Schlüchterner Zeitung
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: Erscheint 3mal wöchentl. Drahtanschr.: Kreisblatt Schlüchtern. ; »Druck u. Verlag Fa. C. Hohmeister, Schlüchtern. Berantworll. • rSchristleit. H.-L. Hohmeister, schlüchtern. Geschäftsstelle Drei- : »brüderstr. 9. — Im Falle höherer Gewalt, Betriebsstörung ob. : z Stromsperre erlischt jede Verpflichtung auf Schadenersatz. •
Amtlicher Organ für Stadt und Kreis Schlüchtern
(Illustrierte KalömsuatsSeitatze „Pas MtaLt der Moden")
Nr. 27
Samstag, 4. März 1922
74. Jahrgang
«Uetlet vom Sage.
^Die Rückkehr -es Reichskanzlers aus Süddeutsch- ganb nach Berlin erfolgt im Laufe des Donnerstagvor- Mittags,
h-3« Hamburg sprach der Handelskammerpräsident Kitthoenn über die Entwicklungsgeschichte der Außen- yandelsstelle und ihre moralisch uns handelspolitisch schädlichen Wirkungen.
w yrgentittiex und Brasilien haben an Italien ein Kefuch gerichtet, an der Konferenz von Genua teil- nehmen zu dürfen. Das Gesuch wird wahrscheinlich berücksichtigt werden.
n»J« Londoner politischen Kreisen wird damit gerechnet, daß Lloyd George irr der nächsten Sitzung des Unterhauses die Vertrauensfrage stellen wird.
»»Der FaszistenWrer Mnssolino beabsichtigt nach einer Meldung aus Rom, eine Studienreise nach Berlin zu unternehmen.
Die finanzielle« Berhausluugen mit der deutschen Delegation wegen der Liquidierung des Oberost-Geldes haben in Kowno begonnen.
Die Entente kontrolliert zur Zeit die Haushaltspläne der Städte. Hinsichtlich der .Finanzgebarung und der Stärke des Personals in München und Nürnberg ist diese Nachprüfung bereits erfolgt.
Die Stadt Köln plant die Einrichtung von regelmäßigen Messen. Die Baukosten sind uns 152 Millionen Mark veranschlagt, dürften sich aber wesentlich höher 'Weit. ;
Der nächste deutsche Städte tag wird in Essen abgehalten werden, und zwar voraussichtlich Ende März.
Die öffentliche Schuld Italiens betrug am 31. De- zember 1921 76.3 Milliarden Lire, die schwebende Schuld 85 Milliarden Lire, zusammen runb 111 Milliarden Lire.
Sutschädigungsberaiungen.
des neuen Nepara- lusschutz des Reichs- wird am 10. März
Hu den Besprechungen waren die Vertreter der zu- Mwtsen Ressorts vollzählig erschienen. Insbesondere waren das ReichswirUchastsurtuisterium, das Finanz- mtntftertmn, bar — " ‘ ' ' Auswärtige Anit
sterium und das
etchsminister Dr. Rathe-
«au nahm an den Beratungen nicht teil. Die Sitzung
erklärte, die Arbeiten der Reichsregierung für die Genueser Konferenz seien in vollern Gange, sie könnten ie^ doch zu keinem Abschluß gelangen, ehe nicht die Vertreter der verschiedenen Stände und Berufe ihre Ansichten zu erkennett gegeben hätten. Aus diesem Grunde seien sie Regierungsvertreter in diesen Sitzungen eher hörend als handelnd. Staatssekretär Hirsch schloß seine Rede, indem er um ein Gutachten des Reparationsaus- schusseö über die Vorbereitungen für Genua bat. Nach diesem Regierungsvertreter ergriff der Vorsitzende des Reichsverbandes der Deutschen Industrie, Geheimrat Bücher, das Wort. Er führte aus, das ganze Problem sei auf die Wiederbelebung des Weltmarktes und die mternattonale Wirtschaftsbeziehung gestellt. Was den Wiederaufbau Rußlands betreffe, so sei er nicht nur eine «trage der deutschen Industrie, sondern der gesamten deutschen Wirtschaft, insbesondere der Forst- und Land-
Der Liebe ewiges Licht.
Roman von Erich Kriefe«.
41) (Nachdruck verboten.)
