Schlüchterner Zeitung
I Kkeis-Kmtsbtatt * Myemeinee amtlich erMzeiger für Kar Kreis Schlüchtem
8mukun6 Vertag: H.Sternfeld Söhne* Geschästslk ®ahnht>fTtr.6 * tenspr.str.W * pvstKhelKkrNmnkftwtaM-rrsoo
Nr. 122
Dienstag, den 13. Oktober 1925
77. Iahrg.
Amtliche Bekanntmachungen, i Landratsamt.
J.-Nr. 8203. Zum Schutze der Saatfelder wird für i den Kreis Schlüchtern ungeordnet, daß alle Tauben vom 15. I Oktober bis 10. November d. Jö. einschließlich einzusperren | sind.
Ich ersuche die Ortspolizeibehörden, darauf zu achten, daß diese Anordnung befolgt wird.
Schlüchtern, den 7. Oktober 1925.
Der Landrat. von Trott zu Solz.
Ltadt Schlüchtern.
' Der Unterricht an der gewerblichen Berufsschule beginnt für alle Schüler am Donnerstag, den i 5. -Oktober 1925 abends 6 Uhr. Die Gewerbeunternehmer werden hiermit wiederholt aufgefordert, ihre schulpflichtigen ‘ Lehrlinge, Gehilfen und gewerblichen Arbeiter zum rechtzeitigen, ' regelmäßigen und pünktlichen Besuch der Berufsschule an- zuhalten.
i Schlüchtern, den 12. Oktober 1925.
Der Vorstand der gewerbl. Berufsschule. Gaenßlen.
Das aus dem Walddistrikt 23 und 24 (Ballings) geschnittene Streu gras soll öffentlich versteigert werden. Zusammenkunft etwaiger Kaufliebhaber am Dienstag, den 13. Okt 0 ber 1925 nachmittags 4 Uhr beim Hause Ueckert auf der Röthe.
Schlüchtern, den 12. Oktober 1925.
Der Magistrat: Gaenßlen.
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Krieg wegen Mossul.
Während in Locarno die europäischen Staatsmänner ,. SSq*-«^4LesZedmiu Su^uä viiljunbeln, geht in Syrien und Marokko der Krieg europäischer Heere gegen außereuropäische Völker weiter. Wenn nicht alles trügt, wird in nicht allzu langer Zeit ein dritter Kriegsschauplatz aufgemacht werden. In: M 0 s s u l g e b i e t selbst und wahrscheinlich an den Dardanellen. Es geht um M 0 s s u l. Schon tauchen Meldungen auf über Zusammen- ziehung türkischer Truppen an der Grenze des strittigen Gebiets, über verdächtige Bewegungen englischer Schiffe im östlichen Mittelmeer. In Konstatinopcl demonstrieren die Türken vor dem englischen Botschaftsgebäude: „Nieder mit England! Wir wollen Mossul haben!" In London beraten die englischen Politiker über das, was nun mit Moßul werden soll. Die Frage war entsprechend den Abmachungen in Lausanne dem Völkerbund vorgelegt worden, und angesichts des reinen Machtwillens Englands, das Gebiet in feine Interessensphäre hineinzuziehen, wagte der Völkerbund nicht, einen Rechtsentscheid auszusprechen, saubern wälzte die Verantwortung von sich ab und verwies den Streit an das Haager Schiedsgericht. Die Türkei denkt nicht daran, dessen Entscheidung anzurufen oder anzuerken- nen, da sie in keiner Weise dazu verpflichtet ist. Sie wird, fußend auf ihrem unzweifelhaften Recht, Besitz von dem ihr zugehörigen Gebiet ergreifen.
Sie befindet sich in dem Vorteil, daß nach dem Abschluß des Waffenstillstandes von Mudros 1918 die Engländer ganz widerrechtlich Mossul besetzt haben. Die Türkei wird das offene Unrecht der Engländer rückgängig machen, indem sie wahrscheinlich bis zur Grenze des Jahres 1918 vorrücken wird und somit ihrerseits einmal nach englischem Muster die Welt vor ein f a i t a c c 0 m p 1 i stellt. Es ist interessant, daß sich die Türken in der Verteidigung ihres Vorgehens auf ihre Erfahrung mit den Engländern in Aegypten berufen. Erklärten die Engländer nicht seinerzeit auch, daß sie Aegypten/ die türkische Provinz, nur „auf einige Zeit" besetzen würden? Und was ist heute aus Aegypten geworden? Diese Erfahrung will die Türkei nicht noch einmal bei Mossul machen. Sie besteht auf ihrem Recht. Und besteht darauf, daß England nichts in Mossul zu suchen hat.
