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Anzeiger für öte amtlichen Lekonntmachultgen im «Kreise

mt

Züchtern.

M 136.

D»nne*st«s, den 18. Nsvemvs« 1920.

73. Jahrgang

Mational.

Es gibt zwei Arten nätionaler Menschen in jedem Lande.

Die Einen findabschließend national", die Andernaufschließend national".

Bezeichnend für die erste Art Menschen ist ihre Un­duldsamkeit gegenüber allem, was nicht von ihnen als national abgestempelt ist. So wird das ganze Leben in seinen Aeußerungen national begrenzt und nach außen hin gebunden und abgeschloffen. Man will unter sich sein, glaubt nur an die Ehrlichkeet und Reinheit der eigenen Nation und verbaut stch den Blick für andersgeartete Menschen Fanatismus ist die Folge. Mit ihm geht Hand in Hand die zwangsweise Aus­breitung der eigenen Lebensart, die Ueberschätzung eigener nationaler Bedeutung. Fanatismus ist nie Größe sondern Einseitigkeit und Beschränktheit.Ab­schließend national" sind in unserem Deutschland die Alldeutschen, Antisemiten, alle deutschvölkischen Menschen oder mit sie sich sonst nennen. In jedem Lande findet sich diese Art wett verbreitet, denn Schlagwörter und beschränkte Eins« tigkeit finden in der Maffe stets Mit­läufer.

Anders dagegen die Art deraufschließend uatio- nalen" Menschen. Sie verlangt geistige und seelische Schulung, sie verlangt Herzensbildung und wahres Christentum. Wer aber verlangt und fordert, dem folgen wenige. Deshalb ist die Schar der aufschließend nationalen Menschen in j edem Lande so klein und von verhältnismäßig geringem Einfluß. Ihre Haupttugend jfi, Duldsamkeit. Freie Anerkennung Andersgearteter, '"trüberer geistiger Kräfte wird ^uen geübt und gefördert. Bewußt stehen sie auf nationalem Boden, weil sie wissen, daß ein Deutscher eben nur als Deut­scher, ein Franzose nur als Franzose an dem Ausbau der Menschheit im Sinnen eines wahren Tatchristen­tums mitschaffen kann. Diese Menschen sind durch und durch national, um durch die Ausbildung ihrer Per­sönlichkeit in ihrer Nation die Möglichkeit zu gewinnen, für alle Nationen, für die gesamte Menschheit zu wirken. Durch die Zusammenfassung nationalen Lebens in freien duldsamen Persönlichkeiten wird anderen Völkern die eigene Nation aufgeschlossen, so daß auch sie von ihr lernen können.

Dieaufschließend nationalen" Menschen wirken für die Versöhnung der Völker, für eine christliche Menschheit; dieabschließend nationalen" Menschen dagegen fördern die Gegensätze, die Haßgedanken und den unchristlichen Glauben einesNationalen Christen - tums". Rudolf Biederstedt, Habertshof.

(In dem vorstehenden Aufsatz sehen wir eine rein wissenschaftliche Arbeit, die keinesfalls als Parteimache ausgelegt werden darf. Red.)

Feindlich« Brüder

Roman von Jost Freiherr» von Steinach 71 (Fortsetzung folgt.)

Deshalb habe ich Sie hierher gerufen, nehmen Sie das einem Vater übel, der vor Angst und Sorge um sein einziges, heißgeliebtes Kind fast vergeht?"

Aber ich bitte Sie, Herr Oberst", erwiderte der andere,Sie haben ganz einfach pflichtmäßig gehandelt, und ich müßte ein Schurke fein, wenn ich Ihnen einen Vorwurf daraus machen wollte. Selbst wenn Ihr Fräulein Tochter m'r unterdessen völlig gleichgültig ge­worden wäre, und bei Gott, das ist sie noch immer nicht, und weder die Wüste Egpptens, noch die eisigen Steppen Sibiriens, noch die Dschungeln des paradiesi­schen Indiens konnten mich meinen Schmerz über den Verlust Hildes vergeffen machen. Aber was haben Sie jetzt für Absichten mit Ihrer Tochter? Teilen Sie mir alles mit und seien Sie versichert, daß Sie in diesem Fall auf meinen Beistand zählen können. Mei­nen Sie, daß vielleicht meine Anwesenheit in dieser Stadt an ihrer Unpäßlichkeit schuld ist, so will ich schon heute abend den Staub von meinen Füßen schütteln. Oder wünschen Sie, daß"

Wir mißverstehen uns", unterbrach ihn der Haus- Herr, indem er seinen Schnurrbart etwas verlegen kräu­selte,ich habe aus all ihren wirren Reden die Ueber- jeugung gewonnen, daß sie sich Ihnen gegenüber im Unrecht glaubt und danach verlangt, Ihnen etwas ab- lubilten, was, weiß ich allerdings selbst nicht. Ich hoffe von einer Aussprache zwischen Ihnen beiden das gün- Mgste Resultat, und deshalb möchte ich Sie, zugleich vuch im Namen meiner aufs tiefste erschütterten Gattin, dringend gebeten haben, mir diese Bitte nicht zu ver«

Aus der Heimat.

