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Schlüchterner Zeitung

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Amtlicher Organ für Stadt und Kreir Schlüchtern

Nr. 130

Dienstag, 31. Oktober 1922

74. Jahrgang

Dos Reneste.

Die Faschisten haben sich durch Handstreich in den Besitz der Gewalt in Oberitalien gesetzt.

Line Deputation des Reichsrats hat dem Reichspräsidenten Glückwünsche zur Verlänge- r u n g seiner Amtsperiode überbracht.

Die Reparationskommission hat den alliierten Regierungen ein Memorandum zu den BerlinerVer- Handlungen unterbreitet.

Auf dem d e u t s ch n a t i o n a l e n P a r t e i t a g ist ein Beschluß gegen die völkische Arbeitsgemeinschaft ge­fußt worden.

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Der Siegeszug des Faschismus

Die zweite Inkarnation des jetzt zurückgetretenen Mini­steriums Facta, das sich zu einem Exekutivorgan des Faschismus entwickelt hatte, war von vornherein nur als ein Provisorium bezeichnet worden, zu dem, sich die Parteien nach einer wochenlangen Krisis entschlossen, weil G i o I i t t i sich damals weigerte, die Zügel der Regierung wieder in die Hand zu nehmen. Facta ist immer nur als der Platzhalter Giolittis betrachtet worden. Der Kongreß der Faschisten in Neapel, der mit einer regelrechten Truppenschau in der großen Arena begonnen wurde, auf der 30000 Schwarzhemden vor Mussolini vorbeizogen, und die ihren Höhepunkt in der großen Rede des Führers im Teatro San Earlo fand, enthüllte in seiner ganzen Aufmachung die ungeheure Macht, die diese einzigartige Bewegung in Italien erreicht hat. Der Faschismus ist in der Tat ein Staat im Staat mit einer Armee, einem Generalstab und einer vortreff­lich disziplinierten Beamtenschaft geworden, und,b^ Regie­rung zittert vor ihm und beugt sich seinem Willen, weil seine Niederkämpfung einfach nicht möglich ist. Mussolini hatte ganz recht, wenn er in seiner Rede sagte:Ganz Italien blickt auf diese unsere Zusammenkunft, weil laßt es mich ohne falsche Bescheidenheit sagen, die meistens nur der Wandschirm der Dummen ist es im Europa der Nachkriegszeit, ja in der ganzen Welt keine interessantere und originellere Erschei­nung gibt, als den italienischen Faschismus. Diese Bewegung ist zugleich eine politische, eine genossenschaft­liche, eine militärische, eine religiöse, sie birgt in sich alle Notwendigkeiten, alle Hoffnungen, alle Leidenschaften der neuen italienischen Seele."

Italien untersteht jetzt schon der Diktatur dieses soziali­stischen Renegaten, der sich mit glühender Begeisterung zur savoyischen Monarchie bekennt, auch die Gnade hat, die Ver­fassung achten zu wollen, wenn sie zu seinem Instrument wird, aber das parlamentarische System nur als un­entbehrliches PolksberuhigungsMittel gelten läßt. Er wolle, so sagte Mussolini, unter dem Gelächter der sechstausend männlichen und weiblichen Zuhörer im Teatro San Carlo, dem Volk dieses Spielzeug durch- -aus nicht fortnehmen. Im Süden Italiens hat zwar die bolschewistische Welle, die auch die appeninischeHalbinsel vor drei Jahren zu überfluten drohte, den festesten Damm ge- "funben, aber der Faschismus hat noch nicht so Fuß gefaßt wie im Norden. Darum hat Mussolini seine Heerschau nach Neapel verlegt, und der Kongreß, der die letzte Warnung der Regierung sein soll, hat am Fuße des Msuvs seine werbende Kraft bewährt und eine so gewaltige Begeisterung ausgelöst, fdaß man bis zu den Tagen Garibaldis zurückdenken muß, um in der italienischen Geschichte ähnliches zu finden. Vor fallem jubelt Mussolini die Jugend Italiens zu, und wer die Jugend hat, hat bekanntlich die Zukunft.