Nein — Mann und Weib stehen einander gegenüber in voller Gleichberechtigung. Mann unb Weib, allein in der stillen Nacht, unter dem klaren Sternenhimmel, fern von jedem lebenden Wesen, frei von jeder beengenden Feste! der Konvenienz — Aug' in Auge. So ganz nur Mann und Weib in diesem Moment höchster innerer Erregung, daß es ist, als müsse alles Körperliche von ihnen abfallen und ihre Seelen bloßlegen, so daß nur Seele zu Seele spricht unverschleiert, in backt« Wahrheit.
^>H verstehe dich nicht," jagt sie mit einer gebietenden Handbewegung. „Erklär' dich deutlicher!"
„Was gibt es da zu erklären?" lacht er bitter auf. „Welchen Wert kann die Meinung eines blinden To- M, eines weltentrückten Einsiedlers, wie ich es bin, >.ir dich haben? Mische dich wieder in die lustige Ge- Lilschaft da unten, für die du dich geschmückt hast und m der du deiner Natur nach gehörst! Was haben wir deihe —;‘ du und ich — miteinander gemein?"
»Gunnar! Gurmar!" unterbricht sie ihn mit einem Wehrps.
Er jedoch achtet nicht auf das schmerzvolle Beden in 'hrer Stimme. Fast heiser vor Erregung, fährt er Lisch, sich überstützend, fort:
».Warum versuchst du aufs neue, in meine äußere und innere Einsamkeit einzudr lügen? Kann nicht wenigstens sie mein stolzes, selbst erschaffenes Eigentum bleiben? Du bist mir ein neuer Beweis dafür, daß es Line Treue beim Weibe gibt, daß eS des Weibes in- nerster Drang ist, unS arme Tröpfe von Männern zu Nch heranzuziehen, uns eine Weile wie die Hampel-
wrrrgyaft. Im weiteren Verlauf der Erörterungen gav auch Hugo Stinnes ähnliche Ausführungen wie Geheim- rat Bücher. Von den Negierungsvertretern gab irrs- besondere der Vertreter des Reichsfinanzmmist^riuins bedeutsame Erklärungen ab. Schließlich mürbe beschlossen, die wirtschaftspolitischen und die Verkehrssra- gm den entsprechenden Ausschüssen des Reichswirt- schaftsrates zu überweisen. Danach trat man in die Beratung des neuen Sachlieferungsabkommens mit der . Reparationskomnüssion ein.
Verhandlungen über die Kohlenlieferungen.
»»Aus Parts wird gemeldet: Werm auch die Pariser Verhandlungen über die Minderlieferungen deutscher Kohlen abgebrochen worden sind, so rechnet man deutscherseits doch damit, daß nach dem Abschluß eines Abkommens über die erweiterten Sachlieferungen die deutsch-italienischen Besprechungen einen befriedigenden ^Abschluß finden werden. Es besteht aut deutscher wie auf italienischer Seite der Wunsch, die Beratungen in Italien ober in Berlin fortzusetzen. Die Vesprechungeri über die deutschen Kohlenlieferungen an Frankreich werden inzwischen in Paris zu Ende gesührt werden.
Französische Rechenkünste.
Der „Temps" macht folgende Angaben über die deutschen Zahlunqen seit dem Waffenstillstand. Obwohl die Schätzungen noch nicht alle endgültig seien, bewertet man die Zahlungsleistungen und Lieferungen aller Art bis zum 1. Mai 1921 in runden Ziffern auf 7^ Milliarden Goldmark. Seitdem hätten die Barzahlungen und Sachlteferungen etwas weniger als 2 Milliarden Gold- !mark betragen. Deutschland hat also seit dem Wafferr- stillstand in runden Ziffern 9—9^ Milliarden Goldmark hezahlt. Von diesen Zahlucigen abzuziehen sind die tut Abkommen von Spaa Deutschland zugestandenen Bor- sschüsse auf den Wert der Rohstoffe und Lebensmsttec, Dessen Anrechnung auf die Zahlungen vor dem 21. Ma- 1921 gestattet worden sei. So kommt man schlEK auf etwa 6). Milliarden Goldmark, worin alle tatsäch- ltchen Bezahlungen und Sückl^ftnugen Deutschlands örs wute vmbcBiii^ n s^—.. .
Dem Hungerrose entronnen.
