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Schlüchterner Rettung

Schlüchterner Kreisblatt - Schlüchterner Tageblatt

Verantwortlich für den gesamten Inhalt: H.-K.

1 Hohmeister, Schlüchtern. Druck u. Verlag der Fa C / Hohmeister in Schlüchtern. Fernspr. Nr. 65. Telear. Schlüchterner Ztg. Postscheck!.: Frankfurt M. Nr. 114.02.

Freitag, 8. Juli 1921

Bezugspreis : Vierteljährlich in Schlüchtern $1.11 - durch die Post M. 12,. Anzeigenpreis: Die Klei'n- zeile M 1,, die Reklamezeile 3,, sämtlich ohne besonderen Zuschlag. Bei Wiederholung Rabatt.

Oberfchlefien.

Nachdem der Zeitpunkt abgelaufen ist, wonach die Räu­mung Oberschlesiens von polnischen Banden und deutschem Selbstschutz durchgeführt werden mußte, kann festgestellt were chen, daß die Polen sich keineswegs an dieses Abkommen ge- jhalten haben, und daß die interalliierten Truppen nicht mehr Herren der Lage sind. Im oberschlesischen Industriegebiet wird von den PvlenfMrern öffentlich erklärt, daß es sich nur um eine vorübergehende Ruhe handle. Es setzt daher unter der deutschen Bevölkerung der einzelnen Städte und Dörfer eine

Massenflucht aus Oberschlesie«

ein. Der Zugverkehr, welcher vorübergehend wieder aus­genommen worden war, mußte wieder eingestellt werben. In der Nacht zum Mittwoch wurde der Personenzug von Gleiwitz nach Kattowitz, in dem sich auch zahlreiche Flücht­linge befanden, von polnischen Banden angehalten und die männlichen Personen verschleppt und gefangen gesetzt, Frauen lund Kinder aus dem Zuge geworfen und schwer mißhandelt.

Der drohende vierte Aufstand.

Von Tag zu Tag mehren sich die Anzeichen von einem neuen vierten polnischen Aufstand, der mit einem allgemei­nen Generalstreik einsetzen soll. Auch von polnischer Seite macht man kein Hehl daraus, offen zu betonen, daß die In­surgenten in aller Kürze wiederkommen werden. Flücht­linge berichten, daß die Polen im Industriegebiet den Gene­ralstreik heute Mittwoch) proklamieren wollen. Aus diesem Grunde herrscht unter der deutschen Bevölkerung große Er­regung. Hunderte von Arbeitswilligen, die auf ibre Arbeits­stellen wollten, mußten zurückkehren und wurden von den Insurgenten

arg mißhandelt und gefangen genommen.

Äus diesem Grunde treffen große Flüchtlingsmassen ans dem Hindenburger Kreise ein, da auch dort der polnische Ter­ror sein Unwesen zu treiben beginnt. Auch werden die Arbeiter an der Ausübung ihrer Tätigkeit gewaltsam ge­hindert. Die Insurgenten, die zum großen Teil Entlas­sungsgelder erhalten hüben, sind in ihre Ortschaften zurück- gekehrt. Dort haben sie die Gewehre sowie Munition mit- gebracht. In den Wäldern des Industriegebietes befinden sich große Waffenlager aller Art. Die Insurgenten gehören großen organisierten Geheimverbänden an, die ihre bestimm« iten Waffensammelplätze haben.

Am Dienstag erfolgte aus Königshütte ein neuer-An­griff. Nachdem die Insurgenten sich auf einem in der Nahe des Ortes gelegenen Werk gesammelt hatten, drangen sie unter heftigem Feuer bis auf das Innere der Stadt vor. Dort plünderten sie die Läden, raubten und nahmen Straßenpassanten als Gefangene mit. Dem französischen Kommandanten gelang es, den ersten Bürgermeister, der ebenfalls gefangen genommen wurde, frei zu bekommen.

Die Anruhen in Beuthen.

Zu den U n ruhen in Beuthen am Montag wird von der Interalliierten Kommission amtlich mitgeteilt: Ver­schiedene oberschlesische und reichsdeutsche Blätter haben über die Unruhen, die am 4. Juli in Beuthen stattfanden, unzu­treffende Berichte veröffentlicht. Es ist falsch, daß der fran­zösische Major l'Allegre bei einer durch allgemeine Verwir­rung verursachten Panik den Tod gefunden hat. Tatsächlich ist dieser Offizier, als er aus der Kaserne heraustrat. durch einen von hinten gefeuerten Revolverschuß auf offener Straße meuchlings ermordet worden. Es-handelt sich also keines­wegs um einen Unfall, der in der allgemeinen Benvirrung seinen Grund hatte, sondern um ein besonders verob-

scheuungswürdiges Verbrechen, wie es alle anwesenden Per­sonen übereinstimmend bezeugten.

