ^^^ ^sbaid dem Reichsrat vor und wird dem Relv) u hinein zur Beschlußfassung bugeleitet werden. Nach ebenfalls dem Reichsrat bereits untervrcuV ^ ordnungsentwurf sollen die Beiträge z loscnfürsvrgc grundsätzlich e i n h e l r 4 T .„ Reichsgebiet bemessen werden un | $ * a j f { eine neu zu errichtende 9t c i Äß«“ $9 besonders fließen. Damit wird der in Krrstnz üöcrIaytetcr nötige Ausgleich zwischen den unwr- m ^^ Beitrags- Gebieten des Reiches herbeigeführt, u Deckung aufkommen so vollständig , ^Schließlich sollen des FürsorgeaufwarGS herangezogem Jn 0„ der im Perordnungswege dw Bejt< •; vorgesehenen BeitragSpflicht, die einen nicyr h i nach außerordentlichen Umfang angen Möglichkeit eingeschränkt werden.
Grauenhafte Morde am Heiligen Abend. Ein Berliner Tabakwarenfabrikant mit einem Beil erschlagen. — Eine Frau schwer verletzt.
Am Heiligen Abend hat sich im Bureau eines Tabakwarenfabrikanten in Berlin-Britz ein furchtbares Verbrechen abgespielt.
. Ein junger Mensch, der sich bei dem Fabrikanten bereits zu wiederholten Malen um Stellung bemüht hatte, drang in die Vureauräume ein und schlug den 34 jährigen Fabrikanten, der gerade am Schreibtisch saß, durch Axthiebe nieder. Die Verletzungen waren so beträchtlich, daß der Mann bereits nach wenigen Stunden sein Leben aushauchte.
Als der Mordbube das Bureau verließ, begegnete ihm auf dem Flur die Gattin eines Tabakwarenhünd- lers aus Neukölln, die bei dem Fabrikanten noch einige Einkäufe erledigen wollte. Jedenfalls, um die Zeugin seines grauenvollen Verbrechens zu beseitigen, versetzte er der Frau vier Axthiebe. In schwerverletztem Zustande liegt die Frau im Krankenhause darnieder.
Der Verdacht der Täterschaft lenkte sich gegen einen Kaufmann Schubert aus Neukölln. Schubert wurde am ersten Feiertag fest genommen. Da zahlreiche Indizien gegen ihn sprechen, ist er in Haft behalten worden. _
Furchtbarer Raubmord in Sachsen.
Ein Ehepaar erschlagen.
Wie aus Lobstädt bei Borna (Sachsen) gemeldet wird, sind dort am Heiligen Abend von einem noch unermittelten Täter ein 51 Jahre alter Kan- nnenwirt und seine um 5 Jahre ältere Frau während des Schlafes mit Beilhieben erschlagen worden. Beide Eheleute waren vermutlich sogleich tot. Ein Barbetrag von etwa 600 Mark ist geraubt.
Die Weihnachtsfeier für die Angestellten des Reichspräsidenten.
Der Reichspräsident von Hindenburg Veranstaltcte für das Personal seines Büros und seines Hauses eine stimmungsvolle Weihnachtsfeier, an der alle Beamten, Angestellten, Arbeiter und Arbeiterinnen teilnahmen.
Der Reichspräsident begrüßte die Festteilnehmer, die unter dem lichterbrennenden Christbaum an einer weihnachtlich gedeckten Kaffeetafel Platz genommen hatten, mit herzlichen Worten.
Das Wcihliachtsfcst sei nach deutscher Sitte ein Fest der Familie, ein Fest des Hauses. Deshalb habe er es auch als ein Bedürfnis empfunden, das Personal seines Büros wie die Angestellten des Hausdienstes um den Christbaum bei sich zu vereinigen, ihnen für ihre Arbeit zu danken und ihnen seine besten Wünsche für das Fest für sie und für ihre Angehörigen aus- zusprechen.
Hieran anschließend überwies der Reichspräsident, von seiner Schwiegertochter und schient Sohn unterstützt, seinen Weihnachtsgästen die für sie bestimmten Geschenke und Gaben.
