Schluchlemer Zeitung
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Kreisblatt
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Amtliches Organ für Stadt und Kreis Schlüchtern
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Rr. 127
Das KeueHe.
— Barthon» Reparation spinn, der eine scharf« Kontrolle der gesamten deutschen Finanzen vorsieht, ist jetzl »eröffentlicht Worden.
— Im Reichstag hat der Reichskanzler Dr. Wirth be- ktnnigegeüen, daß man Attentatsplänen gegen ihn auf die Spur gekommen ist.
— Gegen ^echenbach, den Sekretär Eisners, und seine Mitangeklagten G arg a s und L em b k e find schwere Zuchthausstrafe» »erhängt worden.
Englands kommender Mann.
Wenn nicht alle Zeichen trügen, wird Lloyd George, der vulkanische Waliser, in dem rechnende^ Schotten B o n a r Law seinen Nachfolger als Premier finden. Daneben stellt sich der Engländer LordDerby ein, den vorlaute Freunde in Paris als Kandidaten nominieren. Deutschland, vor die Frage gestellt, welche dieser Persönlichkeiten es bevorzugen möchte, ist in der Lage jenes Appenzellers, der drei Frauen gehabt hatte und entscheiden sollte, welche die beste gewesen N- „Beiß in drei saure Holzäpfel und sag' mir, welcher von ihnen am süßesten geschmeckt hat", war die Antwort. Eine Zeitlang hofften gläubige Gemüter auf das Wohlwollen Lloyd Georges, und er lohnte dies Zutrauen mit einer schweren Kette von Enttäuschungen. Wir brauchen sie nicht »ufzuzähien; seine Langmut gegenüber Französischen Provo- Dationen erreichte die Grenze des Möglichen. Uebertroffen wurde er darin durch den ehemaligen englischen Botschafter fei Paris, Lord Derby. Dieser ist ein Franzosenfreund «4Ä8 phrase, ein Virtuose in deutschfresserisä^n Hetzreden. Zwei Aeußerungen von ihm charakterisieren die Haltung, die mal erffärte er, der Vertrag von Versailles muffe als etwas Heiliges angesehen voerden; ein anderes Mal: England habe nur den einen Zweck im Auge. Deutschland nicht mehr hoch- iommen zu lassen.
Als Dritten im Bunde haben wir den jetzt in erster Linie genannten Führer der Konservativen (zeitweise auch der Unioniften) Bonar Law zu betrachten. Zwar hat er 1911 gelegentlich geäußert, ein Krieg mit Deutschland würde ein unfaßbares Unglück sein; er könnte nur die Folge eines Mangels an menschlicher Weisheit sein! Wo ist diese salomonische Erkenntnis während des letzten Jahrzehnts hingeraten? Der kühl denkende Bonar Law entpuppte sich zu unserem Schaden als alles andere denn als Deutschenfreund, obwohl ihn, den Eisenindustriellen, freundschaftliche Beziehungen mit deutschen Industriekapitänen verbanden. Er trieb, was für einen englischen Politiker selbstverständlich M. nur englische Politik/ und was für Reden er auch im Weltkrieg hielt, sie waren auf strammstes Durchhalten gerichtet. Immer wieder feuerte er als Kriegstreiber das Heer, ohne dessen Riedrlagen zu beschönigen, zu neuen Anstrengungen an. Nach dem Siege war er keineswegs ge wM, Milde matten zu lassen. In schärfster ^ife forderte er die Auslieferung des Kaisers als eines.Kriegsverbrechers und sprach sich auch für die ganze Auslieferungsaktion aus. Er vertrat auch die Forderungen — und zwar mit Erfolg —, den Deuffchen zu verbieten, selbst nach den? Kriege englischen Boden zu betreten.
Es ist notwendig, sich die Haltung dieses Imperialisten zu vergegenwärtigen, und da Poincarg die Lawsche Richtung kennt, ganz z-u schweigen von der Derbys, wird seine bis zur Ekstase gesteigerte Befriedigung über den Rücktritt Lloyd Georges verständlich. Indessen ist nicht zu vergessen, was der französische Staatsmann zur Durchkreuzung der eng lischen Ostpolitik getan hat. Das Triumphgeschrei der Pariser Presse über die Niederlage der Griechen, die, zugleich eine Niederlage Großbritanniens war, galt doch nicht bem unbequeme« Lloyd George, sondern bem empfindlichen Prestige eines Staates' der dadurch in der Welt des Islams erheblich an Kredit verlor. Was in dieser Beziehung wieder wettzumachen ist, stellt eine der außenpolitischen Aufgaben des neuen Premiers dar, und das kenn nur auf Kosten des französischen Uebermuts geschehen. Auch schmerzt eine andere offene Wunde, die russische Ab Dehnung des Urquohrt-Abkommmrs, in die der französische Urtterhündl« Heriot mit seiner Anbiederung an die Sowjets «tzende Sä«« gegossen hat.