Ein Lastauto vom Zug überfahren.
Primtenau, 12. Oktober. An dem Bahnüber- aber Eisenhüttenwerke Henrietten- und Dorotheen- e wurde ein Lastauto von einem Personenzug über- fahren. Der Chauffeur sowie seine beiden Begleiter wurden auf der Stelle getötet.
Flugzeugabsturz in das Meer.
Kopenhagen, 12. Oktober. In der Nähe der Insel Jyderup bei Seeland stürzte ein dänisches Militärflugzeug aus einer Höhe von 125 Meter in die See ab. Der Mechaniker wurde getötet, während der Führer schwere Verletzungen davontrug.
Der Herzog von Ajdir.
Madrid, 12. Oktober. Der Stadtrat von Cadix fordert in einem Aufruf alle spanischen Städte zu einem gemeinsamen Schritt beim König auf. daß der Oberbefehlshaber der spanischen Truppen in Marokko, General Primo de Ribera wegen der Eroberung der Hauptstadt Abd el KrimS zum Herzog von Ajdir er- nannt werde.
Weitere persönliche Fühlungnahme.
Zahlreiche inoffizielle Besprechungen in Locarno.
Der sitzungsfreie Tag wurde mit persönlichen Aussprachen einzelner Delegationsmitglieder untereinander ausgefüllt. So trafen sich Reichsaußenminister Dr. Stresemann mit dem französischen Delegationsführer im Palace-Hotel. Die Unterreoung dauerte ungefähr 1% Stunden. Ferner empfing Staatssekretär v. S ch u b e r t den Besuch des belgischen Außenministers V a n- dervelde im Hotel Esplanade
Außerdem machte der englische Außenminister C h a m b e r- l a i n einen Besuch beim Kanzler, den dieser bald erwiderte. Es verlautet, daß diese Besuche den Charakter eines Höflichkeitsaktes hätten, doch sind bei dem Ernst der Lage damit zweifellos auch sehr wichttge Unterhandlungen verbunden.
Ferner fand die Fortsetzung der Unterhandlungen zwischen den Juristen statt, die sich bis im, die späten Nachmittagsstunden ausdehnten.
Presseempfänge in' Locarno.
Die Führer der einzelnen Delegationen empfingen die Vertreter der Presse, um ihre Polittk vor dem Ausland und vor allem vor dem eigenen Lande zu verteidigen. Chamber- l a i n und B r i a n d gaben Erklärungen nur den Vertretern ihrer eigenen Presse gegenüber. Senator Scialoja empfing dagegen die gesamte in Locarno weilende Presse und schilderte seine Eindrücke von der Konferenz, dietbereits eine Reihe sehr schwieriger Arbeiten erledigt habe.
Ueber die allgemeine Stimmung ein einheitliches Bild zu geben, ist außerordentlich schwierig. Die übereinstimmende Empfindung, die im übrigen auch mit dem tatsächlichen Sachverhalt weitgehend in Einklang stehen dürfte, geht dahin, daß die Zusammenkunft in diesen Tagen ein sehr wichtiges Stadium durchmachi. Optimytische und pessimistische Auffassungen wechseln in rascher Folge miteinander, während allerdings die generelle Tendenz auf feiten der fremden Delegationen vorwiegend hoffnungsvoller ist als bei der deutschen Delegation. Dieser Optimismus rechtferttgt und erklärt sich vielleicht eher aus der fortschreitenden persönlichen Fühlungnahme, als aus den bereits erreichten praktischen Ergebnissen der Verhandlungen.
Eine Erklärung Chamberlains.
Austin Chamberlain empfing die englische Presse und erklärte: Der Verlauf der Verhandlungen ist günstiger als man erwarten konnte. Manche Schwierigkeiten, deren Ueberwindung uns vorher große Kopfschmerzen machte, haben sich in Locarno leicht lösen lassen. Andere dagegen, dw wir bereits vorher gelöst hatten, sind zu ernsten Streitfragen geworden. Meine Unterredungen mit Dr. Stresemann und dem Reichskanzler Dr. Luther haben viel zur K l ä r u n g der Gegensätze beigetragen. In offener und freundschaftlicher Form haben wir uns über alle Streitfragen aus- sprechen können. Was den Abschluß der O st v e r t r ä g e zwischen Deutschland, Polen und der Tschechoslowakei anlangt, so läßt sich zurzeit noch nichts bestimmtes sagen. England ist an dieser Frage naturgemäß nicht interessiert, möchte sich aber die Möglichkeit Vorbehalten, wenn die Zeit gekommen ist, zu ihrer Lösung beizutragen.