- * Unwahre Mitteilungen werden zur Zeit wieder einmal allenthalben besonders unter der Landbevölkerung verbreitet, um die Leute zu prellen Lnd ihnen das Geld abzuschwindeln. Begünstigt von dem ungerechtfertigten und unwahren Gerede über einen Staatsbaukerott verbreiten die bekannten Flaumacher auf dem Lande jetzt das Gerücht, nächstens werde das Papiergeld wertlos und die Einlagen bei den Sparkassen gingen verloren oder würden für das Reichsustopfer beschlagnahmt. Nichts von allem ist wahr. Es gibt leider auch nichts was so dumm wäre, daß es nicht doch geglaubt würde, sogar auch wenn es von notorisch unglaubwürdigen Personen verbreitet wird. Die hierbezeichnetengemeingesährlichenunwahrenBehauptungen find nur dazu bestimmt, um namentlich den Landlenten für ihr gutes Geld schlechte unhaltbare Waren zu teuren Preisen aufzuhängen. Datzer muß solchen Gerüchten mit aller Entschiedenheit entgegengetreten werden. Den Boden fruchtbar für solche Schwindeleien hat nicht zuletzt das Jammern über die trostlose Lage der Reichsfinanzen gemacht. Gewiß sieht es mit unseren Retchsfinanzen schlecht aus, aber die Reichseinnahmen find keineswegs im Verfall. Im Gegenteil, sie beffern sich erfreulicherweise von Monat zu Monat wie die Ausweise der Monate von April bis Juli 1920 zeigen. Nur die s. g. direkten Steuern, Einkommensteuer, Kriegsabgabe und Notopfer sind noch nicht zurück- geblichen, weil die Steuerzettel in den meisten Fällen noch nicht ausgegeben sind. Selbstverständlich wird niemand solche Steuern bezahl:^. Wistr ?r seinen Steuerzettel erhalten hat. Er weiß ja sonst gar nicht, wieviel er schuldig ist. Die Fianzämter sollten daher bestrebt sein, ihre Arbeit zu beschleunigen. An ihnen liegt es vielfach, wenn vom Notopfer noch wenig eingegangen ist. Im Urbrizen kann jeder Besitzer von Kriegsanleihe und deutschem Papiergeld insbe­sondere auch jeder, der sein Geld auf einer Spar- oder Darlehnskasse hat, vollständig beruhigt sein. Er braucht sich nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. Geld verlieren wird er nur dann, wenn er sich von den Verbreitern der falschen Nachrichten für sein gutes Geld teure und schlechte Ware zum doppelten Preis aufhängen läßt.

* Schlüchtern.Im Interesse der vielen Bruch- letdenden sei an dieser Stelle nochmal ganz besynders auf das Inserat des Herrn Ph. Steuer Sohn in heutiger Nummer hingewiesen.

* (Neuer Güter- und Tiertarif.) Am 1, Dezem­ber d. Js. irrten für den Deutschen Eisenbahnverkehr ein neuer Güter- und Tier-Tarif in Kraft. Im Güter- weigern, so peinlich Ihnen auch ihre Erfüllung sein mag".

Ja, aber wie?"

Meiner Tochter geht es gerade heute etwas besser, und sie hat den Wunsch kundgegeben, aufstehen zu können. Wir wollten ihr denselben nicht versagen, da ihr Leiden ja mehr seelischer Natur zu sein scheint. Diesen Moment hielt ich für den geeignetsten, um Sie hierher zu zitieren. Würden Sie es über sich gewinnen, sie trotz der Unbill, die sie Ihnen zugefügt, zu sehen und zu sprechen?"

Wenn ich dadurch nur das geringste zu ihrer Heilung beltragen könnte, selbstverständlich".

Sie sind ein Ehrenmann, Herr Doktor, ich danke Ihnen!"

Der alte Mann erfaßte die Rechte seines Besuchs, hielt sie eine Weile in der seinen. Dann sagte er: Ich gehe jetzt, um sie vorzubereiten, und sende sie Ihnen hierher. O, möchte es Ihnen gelingen, alle I Wolken von ihrem Horizonte zu entfernen und sie ; wieder zu dem zu machen, was sie vorher war: Unser ; gutes Kind! Vorläufig meinen heißen Dank!

Er war schon hinaus und ließ seinen Gast in einem Sturm der widerstreitendsten Gefühle zurück. Er sollte sie Wiedersehen, sie die ihn einst so schnöde abgewiesen hatte, die ihn noch vor kurzem so weg­werfend behandelt, und die er doch nie aufgehört zu lieben.