Daran wiiD auch eine offiziöse Auslassung des Temps nichts ändern, worin vom Wiederaufleben der Entente cordiale gesprochen wird. Auch die Ablehnung der Brad- durisschen Vorschläge durch Frankreich ist nicht geeignet, diese Kordialität zu fördern. Nur müssen wir UNS hüten, den eng «scheu Widerstand gegen die Reparationskoinmission als Freundschaftsbezeigung zu deuten. Bonar Law verfolgt dabei nur die Interessen seines Landes und ist nicht umsonst ««mal Finanzprinister gewesen. ^
Dienstag, 24 Oktober 1922
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Barthous Kontrollplan.
Bartho « hat nunmehr dem Wiederherstellungsausschuß im Namen der französischen Delegation eine Denkschrift überreicht, deren Inhalt die Agence Havas veröffentlicht. Im Gegensatz zu der Anregung S'r John Bradburys meint danach die französische Delegation nicht, daß man einem Moratoriumsanirag Deutschlands für 1923=24 zuvorkommen müsse. Außerdem könnte ein solches Moratorium nichtohnePsänder gewährt werden. Die französische Delegation macht die folgenden ungeheuerlichen Borschläge:
Der ® a r antieausschuß kann von der deutschen Regierung gewisse bestimmte Maßnahmen fordern oder sie verbieten. Er wird nach Berlin verlegt und wird sofort Vorkehrungen treffen, das; seine Tätigkeit wirksam wird. Maßnahmen für die Kontrolle der Einnahmen und Ausgaben und zur Unterdrückung der Kapitalflucht werden unverzüglich angewandt.
Der KontrollorganisutuS
wird die Verpflichtung und das Recht haben, dauernd alle Einzelheiten der Finanzgebarung des Reichs und der Einzel- staaten zu kennen. Er wird alle Mittel der Nachforschung anwenden um das Mindestmaß der zu erzielenden Ein- | nahmen und den Höchstbetrag bei erlaubten Ausgaben festsetzen zu können, und wird das Recht haben, unangebrachte Ausgaben zu verbieten Wenn die deutsche Regierung sich nicht den Weisungen der Kontrollorgane fügen sollte, so wird dieser Ve rst o ß so fort den Mächten gemeldet. Anleihen des Reichs und der Länder müssen von dem Kontrollorganismus b e - willigt werden. Die Unterbringung von Schatzanweisungen bei der Reichsbank sind streng verboten.
Die Denkschrift führt bann weiter aus, daß nach Durchführung der Haushaltsreform und der Aufhebung der Inflation eine Wäh - runjei.-jnm möglich fein werde, die schon jetzt u o r b e = rettet w e i v c n in u - । < m?. .,Ltia^za/iv»fch«« ■ ?3ide zu erreichen. unterbreitet die französische Delegation folgende Vor- ; schlüge: sofort die öffentliche Finanzverwaltung j Deutschlands unter den vorstehend genannten Bedingungen unter die Kontrolle der Gläubiger zu stellen, alle et= i forderlichen Maßnahmen zu treffen, um den Haushalt ins Gleich- j gewicht zu bringen und dieses Gleichgewicht aufrechtzuerhalten wobei man progressiv in die Ausgaben einen Teil der Reparationen einfügt, deren Zahlung nicht durch andere Mittel oder An- leihung zur Amortifierung des Kapitals aufgebracht werden kann, die Reichsbank unter interalliierte Kontrolle zu ; stellen, die damit beauftragt ist, alle von den Alliierten geforderten Maßnahmen, die ihr Eingreifen erfordern, zu überwachen.
