schlüchtemer Zeitung
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Amtliches Organ für Stadt und Kreis Schlüchtern
Nr. 34
Ab»i»nen»ent»
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Zum hundertjährigen Bestehen des Kreises Schlüchtern.
Bon St-ktor S. Maldfeld zu Gteinau.
III. Die Verhältnisse im Kreise zur Kurbesfischen Zeit öis zum Jahre 1866.
/ (Fortsetzung.)
•. Das Medizmalwefeu.
Das Medizinalwesen in den ehemals hessischchanautsLen TebietStrileu unserer Heimat war bereits vor Errichtung -des Ätelfei durch die Medizinal-Ordaunge« vom 21. Dezember 1767 und 31. Juli 1778 gut geregelt worden. Auch hatte tS die Regierung nachher durch mancherlei treffliche Maßnahmen und Einrichtungen zu fördern und weiter auSzu- bauen gesucht.
Durch ZK 69—70 der bekannten Verordnung vom 29. Jnui 1821, durch welche, wie wir wissen, die Kreise ins Leben gerufen worden waren, wurde auch ein Ober-Medi- sinal-Kollegium in Kafffi gebildet. Es sollte „oberste ratende »nb oufs-hende Behörde" über die Auoelegenheiten der Gesundheitspflege sein. Ebenso sollte nach § 71 in jeder Provinzial-Hauptstadt ein Medizinalveret« aus „besonders ausgezeichneten Aerzten, Wundärzten, Tierärzten und Apothekern" gebildet werden. Er hatte die Gutachten zu erteilen, die von ihm über Gegenstände der Gesundheitspflege durch das Ober-Medizinal-Kollegium oder den Medizinal- Referenten in der Regierung gefordert wurden, auch die gerichtSärztlichen Befund scheine und Gutachteu zu prüfe« und mit seinen etwa nötigen Bemerkungen an das Ober- Medizinal-Kollegium einzusenden. Ferner hatte er die Lehrlinge der Wundhetlkunst, die Hebammen und die Provisoren der Apotheken zu prüfen und Streitigkeiten über Gegenstände t« Gesundheitspflege zwischen ärztlichen Personen zu schlichten.
Eine umfassende und bis ins Einzelnste gehende Regelung und Neugestaltung erfuhr das gesamte Medizinalwesen jedoch «U durch die „Medizinal-Ordnung" vom 10. Juli 1830, ’te aus nicht wenige«. als zwölf Abschnitten'ünd 406 Para- sraphe« besteht vnd fich auf die obere Leitung und Beaufsichtigung des MedizinalwesenS (§§ 1— 21), die Dienstpflichten >« Physiker (§§ 22-65). der AmtsMundärzte (§§ 66-82) Mb der KretSIterärzte (§§ 83—107), sowie auf die Ausübung der inneren Heilksnde durch die praktischen Aerzte (88 108—143), die Ausübung der Geburtshilfe (§§ 144
Kreisblatt
Dienstag, 21. März 1922
bis 158), die Ausübung der Wundheilkunde durch die Wundärzte (§§ 159—207) und die Ausübung der Tier- Heilkuude durch die Tierärzte (§§ 208—244) bezieht. Außerdem enthält sie eine „Apotheker-Ordnung" (§§ 245 bis 346) und eine^ „Hebammen-Ordnung" (§§ 347—392). Auch befaßt He sich mit „den Barbierern" (§§ 393-397) und schließt mit Strafandrohungen bei Vergehen gehen ihre Festsetzungen (§§ 398—406).
Nach dieser „Medizinal-Ordnung" waren die Medizinal- Personen entweder beamtet und standen im Dienste des Staates oder nicht, übten also ihre Heil- und Hilfstädigkeit in freiem ^Gewerbebetriebe aus. Zu? jenen gehörten bei uns
1. die Amtsphysiker,
2. die Amtswundärzte und ♦
3. der Kretstierarzt, zu diesen dagegen
4. die Aerzte für die innere Heilkunde und 5. die Wundärzte.