Der Rede Mussolinis sind zwei andere Reden voraus - zegangen, welche die ungeheure Bedeutung erkennen lassen, die der Fäfchismus in Italien gewonnen hat. Giolitti hat im Provinzialrat von Cunei, dessen Vorsitzender er ist, seine all- jAhrliche Eröffnungsrede diesmal in programmatischer Form gehalten und Nitti hat zu seinen Wählern gesprochen. Beide haben die Notwendigkeit der Beteiligung des Faschismus an der Regierung anerkannt. Von dem greifen Piemontesen, der in den nächsten Tagen seinen achtzigsten Geburtstag .friert, ist das nicht merkwürdig, denn dieser genaueste Kenner der italienischen Volksseele hat alle seine großen Erfolge der Kunst zu verdanken, mit der er sich jeder Bewegung anpaßte, deren Leitung ihn aus den Händen zu gleiten drohte. Aber' Nitti ist derjenige Politiker, der von den Faschisten am tiefsten >gchaßt wird. Zwischen ihm und Mussolini ist keine Verbin­dung möglich. Wenn auch er ihn für bündnisfähig und von fernem Programm eigentlich nur die Abschaffung der Der- Hältniswahl für unannehmbar erklärt, so beweist das mehr für die Unwiderstchlichkeit der faschisttschen Bewegung als alle eroberen Erfolge, die sie schon davongetragen hat. Denn es ^ der größte Triumph, wenn man von einem Menschen als.

Machtfaktor anerkannt wird, den man mit Füßen getreten Hut.

Freilich hat sowohl Giolitti als Nitti den Eintritt der Faschisten in die Regierung nur unter dem Vorbehalt für wünschenswert erklärt, daß sie die Bahnen des Ge­setzes nicht verlassen. Was antwortet der Diktator auf diesen Vorbehalt? Daß er die Verfassung nicht antasten und auf legalem Wege den Faschismus in das ihm zukom­mende Herrscheramt einsetzen wolle, wenn man ihm diesen legalen Weg nicht verschließe. Daß er aber keinen Augenblick zögern iverde, Gewalt airzuwendens wenn man nicht die For- derungen erfülle, die er schon in Ubine am 3. Oktober ge­stellt habe, nämlich die Aenderung des Wahlrechts, die Auflösung der Kammer und fünf Sitze im Ministerium.Jedesmal in der Geschichte," so ruft er aus,wenn starke Ideen- und Interessengegensätze sich bilden, ist es letzten Endes die G e w a l t, die entscheidet. Weil wir unsere Legionen mächtig formiert und streng diszipliniert haben, wird uns, wenn der Kampf durch Gewalt entschieden werden wird, der Sieg zuteil werden, und er wird dem italie­nischen Volke zuteil werden, welches das Recht und die Pflicht hat, sein politisches und geistiges Leben von den Sch-nurotzer- pflanzen einer'Vergangenheit zu befreien, die sich nicht ver­ewigen darf, weil sie die Zukunft zerstören würde."

Am 4) November, dem Tage der Schlacht von Vittorio Veneto, nach der das österreichische Heer auseinanderlief, wird der mächtigste Bundesgenosse Mussolinis, der eigentliche Schöpfer des italienischen Faschismus, Gabriele d'Annunzio, auf dem Altar des Vaterlandes, so heißt das Riesendenk- mal Viktor Emannels auf der Piazza Venezia in Rom im Auftrage der Kriegsbeschädigten eine Rede halten. Ihr blickt man mit großer Spannung entgegen. Vielleicht, ja wahrscheinlich wird der Faschismus an diesem Tage schon auch offiziell den maßgebenden Einfluß auf die Geschicke Italiens gewonnen haben. Wenn nicht,"dann wird wvtzt'biete Rede- nachdem sich sowohl Giolitti.als Orlando mit d'Annunzio ver­ständigt haben, die endgültige Aufnahme der von Mussolini bestimmten Männer in's Ministerium herbeiführen. Er selbst hält seine Zeit noch nicht für gekommen. Er wird aber, auch wenn er nicht im Ministerium sitzt, sein leitender Geist sein.

Dr. C. Mühli n g. -

Staatsstreich Mussolinis?