Der Pariser Sonderberichterstatter des Daily Chroniele ! schreibt, daß der neue französische Plan zur Wiederherstellung der deutschen Finanzen in britischen Kreisen in Paris als u n m ö g - l i ch angesehen werde. Es werde gesagt, daß diese Vorschläge, die eine alliierte Einmischung in die deutschen Finanzen und die deut schen Regierungsbefugnisse bedeuten, allenbisherigen Vereinbarungen zuwiderlaufen und die Uebernahme der Verwaltung der deutschen Finanzen durch die Alliierten bedeuten würden. — Der Pariser Sonderberichterstatter des Daily Herald erwartet unverzüglich den Rücktritt Pradburys von seinem Posten in der Reparationskommission als Folge der Antwort der französischen Regierung auf seinen Vorschlag. Deutschland ein Moratorium zu gewähren. Bradbury sei überzeugt, daß die Ablehnung seines Vorschlags unb die Annahme der französi'chen Gegenvorschläge katastrophale Folgen für ganz Europa haben würden daß er sich verpflichtet fühle, nachdrücklich 5 iebe Verantwortung für das, was dadurch bewirkt würde, abzu lehnen.
Lloyd Geor- e, der „freie Mann^.
Lloyd George reifte am Freitag nach Leeü » ab. Aul dem Bahnhof erklärte er, er fei jetzt ein freier Mann. D« Last sei von seinen Schultern, aber das Schwert fei in feiner Hand geblieben. Seine Reise glich einem Triumph zuge. Ueberall, wo der Z"g anhielt, würbe Lloyd George von Menschen- mengen umringt, die den früheren Premierminister begrüßten. A n dem Bahnhof von Leeds erklärte Lloyd George in einer An- spräche, die Hitzköpfe der konservativen Partei hätten ihm den Fehdehandschuh hingeworfen; er d e a b s ich t i g e, den Kamp s z u f ü h r e n für die Interessen des Landes im Gegensatz zu den | Interessen der politischen Parteien. Lloyd George forderte die Wähler auf, ihn dabei zu unterstützen. Seine erste Rede nach bei» j Rücktritt hielt er in der Guildhall als der Prinz von Wales von der City Eorporniio» zu seiner Rückkehr von Indien und Japan beglückwünscht wurde. Lload George wurde, als er sich erhob um ein Hoch auf die Gesundheit des Prinzen auszubringen, stürmisch begrüßt.
Wie berühret wirb können sofortige Neuwahlen mit ziem- ! licher Sicherheit erwartet werden. Die internationalen ; Angelegenheiten machten es unbedingt notwendig,, daß die Regie
rung eine u n a n g e z w e i f e 11 e # o 11 m a dit der Wählerschaft besitzt, die nur gesichert werden kann bau® E i »Pe r u f u u g eine-» neuen Parlament».
74. Jahrgang
Aiieniaisptän« gegen Wirth?
In der Reichstagssitz««, am Freitag teilte der Reichskanzler mit, daß man mit neuen p»liti» fche» Morden in Deutschland rechnen müsse, »«d dass von einem der Beteiligten an der Verschwörung bereits ein Bekenntnis abgelegt sei. — «»weit sich feststellen lässt, handelt es sich zunächst um zwei Fälle. Im erste« handelt es sich um die Telbstbezichtigung eines Mannes, der ausserhalb Berlins sich der Polizei stellte unb erklärte, dass er zur Vorbereitung eines Attentntes auf den Reichskanzler aufgefordert worden sei. Dieser Fall unterliegt zurzeit der Untersuchung. I« zweiten Falle handelt es sich um die zufällige Aufdeckung eines Komplotts, dessen Zusammenhänge aber noch nicht klar zu überblicken sind. Für den Reichskanzler ist ein verstärkter Schutz bestellt worden.
Den Houptgegenstand der Tagesordnung bildete der bekannte Antrag der Regierungsparteien und der Deutschen Volkspartei in den Artikel 180 der Verfassung die Bestimmung aufzunehmen, daß der von der Nationalversammlung gewählte Reichspräsident . sein Amt bis zum 30. Juni 1925 führt. Ein Antrag Hergt dagegen verlangt, daß die Wahl am 3 Dezember 1922 vollzogen werden soll.
In der Verhandlung begründete Abg. Marx vom Zentrum den obenerwähnten Antrag der Mehrheitsparreien. Abg. Hergt tritt für den Antrag der Deusschnationaltzn ein. Hergt glaubt die Verschiebung der Wahl darauf zurückführen zu können, daß in den Reihen der Linken eine große Furcht vor der überparteilichen Kandidatur Hindenbrirgs herrsche (Lachen bei den V. S. P. D.), und fährt fort: „Wenn der Reichspräsident bis 1925 im Amte bleibt, so würde er noch Präsident fein, wenn der. neue Reichstag Zusammentritt, wenn es gilt eine neue Politik zu machen, wenn neue Konstellationen kommen. Er hat eine sehr einflußreiche Stellung. Wir haben die Hand Eberts bemerkt bei Koalitionsbildungen und bei der Verhinderung von Koalitionen, besonders bei der Verhinderung der Einheitsfront. Der Redner schließt dann: „Wir brauchen gerade einen Präsidenten, der das Vertrauen des ganzen Landes hat, der nicht mit einer Pero.anasnd-.ür büsitet -st denen Unterschrift etwas gilt im Auslande, und der in seiner Perlon die Gewähr gkd- das eine nichtsozialistische Politik getrieben wird." (Benall rechts, Lachen links und in der Mitte.)