ES war ihm klar, daß Frau von Neudeck spondan zu Hilde gegangen war, um ihr großes Unrecht zu sühnen. Doch daß diese Eröffnungen so mächtigen Eindruck auf sie machen würden, das hatte er, offen gestanden, nicht erwartet. War das nun ihr besonders ausgeprägtes RechtSgefühl oder

verkehr wird, den veränderten Zeitverhältnissen Rechnung tragend, das Tarifschema durch Einführung einer neuen Klasseneinteilung völlig umgestaltet; die Tarifterung vieler Güter wurde neu geregelt, wodurch neben Fracht­ermäßigungen auch Tariferhöhungen und Verkehrs« erschwerungen eintreten. Dem Tarife wurde eine neue Klaffe E. für geringwertige Massengüter angereiht, dafür kommen u. a. die AuSnahmetarife 2 Rohstofftarif 2 a für Torfstreu, 4 für Düngekalk in Wegfall. Für den Tierverkehr wird insofern eine wesentliche Aenderung eingeführt, als die Fracht fernerhin nicht mehr je nachdem sie sich billiger stellte nach Stück- oder Ladungssätzen, sondern mit Ausnahme der Fracht für lebendes Geflügel nur noch nach Stücksätze« berechnet wird. Die neuen Drucksachen können vom 20. d. Mts. ab durch die Güterabfertigungen bezogen werden. Ueber die Tarifceform und die sonstigen Aenderungen geben die Verkehrsbureaus der Deutschen Eisenbahnverwaltungen Auskunft.

- (Kommendes Reichskuchenverbot.) Der Haupt- ausschuß des Reichstags hat den sozialdemokratischen Autrag, betreffend das Verbot für die gewerbsmäßige Herstellung von Kuchengebäck angener m.

* (Aufhebung der Arbeiterrückfahrkarten.) Die Arbeiterrückfahrkarten sollen, wie dieD. U." aus parlamentarischen Kreisen hört, aufgehoben werden, aber erstnach Behebung der gegenwärtigen Woh­nungsnot". Das kann also noch einige Zett dauern. Wünschen der Angestellten folgend, ist jetzt vom Reichs« verkehrsmiuister ein Ausschuß eingesetzt, worden, der prüfen soll, ob und unter welche» Voraussetzungen die Arbeiterrückfahrkarte für M^ ihr?« Bestsh^s auch Angestellten zugänglich gemacht werden können. Der Abschluß der Arbeiten des AuSschuffeS ist dieser Tage zu erwarten. Auf Grund seiner Vorschläge wird über die Ausdehnung der Arbeiterrückfahrkarten auf Angestellte alsbald entschieden werden.

* (Falsche Reklame.) Aus Hersfeld wird be­richtet: Zurzeit besucht ein Reisender die hiesigen Ge­schäfte, um für eine Postkarten-Reklame mit Gammel» anzeigen zu werben. Dieser alte, überlebte Reklametrick taucht immer wieder auf, und trotzdem diese Reklame so gut wie wertlos ist, lassen sich viele überreden und fallen darauf hinein. Als Gegenleistung für die Auf nähme einer Anzeige auf dieser Drucksachenpostkart«. müssen 160 Mk. (!) für die 1000 Postkarten bezahlt werden! Wie ganz anders würden diese 160 Mk. wirken für Anzeigen in der Zeitung. Wie wir soeben hören, war vor einigen Tagen auch tu Schläch­tern ein Agent, um für eine Postkarten-Reklame zu werben. Ob er hier guten Erfolg hatte, wissen wir nicht.

Dann ging die Tür und sie trat ein.

Als er aufsah und sie anblickte, da war seine erste Empfindung ein namenloses Erschrecken. Wie hatten die paar Wochen die Geliebte verändert! Die Wange« schmal, die Augen in den Höhlen, eine Blässe über dem ganzen Antlitz ausgebreitet, er mußt an sich halten, um nicht laut aufzuschluchzen.

Sie sah wohl seine Bewegung und ein bitteres Lächeln breitete sich über die noch immer so lieblichen Züge, die durch das Leiden noch rührender geworden waren.

Sie wundern sich, Herr Doktor, mich in dieser Verfassung zu sehen; ich merke es Ihnen deutlich an," sagte sie und streckte ihm die weiße, überschlanke Haub entgegen. Dabei überfiel sie aber gleich eine solche Schwäche, daß sie sich schleunigst Hinsehen mußte.

Nachdem er sie, die er noch vor kurzem in der Blüte ihrer schönsten Jugend gesehen und bewundert hatte, plötzlich so schwach und hinfällig vor sich sah, da hielt es ihn nicht länger; sein Auge feuchtete sich, und er stürzte vor ihr auf die Knie. Mit beiden Armen umfaßte er die feine, zierliche Gestalt, als könne er sie durch seine Kraft vor weiteren UnbilPn beschirmen, und rief mit bewegter Stimme:Frauen Hilde, machen Sie mit mir, was Sie wollen, stoßen Sie den Verwegenen von sich, rufen Sie gegen meine Kühnheit um Hilfe, aber ich kann nicht anders! liebe sie ebenso heiß wie damals und es zerreißt mir das Herz, Sie so zu schauen! Geliebtes, süßes Mädchen sage, was ich tun kann, um Dir Deine alte Gemüts­ruhe, Deine frische und unberührte Jugend wiederzu- geben! Sage es mir, und ich will alles für Dich tun, soweit es in meinen Kräften steht! Sage eS mir, Hilde!"