chlüchterner Zeitung
Anzeiger tür hie amtlichen Muintma^ungen im Kreise 8chlüchlern.
Bezugspreis frei Haus, vorauSzahltzar viertelj. 5,80 Mk., (durch die Post ohne Bestellgeld). Erscheint DienStagS, Donnerstags und SamStagS. Druck und Verlag C. Hohmeister, verantwortl. H.-L. Hohmeister, Schlüchtern. Fernruf 65. Erfüllungsort für den gesamten Gc- schästSverkebr mit der Firnis Schlüchtern.
SchMchter«^- Kreisklatt
Aeltestr Setog im «reife; gtgrMet im Jahre 1849.
Anzeigen: M. Zeile oder deren Raum ' 70 Pfg., ReNamezeile 2,— Mk. Bei BetrievS- SSrungen kein Schadenersatz oder Minder- gebühr einschließlich BezugS. Keine Gewähr für Platz, Aufnahme-Zeit und Beleglieferung. Kein Nachlaß bet gerichtlichen Zwischenkosten. Zählkarte Frankfurt a. Main Nummer 11402.
M 13Z.
Samstag, den 20. NsVembev 1920.
28. Jahrgang
Navyreif.
In dicken Schwaden zieht der feuchtschwere Nebel über den Wald hin. Der eisige Novemberwind läßt die weißen Schleier erstarren zu glitzerndem Rauhreif. Alles, was der Nebel erreichen kann, umarmt er mit seinem kalten Glanz. Besonders liebt er die Bäume des Waldes oder die stolzen Einsamen auf weiter Flur. Sie umschließt )der Rauhreif so fest mit dem eisigen Panzer, daß man meint alles Leben müßte darunter sterben. Aber die Bäume wissen es besser. Ihr Leben erträgt schon eine Weile diese Kälte, wissen sie doch, daß ihnen warme Winde zu Hilfe kommen werden, die sie mit ihrer selbstlosen Liebe umfangen und befreien. Auf sie hoffen die mit Rauhreif bezogenen Bäume und warten geduldig, doch nicht untätig. Fest und zuversichtlich vertrauen sie auf ihren Retter und bereiten ihm den Weg. Wo die Befreiung nicht von innen kommt, kann sie nicht Segen schaffen. Urwüchsige Stasi und vollen Reichtum gesunder Kräfte muß der Baum in sich schaffen, damit er hernach grünen und blühen kann.
Wir Menschen freuen uns beim Anblick des Rauh- reifes und jubeln über die Pracht. Nimmermehr könnten wir unser Herz jauchzen lassen, wenn wir die Gewißheit hätten, daß der Rauhreif den Bäumen schade. Dann müßten wir trauern und nur mit Grausen diese. Winterschöttheit anschauen. Sicher wür- den wir so empfinden und alles aufbieten, um der grausigen Kälte entgegen zu arbeiten. Aber in unserem eigenen Leben tuen wir dergleichen nicht! Täglich im ganzen Jahre sehen wir solche Todeskälte wüten- unter den Mevschenseelen in unsern MgLung, Wer sie nicht sieht, dem find die Augen noch nicht aufgegangen für all das Elend dieses Rasthreifs auf den Menschen- seelen; der sollte sein Auge schärfen unb aus seinem eigenen Ich hinausschauen mit teilnehmenden Herzen auf den in grausiger Kälte lebenden Nächsten.
Der Rauhreif im Menschenleben ist die Selbstsucht, die Eitelkeit und die Lieblosigkeit. Menschen, die von diesem Rauhreif eingesponnen find, strahlen eine todbringende Kälte aus; sie find meist so bis ins Innere erfaßt, daß sie diese Kälte gar nicht mehr empfinden und noch viel weniger fich in ihrer Seele bereiten für ihre Befreiung. Hast Du unter Deinen Bekannten keinen, der vom Rauhreif ergriffen ist? Hast Du nie gesümpft um die Wärme in solchem Nächsten? Bist Du nie traurig geworden, wenn Du einen lieblosen, habgierigen Menschen trafst? Hast Du nie den Drang in Dir gespürt, all Deine Kraft aufzubieten, um hier ein Seelenleben zu befreien? Es ist Deine Menschen« Pflicht, diesen armen von Seeleurauhreif befallenen Menschen mit Deiner Wärme und selbstlosen Liebe zu helfen.