1. Was zunächst die Amtsphysiker sulangt, so waren durch die^Bekanntmachung drS Ministeriums des Innern vom 31. Juli 1822 die Physikatsbezirke neu geordnet und in unserem KreiSgebiete drei derartige Bezirke gebildet worden:
1. Schlüchtern für die Aemter Steinau und Schlüchtern,
2. Schwarzenfels für das Amt Schwc^zeufels und
3. Salmünster für das Amt Salmülmer.
Amtsphysikus für die Aemter Steinau und Schlüchtern war 1821 Dr Bernhard Wagner M- Steinau, der als solcher bis etwa zum Jahre 1842 amtierte. 1844 aber vereinigte man das Amt Steinau mit dem Amte Salmünster. Amtsphysikus für beide Aemter wurde Dr. Ernst Flies zu Salmünster, der jedoch 1850 als in Steina« wohnend erwähnt wird. 1857 wurde das Amt Steinau wieder von Salmünster getrennt. Amtsphysikus blieb der- genannte Dr. FlieS. ° -
Schlüchtern hatte ursprünglich keine« eigenen Amts- physikuS, sondern war, wie in andere« Dinge«, so auch in Medizinalsache«, mit dem Amte Steinau vereinigt. Der Schlüchteruer praktisch« Arzt Dr. Moritz Zinkhan bekleidete nur das Amt eines „PhysikatSaffistenten". Erst von 1144 ab wird er als „Amtsphysikus" aufgeführt. 1852 folgte ihm Dr. Friedrich FnhrhanS, an dessen Stelle 1857 Dr. E. Spangenberg erscheint. Als PhysikatSasfistent wird dann 1864 Ludwig Koch genannt.
Als AmtSpbystkuS des AmtS Salmünster fungierte 1821 Dr. Friedrich Wagner. 1842 erhielt dieses Amt Dr. Ernst Flies. Von 1844 ab war, wie schon erwähnt, da« Amt Salmünster als Phystkatsbezirk mit dem Amte Steinau vereinigt. 1857 aber wurde Dr. Karl Hach Amtsphysikus in Salmünster. Ihm folgte 1859 Dr. Kraushaar.
Die Physikatsgeschäfte im Amte Schwarzenfels nahm 1821 Dr. Heller zu Sterbfritz wahr, dem man auch das Gericht Ramholz unterstellt hatte. 1826 wurde Dr. Moritz Zinkhan zu Schlüchtern nebenamtlich damit betraut. Erst 1845 erhielt Schwarzenfels in Dr. Hermann Hartwig einen eigenen Amtsphysikus, dem 1850 Dr. Karl TassiuS folgte. 1852 jedoch wurde der Physikatsbezirk SchwarzenfelS aber-
: Erscheint 3mal wöchentl. Drahtanschr.: KreiSblatt Schlüchtern. • «Druck u. Verlag Fa. T. Hohmeister, Schlüchtern. Berantwortl. • rSchristleit. H.-T. Hohmeister, Schlüchtern. Geschäftsstelle Drei« : rbrüderstr. 9. — Im Falle höherer Gewalt, Betriebsstörung ob. : «Stromsperre erlischt jede Verpflichtung auf Schadenersatz. •
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74. Jahrgang
mals mit Schlüchtern verbunden. Erst 1863 wird dort wieder ein Amtsphysikus Dr. Ludwig Brehm erwähnt.
Die Physiker waren ihrer beruflichen Vorbildung «ach Aerzte für die „innere Heilkunde". Doch mußten sie auch auf dem Gebiete der Geburtshilfe und der Wundheilkunde Bescheid wissen. Ihnen stand die Aufsicht über die gesamte Gesundheitsvolizei in techtiischer Beziehung innerhalb ihres Bezirks zu. Außerdem hatten st« als Gerichtsärzte tätig zu sein und die Aufsicht über alle übrigen für die Gesundheitspflege bestimmten Personen auszuüben. Reben ihren amtlichen Verrichtungen aber waren sie durchweg auch privatim als praktische Aerzte, Wundärzte und Geburtshelfer tätig.
