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Schlüchterner Zeit«

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Kreisblatt

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Amtliches Organ für Stadt und Kreis Schlüchtern

Nr . 8

Donnerstag, 19 Januar 1922

74. Jahrgang

tCttedei 00m Tags.

Der Ausschuß des Reichswirtschasisrates für Sied- lunas- und Wohnungswesens trat in seiner Sitzung mit Är Mehrheit für eine Erhöhung der Abgabe vom Mietspreis zur Förderung des Wohnungsbaues aus 100 Prozent ein.

Die russischen Sowjettruppe« haben in Westgeorgien lLwatenien) schwere Niederlagen durch die aufständische Bevölkerung erlitten und mußten dieses Gebiet räumen. Auch im twrigen Georgier: weigerten sich die Roter: Truppen, gegen die Aufständischen weiter zu kämpfen.

Die Bezirksgruppe Berlin der Unabhängigen Partei Deutschlands veranstaltete eine interuarinuai^ Kundge­bung für die Verbrüderung des Proletariats und gegen den Gewalffrieden.

~ Ei« ungeheurer Schneefall ist über Wien niederge- aangen Er hat große Verkehrsstörungen rn allen Tei­len der Stadt zur Folge gehabt.

Rathenans Bericht in Cannes.

In seiner vor dem Obersten Rat am 12. Januar ge­haltenen Rede, deren genauer Inhalt erst jetzt veröffent­licht wird, betonte Reichsminister a. D. Dr. Rathen««, daß die deutsche Delegation, die ernsthaft bemüht sei, alle gewünschten Auskünste rückhaltlos und wahrheitsgetreu zu geben, darüber hinaus bereit sei, in dem von ihr ge­forderten Maße an den Aufgaben dieser Konferenz mrt- zMrbeiten.

In Beantwortung der sich aus den Umfang der von Deutschland zu fordernden Such- unb Geldleistungen be­ziehenden Fragen hob Dr. Rathenau hervor, daß Deutsch­land entschlossen ist, mit seinen Leistungen bis zu den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit zu gehen, da« Deutsch­land jedoch durch einen verlorenen Krieg, durch schwere Verluste unb durch eine Revolution hmdurchgegaugen ist. Deutschland empfinde selbst am schwersten die anor­malen Zustände seiner Lebensbedingungen und seiner Kinauzeu, und es wünsche, sie zu beseitigen. Es wünsche, nicht den Weltmarkt durch Unterbietungen zu zerrütten.

Die beiden Aufgaben: Aentzere Leistung und in­nere finanzielle Sanierung, vor die Deutschland dadurch gestellt ist, wioeriprecheu ein anbe i . d' >^> dahc^-schwer zu sagen, daß die und die Zahlung eine ausreichende und erträgliche Leistung darstelle. Es müsse eine Summe ge­funden werden, deren Schrvere erträglich fei und die zu­gleich der wirtschaftlichen Lage der empfangsberechtigten Nation entgegenkommt. Als Basis seiner Berechnun­gen wählte Dr. Rathenau die im Obersten 9tat lur 1922 genannten Ziffern: 500 Millionen für Barleistungen unb 1450 Millionen für Sachleistungen, emicyiretzuch der nutzeren Besatzungskosten. , . a m

Deutschland, ein Land der Lohnarbeit, das Rohstoffe empfängt, sie verarbeitet und die verarbelteten Erzeug­nisse verkauft und nur unerhebliche eigene Rohstoffe hat, müsse das meiste im Auslande laufen und für alles bar bezahle». Es könne nur durch seine vaadarbeit zahlen und muß deshalb eine aktive Handels- und Zahlungs­bilanz haben. Die deutsche Zahlungsbilanz aber sei vorbelastet mit einem Einsuhrbedarf üoh 2% Milliarden Lebensmittel und 2^ Milliarden Rohstoffe, und zwar ohne verarbeitete Fabrikate und ohne Luxusartikel. Au- ßerdem feien im Gegensatz gegen früher 3 bis 4 Milliar­den Goldmark jährlich an das in Deutschland kapitalbe- Lyende Ausland zu zablen.

Der Liebe ewiges Licht.

Roman von Erich Fri^e».

28) (Nachdruck verboten.)

