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JV 111

Gegründet im Jahre 1849

unter dem Titel

Samstag, dm 14. Mai 1921

««zeige« t N. Zeile oder deren Ran« 1 Mk., Reklame- teilt 3 Mk. fSmtl. ohne besonderen Zuschlag Bei Betriebsstörungen kein Schadenersatz oder Mindergebühr einschl. Bezug». Keine Gewähr für Platz, »usuahmezeit und Beleglielerung. Kein Nachsatz bei gerichtlichen Zwischen- k»strl?. Zählkarte Frankfurt a, M Nummer IltyS

73. AaSrg.

Pfingsten.

Schmücket das Fest mit Maien."

Pfingsten, das Fest des heiligen Geistes, das Fest der Wiedergevuri im Geiste! Ein Fest der Erhebung, ein Fest, das uns wie kein anderes frei machen, das uns erneuern kann. Wer sind über die Menschen, die heute dieses Fest erleben? Tief in Schmach und Verfall ist Deutschland ge­raten. Noch nicht sind die Deutsechn reif, dieses Fest zu setern, es innerlich zu erleben.

Und doch soll es uns ein Mahnruf sein, daß es noch nicht zu spät ist, wenn wir auch in der zwölften Stunde unserer Schicksalswende stehen. Soll uns ein Mahnen sein, wie schon oft unseres Geschickes Lauf aus tiefster Erniedrigung zu neuem Glänze wieder emporstieg. Sonderbar sind die Wege unseres Volkes in der Geschichte. Das Volk der Dichter und Denker, der großen und tiefe« Menschen, nicht vermochte es je seine Höhe, die es erklomm, in fester Hand zu halten und wenn eg stürzte, so gab es lange kein Be- sinnen, als bis es aufs äußerste bedrückt von der Hand des Fremdlings doch seine Ketten zerbrach und wieder aufstieg. Aber aus eigener Kraft, durch rechtzeitige Besinnung sich wieder emporzureiße«, ehe es ganz schlimm geworbn ist, das gelang dem Deutschen noch niemals. Für uns hat besondere Bedeutung ein Wort des griechische« Philosophen Anti- sthenes:Wir müssen uns Güter erwerben, die, wenn wir Schiffbruch erleiden, mit uns an Land schwimmen." Schiss- drüchige sind wir, und als Schiffbrüchige werden wir noch gehetzt und verfolgt, weil der Verfolger auch heute noch eines fürchtet: Den deutschen Geist! Auf die Güter, die nicht bei unserem Zusaurmenbruch untergegangen sind, aus den wahren deutschen Geist, der nicht nur uns giüblich machte, sondern trotz aller Feindeslügen auch in der Welt eine« gute« Klang hatte, auf den müssen wir uns wieder besinne«!

Auch heute stehen wir am Rande eines Abgrundes, der tiefer vielleicht ist, als ihn das deutsche Volk je in seiner Geschichte erblicke« mußte. Die uns von außen zerschmettern wollen, wußten auch die Zwietracht im Innern zu säen, und die ists in Wahrheit, die mrs am Wiederaufstieg hemmt. Was aber unsere Väter groß machte, was überall gerühmt ward, deutsches Pflichtbewußtsein und deutsche Treue, das habe« wir, so scheint es, ganz vergesse«. Im Taumel jagen die Meisten dahin, irdische« Gütern nach, und vergessen ihre Pflicht dem Nächsten gegenüber und ihre Pflicht gegen das Vaterland.

Hier ruft u«d mahnt uns das Pfiugstfestl Deutsches Volk besinne dich auf dich selbst! Ueberwinde jene, die skrupellos nur nach eigenem Vorteil jagen und unsere Jugend, die unsere Zukunft bauen soll, verderben: erwirb deine Sitten- reinheit wieder, werde wieder stark im Pflichtbewußtsein Heiner Treue, die du deinen Volksbrüder« und dem Vater­lande schuldest! Vergiß den Hader im Innern, schließe dich zusammen und zeige nach außen ein entschlossenes Gesicht, das deine Ewigkeit widerspiegelt! Nur so wirst du die tiefen Schatten bannen könne«, die ützin Dasem in Finsternis hüllen. In Wahrheit sei dir diese Pfingsten ein Fest der Anjerstehuugj '

Aus der Heimat.

* Die Frist zur Abgabe der Einkommensteuer- und Kapitalertragssteuererklärung läuft am 1b. Mai ab, worauf die noch im Rückstände befindlichen Steuerpflichtigen in ihrem eigenen Interesse zur Vermeidung von Zuschlägen hiermit nochmals hingewiesen werden.