Times zufolge besagt eine aus Italien eingetroffene Meldung vom 27. Oktober, daß die Faschisten um i 11 y3 Uhr eine gemeinsame Aktion in ver­schiedenen Städten begonnen haben. Sie feien jetzt Herren einiger Hauptstädte, wie Florenz, P i s n und b* r e m o n a. Die Verbindungen zwischen Nord-, Süd- und Mittelitalien seien unterbrochen. Ueberall in diesen Städten hätte» sie die staatlichen Behörden a b g e s e tz t und die Herrschaft übernommen. Es scheine, daß ihnen kein Widerstand entgegengesetzt worden sei. Zusammenstöße hätten nicht stattgefunden, ausgenom­men in Cremona, wo sechs Faschisten durch Schüsse ver­wundet worden seien. In Mailand sei bis jetzt alles ruhig, da dort zahlreiche Truppen anwesend seien. Bon anderen Mittelpunkten fehlten bisher Berichte.

In allen Provinzhaupiorten ziehen sich Faschisten zusammen und versuchen nach R o m zu gelangen. In Rom erhielten alle Faschisten Befehl, bis heute mittag ihre Organisation zu stellen. In den Orten der Toscana sind Tausende von Faschisten ver­sammelt und Sonderzüge nach Rom sind unterwegs. Der Bahn- Hof von Rom ist militärisch abgesperrt worden.

Lausanne.

Auf die Anfrage der diplomatischen Vertreter Frankreichs, Englands und Italiens wegen der Zustimmung der Schweiz zur Abhaltung der Friedenskonferenz über ö e n D r t e n t in Lausanne antwortete der Schweizer Bundesrat zusttmmend. Die Dragomane der alliierten Gesandtschaften haben der Hohen Pforte und dem Vertreter der Nationalversammlung von Angara die Einladung zur Konferenz übermittelt. Wie Reuter^ aus Konstantinopel meldet, wird Ismed Pascha an der Spitze der kemalistischen Delegation für die Konferenz stehen. Er ist zum Kommissar für auswärtige Angelegenheiten ernannt worden. Griechenland wird durch V e n i 3 e l 0 ® vertreten werden. Nach einer Meldung des New Park Herald verlautet offiziell, daß die Vereinigten Staaten einen Vertreter nach Lausanne entsenden werden, der der Konferenz als Beobachter beiwohnen werde.

v Die Gündenböcke für Kleinasien.

Nach einer Havasmeldung aus Athen sind der revolutionäre Ausschuß und die Regierung fest entschlossen, alle für den natio­nalen Zusammenbruch verantwortlichen Persönlichkeiten streng zu verfolgen. Gestern abend sei der ehemalige Ministerpräsident Kalogeropulos verhaftet worden. Prinz Andreas, der in Korfu verhaftet wurde, sei in Athen angekommen. Der P««z, bet bei dem Feldzug im Abschnitt Sangarios das dritte

Armeekorps befehligte, werde beschuldigt, zum Teil an dem Zu- sammenbruch im Monat August 1922 die Schuld zu tragen, weil ,er es abgelehnt habe, sich nach den Befehlen des Oberkomman- dierenden Generals P a p u l a s zu richten.

Der englische Wahlkampf.

Asquiths Programmrede. Bor einer neuen Koakitio«?

Asquith eröffnete den liberalen Wahlfeldzug mit einer Rede in Peterborough,in der er erklärte, die liberale Polittk sei nur in den Händen aufrichtiger Liberaler sicher. Das Wort Zusammenwirken" sei erfunden, um an die Stelle der altmodischen Koalition zu treten. Letzten Endes werde es jedoch auf dasselbe hinauslaufen. Die ganze Welt sei der Ansicht, daß der Friedensvertrag von Versailles, Lloyd GeorgesFreiheitsurkunde", abgeändert werden müsse. Der Vertrag von S e v r e s sei tot. Die Polittk der Liberalen Partei sei Frieden und Svarsamkeit. Die Liberalen hätten seit dem Waffenstillstand darauf bestanden, daß dem Völ­kerbünde eine wirkliche und beherrschende Autorität gewährt werde. Die Frage der Reparationen und der Schulden sei die Wurzel der wirtschaftlichen Uebel der Welt, und die Liberalen träten für ihre Regelung ein.