General Höfers Auflösungsbefehl.

Der deutsche Selbstschutz hat Oberschlesien, dem Räu- munasabkommen entsprechend, verlassen und sich in den nie« derschlesischen Grenzkreisen konzentriert. Ein großer Teil der Selbstschutzangehörigen hat die Heimreise angetreten. Die Züge von Berlin und Dresden sind von heimkehrenden Kämp­fern überfüllt, unter denen die Studenten überwiegen. In der Nacht kam es im großen Wartesaal des Breslauer Haupt­bahnhofes zu bedauerlichen

Ausschreitungen der Freikorvs-Angebörige«.

Hunderte Selbstschutzleute, insbesondere Angehörige des Frei­korps Oberland, sangen:Hei! dir im Siegerkranz" und brachten ein Kaiserhoch aus und zwangen unter dem Hinweis auf ihre Waffen und insbesondere ihrer Gummiknüppel alle im Saal anwesenden, sich bei dem Gesang und vor allem beim Kaiserhoch zu Erheben. Ein bekannter Berliner Schau­spieler, der bei dem Lutherfestspiel in Breslau gastierte, wurde dabei belästigt. Der wachthabende Schutzpolizeiofsi- zier war machtlos. DieBreslauer Volksmacht" fordert eine Verstärkung der Schutzpolizei in Mittelschlesien, um die Durchführung der Entwaffnung und den Schutz der Grenze besser durchführen zu können. Die Auflösung i$e§ deutschen Selbstschutzes, der am 5. Juli das gesamte Gebiet geräumt hat, wird durch General Höfer geleitet. Der Auflösungs­befehl ist bereits ergangen.

Die Folgen des Ausbleibens der oberschlesischen Kohle,

Durch das Ausbleiben her oberschlesischen Kohle ist die Aussicht in der Kohlenversorgung Sachsens im kommenden Winter sehr schlecht. Die sächsische« Gasanstalte« erhalle« 25 Prozent der Gesa mtkohl«nmena« aus Oberschlesie«. Seit Mitte Mai ist jede Einsuhr aus dem oberschlesischen Revierj ausaebliebe«. Dazu kommt «och der Streik im nieder-! schlesischen Revier, der einen «roste« Ausfall gebracht hat. Ganz wesentlich wird der Ausfall noch erhöht, wenn man die! Güte der oberschlesischen Kohlen berücksichtigt, «nd dabei beq siebt keine Aussicht, daß die anssiehenden Mengen aus Ober­schlesie« nachaeliefcrt werde«. Die Fehlmenge beträgt für Sachsen bereits iefct 39 000 Tonne« und erhöbt sich monatlich um weitere 15 000 Tonnen. Da Me. Kasa^taL-n anS-iatzms^

kommenden Wintermnnat«« noch fATimmer als im Vorjahr«; wenn die oberichlesische Frage nicht bald eine Lösn«» »wi annsten Denischlands findet, so ist die Gasversorannq Sachs fr«s in Zukunft stark acfäürdet, da auch aus dem Ruhraebirt ««gen der Lieferungen an die Entente auf nennenswert« >Wesernngen an Sachten nicht gerechnet werden kann.

Das Finanzproblem.

I« der gestrigen Sitzung des Reparationsausschusses de» Keichswirtschaftsrats, an der auch Ratbenau und ReichSbarrk- Präsident Baoenstein teilnahmen, legte Reichskanzler Dr, Wirth ausführlich seine Auffassung über das Reparot-ivuS« D»d Steuerprobeur dar. Seine tatsächlichen Augachen W« N« neuen Steuern und deren mutmaßlichen Ertrag deckt«» M tat wesentlichen mit seinen ReichstaaS-AuAüüruna«»

! Eingestellkes HochverrÄsverfahren.

Das Hochverratsverfahren gegen den Grafen Both- mer und Major Koy, dem Vorsitzenden der bayerischen Königspartei, das bei der Münchener Staatsanwaltschaft durch Selbstanzeige anhängig gemacht worden war, ist man­gels Beweises eingestellt worden.

Bayerischer Landtag.

^^ stufte Vollsitzung des bayerischen Landtages findet am 12. M statt. Auf der Tagesordnung steht u. a. der Antrag der U S. P. auf Aufhebung der Haft für die Ab­geordneten dieser Partei, das Gesetz über die Einführung des bayerischen Gemeinderechts im ehemaligen Freistaat Kobura und das Gesetz über die Abänderung des Beamtenbesoldungs­

Neue «Kriegsverbrecher-Prozesie».