Staatssekretär Dr. Meißner dankte namens aller Angehörigen des Büros dem Herrn Reichspräsidenten für sein gütiges Gedenken und seine freundlichen Worte mit der Ver-, sichcrung, daß jeder von ihnen es als eine besondere Ehre betrachte, unter dem Reichspräsidenten arbeiten zu dürfen und deshalb stets mit besonderer Freude seine Pflicht tun werde In seiner herzlichen Art verabschiedete der Reichspräsident sodann jeden einzelnen der Erschienenen mit Handschlag und persönlichen Wünschen.
Zusammenschluß der Dcutschvölkischc» und Deutsch- sozialc».
Berlin, 28. Dezbr. Die deutschvölkische Freiheitsbewegung und die unter der Führung Richard KunzeS stehende deutschsoziale Partei haben sich zusammen- aeschlosscn. Die Vereinigung der beiden Richtungen wird damit begründet, baß es nur durch die Zusammenfassung aller Kräfte der völkischen Bewegung möglich ein würde, einen entscheidenden politischen Einfluß auf die Geschicke Deutschlands zu gewinnen.
Der preußische Haushaltsplan für 1926.
©erlitt 28 Dezbr. Das Staatsministerium hat den Haushaltsplan für das Rechnungsjahr 1926 ge- nehmiqt und dem Staatsrat zur verfassungsmäßigen gutachtlichen Aeußerung zugehen lassen. DicEimmh- men und die Ausgaben find in dem neuen Rechnungsjahr auf je 3 322 331 697 Reichsmark veranschlagt.
Bayerischer Titelsegen zu Weihnachten.
München, 28. Dezbr. Anläßlich des Weihnachts- und Neujahrsfestes sind zahlreiche Titelverleihungen von der bayerischen Staatsregierung veröffentlicht worden. Als neu eingeführte Titel kamen zur Verleihung. Der Landesarbeitsrat, der Arbettsrat, der Verslche- ntTtnSrat der Pharmazierat, der Veterinarrat und der Geheime' Veierinärrat, sowie der Technische Gewerberat Die Gesamtzahl der mit Titel ausgezeichneten Personen betrügt mehrere Hundert.
Gegen das SeuWum in Südlirol.
Die faszistischen Versuche, das Deutschtum in Südtirol zu vernichten, nehmen immer heftigere Formen an. Von dem Geist von Locarno ist immer noch nichts zu verspüren, die Vorgänge stehen vielmehr in krassestem Gegensatz zu ihm.
Nach einer Meldung aus Berlin wird im italienischen Ministerium des Innern der faszistische Vorschlag geprüft, Bozen zur Haupt stadt einer Provinz zu machen, zu der die Kreise Bozen, Bruneck, Brixen, Meran und Lava- lose gehören sollen. Auf diese Weise würde die neue Provinz Bozen etwa 250 000 Einwohner haben, von denen 150 000 Deutsche, 30 000 Ladiner und 79 000 Italiener wären. Eine einzige große deutsche Zeitung mit dem Titel „Alpenzeitung" soll erscheinen. Dieses Blatt wird dazu bestimmt sein, die deutsche Bevölkerung italienisch zu machen. Zum neuen Präfekten von Bozen soll eine dem Ministerpräsidenten nahestehende bekannte Persönlichkeit vorgesehen sein.
Einer der FührerdesAeutschtums in Südtirol, Dr. Noldin in Salurn, war in der letzten Zeit Gegenstand besonderer Verfolgung der Faszisten. Sein Haus wurde geradezu von Faszisten belagert und es folgte ihm stets ein Faszist, wenn er -feine Wohnung verließ. Vor einigen Tagen erhielt er eine Vorladung zum Karabinierikommando, wo er als verhaftet erklärt und in einen finsteren Raum geworfen wurde. Man legte ihn in Ketten und brächte ihn in das Gerichtarrest. Gegen Dr. Noldin liegt nicht einmal der Verdacht einer strafbaren Handlung vor. Die Beschuldigung lautet, er habe den deutschen Privatunterricht in Salurn gefördert und die Absicht gehabt, für diese Kinder einen Christ- baumfeiertag zu veranstalten.