Die nach Deutschland zurückgekehrten deutschen Ko-- B aus dem russischen Hungergebiet sind jetzt in angekommen. Die Blätter beriMen darüber:, r Bahnhofshalle sind sie notdürMg untergebracht und werden später in ein Heimkehrerlager übergeführt. Ein Bild entsetzlichen Unglücks entrollt sich aus den Erzählungen dieser viel Umhergeirrten. Zwei mittelgrotze- Koffer enthalten die letzte Habe dieser 25, die hohlwangig und blutleer, eine neunmonatige, unter den größten Gefahren und schwersten Mühen vollerchete Wanderung hinter sich haben. Sie stammen aus dem Gouver- nemetti Saratow, das vor dem Kriege 163 deutsche Dörfer mit nahezu 300 000 Einwohnern vereinigte. Unter der Heri'schaft der Bolschewisten hatten namentlich die deutschen Kolonisten zu leiden. Das Vieh, der größte Teil des Saatgetreides, die Pferde sind ihnen genommen worden. Bewasfnete Aufstände gegen diesen unerhörten Raub wurden jedesmal blutig niedergeschlagen, und am Ende des Jahres 1920 begannen die ersten Fälle von Hungertod aufzutreten. Man nährte sich vom Fletsche der letzten verelendeten Arbeitspferde, und Tausende starben tu wenigen Tagen unter den größten Qualen dahin. Zu Beginn des Jahres 1821 begann sich bte deutsche Kolonie aufzulösen. Der größte Teil der Einwohner war dem Hunger und den Gewehrkugeln erle-
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Männer nach ihrer Pfeife tanzen M lassen, um uns bann hohnlachend den Laufpaß zu geben. Als ich zu dieser Erkenntnis kam — vorhin da unten inmitten jener hirnlosen Gesellschaftspuppen, deren Mittelpunkt d« bist — da kam eS einen Augenblick über mich wie wilde VerzweMnug. Alles, was mir im Leben »ahe- stand, hat mich verraten: die Braut, der Freund, die Schwester. Und all dies hätte ich versessen können, wenn du zu mir gehalten hättest! Du, für deren Reinheit unb Treue «H mein Leben eingesetzt hätte! Du, ; die ich für meinen Stern hielt, der wir Erlösung bringen sollte! O, ich Tor! Ich dreifach blinder Tor!!"
Wie erstarrt, hat Ebba diesen LeidenschaftsauSbruch über sich ergehen lassen. Sie wollte ihn unterbrechen, wollte ihm sagen, daß er ihr Unrecht tue — aber etwas, das stärker ist als sie, schnürt ihr die Kehle zusammen wie mit würgendem Griff.
Gunnar bat sich im Uebermaß der Erregung auf einen Stuhl fallen lassen und stützt den Kopf in die Hand, sich mit fast übermeuschUcher Anstrengung zur Ruhe zwingend.
Schwüle Pause.
Dann fährt er beherrschter fort:
„Als man mich das erstemal betrog, wo ich liebte E und vertraute, flüchtete ich zu den Sternen, deren reine Schöne mich die Schlechtigkeit der Welt ringsum vergessen lassen sollte. Da kamst du mit deiner lockenden Schönheit mich bte Schlechtigkeit der Welt ringsum ver> ’ errungenen Höhe — herab in das Niveau jener frivolen Schwätzer da unten. Wie ein Verdammter saß ich zwischen ihnen, mich selbst und die ganze Welt verachtend. Bis, gleich einem Boten aus Himmelshöhen, ein Stern aus fir sterer Nacht durchs Fenster zn mir hereinleuchtete und mich hinauf rief in jene reinen Re- ! gionen, die ich um deinetwillen verlassen wollte. Mein j Stern! . . . Von nun ab habe ich nichts mehr mit den ' Menschen M tun. Ich habe keinen Freund mehr. Und
mn. Der weitere Teu wanderte ziellos fort. Die Drei hier an gekommenen Faunlien waren am 28. Mai lüSi über die Ukraine und Rumänien mir dem Ziel «ach Deutschland ausgewandert. Der Dnjestr bildete das letzte große Hindernis, da die Rumcinen Hinübergekommene wieder nach Rußland schickten. Unter großen Gefahren vermochten sie endlich den zugefrorenen Fluß zu überschreiten. In Rumänien gelang es ihnen, Verbindung mit dem deutschen Gesandten zu erlangen, der ihnen schließlich die Weiterreise nach Deutschland ermöglichte. ___________
Aufschub der Finanzministerkoufere«».
»»Der neue italienische Außenminister Schanze» hat in einer Unterredung mit Poincaree auch eine kurze Verschiebung der Zusammenkunft der alliierten Finanz- minister, die für den 8. März geplant war, vsreinbart, da an diesem Tage die italienische Kammer eröffn« werden soll.
Neue Besprechungen über die Beamte«-esolb«ug.