* Der Postdienst an den Pfingstfeiertageu ist wie folgt geregelt: Am ersten Feiertag erfolgt eine Ortsbrief-, Geld- und Paketbestellung sowie eine Landbestellung nach allen Orten, ausgenommen jedoch bleiben dabei Postanwei­sungen, Zahlungsanweisungen und Pakete. Am 2. Pstugst» feiertag ruhen alle Bestellungen. Die Schalterdienststunden werden an den beiden Pstngstfeiertagen wie an Sonntagen abgehaüm.

* (Fuldaer Katholikentag.) Am Beginn der dies­jährigen BonifatiuSwoche, am Sonntag 5. Juni, findet in Fulda ein großer Katholikentag statt. Die Katholiken der Kreise Fulda, Hünfeld, Gersfeld, Schlüchtern und des Geisaer Amtes nehmen daran teil. Aus den übrigen Kreisen der Diözese Fulda werden Deputationen in großer Zahl erwartet. Aui Vormittag ist Prozesston zum Grabe des hl. Bonifatius, bischöfliches Hochamt und Festpredigt. Am Nachmittag 2 Ahr ist Festzug durch die Straßen der Stadt mit Huldigung am bischöfl. Palais. Anschließend finden in verschiedenen Sälen Massenversammlungen statt. Es sprechen u. a. Universttätsprof. Dr. Lauscher-Bonn, Rechtsanwalt Nuß- Worms, Frau Ministerialrätin Helene Weber-Berlin, Redak­teur Ritter-M.-Gladbach.

* Zeitbilder. (Verregnete Pfingsten.) Wenn viel­leicht in diesem Jahre auch die Sonne ^freundlich blickt

und mit extra schönem Wetter uns das Maienfest beglückt, wird es doch dem Leser frommen, daß er heut einmal vernehme, wie das Fest verlaufen würde, wenn das Wetter anders käme.--Morgens um die vierte Stunde stelzt bereits mit nackten Beinen Vater an das Stubeufenster, ob die Sonne will er­scheinen, und obwohl der Himmel grau, weckt er Tochter, Sohn und Frau. Kaffee wird in Haft aetrunken, trotz des Wolkenbruchs von oben hüllen alle sich in Eile in die Ausgeh-Garderobeu, und dann harrt man unentwegt, ob stch bald der Regen legt. Sechs«, sieben hört man's schlagen, acht und neun und auch noch zehn, Vater spricht:Dann kann mau eben erst am Nachmittage gehn!" Töchterche» verzieht die Lippen, Vater spricht voll Ungeduld: ..Dumme Gans, laß das Geflenne, habe etwa ich die Schuld?" Mutter macht sich In der Küche um das Mittagsmahl zu schaffen, während die drei andern weiter nach wie vor zum Himmel gaffen, wo aus reiner Niedertracht plötzlich jetzt die Sonne lacht. Brühend heiß wird nun das Essen ohne Andacht 'reingsschlungen, doch die Sonn«, die sich eben noch so siegreich durch gerungen, ist inzwischen längst verschwunden, wieder regvet's einige Stunden, und um 6 Uhr abends gar regnet es noch immerdar. Mutter fügt sich, still wie immer, Töch- terchen beginnt zu flennen, Vater wagt es aar, den Petrus einen Mistkerl zu benennen und mit sonstigen Titeln noch, aber deshalb regvet's doch. Gegen zehne kriechen alle sehr enttäuscht in ihre Falle, und am nächsten Morgen dann fängt der Svaß von vorne an.

Walter-Walter.

* (Die Friseure gegen Rasierapparat«.) Der Verband der Friseure von Hrsiru und Heffen-Naflau faßte auf seinem in Groß-Gerau stattgehabten 5. Verbandstag etueu Beschluß, bei der Behörde die Besteuerung der Rasteravpart« zu beantragen. Gleichzeitig wurde beschlossen, den Kampf gegen die Schmutzkonkurrenz durch eingerichtete UeberwaL- ungsstellen mit größter Energie zu führen. Der Verbands der zurzeit 1443 Mitglieder zählt, beschloß auch die Errichtung einer Friseurschule.

* (Leer gebraucht!) Für leer zurückgehendes Pack- ungsmaterial (Kisten, Körbe Flaschen, Säcke usw.) muß neuerdings beim Ausfertigen der Frachtbriefe geschrieben werden:Leer gebraucht:", nicht:Leer zurück", da sonst die Fracht eine erhöhte ist.