Feindlich« Seuier.
Roman von Jost Freiherrn von Steinach. 72 (Fortsetzung folgt.)
Das so plötzlich über sie hereingebrochene Unglück hatte seine merklichen Spuren nicht bloß auf ihrem Antlitz htnterlassen, das eigene Leid nahm sie so völlig gefangen, daß sie für das Glück der anderen kaum etwas übrig hatte. Es war ein Elend, und unwillkürlich traten Hilde Tränen in die Augen, und sie umfaßte die Unglückliche zärtlich mit ihren weichen Armen. Da war das Eis gebrochen, das sich schon über ihr Herz 8elegt, und ihre heißen Zähren vermischten sich mit denen der Fremden.
Doch der Trost, den Waldau für sie bereit hatte, war bei ihr vergeblich und erweckte nur ein trübes Lächeln als Echo; sie hatte jede Hoffnung auf einen Erfolg seiner Bemühungen aufgegeben. Es gibt Menschen, die so viel Leid in ihrem Leben durchgemacht haben, daß sie an Glück überhaupt nicht mehr glauben könne».
. Aufs tiefste erschüttert, nahmen sie endlich von dem l^gen Mädchen Abschied, wobei Hilde ihre feste Ab- Mit aussprach, diese Besuche recht oft zu wiederholen.
hielt es für ihre Pflicht, an allem regsten Anteil zu nehmen, was den Geliebten bewegte, wenn sie auch M nicht öffentlich mit ihm verlobt war; Waldau hatte ihre Eltern gebeten, vorläufig von diesem letzten Schritte Abstand zu nehmen; es widerstrebte ihm, iein Glück in die Welt hinausposaunen zu lassen, während der Freund hinter Kerkermauern sein Dasein vertrauerte. Er war jetzt fest überzeugt, daß sich binnen kürzester Frist was ereignen müßte, was die Sage Duos mit einem Schlage verändere. Und er hatte de ssen
In allen den selbstsüchtigen, kalten, lieblosen Menschen wollen wir Wärme wecken, wollen wir neues, warmes Leben hineingetragen, wollen ihnen durch die Tat der helfenden Liebe zeigen, daß der Raureif auch an ihnen zum Verschwinden zu bringen ist, daß auch in ihnen die heiße Flamme der Nächstenliebe wachsen kann, daß auch für fie ein Weihnachtsfest bet Liebe naht. Der Rauhreif draußen in der Natur mahne uns an unser aller Pflicht, den Rauhreif in den Menschenseelen zum Schmelzen zu bringen durch die strahlende Wärme der selbstlosen Liebe. Wenn draußen in der Natur keine Gefahr ist und wir uns der Schön- heit des Rauhreifs freuen können: die menschliche Seele ist in Gefahr. Hier mußt Du heHcu und taten. Das sei Dein Wethuachten!
Rudolf Biederstedt, HabertShof.
Aus der Heimat.
—* Auf unsere Notiz vom 16. d. Mts. teilt uns das Rote Kreuz in Schlüchtern mit, daß mit der Verteilung der durch das Centralkomitee zur Linderung der Not in Deutschland zugesandten kondensierten Milch bereits begonnen worden ist. Die Milch soll an Tuberkulose, au Kranke und an unbemittelte Familien mit kleinen Kindern, wo Mil^not herrscht, nach und nach durch die Kretsfürsorgerinnen, die Gemeindeschwestern oder wo keine find, die Lehrer verteilt werden. Bedürftige können sich jederzeit bet den genannten Personen melden.
—* (Kein Steuerabzug von der Veteranenbeihilfe!) Durch eine dringende Eingabe des Kpffhäuser Bundes der deutschen Lanoes-Krtegerverbände an den Reichs- minister der Fmanzen ist es gelungen, die Erklärung zu erwirken, daß die Veteranenbeihilfe dem Steuerabzugs nicht unterliegt.