Am Samstagvormittag wurden die Verhandlungen wieder ausgenommen. Bei Beginn der ersten Sitzung der Vollkonfe- renz nahm man an, daß sie nicht so lange dauern wird, weil die Besprechungen über den § 16 noch keine irgendwie greifbare Unterlagen geschaffen haben, auf die sich die Diskussion einer Vollversammlung aufbauen ließe. Es wurden zunächst die Berichte der Juristen entgegengenommen.
Der amtliche Sitzungsbericht.
Ueber die neue Vollsitzung wurde folgendes gemeinsam vereinbartes Kommunique auSgegeben: Es wurden auf Grund der von den Juristen ausgearbeiteten Abänderungsvorschläge die Artikel des Paltentwurss in zweiter Lesung durchberaten. In der Präambel wurde zur Auszählung der vertragschließenden Staaten der Name Italien hinzugesügt, der in dem Londoner Textentwurf nicht enthalten war. Diese Hinzusügung bestätigt die Erklärung des italienischen Delegierten hinsichtlich der Absicht Italiens, sich an dem Sicherheitspakt als Garant unter denselben Bedingungen zu beteiligen wie Großbritannien.
Die Erörterung ergab die endgültige Formulierung der Mehrzahl der Artikel des Entwurfs. Die übrigen Artikel wurden einer weiteren Erörterung Vorbehalten. Die nächste Zusammenkunft findet am Mo>' ' Oktober, statt.
Deutschland als Durchmarschgebiet.
Ein Vertreter der „Westminster Gazette" in Locarno erfährt von gut unterrichteter Seite, Polen bestehe nicht auf der Grantie Frankreichs, vorausgesetzt, daß im Sicherheitspakt anerkannt werde, daß kein Hindernis für einen Durchmarsch Frankreichs durch die eutmilitarisiierte Zone zu Polens Beistand bestehe, wenn Polen von Deutschland angegriffen werden sollte. Was ein französisches Durchmarschsrecht durch Deutschland zur Unterstützung Polens gegen einen russischen Angriff betreffe, so sei Polen bereit, hierauf nicht zu bestehen und dadurch die Regelung des Problems des Eintritts Deutsch. landS in den Völkerbund zu erleichtern. Der Bericht schließt: Somit scheint ba§ Problem des Paktes im Westen wie im Osten auf gutem Wege zu einer Regelung zu sein.
Eine Motorbootfahrt der Hauptdclcgiertcn.
Die persönliche Fühlungnahme der Delegierten während des Wochenendes wird durch eine Motorbootfahrt eingcicitet, zu der sich die vier Delegierten der drei Hauptstaaten verabredet haben, nämlich auf deutscher Seite Dr. Luther und Dr. Strcse- mann, von den Alliierten 6l?amberlain und Briand. Es dürfte nicht ohne politische Pointe sein, daß man diesen Ausflug auf diese vier Herren beschränkt hat.
Vor den Entscheidungen.
(Von unserem Berliner Mitarbeiter.)
Wenn nicht alles täuscht, reifen die Dinge in Locarno der Entscheidung zu. In den beiden schwierigsten Fragen (Völkerbund und östliche Schiedsverträge) ist zwar eine Einigung noch nicht erzielt worden, aber auch hier scheint der kritische Punkt überwunden zu sein. Der Freitag, an dem bekanntlich nur interne Besprechungen der Chefs der einzelnen Delegationen untereinander stattfanden, Diente im wesentlichen der Klärung des gegenseitigen Standpunkts. Die Juristen haben sich mit verschiedenen Formulierungen über die beiden oben erwähnten Hauptpunkte beschäftigt. In der Vollsitzung am Sonnabend hat aber offenbar noch keine dieser Formulierungen die Zustimmung der Delegierten gefunden; denn in dem amtlichen Commu- nique, das über diese Sitzung herausgegeben worden ist, heißt es, daß zwar die Mehrzahl der Artikel des Paktentwurfes in zweiter Lesung endgültig formuliert werden konnten, daß aber die übrigen Artikel einer weiteren Erörterung vorbehalten werden mußten.