Am heutigen Tage wird vor dem Reichsgericht Leipzig gegen den Oberleutnant a. D. L a u l - Charlottenburg, dem ähnliche Beschuldigungen wie dem General Stenger und dem Major Erusius zur Last gelegt werden, verhandelt wer­den. Es sind 17 deutsche Zeugen und 2 Aerzte aus dem El­saß geladen. Am 8. Juli beginnt das Verfahren gegen den Generalleutnant a. D. Schock und den General Bruno K r u s k n, die für eine Typhusepidemie im Gefangenenlager Niederzwehren bei Kassel verantwortlich gemacht werden. Für den 12. Juli ist ein Termin gegen den Oberleutnant zur See D'ttmann und den Oberleutnant z. S. Boldt tmgesetzt.

Steuer- und Gebührenerböhuna ohne We.

Der Reichs-Schntzverband für Gondel und Gewerbe er­blickt in der jetzt uenbeabsichtiaten Weikererböbuna der Fern­sprechgebühren, worüber dem Reichstag in diesen Tagen eine Borlage zugeganaen ist, eine weitere schwerste Belasinng der feinen und mittleren Geschäftswelt des selbständigen Mittel­standes. Der Verband hat erst zu Anstrng Juni an das Reicbspvstmlnisterinm eine beachtenswerte energische Ein­gabe gemacht, worin ank die schwerwiegenden Folgen ver­wiesen wird, die sich bestimmt für unser ganzes Wirtschafts­leben daraus ergeben, daß man die Defizite in den Staats- cinanzen durch dauernde Gebührenerböbnnaen decken will. Die stark erhöhten Postgebühren haben ihrerseits auch den gewerblichen Mittelstand wieder am schwersten betroffen und derartige Finanzmanöver vernichten mit unheimlicher Sicherheit diesen Stand, der die Hanptstenerouelle für den Staat darstellt, der für unser aanzeS Wirtschaftsleben un- erickTidi ist.

JEtoitU>£i-ermerHt^ ^^V.lÜLL m.'wer w'id

dann Sie fortfällenden Steuern auf sich nehmen, ganz abge­sehen davon, daß die Erdrvffelnng dieses Standes unsere ge­samte Volkswirtschaft ruiniert? Es ist der große Irrtum der Steuergesetzgebung, daß sie vergißt, wie durch diese ständigen Erhöhungen stets ein Rückgang der öffentlichen Einrichtungen eintreten muß, der das Defizit noch vergrößert. Die letzte Erhöhung der Fernsprechgebühren hat den erwünschten Er-, folg nicht gebracht, nun soll ihn eine weitere Erhöhung brin­gen. Die Folge davon ist, daß taufende kleine Geschäftsleute ihren Fernsprecher abschaffen müssen, weil sie die Kosten nicht nrehr erschwingen können, daß das Geschäftsleben dieser Kreise einen weiteren empfindlichen Rückgang erleidet, dem wieder so manche Existenz zum Opfer fällt. Und damit wird' die durch die Erhöhung beabsichtigte Wirkung schon wieder illusorisch, in, sie wird ins Gegenteil verkehrt. Der Reichs­schutzverband für Handel und Gewerbe und mit ihm der ge­samte gewerbliche Mittelstand protestiert entschieden gegen eine höhere Fernsprechgebühr. Es nmß allen Ernstes vor der neuen Vorlage gewarnt werden, denn der Selbsterhaltungs­trieb ist stärker als der gute Wille. Man soll sich nicht wun­dern, wenn ein Stand, der verzweifelt um »eine Existenz ringt, zu allgemeiner Sabotage von staatlichen Einrichtungen schreitet deren Kosten ihn in feinem Erwerbsleben erdrücken.

Das große Los.

ErMIwig von Hart WeiSflog.

28j / ' (Nachdruck verboten.)

(Schluss.)

Zwei goldene Epaulettes, die aus den Blättern herauswackeln. Ich will schreien, aber da hält mir der Herr Pastor die Hand vor den Mund und spricht: Stille! Stille, liebe Frau, wir kommen heimlich wie die Diebe von hinten herein über den Bach. Wir wußten es, daß Lieschen nicht zu Hause und der Herr Liebste noch in Der Schule ist, und die sollten uns nicht sehen. Kit Sie wollten wir uns wenden zu einem recht überraschenden Hauptspäße. Sie haben doch den Bries noch nicht abgegeben? Nun, das ist charmant. Was meinen Sie, wir legen ihm den auf den Tisch und stecken Sie in die Kammer, und wenn er lieft, dann"

Ach! sind wir Denn schon so weit?" fiel ihm der Herr Forstmeister in die Rede,bin ich denn über­haupt schon in der Kammer?"