* Schlüchtern. Wir machen auf das Samstag abend im „Deutschen Kaiser" stattfindende „Medicato- Gastspiel" aufmerksam. Siehe Inserat in heutiger Nummer.
* Schlüchtern. In der kürzlich stattgefundenen Sitzung des Eltern-Beirats der Lateinschule wurde u. a. beschlossen, im Dezember eine Elternversammlung in Verbindung mit dem Lehrerkollegium einzuberufen, deren Tagung und Tagesordnung wie bisher üblich noch bekannt gegeben wird.
* Schlüchtern. Dieser Tage wurde in die Konditorei Kohlenbusch, Fuldaerstraße bet Nacht eingebrochen. Dem Einbrecher fielen eine große Menge Schokolade und 'eine Taschenuhr in die Hände. Man vermutet, daß ein fremder Herr, der tagszuvor bei Kohlenbasch seinen Kaffee trank und, da er nicht zahlen konnte, seine Taschenuhr als Pfand zurückließ, den Einbruch vollführt hat.
Schicksal sicher nicht in schlechte Hände gelegt, denn Weiler war gewiß der Mann, ein einmal begonnen s Unternehmen zum erfolgreichen Ende zu führen, und jetzt gar, wo er schon alle Fäden in den Händen zu haben meinte.
In der Villa Rauzenberg herrschte seit einigen Tagen nicht die rosigste Stimmung. Baron Hans mußte zu seinem größten Verdruß wahrnehmen, daß die Erbitterung der Arbeiter gegen sein Regiment von; Tag zu Tag wuchs, und er hatte in Erfahrung ge- ! bracht, daß sie sogar in einer geheimen nächtlichen i Versammlung znsammengetreten waren, um über die ergreifenden Maßregeln zu beraten. Gerade in diesem * Augenblick, wo er kolaffe Aufträge vom Auslande erhalten hatte, wäre ihm ein Streik dieser Leute höchst unerwünscht gewesen. Trotzdem konnte er sich in j seinem angeborenen Hochmut nicht entschließen, ihren । Wünschen auch nur im geringsten entgegenzukommen, er glaubte noch immer, sie durch seine wirtschaftliche Ucberlegenheit zwingen zu können, die ihnen lästig gewordenen Fesseln weiter zu tragen. Wenn er nun auch an das äußerste nicht glauben wollte, so war er doch sehr mißgestimmt, und das wirkte natürlich auf die ganze Umgebung zurück. Leutnant Edgar war für sauertöpfisches Wesen absolut nicht empfänglich, er dachte nicht daran, Trübsal zu blasen, und war diesem „Stumpfsinn, wie er es nannte, schleunigst aus dem Wege gegangen, indem er die Aufforderung eines befreundeten Rittergutsbesitzers zur Jagd nach Ostpreußen angenommen hatte.
Eines Morgens hatte sich soeben Baron Haus mit seiner Mutter mißgelaunt an den Kaffeetisch gesetzt, als der Detektiv wie immer die Zeitung hereinbrachte. Diesmal nahm er fich gewaltig zusammen, damit ibw
* (Ein Gewinner gesucht.) Der erste Hauptgewinn der großen Geldlotterie zu Gunsten der Kriegs- und Zivilgefangenen mit 850 000 Mark fiel dieser Tage auf das Los 459 711. Tausende würden nach dieser Summe die Hände ausstrecken, aber der Gewinner hat sich bisher noch nicht gemeldet. Das LoS verfällt ist wenigen Tagen.
* Büdingen. Aus der Stockmühle bei Sichelsdorf wurden in einer der letzten Nächte zwei schwere Schweine aus dem Stall gestohlen und im Hofe b.i Mühle abgeschlachtet.