* Frankfurt a. M. (Errichtung eines Mainhafens bet Hanau.) Nachdem die städtischen Körperschaften die Errich­tung eines Mainhafens bei Hanau und die Aufbringung der erforderlichen Mittel durch Ausnahme einer Anleihe be­schlossen hatten, ist die Höhc dieser Anleihe auf 16'/» Mill. Mark bemessen worden. Ein Teilbetrag dieser Anleihe in Höhe von 5 Mill. Mark ist zu verhältnismäßig günstigen Bedingungen gegeben worden.

* Großburschla. Bei Ausschachtnngsarbeiten für die neue Werrabrücke wurde in einer Kiesschicht ein Mammuth­zahn g.funber, der sine Länge von 3.20 Meter und einen Umfang von 70 Zentimeter am dicken Ende hatte. Das Alter wird von den Fachgelehrten auf 20 bis 30 000 Jahre von unserer Zeitrechnung geschätzt.

Leitung für eilige Leser.

L ^. b'.eBofl. ,W" meldet, beabsichtigt Korfauty die ""abhangigkeit Oberschlesiens zu proklamiere«.

Muttsterialdirektor Dr. Göppert stellte sein Amt als Vorsitzender der Friedensabteilung des Auswärtigen Amtes zur Verfügung.

Nach einem Kabeltelegramm derChicago Tribune" ans Washington sucht China die Unterstützung der öffentlichen Meinung in den Vereinigten Staate« und in den britischen Kolonien zu gewinnen, um die Erncucruug des englisch- zapauischen Vertrages zu verhindern.

... ^r Reichstag erledigte in drei kurzen Sitzungen, die sämtlich wegen Veschlußuusähigkeit des Hanfes abgebrochen werden mußten, kleinere Vorlagen und vertagte sich bis S«m 31. Mai.

rour-nimm..........

Eine neue Konftrenz.

Vor dem 1. Juni wird eine neue Zusammenkunft deK Obersts« Rates erwartet, auf der auch die Vcreinigte^ Staaten und Deutschland vertrete« sein sollen. Sie soll die Zahlungsweise besprechen und die oberschlesische Frage er- kMaen. Die Konferenz soll entweder in Belgien oder in Italien stattfinden. Ostende und Stresa «»erden genannt. Giolitti besonders ivüirscht dringend, fraß die Konferenz in Italien stattsindct, da er sonst nicht imstande wäre, teilzu- neymen, anderseits aber Briaud und Lloyd George zu treffen wünsche. Die Teilnahme Amerikas wirb dem Erwarten "ach wesentlich zur Klärung der Probleme beitragen.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 12. Mai.

Als erster Punkt wird das Ersuche« des ReichsministekS des Innern behandelt, die Strafverfolgung des Abg. Tho­mas (Kommunist) wegen Beleidigung, Unterschlagung unb Meineid zu genehmigen. Die kommunistische Fraktion -hatte hierzu einen Antrag gestellt, den Abg. Thomas, der zurzeit eine Gefängnisstraife verbüßt, sofort a«S beruft zu ent­lassen.

Abg. B r o S a u f (Soz.) beantragt namens des Geschäfts- ordnungsausschusseS das Ersuchen des Ministers und den Antrag Hoffmann abzulehnen.

Da die Linke des Hauses fast vollzählig vertreten war, von den übrigen Parteien aber nur einige Abgeordnete im Saale weilten, bezweifelte Abg. Emmirrger (Bayr. Vpt.) die Beschlußfä''i<rkeit des Hauses, was bei den Kommunist«« große Erregung hervorrief. (Zurufe: Schuft und Lump er­tönten.) Präsident Löbe stellte die Beschlußunfähigkeit des Hauses set» und setzte aus 2.46 Uhr eine neue Sitzung an.

I« der neuen Sitzung erstattete zunächst Abg. Rad- bruch (Soz.i 8krit6t über das Ergebnis der Beratungen des Ausschusses über den sozialdemokratischen Antrag be­treffend die Sondergerichte. Die Beschlüsie des Ausschusies betreffend die Ausgestaltung der Leistungen in der Wochen- pilfe werden angenommen. Bei der folgenden Abstimmung bezweifelt her Aba. Hofnnann sK.l die Beschlußfähigkett. £er Präsident schließt sich diesem Zweifel an und beräumt |bie nächste Sitzung eine Viertelstunde später an.

( In der neuen Sitzungen werden mehrere Petitionen nach ben Vorschlägen der Ausschüsse erledigt. Der Präsident schlägt vor, die nächste Sitzung am 31. Mai abzuhalten und den Gesetzentwurf über den Volksentscheid und das Reichs­schulgesetz auf die Tagesordnung zu setzen, vorbehaltlich des Rechtes, auch weitere Gegenstände einzufügen. Der Vor­schlag des Präsidenten wird angenommen.

