Schterner Zeitung
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Kreisblatt
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Amtliches Org«n für Stadt and Kreis Schlüchtern
M 121
Dienstag, 10 Oktober 1922
74. Jahrgang
i . Fügst Häuptan geklagte ' m Rathen au-Pro- »rß sind infolge Genusses einer ihnen zugegangenen Konfekt- kendung an Vergiftungserscheinungen erkrankt. xDer Prozeß mußt^ vertagt werden
Zwischen Paris und London ist in der Orientfrage ein Ions litt ausgebrochen. Lord Eurzon verhau lt seit Frei- i^ß nacht in Paris mit Poinrare.
f - Ministerpräsident Bran tin g ist in ! e r l i h ringe-' troffen und vom Reichspräsidenten empfangen worden.
Delcasse veröfsentlicht eine Stellungnahme zu den Seif erme m oir eu
MÜensDittaiorMö SüöiiM
I Mit größerem Recht, als Adolf Hoffmdnn einst den Herr, von Heydebrand den ungekrönten preußische!' König nannte, sonnte jetzt ein italienischer Sozialist den früherer Leiter des slvantt, Mussolini, den ungekrönten König Italien • nennen. Denn er und seine auf mehrere Millionen auge rachsene Partei beherrscht jetzt tatsächlich die Avpo"'.Wsch: Halbinsel von der Wasserscheide des Brenner bis zun: Meer- dusen von Tarent. Es gibt in Italien zwei \ cher die, die vom Parlament nicht abhängig ist. era oen dem zum rabiatesten Rationalisten geworden eh igen Sozialdemokraten ist die bei weitem m.e^ r.ee. Sie Müsset an, dik Regierung im Amt führt n >.e, und mchrW sie H einmal weigert, die Befehle der Fa'chi.^ . '.Süllen, dann übernimmt Mussolini selbst auch die tut
I Der Faschismus ist durch die Schwäche der A>. ierung tot einer Macht gelangt, für die es in der ■ n ichte »ein Analogon gibt. Als unter Giol'i die <1; Miter die Fabriken besetzten, dle'AnterÄhmer am Teufe i Mgten, nichr etwa, um die besetzten Betriebe zu Vziallsieren, Mndern um jenen Betrieb den in ihm be b ü r ti g ien ;üirheitern zum Eigentum zu über ■ ' n, da « nicht nur dem italienischen Bürgertum die Gcöl:'d. son- Mn auch diejenigen unter den Arbeitern, die vom Shndi- iiaiismus nichts wissen wollten, die sich aber zunächst WPst «rror der Nationalisten gefügt hatten, war r mu ,i . die Munde, in der ein entschlossener Führers diesem Treiben, gegen das die Regierung sich als ohnmächtig! erwies,-i a Ende suchen würde. Das war die Stunde, in der Mussolinis ktern seinen Aufftieg zuni Zenith begann. Zu ihm gesellten Ebonit alle diejenigen, die sich um d ’ An n uu z i n geschart ten, als er, ebenfalls gegen den Willen der Regierung, ^iume besetzte. Die Ströme der immer mächtiger an- zfchwellmden antisozialistischen Bewegung und des Rationalismus flossen zusammen in das Bett des Faschismus, der Issest Gewalt predigte, wo die Regierung zu ohnmächtig war, Gewalt anzuwenden. So ist der Faschismus zum Gr a d M parlamentarischen Systems in einem klas-
" Lande des Pari amen fati smus geworden. Wenn der M-äst Staatsmann des modernen Italien, $ au o u_r , diese
! Wendung der Dinge nitterlebt hätte» er üjUiv.
i heiligsten Ideale begraben haben.
Die neueste Tat des Faschismus greift nun aber von der inneren auf die äußere Politik über. Mussolini verlangt die Italienisierung des urdeutschen Südens von Tirol- Der Präfekt des annektierten deutschen Landes, der ehemalige Minister Credaro, verwaltet die ihm unterstellten Gebiete so, wie es die italienische Regierung der deutschen Bevölkerung versprochen hat. Er behindert die Tiroler nicht in ihren Bestrebungen zur Aufrechterhaltung ihrer deutschen Kultur, ihrer Schulen, ihrer Sprach, ihrer Sitten und Gewohnheiten. Das paßte dem chauvinistischen Faschismus nicht. Er wollte, daß auch nördlich der Etsch bis zur Brennergrenze die italienische Sprache die Alleinherrschaft führen sollte. Und weil die Regierung diesem Verlangen nicht nachkam, fielen vor einer Woche bewaffnete Scharen in Bozen ein, besetzten nach kurzem Kampf mit den Zollwüchtern das Rathaus, erzwängen die Abdankung des I aufrechten deutschen Bürgermeisters und Vizebürgermeisters, ! die Auflösung der Stadtverordnetenversammlung, vertrieben I die deutschen Kinder aus der deutschen Elisabethschule, tauften die Hule in Königin-Helena-Schule um und verlangten von der Regierung die Bestätigung dieser Gewalttat durch die Einsetzung eines Reichskourmissars. Dann sollen sie weiter nach Trient gezogen sein, um auch den Präfekten der Provinz, ; Herrn Gredaro, abzusetzen.