* Wie der „Alsfelder Anzeiger" aus Frankfurt a. M. erfährt, wird dort ein Preisabschlag für Fleisch angekündigt. Ochsenfleisch wird von den Frankfurter Metzgern zu 9 Mark, Schweinefleisch zu 15 Mark das Pfund angeboten.
* Corbach. Eine gesunde und noch körperlich rüstige Familie find die noch lebenden fünf Geschwister Rhode aus Meineringhausen, die zusammen über 400 Jahre alt find: Christian Rhode, im Geburtshause, 87 Jahre, Marie Rhode geb. Rhode, in Meineringhausen, 84 Jahre, Christiane Langefeld geb. Rhode, n Elberfeld, 82 Jahre, Karoline Reintghaus geb. Rhode, Elberf^d, 78 Jahre, Luise Gönner geb. Rhode, in Vöhl 72 Jahre.
* Schmalkalden. Ein 15-jähriger Fortbildunzsschüler hatte in die Schule ein Kästchen mit Sprengkapseln mitgebracht. Vor dem Unterricht bohrte er mit eiuem Büchsenöffner in einer Kaspel herum, die fich entlud und ihm die linke Hand zerschmetterte, die dann im Krankenhause amputiert werden mußte.
— &-T. Lichtspiele Schlüchtern.
Die lebende Tote.
Nicht einmal den einen Abend nach der Ernennung zum Doktor honoris causa will der berühmte Krebs- forscher Professor von Redlich seiner jungen Gattin Eva schenken. Der Erfolg verpflichtet ihn. Alles was in ihm ist, gehört zuerst seiner Idee, seinem Lebenswerke.
So fitzt die Gattin verlassen und traurig in ihrem Boudoir, wo fie von ihrem jungen, verführerischen Vetter, dem Baron von der Tann überrascht wird. Während der Professor im Laboratorium ganz in seine Arbeit vertieft ist, umschmeichelt der Baron Eva, die er schon vor ihrer Heirat begehrte. Mit allem Raffinement weiß er den Moment, wo die junge Frau ihrem Gatten grollt, zu nützen. Er erinnert fie an frühere Zeiten und erklärt ihr erneut seine Liebe.
Wenige Tage später sehen wir Eva, wie fie mit ihrer Zofe die Koffer packt, um zu ihrer Schwester nach Baden zu fahren. Wieder überrascht «sie ihr Vetter und fleht fie an, nur ein einziges Mal ^anz die Seine zu sein. Sie braucht ja nur die Zofe vorauszu schicke» und mit dem nächsten Zuge zu fahren. Aber Eva
auch nicht die geringste Bewegung der Baronin entgehe, uud er wußte wohl, warum. Ich' sollte er definitiv erfahren, ob das Testament extsti... oder schon der Vernichtung überliefert worden sei.
Er hatte die Zeitung wohlweislich so gelegt, daß der Blick sofort auf eine bestimmte Stelle fallen mußte, die sein Freund, der Reporter, noch extra mit einer fetten Ueberschrift versehen hatte.
Jetzt oder nie! Es war ein Va banqneSpiel, das er in Szene gesetzt hatte; gelang es ihm, den Fuchs aus dem Bau zu locken, so war er von seinem Siege überzeugt. Wieder machte er fich im Nebenzimmer zu schaffen, den Blick wie ein Raubtier scharf durch die halbgeöffnete Tür nach den beiden gerichtet.
Der Baron griff wie immer zuerst nach dem Blatte und blätterte in gewohnter Manier die Seiten durch. Plötzlich stutzte er, er mußte die betreffende Stelle gefunden haben. Er las, dann hob er den Kopf und sagte: „Da steht ja eine sonderbare Notiz im Blatte."
„Was denn.?" fragte die Mutter, indem fie leise gähnte.
„Eine Notiz, die uns betrifft."
„Uns? Und inwiefern?"
„Oder vielmehr meinen edlen Bruder, der mich um mein Erbe bringen wollte."
Jetzt war die Baronin schon aufmerksamer geworden.
„3a, so spanne mich doch nicht länger auf die Folter und lies endlich, oder gib mir die Zeitung herüber
(Fortsetzung folgt.)