2. Die Wundärzte hatten sich mit der Behandlung der sogen, äußeren Krankheiten, vornehmlich mit den als äußerlich sichtbare Schäden in Betracht kommenden Wunden zu befasse». Heute Knut mau spezifische „Wundärzte" nicht, mehr, da man weder zwischen äußeren und inneren Krankheiten «och zwischen Wundarzneikunst und innerer M-dizin eine scharfe Grenze zieht; früher jedoch (bis 1848) wurden „innere Aerzte" (medici pari) unb „Wundärzte" (Chirurgen) gesondert auSgebildet und unterschieden und praktiziert«« nebeneinander. Allerdings verlangte «an von den „inneren" Aerzten Gymastalreif« und mindestens ein vierjähriges akademisches Studium der Arzneiwissenschaften und der Heilkunde sowie den Erwerb der medizinischen Doktorwürde und die Ablegung der ärztlichen Prüfung vor dem Ober-Medizinal-Kollegium, während man von den Wundärzten nur entweder ein dreijähriges Studium der Wundheilkunde auf der LaudeSuniversttät oder eine dreijährige Lehrzeit Hei einem Wundärzte erster Klasse und ein sich daran schließendes anderthalbjähriges wundärztlicheS Studium auf einer Hochschule uebstdem die Ablegung einer Prüfung vor dem Ober- Medizinal-Kollegium fordert«. Wundärzte mit solcher Vorbildung wurden Wundärzte erster Klasse oder „operative Wundärzte" genannt. Ihnen stand die Ausübung der Wvndheilkunst in ihrem ganzen Umfange zu. Wundärzte aber, die sich ein akademisches Studium nicht leisten konnten, mußten eine vierjährige Lehrzeit bei einem Wundarzt durchmachen und konnten nur Wundärzte zweiter Klaffe mit beschränkten Funktionen werben.
Die Amtswundärzte waren dem Physikus amtlich uvter- stellt und hatten bei Wahrnehmung der GesuudhettSpolizei, sowie bei gerichtlichen Untersuchungen und Feststellungen sofern diese in ihre LätigkrttSsphärm fielen, mitzuwirken. Insbesondere waren sie Totenbeschauer und Obdukteure, denen die gerichtlich angeordneten Exktionen oblagen.
Als Amtswundärzte werden genannt: in Steinau:
1821 Georg Philipp Gottschalk; in Schlüchtern:
1834 Heinrich Tünurrmaun,
1837 JustuS Rollman»,
1850 Rudolf Kraushaar,
1854 Ludwig Koch, dem auch das Amt Steinau unterstellt wurde;
in Schwarzeufel«:
1836 Ludwig Brehm, der noch uachträqlich „innere" Medizin
Der Liebe ewiges Licht.
Roman von Erich Krisss».
N «Nachdruck verböte«.)
„Ja, grandios!" bestätigt Karin zusammenschauernd.
„Genau so, wie Feuer, Wasser, Luft und Sonne, die Lebenserwecker, unter Umständen den Tod bringen tön» neu," fährt Meister Wybrands wichtig fort. „Uns Wissenden ist bie gaüze Natur Untertan, und wir verwenden sie Hum Heil der Menschheit . . . Gift! Gift! Wie ihr Frauen vor denl Wort zittert? Engherzige Kreaturen!"
„Ich? Angst vor Gift?" ruft Karin mit gezwungenem Lachen. „Her mit meiner Phiole! Ich will Ihnen beweisen, ob ich Angst habe!"
Nasch tritt sie vollends ein. Ihre flackernden Blicke irren durch den halbdunklen Nauni, über den Experi- mentiertisch hinweg, nach dem kleinen Ofen, auf dem sie geheimnisvollen Retorten dampfen und brodeln.
Da schreckt sie plötzlich mit einem leisen Schrei Mrück.
Hinter dem Ofen kommt eine kleine, von dein glim iMeubeu Kohtenseuer grotesk beleuchtete Gnornengestalt hervor, auf deren einer Schulter mit gesträubtem Fell Luzifer kauert.
„Allmächtiger, der Teufel! Der Teufel!!"
D« Taubstumme stößt einen unartikulierten Laut *** und starrt die fremde Dame wie hypnotisiert an.
Wer vermag die Gedankert eines solch bemitleidenS vierten, durch sein Gebrechen von jeder» Verkehr mit der Außenwelt abgeschlossenen Wesens zu ermessen? All «urter Natur, die den armen Hjalmar taubstumm zur Welt tommen ließ, hat als Ausgleich seine übrigen Sinne unheimlich gesckstirfr. Und das fahle Gesicht die ker freutiben Dame mir den hektisch geröteten Backen mache«, ihr unstet umherirrender Blick, ihre fieberhaft
Zähne so seltsam hervorschiminern — sie gefallen Hjal- Mar nicht: fit erwecken seinen Argwohn.