Reichskanzler Dr. Wirth
tritt diesen Ausführungen entgegen und betont, daß gerade in schweren Augenblicken der letzten Monate der Reichspräsident in seiner besonnenen Ruhe der Helfer aus der Not für unser Volk tatsächlich gewesen ist. Im übrigen hat der Reichspräsident im letzten Jahre auf die Wahl gedrängt und jetzt wieder. Es gab zwei Möglichkeiten, entweder man nahm die Wahl sofort vor oder man schob das Provisorium noch weiter hinaus bis zu einem definitiven Termin. Die große Mehrheit des Reichstages hat den letzten Weg gewählt. Ich habe nur den einen Wunsch, daß Sie diesen Weg, nachdem Si; ihn betreten haben, ihn rasch und endgültig betreten damit der verhetzenden Agitation der Boden entzogen wird. Wirth macht dann die oben wiedergegebene Mitteilung über die gegen ihn i bestehenden Mordpläne.
Abg. Dr. Stresemann plädiert dann für den Antrag der : Regierungsparteien. Die Zeir ist nicht angetan für einen Wahl i kampf mit großer leidenschaftlicher Erregung. Die Abg. Frau Z e t k i n von den Kommunisten protestiert gegen den Antrag der Mehrheitsparteien, und damit schloß dir Erörterung.
Namens der Deurschnationaien stellt Abg. Hergt fest daß solche verbrecherischen Wahnsinnigen, die Attentate planen, keine Entschuldigung, keine Duldung, keine Unterstützung und keine Schonung bei den Deutsch»«tio«alen finden würden. — Danach wird der Antrag der Mehrheiisparieien auf Verschiebung der Präsidentenwahl gegen die Stimmen der Deutschnationalen und der Kommunisten in erster und zweiter Lesung angenommen. Die dritte Lesung wird am Dienstag erfolgen.
InrmG mrö AsBlmB.
In Sachen der vergifteten Praline« im Rat h e« a ü - P r o z e ß hat die Leipziger Oderstaatsanwaltschaft auf Ermittlung, beziehungsweise Ergreifung des Absenders der vergüteten Pralinen eine Belohnung von 5 0 0 0 0 0 Mark ausgesetzt. Wie die amtliche Untersuchung festgestellr hat, ist die in den Pralinen enthaltene Arssndosis so stark gewesen daß sie genügt hätte um eine tödliche Wirkuno hervorzurmen Nur der Umstand daß nach dem Genuß der Pralinen sofortiges Erbrechen eintrat hat die Wirkung edgeichrvacht.
Haftbefehl geqen die Führer der Svnntagskrawaüe. Gegen die wegen der Zirkus Busch-Astäre -festgenommenen Kom- ’iiunifteu Dr. Rosenberg , August Christ, Arthur G o h l k e, Ell und eine große Mz-'b! weiterer Angeschuldigten hat nunmehr der Untersuchungsrichter Haftbefehl erlassen. Die Angeschuldigten sind in das Un: hungsgefängnis überstihrt worden.
Niederländische Gäste beim Reichspräsidenten. Der Reichsprüsidont empfing am Freitag den niederländischen Dirigenten M e n g r l b e r a mit seinem Amsterdamer Orchester. Zu dem Tee waren ferner geloben der niederländische Gesandte, Baron Gevers Vertreter der Reichs- und Etaatsregierung und Rkit- alieber des Ehrenausschuffer und der Vorstand der Deutsch-Nieder- kindischen 6i»f eil sännt sowie die aus den Niederlanden hier ein* getroffenen Ehrengäste.
Zum Vorsissrnden best sächsischen Landes! ulturrats und damit znm Mitglied des Deutschen Landchirkschastsrats in P»Hy ist anstelle des verstorbenen Geheimrats Dr. M e h n e r t -ein bisheriger Stellvertreter, Geheimer Oekonomierat Dr. An- drae einstimmig gewählt worden.