Anscheinend sind die englischen Konservativen und die Nationalliberalen bereit, in verschiedenen Wahlbezirken z u sa m m e n z u g e h e n. Reuter zufolge wird in gewissen politt- schen Kreisen von einerNeuen Koalition unter einem konservativen Premierminister" gesprochen. Chamberlain gab in einer Rede in Birmingham seiner Bereitschaft Ausdruck, mit Bonar Law zusammenzu- wirken und erklärte, er finde kein Fehl an dem Manifest Bonar Laws, sei jedoch der Ansicht, daß zu große Umstände gemacht seien, um einen so geringen Wechsel hervorzubringen. Churchill hat vom Krankenbett aus eine Kundgebung an die Liberalen in Dundee gerichtet, in der er erklärt, er werde seinen Platz neben Lloyd George einnehmen.

Ein Memorandum der Reparaiions-

kommissisn.

Die Reparationskommission hat den in chr nertretenen Re­gierungen ein Memorandum über ihre Berliner Reise überreicht. Gegen das darin enthaltene Programm werden von den alliierten Mächten gewisse Bedenken geltend gemacht, die durch einen Gedankenaustausch behoben werden sollen. B r a d b u r y ist be­reits nach London abgereist, um seiner Regierung Bericht zu erstatten und um die Jnstrukttonen für die bevorstehende Ver­handlung entgegenzunehmen.

Nach dem Oeuvre wird sich die Reparattonskommisston in Berlin auf die Arbeiten und Vorschläge der Deut­schen stützen, so z. B. die von Staatssekretär Hirsch zur Stabi­lisierung der Mark vorgeschlagenen Maßnahmen prüfen. Der belgische Kompromißvorschlag zielt dem Blatte zufolge auf dt« Stabilisierung der Mark und den Ausgleich des Budgets ab und macht die Wiederaufnahme d^r deutschen Zahlun­gen von dem Budgetausgleich abhängig, ohne der Entscheidung vorzugreifen, die die Alliierten in Brüssel zur Herab­setzung und endgültigen Bestimmung der deutschen Ge- s a m t s ch u l d vielleicht treffen werden. Reichsfinanzminister Hermes soll schon am Dienstag ausgefordert werden, seinen Plan einer Stabilisierung der Mark auseinanderzusetzen.

Der deuischnaiionale Parteitag.

Abkehr von, Parlamentarismus.

In seiner Eröffnungsrede auf dem Görlitzer deutschnationaleu Parteitag sagte Exzellenz Hergt weiter:Brot geht vor Reparationen" hat mit Recht der Reichskanzler gesagt, und Brot geht auch vor der Erfüllung solcher Konttollvorschriften. Die drei Forderungen, die den Schlüssel unserer Lage darstellen, sind und bleiben: Produktive Finanzpolitik im Innern, Aufgabe der Erfüllungspolitik nach außen und eine entschiedene Produktionspolitik. Man kann zu letzterer noch die Stabilisierung der Währung als Sonderziel hinzufügen, die aber ohne gleichzeittge Lösung der anderen Hauptaufgaben unerfüllbar sein würde. Es ist ein Zeichen für das mangelnde wirsschaftliche Verständnis der Sozialdemo- kratt«, daß sie glaubt, die -Währungsstabilisterung isoliert herbei­führen zu können.

Am wenigsten notleidend sind zurzeit die Jugendlichen, a m meisten die Familien. Alles das beweist, daß unsere Ent- lohnungspolitik, beeinflußt durch falsche Auffassungen aus der Zeit der Revolutton und die Nachgiebigkeit gegen die For­derungen der Masse, auf ein völlig falsches Gleis geraten ist. Hier heißt es entschieden umzukehren. Pflicht der Regierung ist es, in ihren Staatsbetrieben mit gutem Beispiel voranzugehen und auf die Gewerkschaften im Sinne einer Anerkennung der Familienpolitik unter Zurückstellung der falschen und volksschädlichen Egalisierungstheorie einzuwirken. Die Regierung muß endlich entschlossen zu ausreichenden Familien-, Frauen- und Kinderzulagen übergehen und überhaupt auf allen in Frage kom- menden Gebieten großzügige Familienpolitik betreiben.

Zur Präsidentenfrage.

sagte Hergt: Man hat die Größe des überparteilichen Programms, man hat Hindenburg geopfert. Im Aufträge der Fraktton habe ich einen Appell an den Reichspräsidenten selbst gerichtet, die Frage zur Entscheidung an das Volk zu bringen. Der Appell ist eben- x falls nutzlos gewesen. .