,^ühaha, mein braver Hjalmar ein Teufel!" lacht Meister Wybrands mit gutmütigem Spott. „Ein armer Taubstummer ist es — nichts weiter. Ihre Nerven find überreizt, liebes Kind. Kommen Sie! Setzen Sie sich hier in meinen Sessel! Ich werde Ihnen die ! Tropfen abmessen."
I Karin zittert am ganzen Körper. Nur mit Mühe ; vermag sie, ihre schlotternden Glieder bis zu dem Sessel , zu schleppen, in den sie mit einem tiefen Seufzer nieder- : sinkt. „Zehn Tropfen — Geistesgestörtheit. Awan- i zig--... ."
i Während der Alte mit geschäftigen Händen zwischen , seinen Retorten herumhantiert, nähert sich ihm der . Taubstumme, mit erregten Gesten auf Luzifer deutend, I den er fest an sieb gedrückt hält. Der Atem bei Tieres geht rasch und schwer, seine Ohren sind glühend hviß, i die Augen rot angeschwollen.
Für einen Moment unttvölkt sich die Stirn des Wien
! Sollte ein Tropfen des neuen ElixierS bei einem Tier bereits eine solche Wirkung auSüben?
Doch Karin von Solveg ist nicht geneigt, die Auf- mertfamteit des Alten mit einem Kater zu teilen
i „Ich warte auf meine Tropfen!" ruft sie ungeduldig, i den Taubstummen mit einer herrischen Gebärde fort» > scheuchend
i Hjalmar zieht sich murrenb mit dem Kater hinter | den Ofen zurück, von wo aus er die fremde Dame unverwandt beobachtet.
Meister Wybrarws aber schlürft rasch aus Karin zu und überreicht ihr mit wichtiger Miene eine kleine Glas- ; Phiole.
„Hier haben Sie das Elixier! Jeden Tag einen Tropfen in einer beliebigen Flüssigkeit.' Aber nickst mehr! Verstehen Sie? Mcht mehr!"
i In diesem Augenblick tritt M>ba, die noch etwas in ^< iif li^in*^«^ batte ein.
Wie von einer geheimen Gewalt getrieben, erhebt sich Karin aus dem Sessel, in dem sie zusammengekauert hockte. Mit vorgebeugtem Oberkörper, wie zum Sprung bereit, bohrt sie den fiebernden Blick in Ebbas edles, stolzes Gesicht.
Ha, das verhaßte Geschöpf so vor hch sehen zu müssen in ihrer ganzen jugendlichen Schönheit und Kraft! Währeiw sie selbst abgewirtschaftet hat auf dieser Welt! Hosts der Kuckuck!
Die Stimme des Bösen flüstert es Karin zu. Und die zilterrwen Hände tasten unwillkürlich nach der kleinen Phiole, die sie auf der Brust verborgen hat.
„Die Kur hat begonnen, Ebba!" ruft Meister Wybrands freudestrahlend. Hier steht meine neueste Patientin !" „ _
Ebba läßt ihre Augen von dem Vater zu Karin schweifen — und der seltsame Ausdruck in den eingefallenen Zügen ihrer Kusine erschreckt sie.
„Lieber Vater," sagt sie mit feierlichem Ernst, die Hand liebkosend auf seinen Arm legend. „Sei mir nicht böse' Aber — ick) mißtraue beinern neuen Elixier. Ich bin nicht umsonst ein Jahr lang deine Schülerin gewesen Schon das bloße Berühren der Blätter dieses „Suphrosynum" verusacht eine Art von Vergiftung - ich habe es wiederholt bemerft. Wenn du nicht selbst unter dem Einfluß des Elixiers stäubest, würdest b« es auch merken. Ich bitte dich inständigst, Vater -- gib niemand diese unglückseligen Tropfen! Niemand!
‘ Unmutig schüttelt der Alle die Hand seiner Tochter ab _ , _
„Schweig! Was verstehst du von solchen Sachen! D« wirst ja den Erfolg sehen. Pier Personen schon habe ich das Wunderelixier gegeben - außer Luzifer -- dreien aus den: Dorf und dieser hier - "
Und sein knöcherner Finger deutet auf K^ruc.
„Großer Gott!" ruft Ebba erblickend ^Fch warne Sie nochmals, Kusine Karin: Seien $^ rx^ftchtig:"