Zu jedem Menschen kommt die Hiebe aus anbeem W^e, in anderer Gestalt. Bebenden Herzens sieht der eine sie schon von wertem sich langsam nähern; der an­dere wird urplötzlich von ihr überfallen. Wieder andere merken voll seligerr Staunens, daß die Liebe bereits längst von ihnen Besitz ergriffen hatte und daß es nur einer Veranlassung bedurfte, damit der verhüllende Schleier gehoben werbe. Manche berge« sie vertrauens­voll in ihrer Brust und fühlen erst nach längerer Zeit an dem schmerzenden Stachel tn ihrem Herzen, daß es eine trügerische Schlange war, die sie am Busen genährt Wieder manche verschließen Tür und Tor vor ihr und ahnen nicht, wenn sie in trauernder Verlas­senheit in ihrer einsamen Kammer sitzen, daß treue Liebe vergebens angeklopft und wieder ihres Weges gegangen, um nie wiederzukommen.

Zu Gunnar von Helgeland, den in seinen Jünglings­jahren die Liebe, oder vielmehr ihre wankelmütige Zwillingsschwester, die Leidenschaft, betrogen hatte, kam i ie wahre Liebe jetzt, in seinen Mannesjahren, in ihrer ganzen berauschenden Schöne. Nicht als ein sanftes, zärtliches Empfinden; auch nicht als ein verheerender Feuerbrand. Nein, wie eine hehre Gottheit, die ihn mit goldenem Finger berührte, so daß er alles rings- um in neuem Lichte sieht und die ganze Welt für ihn durch sie ein neues Gepräge erhält.

ES ist geiviß, daß der Kebernann der Liebe rascher und leichter Untertan ist, als der Asket, dessen Geist den Körper beherrscht. Aber nur deshalb, weil jener entnervter ist, nicht, weil seine Empfindungen stärker Hub. Haben nicht auch die stillen Fluten eines tiefen Flusses der unentwegt seinen Lauf zwischen hohen

; Die Passivseite der Zahlungsbilanz betrage etwa £>% Milliarden Goldmark, denen eine Ausfuhr von nur ß% Milliarden gegenübersteht. Es bestehe somit ein Pas-- ^vfaldo der Zahlungsbilanz von 2 Milliarden schon vor Zahlung irgendwelcher Reparationen.

Auf Anfrage Lloyd Georges bestätigte Dr. Rathenau, daß infolge des Standes des Weltindexes auf 1,5 die deutsche Ausfuhr jetzt 14 bis 15 Milliarden Goldmark Hetrage« müßte, wenn sie dem Vorkriegsstände ent­spreche. Sie habe sich also etwa auf ein Viertel ver-

Zur Deckung des Defizits der Zahlungsbilanz be­standen nur drei Möglichkeiten, Verkauf der Substanz des Landes, größere auswärtige Anleihen oder Verkauf der Larrdeswährung. Den Ausverkauf der Landessub­stanz habe Deutschland leider nicht hindern können. Die Durchführung einer auswärtigen Anleihe habe Deutsch­land versucht, sie sei aber unmöglich gewesen, da nach Meinung der City die Deutschland auferlegten Lasten zu schwer seien. Demnach fei es unmöglich gewesen, den Verkauf von Umlaufsmitteln z« vermindern, obwohl das deutsche Geld dadurch ein Gegenstand der iuterna- ttonalen Spekulation wurde.

Rathenau hob hervor, daß die Annahme miß sei, daß der Marksturz seit Mitte 1921 nur die Folge der Inflation und des Gebrauches der Notenpresse in Deutschland gewesen sei. Dann hätte der Sturz nicht so plötzlich und in so ganz kurzer Zeit eintreten können. Auch habe der Kurs sich erheblich gebessert, sobald mv etwas Blau am Himmel zeigte, nämlich die Nachrichten über die ersten Besprechungen zwischen der britischen und der französischen Regierung über eine Regelung der deutschen Verbindlichkeiten für 1922. Solange die Wäh­rung eines Staates auf dem internationalen Markte aus dem Gleichgewicht gekommen fei, sei es unmöglich, ir­gendein Budget auf bestimmte Zeit mit Sicherheit tu Ordnung zu bringe«. . t a

Dr. Rathenau betonte, daß in diesem Augenblick das Budget für 1922 in Ordnung sei; es enthalte sogar gc- Wisie Überschüsse. Dabei sei aber vo« den Neparanone« abgesehen, und jeder neue Marksturz, jede innere Preis­erhöhung werde dieses Budget gefährden. Eine als Ab» Hilfsmittel zunächst denkbare Reduktion des Verbrau­ches sei kaum errddHm.. ha die Mittelklasse und die Ar­beiter weit unter dem Stand der Vorkriegszeit reoen. Es könne sich nur um die Hebung der Proöuktrou und die Vermehrung der A«sf«hr handeln. Eine derartige Vermehrung sei aber schwer, weil sich andere Völker da­gegen wehren. Es bleibe das Mittel, die landwirtschaft­liche Produktion z« hebe«. Bezüglich der auf Deutsch­land ruhenden Lasten wies Rathenau darauf hin, daß für 1922 das Budget 85 Milliarden ausschließlich Repa­rationen und sonstige Friedensvertragsleistungen be­trägt.