Die vollkonunen ohnmächtige Regierung gehorchte dem Befehl der Fa schiften. Sie setzte, da die sämtlicher >erwaitungsbehörden Bolzens aufgelöst waren, Herrn Gurrieri als Kommissar ein, und die Geschichte des Faschismus ist nun um einen glänzenden Sieg reicher. Aber ' dieser Eingriff in die auswärtige Politik kann zur Folge ' haben, daß Italien um die eben wieder erwachten Sympathien in Deutschland kommt. Du Nerven Kch^tsieu.sollten doch in der Geschialle oes eigenen irredentismus blättern, um sich davon zu überzeugen, daß solche gewaltsamen Bekehrungen zur rastefremden Kultur kurze Beine haben, und nicht einem kerndeutschen Volke zu- muten, was gerade sie, wenn es Italienern geschähe, als todeswürdiges Verbrechen brandmarken wurden, ug-
Gift-Anschlag auf die Nathenau-AtrentAier.
Konfekt mit Typhusbazillen.
Im Rathenau-Prozest wurde die Verhandlung auf Montag vertagt, da die Angeklagten Günther und Warnecke, wie der Vorsitzende ausführte, „durch irgendeinen Unfall, der noch nicht aufgeklärt sei", e r n st- lich erkrankt und verhandlungsunfähig seien. Nach der Strafprozeßordnung müsse die Verhandlung in ununterbrochenem Zusammenhang und in Anwesenheit sämtlicher Angeklagter geführt werden, also gebe es geii* "nittel. f,|c Verhandlung etwa in Mdwefenheit von
; Warme«« >»s Günther fortzusetzen. Wie eS"heisst, haben Günther und Warnerke von vergifteten Pralinss gegessen, die ihnen zugeschickt worden sind.
Ueber die Vorgeschichte der Erkrankungen verlautet folgendes: Der Angeklagte Günther hatte vor kurzem ein sogeanntes Liebesgabenpaket mit Sarotti-Konfekt zimejchi^t bekommen. Günther aß bauen und bot in der Mittagspause auch seinen Mitangeklagten an. Schon am nachmittag litt Günther an so starkem Unwohlsein, daß die Verhandlung unterbrochen werden mußte. Am Abend erkrankten dann auch die anderen Angeklagten, soweit sie von dem Konfekt gegessen hatten. '-'ti Warneckc , Steinbeck, Tilleffen und Ernst Werner T c ch o w stellten sich heftige Vergiftungserscheinungen, Magen- u n b Keizkrämpfe ein Oberreichsanwalt Ebermarsr versüßte die Beschlagnahme des vorhandenen Konfekt-Restes. Die sofort vorgenommene Untersuchung durch den Gerichtsm-rmkr» ist -war noch nicht ganz abgeschlossen, macht aber in hohem Grade wahrscheinlich, daß die Füllung mit Typhusbazillen infizier f werben ist. Das verhängnisvolle Paket ist auf dem Postamt B e r l i u - M o a b i t abgestempelt.