Sodann vertagt sich das Haus auf 31. Mai. , .

Die Vorgänge in Rußland.

Berliner Blätter bringe« Meldnngen aus Rußland, innen zufolge der Präsident der Regierung der Nördlichen Kommune, Sinowjew, sowie einige andere Kommissare und MMriedÄt der Leitung der außerordentlichen Kommission zur Bekämpfung bei «egrnrcook«t..-n lTlüeks' bstwisironiert haben, weil sie die neue Politik Lenins nicht billigen. i . Bestätigung dieser Meldung muß narürlich abgewartet wer« den, es kann aber schon jetzt gesagt werden, daß bei der ge­genwärtigen Lage in Rußland Spaltungen innerhalb der

dort regierenden Partei nicht nur auch unvermeidlich sind.

Die Politik Lenins läßt sich jetzt bestrebt ist, durch Zugeständnisse an

wahrscheinlich, sondern so formulieren, daß er diebürgerliche" Ord­erhalten. Er such: die

tlung seine Partei an der Macht zu

Bauern durch Gewährung von Handelsfreiheit i« ihren Lebensmittelprodukten versönlich zu stimmen, und gleich­

zeitig durch Heranziehung ausländischen Kapitals die von den Kommunisten so gründlich vernichtete russische Industrie wieder aufzurichten. Natürlich geschieht es unter bei Eru- faltung der schon genügend bekannten Leninschen Tialektil, mit Phrasen über die Ikolwendigkeit, de« komnumislische« Staat und die Diktatur des Proletariats durch geschickte Taktik aus der momentanen Berlegenehit zu helfe« und mit Vertröstungen auf bessere Zeiten.

Diese Neigungen müssen notwendigerweise zu Krisen innerhalb der Sowjetregierung führen. Es ist klar, daß kein Zugeständnis an das Kapital und die Privatwirrschaft «lös­lich ist, solange die berüchtigte Tjcheka jeden Meusche« in Rußland ohne weiteres verhalten, ihn seines Vermögens berauben und ihn als(liegenrevolutionär' schließlich er­schieße« lassen kann. Bisher hielt sich Lenins Regime durch ein System unvarnnherziger Gewaltanwendung. Soll daS Regime jetzt in beut Sinne, wie Lenin es beabsichtigt, Ö?» nudert werden, so muß die Tscheka und der große, auf ihr beruhende Regiernngsapparat beseitigt werden. ~ Geschieht das, so verliert wiederum Lenin die wichtigste S-ütze, d»e ihn bisher gehalten hat. Dieser innere Zusammenhang des bolschewistischen Systems mit den Organisationen des^Roten Terrors ist es auch, der die Möglichkeit einer System- änderung in Rußland, wie sie jetzt Lenin anstrebt, solange die kommunistische Partei herrscht, unwahrscheinlich mach-

Es muß also jetzt unbedingt zu Reibungen zwische« den Tscheka-Leuten und der Leninschen Richtung kommen. Ob aber die Tscheko einfach bescheiden den Platz räumen und sich nicht zur Wehr setzen wird, scheint sehr zweifelhast. Es dürfte aller Voraussicht nach zu einem heftigen KonfUrt zwischen der gemäßigten und intransigenten Richtung der Kommunisten kommen Und nach Nachrichten, die legten» aus Rußland kamen, wäre die Stellung Dscherjins.yS, des Leiters der allrussischen Tscheka, im Gegenteil immer parter geworden. ....

Ebenso hat auch die Möglichkeit einer Demlsiw» Vino«» jews eine gewisse Wahrscheinlichkeit. Dieser auch in Deunch- ' land vom Kongreß der Unabhängigen in palle genügend bekannte Kommunistensührer ist nicht nur allmächtiger.-^tt« tator von Petersburg, sondern auch Borytzcnder des Bau- zugsausschusseS der Dritten Internationale ^ eine --rgam- sation, die von der Sowjetregiernng zu dem Zivecke ge- schassen worden ist, in der ganzen Welt die Revolution zu fördern. Durch die mit den kapitalistischen Staalen^ !Eng­land) geschlossenen Handelsverträge «luß sich in ^omjet« regiernng dabei jedenfalls gewisse Einschranknngen ails- erleaen.' Daß es Sinowjew iM-er fällt, lerne Rolle als Mitglied der Sowjetregierung bei einem opportunistischen KurS mit der ihm so lieb gewordene« Tätigkeit als Ober- demagoge der ganzen Welt i« Einklang 8« bringen und daß er deswegen gehen will, ist schließlich verständlich. m.