Beim Reichskanzler fand eine Chefbesprechung statt, m der Dr. Rathe««« über den Verlauf der Konferenz in Cannes und die Tätigkeit der deutschen Delegation berichtete. Der Reichskanzler begab sich dann in die Sitzung des Auswärtigen Ausschusses des RerchsrateS, wo er in vertraulichen Ausführungen die politische Lage skizzierte.

Reichsverbaud der Kinderreichen.

v-«- Frankfurt a' M. (L. A.) Ein Reichsverband der Kinderreichen ist. mit dem Sitz in Frankfurt a. M.. ge- gründet worden. 1

Dämmen verfolgt, eine weit größere Kraft, als das seichte Gewässer, das sich hoch aufspritzend in eine Masse kleiner Kanäle ergießt?

Als Gunnar in diesem Moment zur Erkenntnis ge­kommen, daß die hchre Göttin Liebe mit ihrer ganzen allumfassenden Gewalt Einzug in sein Herz gehaltev da wußte er auch gleichzeitig: diese Liebe wurzelt fest, und wenn böse Mächte versuchen sollten, sie aus seinem Herzen wieder herauszureißen, so würde dies Herz daran verbluten.

Doch seltsame Ironie des Schicksals: dieselbe Mff nute, die Gunnar und Ebba das höchste Erdenglück brächte, die Gewißheit ihrer gegenseitigen Liebe sie hält auch schon den Wermutskelch bereit, in Gestalt eines kleinen Briefes.

Bisher ruhte er noch immer wohlverwahrt in EbbaS Tasche. Aber auf einmal fällt es ihr schwer aufs Herz, daß sie ihn in ihrem eigenen Glückstaumel vergessen. Mit einer raschen Bewegung zieht sie ihn hervor und hält ihn Gunnar schweigend hin.

Ein Brief?" fragt er erstaunt.Bon rvem?"

Ich weiß es nicht. Mamsell Tönnesen gab ihn mir für dich."

Mechanisch, den Blick auf Ebba gerichtet, nimmt er ben Brief in Empfang.

Das dem Kuvert entströmende, scharf süßliche Par­füm scheint Erinnerungen in ihm zu rvecken. Unb diese Erinnerungen müssen keine angenehmen sein; denn sein Gesicht verfinstert sich. Mit zusanmrengezogenen Braue« blickt er auf die Adresse

Ebbcy du bringst mir diesen Bries?

Erschrocken über den fast tonlosen Klang feiner Stimme beugt sie sich vor.

Noch immer hält er den Bries ungeöffnet in ben Händen

Willst du ihn nicht lesen, Gunnar?"

Nein."

Und er versenkt ihn in seine Brusttasche

Einladung daulMlands nack Henna.

k* Der italienische Botschafter in Berlin hat der ReichS« regieruug die offizielle Einladung für die Konferenz voH Genua überreicht.

»-*. Wie verlautet, wird sich die Reichsregierung am Mittwoch in einer Kabinettssitzung mit der Ein ladin a nach Genua beschäftigen. Voraussichtlich dürfte eine of­fiziell Antwort der deutschen Regierung auf die Ein­ladung erfolgen. Ueber die Personenfrage steht im Augenblick noch nichts fest, wer als deutscher Vertreter an der Genuaer Konferenz teilnehmen wird.

Keine Denkschrift der deutschen Industrie.

w Wie dieD. W 3." erfährt, entspricht die in der Presse erschienene Nachricht über die Ausarbeitung einer Denkschrift zur Konferenz in Genua von feiten des Reichsverbandes der deutschen Industrie nicht den Tat-? fachen. _ ,

Eine neue Konferenz?