Am Nachmittag des vierten V e r h a nd l u n a s- t ages brächte die mit großer Spannung erwartete Verney - m uns TiI! esse ü s wenig Ergiebiges, sie mußte ub^gens vc r- zeitia abgebrochen werden. Interessanter war dre Ausmge des Angeklagten Werner Deß der den Günther zu Anfang 1^-- konsiengelernt hatte. Daß erzählt, es sei ein Bekannrer zu ihm gekommen, ein gewisser Meier aus Kottbus. - teiei unsrer er a Po-edamer Matz von Günther angesprochen worden mrt Der ‘ m,e ob er ihm eine Garage besorgen könne. Da habe Aon G nm^mW und ihm den Namen Schutts genannt Am.22. habe ihn dann Günther wegen der Garage besucht. AM der err..Re vor seinem Kaufe habe ein Auto gestanden, in dem Techow. »ern, Günther und Fischer saßen. Mit ihnen lei er zur Vutnerur. 66 :-?ah^°" van wo aus Schürf anoeläutel wurde ob dre Garage., tret sei. Dann feien sie zur Wucneamnder iSraße gerah«* wo das Auto untergestellt wurde Ant dem. Wege zürnet trag.e ihn Günther, ob er'ihm e i n e M a s ch i n e n p i fr o l e b o r g e n könne, er wolle aufs Land zur Jagd und möchte her. eintaneNen Boß nannte ihm eine Firma in der Tauentzienstraße, wo er Waisen taufen könne. Im Laufe des Gesprächs habe ihn dann Günther gefragt, ob er Rathenau n i i t für eine n c a) a u - Iing halte; ein Student habe den Plan gefaßt, Rathenau zu ermorden, jedoch davon Abstand nehmen müssen, da das Geld ausging. _ .., ,
Unter großer Spannung wird dann der Angeklagte ~ 111 e p sen . der Bruder des Erzberger-Mörders, vernommen. Er n. auf dem Kreuzer „Aorck" Kapitänleutnant gewesen und war tpater für d-n „Neudeutschen Bund" in Hessen tätig. Er habe sich me. mit Politik beschäftigt und ist zweimal mit Hoffmunn in München gewesen. Er erzählt von seinen Beziehungen zu dem Zeugen B r ü d i g a m, der ursprünglich Kommunist war und Nck als ' Spitzel an bot. Brüdiaam war der Ansicht, daß es notwendig fei einen linkspolitifchen Führer zu beseitigen, um eine Besserung der Verhältnisse herbeizuführen. Er sprach von Rathenau, da dieser mit Radek sympathisiere. Tilleffen läßt sich dann des Näheren über seine Beziehungen zu Brüdigam aus, den er für einen konfusen Kerl hält.
Der funke im Pulverfaß.
Bon M. Scheller.
♦] («achbruck verboten.)
tÄganz und gar nicht, der ist ein so schöner Mann «>d so apart und klug und gar so ernsthaft, huch! Da wild mir immer ganz feierlich zumute. — Aber weiht du, Rolf, was ich glaube? — Der will mich gar nicht, dem bin ich viel zu dumm l — Vater will mich zwar in die Stadt in die Pension geben, wo ich Klavierspielen und französisch plappern lernen soll, und dann trage ich lange Schleppkleider, und die langen Zöpfe, die kommen auch weg, stehst du, so 1* und sie nahm die schweren Flechten und wand sie sich wie eine Krone um den zierlichen Kopf, „und dann bin ich auch eine Dame wie deine Ichöne Schwester- — sie »nachte ihm einen tiefen Knix — »und dann werde ich beinem Vater auch schon gefallen, ^ber hast du mich dann noch so lieb, wenn ich die aste Eve nicht mehr bin ?*
»Nein, mein Schatz, bleibe nur so, wie du bist,- und b'ngerissen von so viel naiver Lieblichkeit, zog er die Äe- üebte stürmisch an seine Brust.
Nach einer kleinen Weile machte sich Eve von feiner Umarmung frei: „Doch jetzt muß ich gehen, die Sonne ist Ichon zu Bett gegangen, da wird der Vater von seiner Wanderung mit bem Wilhelm Warner zurückkommen und i zu Abend essen wollen; weißt du, der Wilhelni, der guckt ; wich immer mit so großer» Augen an, als wäre ich ganz was Apartes, und spricht so närrisch Zeug, und meine oanb nimmt er immer ganz behutsam — so —- sie nahm zwei ihrer Finger und faßte nach des Geliebten Hand. — •ßlt ein hübscher, stattlicher Bursch, der Wilm, und groß, ^ejengroß, und wenn ich just mein dummes Herz nicht -Fan an einen anderen gehängt hätt', wer iveiß, wie s 0 9etommen mär’.“
SÄ Äer nun, Eve, ist jetzt kein Platz mehr für den ^-Rhelm, noch sonst irgendeinen drinl — Wann feb ich M »Über? Kannst du nicht am Atzend einmal zu mir ,
in den Wald kommen, um im Mondenschein Mit tanzenden Elfen zu sehen?-
Eve wurde nachdenklich: „Die Muhme spricht: nacht» ift's im Walde nicht geheuer, da geht der Böse umher und lockt die Menschen an sich, daß sie schlecht werden und elend nerberben müssen."