> »»Wie die „Münchener Zeitung" meldet, hat der Reichssinanzmmister die Finanzminister der Gliedstaaten zu einer Besoldungskonferenz nach Berlin gebeten. Der bayerische Finanzminister ist bereits nach Berlin abgereist. Es handelt sich um eine Besprechung über bte Teuerung und Bsamtenbesoldnug.
Schei-emau« über die Anslandsyropagan-a.
i Scheidemann veröffentlicht im Berliner „Achtuhr - Abendblatt" einen Artikel über die Aufklärungscnbeit im Auslande, der sein Vortraq in Kopenhagen gewidmet war. Auf Grund seiner Beobachtungen im Auslande bedauert Scheidemann den Mangel an Propaganda durch die deutsche Presse. Mit der bisherigen deutschen Methode würden wir gegen die Propaganda der Engländer und Franzosen in Dänemark für die Ententepolitik und gegen die angebliche Böswilligkeit Deutschlands nichts ausrichteu. Wir müßten durch anregend-gefaßte, in die Presse lancierte Artikel, nicht jedoch durch Leitarnkel
Die rufsische Hmtdelsabordnun« in London veröf- -fentlichte eine Note, in der es Heißn Fn einer Zusam- Hnenkunft, die Tschitsckerin am 24. Februar mit dem Vertreter einer russischen Nachrichtenagentur hatte erklärte er, daß verschiedene Vorschläge, die mit der New- lution in Cannes in vollkommenem Widerspruch itürc- ben, in den einzelnen Ententeländern formuliert worden seien. Wenn tatsächlich diese Vorschläge angenommen würden, würde die russische Regierung gezwungen iem, ihre Haltung gegenüber der Konferenz in Genna wesentlich z« ändern. Wenn r. B. der Vorschlag durch- -ringe, für Rußland eine sechsmonatige Probezeit feit- zusetzen und dieses der Haupwunkt für den Zmmnmeli- tritt der Konferenz von Genua wäre, dann wurde dadurch die Teilnahme Rußlands a« dieser.Konferenz problematisch. Ein derartiger Vorschlag wäre selbstverständlich für die russische Regierung unamrehmbar weil er als Feststellung der Minderwertiakert Rußlands im direkten Widerspruch mit den Wünschen der russischen Regierung stünde, auf gleichem Fuße ruttve» anderen Mächten zu verhandeln unb rede Art von Vor. «m«dschaft abzulehnen.
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Die Viehliefernttgen an I«go-Slawie«.
»»Aus Wien wird gemeldet- In den letzten Tagen ist »mischen der Revck^äinU romw^snön und d-r fuav"Ng^
| keine Schwester. Ich habe auch die Liebe aus meinem I Herzen gerissen. Ich kann niemand mehr Vertrauen | entgegenbringen."
Namenlose Wehmut schluchzt auf in Ebbas Brust bei seinen letzten Worten. Sie fühlt klar und deutlich: von Sekunde M Sekunde entfernt der Geliebte fto weiter von ihr.
Und doch will sie den Kopf hochhalten, will sie noch einmal versuchen, ihn von seinem Wahn abznbringen.
bist hart unb ungerecht, Gunuar."
„Hart unb ungerecht?" lacht er bitter auf. „Meinst du das wirklich? Ebba, kennst dn die Tragödie meiner ^^e macht eine verneinende Beivegung und preßt die Hand aufs Herz. Ist der Moment gekommen, den sie so lange erhofft unb gleichwohl gefürchtet? D*r Moment, da sie einen Einblick tun soll hinter bte verschlossene Tür seines Herzens.
„So sollst du sie erfahren," sagt er ernst, fast feierlich. „Vielleicht wirst du dann anders urteilen."
Er geht auf Ebba zu, um sie in sein Studierzimm«, dessen Tür nach der Sternwarte führt, zu geleiten, besinnt sich aber eines Andern und deutet mit einer einladenden Geste auf den Stuhl neben dem großen Teleskop.
Doch sie schüttelt schweigend ben Kopf. Still lehnt sie am Geländer und wartet, was nun kommen rverde.
Wartet — wartet — —
Die Nacht ist milde. Kein Lüftchen regt sich. Gary leise nur rauscht in bet Ferne die Meeresbrandung. Wie ein heiliger Dom wölbt sich der Sternenhimmel über der dunklen'Erde. Und zarte Wohlgerüche hauchen vom ^Wintergarten herauf Vu den beiden, deren Herzen nt heißer Liebe für einander schlügen und die in unseliger Verblendung sich weiter und weiter von einander entfernen.
(Fortsetzung folgt.)