Wären wir hier," tröstete der Herr Pastor, wenn Ihnen und mir nicht längst schon der guten Mutter Gesinnungen bekannt wären^

Darum stille, stille, Herr Forstmeisters trieb ich, meiner Freude nicht mächtig über den serrlichen Ein­fall.Geschwind und sacht hinein in die flammet!" Das Mädel ließ ich flugs holen, dachte an die hunds- sültische Katze, an den sauren Wem, an die vier letzten Dinge und Gott weiß, an we# sonst, um nur mit Gewalt die nötige «rnsthasA«keit »u erzwingen. Und was nun weiter voraegange«, das wißt ihr. Kannst du mir meine Hinterlist verzechen, Wolsgang? Kannst du?. - M geschieht gewiß nicht Nieder.^

,Mutter!" Rammelte «olsgang und legte seine Hand auf ihre Schulter,du Äst ein braves Weib! Wohl dem Manne, der solchen D-effer in der Lotterie des Lebens zieht! And wenn Sei Herr Forstmeister -

3a, wenn der Herr gev^eißec* fiel Marth

HU.

Herr Forstmeister und immer Herr Forstmeister!" unterbrach sie Meier fast wehmütig.Soll ich denn nicht bald einen schöneren Namen hörend

Sohn! Sohn!" rief es nun.Mutter, Vater, Tochter! Geliebter! Braut! Bruder! Freund!" jubelte es durcheinander und in wechselnden Umarmungen, Küssen und Tränen lösete sich die unaussprechliche Wonne. Zum Positive sprang bei Vater und wollte orgeln und singen:Herr Gott, dich loben wir," aber er mußte es lassen, denn er war keines Tones mächtig.

Da nahm endlich der Pastor bad ruhigere Wort und sprach:Und wem verdankt ihr, als wunderba­rem Werkzeuge der Weisheit und Güte des himmlischen Vaters, dennoch dieses euer Glück?--der Lotterie.

Ja, meine Freunde,- sie führte die wackeren Eltern in Jrrsal und Jammer, aber sie läuterte damit auch ihr Bewußtsein und ihr besseres Selbst aus den Schlak- ken törichter Wünsche, der Eitelkeit, der Selbstsucht. Sie zeigte euch, daß Reichtum allein nicht glücklich mache. Sie öffnete der Mutter die Augen über die Schlechtheit des elenden Krämers. Sie führte Liebende zusammen zur treuen, ewigen Verbindung, und ihr alle gewännet, wenn auch nicht aus dem trüglichen Rade, doch in der Lotterie des Lebens das große Los.

Denn wer mit dem, was ihm beschieden,

Und dem Berufe treu, zuftteden.

Im Kreise seines Wirken» lebt,

Nach HSHerm Schattenglück nicht strebt.

Wer Honig saugt aus jeder Blume,

Aus Mammon nicht und eitlem Ruhm«

Die Pläne seiner Zukunft webt;

Wer Frohsinn auch bei trüben Stunden

In stiller Häuslichkeit gefunden;

Wem Liebe lohnt, wen Freundschaft hätt,

Daß er im Lebenssturm nicht fällt;

Und wer sich freut der schönen Welt,

Der hat den rechten Lauf begonnen.

Der ist der Täuschung Qual entronnen,

Der hat das große Los gewonnen."

Aber wen deckt denn an der Mauer b^ So hoses das einsame Grab mit dem schwarze* r

auf welchem die Worte stehen:Er starb an seinem Glücke?"

Habt ihr's nicht geahnt, liebe Leser? War es euch nicht, als ob es ein alter Bekannter sein müsse? Er ist eS. Das einsame Grab deckt den Schlosser Hans Schwerlich von Mannheim!

Krank und elend wollte er sich zur treuen Seele von Zwickau betteln, da ereilte ihn fein Ende. Der lustige Franz Zickel von Ulm drückte ihm die Augen zu, er, der sich im Dorfe unter dem veränderten Namen: Böcklein, zur Ruhe gesetzt, damit er, gänzlich von ber Vergangenheit geschieden, durch nichts mehr behindett werde, sürder in Zucht und Ehrbarkeit Nadel und Bü­geleisen zu handhaben. Zwar hat ihn die Gelegen­heit verleitet, dem Possenspiele seine» Lebens noch einen Austritt hinzuzufügen, und er ist nun auf Seifen, aber er kommt wieder, sobald Herr Baldrian die Leer­hett des Säckels errungen.

Und wer ist der edle Freund des Forstmeister» in der Residenz, der das prächtige Werk vom Forftunge- zieser drucken lassen und die rechte Hand des Grasen geworden?

Wer ander» als die treue Seele von Zwickau, Gottlieb Freudenberg, der kunstersatzrene, wettberühmte Tischlermeister und Viertelsherr.

Lade.