>* Aus London wird gemeldet: Wie Lloyd George nach seiner Rückkehr aus Paris erklärte, ist es unbestimmt, ob die Besprechungen mit Poincaree noch in dieser Woche in London fortgesetzt werden. Lloyd George hofft, im Laufe der Woche eine Mitteilung aus Paris zu erhalten, in der erklärt wird, ob die Verhandlungen anschließend in Cannes oder auf einer neuen Konferenz fortgeführt werden sollen.

Die Beratungen tn Berlin.

»»Berit«. (B. A) Die Chefbesprechung in der ReichS- kanzlei am Montag dehnte sich, da die meisten Mini­ster daran teilnahmen, zu einer Kabinettssitzung auS. Der Bericht Rathenans ist noch nicht erörtert worden. Am Dienstag nachmittag soll eine neue Chefbesprechung Ktnben, aber für eine halbe Stunde später ist.

eine Kabinettssitzung anberaumt worden. Die Vor­bereitungen für den Entwurf der Antwort an die Repa- rattonskoumrission sind noch nicht soweit gediehen, daß man sich damit in einer entscheidenden gemeinsamen Sit­zung beschäftigen kann. Trotzdem wird der Reichskanz­ler am Mittwoch tn dem Ausschuß für Auswärtige An­gelegenheiten über den Stand der Reparatiousfrage ei­nen Bericht abgeben. Ob der Kanzler dann auch im Plenum des Reichstages, der am Donnerstag wieder zu- stmnnentritr, über die durch Die Vesprechu rmen in Can­nes geschaffene Lage spreche» wird, ist sehr unwahr­scheinlich.

MinisterprSfidenten-ZnsammenknVst in Berlin.

»^ Berlin (F. G. A.) Die Ministen räsidenten sämt­licher deutscher Freistaaten werden sich am Freitag dieser Woche zu einer Konferenz in Berlin zusammeufindeu, um unter dem Vorsitz des Reichskanzlers Dr. Wirth lau­fende Fragen zu erörtern. Die Besprechungen sollen der Information der Ministerprstdenten über die aktuellen Vorgänge in der inneren Reichspolttik und der 2luS= landspolitik dienen.

Die Einladungen für Genua.

e* Parts. (B. 30 AlS Nachtrag zu den Besprechungen zwischen Poincaree und Lord Curzon teilt der offizielle ^Matin" mit, daß die Eivladungen zu der interuatto- nalen Wirtschaftskonferenz in Genua von dem Halte Nischen Ministcrpräsideuten Bonomi im Austrage des -Obersten Rates an alle in Frage kommende. - taten versandt worden sind. und zwar sind die E la e n endgültig. Sowohl - .

1111 HIII1

EdbaS Befremden wächst. Weshald will er den Brief nicht lesen? Weshalb versteckt er ihn vor ihr? WoShalb ist er so bleich und erregt?

Und plötzlich fällt ihr ein, daß die -ldresfe auf dem Kuvert von einer Dümenhand herrührte. . . Von wem? Von jenem Mädchen, dem er vor Jahren fein Herz geschenkt und von dem sie seither nie wieder ge­hört? Oder von einer anderen Dame?

Und brennende Eifersucht packt sie auf die unbekannte Schreiberin des Briefes eine Eifersucht, die mit elementarer Geroalt auf sie einstürmt, so daß ihre so oft erprobte Selbstbeherrfchu:^ sie völlig verläßt.

Lies, Gunnar!" ruft sie leidenschaftlichLies! Lies!!"

Ihre Augen begegnen fich: die feinen in traurigem

Erstaunen, die ihren in flammender Erregirn '

Schweigend zieht er den Brief aus der T

Du wünschest, daß ich den Brief öffne, C >a Nun wohl!"

Und schon hat er das Kudert n rr

Unter seinen buschigen Brauer: c

Wybrands einen verstohlenen Blick nur 1 D

Das Wappen der Solvegs! . . . Vc .

fter, Gunnar?"

Sie war meine Schwester,".lau .1 bi' v Cat* gegnung.

Als erwache sie plötzlich aus ein i \ rtra.tm, starrt Ebba aus daS Kuvert. Und in unars iodesbleiches Gesicht.

Was har sie getan, großer Gott. . . wa es nur möglich, daß sie sich so weit vergessen konnte?

Und mit derselben leidenschaftlichen Erregung, mit der sie ihn vorhin bestürmte, den Briefu öffnen, fleht '^ies nicht, Gunnars Nicht! Nicht!!"

Doch er schüttelt nur traurig den Kopf.

Zu spät, Ebba."

(Fortsetzung folgt