„Nun, wenn ich bei dir bin, brauchst du, kleiner Angsthase, dich doch nicht zu fürchten, nicht wahr, meine süße Eve?- — Sieh, tagsüber kann ich mich nicht immer von Hause fortstehlen, aber wenn ich bes Abend» nach der Garnison zurückreite, so nach zehn Uhr, bann vermißt mich keiner, und eine lange, schöne Zeit gehört uns. — Gelt, Eve, du kommst? — übermorgen, am Steinsitz unter der alten Eiche, warte ich dein.-
Er sah ihr mit den schönen Augen bittend in das Gesicht.
Eve preßte die Hand aufs Herz, ab wollte sie den Warner darin stillmachen, nickte nur stumm mit dem Kopf und riß sich hastig von bem (Beliebten Im, um rasch im Waldesdickicht zu verschwinden.
Die Glocke auf dem Turm bes großen weitläufigen Fabrikgebäudes läutete zur Mittagspause; im Hofe desselben hatte sich eine Anzahl Frauen und Mädchen ein» gefunden, um den weit über das Dorf hinaus wohnenden Männern, Vätern und Brüdern das Mittagessen zu bringen und so de« von der Arbeit Müdeu eine längere Ruhepause zu gönnen.
In einer Gruppe Mädchen fiel ganz besonder» eines durch ihr lautes Wesen auf; e» war eine üppige Gestalt, und man hätte es hübsch nennen können, wenn das Gesicht, über welchem kohlenschwarzes Haar in Wellen und Locken sich bauschte, nicht einen so lüsternen, dreisten Ausdruck gezeigt hätte.
Die schwarze Berta, aste sie ihrer Haarfarbe wegen von den Genossinnen genannt wurde, schien eben einen Vortrag über ein sehr interessantes Thema gehalten zu haben, den sie jetzt mit den Worten schloß „Und sagen tue ich es ihm jetzt, paßt nur auf, er soll erfahren, was seine Angebetete für «ine Seine ist"
„Recht fe, Berta. kann ihm gar nicht schaden dem aparten Müsse, dem seine von uns gut genug ist!" fiel, ein andere» Mädchen giftig ein."
„Und nehmen tut er die Berta drum doch nicht I- lachte eine Dritte, „und wenn sie sich ihm noch so sehr in den Weg fteflil-
„Dort kommt der Warner, mach vorwärts, Berta!-
Die Blicke der Mädchen wandten sich nach dem Fabrikauogang, durch we'lchen jetzt eine Schar Männer, alte und junge, in das Freie strebte. — Einem derselben, einem hünenhaften Menschen mit dunklem Krauskopf, besten hübsche» Gesicht ein finsterer Zug entstellte, ging die schwarze Berta mit lamenbem Munde entgegen^ „Tag, Barner! Machst ja heute wieder mal ein Gesicht, als wäre dir die ganze Petersilie verhagelt; kann mir s freilich denken, daß es bid} fuchst, daß dich ein anderer bei der Eve ausgestochen hat."
Barner warf ber Sprecherin einen bösen Blick zu und machte mit ber Hand eine Bewegung, als wolle er ein lästiges Insekt von sich wegscheuchen, blieb aber stumm.
„Oder weißt'» etwa gar nicht, was für einen feinen Liebsten die Jungfer Hochinut sich angejchastt hat? Da kann freilich ein Monteur nicht mit, und wenn er wunder wie geschickt ist, ein Baron ist Doch halt was andere», geh ?"
Da war’s um die Ruhe des Mannes doch geschehen. „Halte dein Lügenmaul, du, und laß die Eve unge- schoren, sonst kannst du was erleben : wo die hinfaßt — und er hielt ihr feine gewaltige Faust vor die Nase — „da givts blaue Flecken, verstanden?“
„Na, wennst mir nicht glaubst, laß Dir s von anderen erzählen, wie sie abends im Walde, bei der alten Eiche mit dem Herrn von Rodenstein sufammentommt. — Glaubst vielleicht, daß sie dort zujailiinen ein Adendgetzet sprechen?"
„Schweig, du schwarzer Satan, ober —!" Barner suchte das Mädchen zu fuyen, aber blitzschnell war es zur Seite gesprungen, und ihr sportstches, lautes Lachen gellte über den weiten Platz. ^Fortsetzung folgt.-