Die deutsche Schule ist den Faszisten besonders ein Dorn im Auge, daher gilt ihr ein erbitterter Kampf. So betraten ein Zivilist und ein Karabinieri ein Privathaus in Bruneck und verfügten die sofortige Einstellung des Deutschen Unterrichtes, den eine Lehrerin einigen Kindern erteilte. Mittlerweile kamen vier weitere Karabinieri ins Lokal. Den Kindern wurden nun die Schultaschen durch- sucht und alle deutschen Bücher und Hefte weggenommen. Ttuiij bie~©djtef2ttäfW mitgenommen. Nach genauester Hausdurchsuchung mußte sich die Lehrerin in Begleitung der sechs Männer (fünf Karabinieri) zur Unterpräfektur begeben. In ihrer Abwesenheit wurde ihr Zimmer genau durchsucht, Reisepaß, Schulzeugnisse, Vormerkungen, selbst einige Kunst- lerkarten wurden mitgenommen. Die Lehrerin erhielt sodann einen Abschubbefehl nach Bozen. Bei Abfahrt des Zuges ver- anstaltete die Bevölkerung von Bruneck herzliche Sympathiekundgebungen. — In dem kleinen Orte Montan gab es eine wahre Treibjagd nach Lehrpersonen und deutschem Hausunterricht, an der sich sechs Amtspersonen beteiligten. Auch hier wurden einige Fibeln, Tafeln und Rechenbücher weg^ genommen.
Anträge an den Reichstag.
Wohnungswirtschaft, Preistreibereiverordnung, Mittelstandsgewerbe, Verdingungswesen.
Im Reichstag ist ein d e u t s ch n a t i o n a l e r Antrae eingegangen, der die Reichsregierung auffordert, schleunigst einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den die Wohnungs. ämter beseitigt und der Mieterschutz neu geregelt werden soll
Ein Antrag der Deutschen Volkspartei fordert Auskunft, ob die Preistreiberei- und ähnliche Verordnungen nicht überall aufgehoben werden sollen. Er fragt ferner an, ob dem Beschluß des Reichstagsausschusses über das Verbot des Aussuchens von Warenbestellungen in den amtlichen Räumen der Reichsbehörden und der Reichsbahn und Reichspost entsprochen worden ist. Ein weiterer Antrag der Deutschen Volkspartei verweist auf die außerordentlich schwere Lage des Mittelständischen Gewerbes und verlangt Senkung des Zinsfußes bei gewährten Krediten, ferner Erteilung von Aufträgen durch Reich, Staat und Gemeinden, Reichsbahn und Reichspost, Aufhebung der Luxussteuer, Vorlegung der Reichs- verdingungsordnung und der Reichshandwerksoronung.
Ein Antrag der Demokraten verlangt ebenfalls Neuregelung des Verdingungswesens, sowie eine Uebersicht über die Maßnahmen der Länder zur Bekämpfung der Mißstände im Hausiergewerbe und Wandergewerbebetrieb, ferner eine Uebersicht über die Maßnahmen der Regierung in der Preissenkung, besonders innerhalb der Kartelle und Trusts.
Vertreibung der deutschen Geistlichen aus der Schule in Südtirol.
Innsbruck, 28. Dezbr. Wie aus Bozen gemeldet wird, ist an alle Seelsorger des Unterlandes, des deutschen Nons- und Fleimstales kürzlich ein Erlaß er- i gangen, der den Auftrag erteilt, des Religionsunterricht ausschließlich in italienischer Sprache zu erteilen. Die Pfarrer von Laurein und Proveis (Monstal) sind bereits entboben, weil sie den deutschen Kindern deutschen Religionsunterricht erteilt haben sollen. Andere Pfarrer sind gefolgt, man zählt gegen 20.
— In einem Tunnel in bet Schweiz hat das gesamte Zugpersonal eines Gnterzugcs Rauchvergiftung erlitten.
— Die Meldungen über Sturmverwüstungen und Hochwasserschäden aus aller Welt mehren sich. Eine Sturzwelle hat die Insel Kap (Japan) überflutet. 20 Fischerboote sind gekentert, 150 Fischer werden vermißt.