Man braucht sich nicht weiter den Kopf zu zerbrechen, welches die Artikel des Paktentwurfes sind, über die eine Einigung noch nicht gefunden werden konnte. Es sind dies fraglos die oben erwähnten strittigen Hauptpunkte: der Artikel 16 und die östlichen Schiedsverträge. Die nächste Vollsitzung findet am Montag vormittag statt und man wird inzwischen vermutlich alles tun, um auch hier zu einer Lösung zu kommen. Insbesondere werden die Alliierten- Minister alle Hebel in Bewegung setzen, zum Ziele zu kommen. Ihre Taktik geht unzweifelhaft darauf aus, in diesen Hauptpunkten eine Entscheidung herbeizuführen, um dann zu sagen, daß der Zweck der Konferenz erreicht sei.
Man darf erwarten, daß die deutschen Delegierten diese Absichten der alliierten Minister rechtzeitig durchschauen werden. Für uns ist die Konferenz natürlich noch nicht zu Ende, wenn man sich über den Völkerbund und die östlichen Schiedsverträge geeinigt hat. Man würde es auch in Deutschland sicher nicht verstehen, wenn die deutsche Delegation von Locarno abreisen würde, ohne in mehreren anoeren Punkten, die den Alliierten nebensächlich erscheinen mögen, die aber für uns unverzichtbare Forderungen sind, auf Erfolge Hinweisen zu können. Schließlich hat Deutschland doch nicht sein Garantieangebot gemacht, um lediglich Opfer dafür bringen zu müßen. Bisher hat man aber noch nichts davon gehört, welcher Art die Gegenleistungen sind, die man Deutschland zubilligen will. Der Westpakt, der nach den vorliegenden Meldungen in den Erundriffen ja bereits fertiggestellt ist, soll doch den Sinn haben, die Zwangsgarantien, die die Siegermächte beim Abschluß des Krieges sich geschaffen haben, durch freiwillige Garantien zu ersetzen. Mit dem Tage, da der Westpakt unterzeichnet und von den Parlamenten ratifiziert wird, ist das ganze Besatzungs- regime mit seinem berüchtigten Ordonnanzwesen, seiner Militärgerichtsbarkeit usw. in den Rheinlanden sozusagen ein Anachronismus geworden. Wir wollen hoffen, daß Herr Dr. Stresemann die Fragen des B e s a tz u n g s - regime, der Befatzungsfristen und der Verminderung der Besatzungstruppen mit aller Deutlichkeit zur Debatte stellen wird. Wenn demnächst Köln geräumt wird, so ist es eine Selbstverständlichkeit, daß die Truppen, die jetzt in der Kölner Zone versammelt sind, nicht irgendwo anders in der zweiten und dritten Zone massiert werden. Daß die Räumung Kölns selbst vor dem Abschluß des Paktes sichergestellt fein muß, ist eine Selbstverständlichkeit, die nicht noch einmal besonders betont werden muß.
Wenn den Alliierten wirklich an dem Westpakt etwas liegt, dann müßen sie sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß nicht Deutschland allein der zahlende Teil sein kann. Letzten Endes fallen die Entscheidungen ja nicht in Locarno, sondern in den Parlamenten der Staaten, die den Sicherheitsvakt wollen. Und man kann es ruhig aus- sprechen, daß kein deutscher Reichstag sich finden wird, der die in Locarno getroffenen Abmachungen ratifiziert, wenn nicht die unbedingte Gewähr geboten ist, daß nach und durch diesen Pakt der Alpdruck, der seit Jahren auf Deutschland lastet, von ihm genommen wird.
Die Fischer von Locarno.
Nichts gefangen.
Fünf Stunden sind die in Locarno versammelten Minister auf dem Lago Maggiore herumgefahren, und als sie wieder an Land gingen, konnten sie sagen: „Herr, wir haben den ganzen Tag gefischt und nichts gefangen." Briand meinte allerdings nach Beendigung der Fahrt, sie Hütten sich mit neuen Fischsorten beschäftigt, aber das geschah offenbar nur theoretisch, und so ist man tatsächlich mit leeren Händen wieder heimgekehrt. Der deutsche Fisch, den man in der Reuse des Völkerbundes fangen will, hat sich bisher mit der Gewandtheit eines Aales allen Nachstellungen zu entziehen gewußt. Chamberlain ist auch ehrlich genug, zuzugeben, baß bisher noch nichts erreicht ist. Nach Beendigung der Fahrt sagte er:
„DaS bemerkenswerteste Ergebnis in bezug auf dieses Zusammentreffen ist, daß eS überhaupt statt- gcsunden hat und daß die Beziehungen zwischen den Konferenzteilnehmern bis zu diesem Zeitpunkt einen