JE 134.
Samstag, den 13. November 1920.
72., Jahrgang
Das Veraulaguugsjahr 1930.
• Grundsätzlich wird, wie auch § 29 des Einkommensteuergesetzes • vorschreibt, das Einkommen des letzten Kalender- bezw. Wirtschaftsjahres als Veranlagungsjahr herangezogen; d. h das Einkommen des Vorjahres bildet die Grundlage für die Besteuerung im darauf- folgenden Jahre. Für das Jahr 1920 wurde auf Grund des § 38 des Einkommensteuergesetzes eine erstmalige Ausnahme gemacht. Das Einkommen des Jahres 1920 wird nämlich bei allen Steuerpflichtigen für das Steuerjahr 1920/21 zugrunde gelegt. Das trifft ebensowohl für den Arbeiter und Festbesoldeten zu, die dem Lohnabzug unterliegen, wie für die andern Erwerbskreise. Das Einkommen des Jahres 1919 mußte mit Rücksicht auf die schwere Belastung der Finanzämter mit der Veranlagung anderer Steuern, iusbesondere der Kriegssteuern, und mit Rücksicht auf die Vorbelastung des Einkommens von 1919 durch die Kriegssteuern und das Reichsnotopfer für die Heranziehung der Einkommensteuer außer Betracht bleiben.
Was im übrigen den Lohnabzug anlangt, so ist dieser nicht ausschließlich, wie vielfach behauptet wird, zur Sicherung der Steuereinnahmen des Reiches, sondern in erster Linie als Erleichterung für die Arbeiter und Festbesoldeten bei der Steuerentrichtung gedacht," denn vielen Lohn- und Gehaltsempfängern war bei den erheblich niedrigeren Sätzen der früheren Steuergesetze die Zahlung einer größeren Summe nur dadurch möglich, daß ihnen Ratenzahlung in kleineren Zeitabschnitten gestaltet wurde. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch das Einkommensteuergesetz mit dem darin enthaltenen Lohnabzugsverfahren von den damaligen Regierungsparteien (Zentrum, Demokraten und Mehrheitssozial- demokraten) angenommen worden, ebenso wie die späteren Milderungen beim Lohnabzug die einstimmige Zustimmung sämtlicher Parteien gefunden hat.
Finanzpolitisches.
Die Regierung hat sich entschlossen, einen Teil des Reichsnotopsers beschleunigt einzuziehen, Man spricht von einem Drittel und behält sich die endgültige Veranlagung der Steuer bis zum Februar vor. Dieser Schritt ist eine ausgesprochene Notmaßnahme. Soviel ßch auch dagegen eiuwenden läßt, über allem steht die unabweisbare Notwendigkeit für das Reich, so schnell wie möglich reichliche Geldmittel in die Hand zu bekommen. Der letzte Reichsbankausweis zeigt abermals eine außerordentliche Anspannung. Der Papiergeldumlauf hat sich weiter vermehrt, und zwar um mehr als 1,6 Milliarden Mark. An Banknoten und Dar- lehnskaffenscheinen laufe« z. Zt. über 76'/, Milliarde« um. Dem trostlosen Stand der deutschen Finanzen entspricht der Wert unseres Geldes im Ausland. Die Devisenkurse in Deutschland haben daher eine weitere Steigerung erfahren. Der holländische Gulden kostete an der Berliner Börse Anfang der vergangenen Woche Mk. 23,50, Ende der Woche 24.70.
Vermischtes.
— (Der reingefallene Ortsschultheis.) Einen „Kar- toffckkreuzzug" unternahmen Arbeiter und Angehörige des'Bürgertums aus Rudolstadt. Es nahmen 876 Wagen mit 1400 Personen teil. Der Zug ging über Teischröda, Milbitz, Heilsberg, Kirchremda, Sundremda, Altfremda, Breitenherda, Eschdorf, Lichte und Ehren- ßein. Die Menge der eingebrachten Kartoffeln wird auf über 2000 Zentner geschätzt. Der Ortsschultheis in Sundremda erklärte, wenn Kartoffeln gefunden
Mte er noch eine Fußbank darauf, und so konnte er bequem bis zu dem Loche gelangen, er war vom Glück begünstigt, es war nichts mehr und nichts weniger als ein Schlüsselloch, allerdings für einen winzigen Schlüssel paffend. Hierauf besah er sich das betreffende Karo 8an} genau, in dem sich das Loch befand, eine feine, M unsichtbare Linie machte es ihm zur Gewißheit, °aß dieses Karo nicht mit den anderen zusammenhänge, mußte also die obligate Tür zu dem Schlöffe vor- me». Er versuchte mit einer kleinen, gebogenen Adel das Schloß zu öffnen, doch es gelang ihm nicht, da er befürchten mußte, den subtilen Mechanismus W verdrehen, so mußte er zu seinem tiefstem Bedauern häufig davon Abstand nehmen; denn wenn die ^aroutn merkte, daß sich jemand mit dem Schlüffelloch tun gemacht hatte, so konnte sie leicht mißtrauisch werden und das ganze, so jetzt aussichtsreiche Unter» "wen in die Brüche gehen.
।, Nein, das sah er ein. Jetzt mußten andere, phnere Maßnahmen ergriffen werden, hier hieß es jetzt, ^nn man endgültig sein Ziel erreichen wollte, va b»nque spielen!
. Ob das Testament, wie er vermutete, sich in jenem ^udschrauk wirklich befand, das war augenblicklich die ^dinalfrage; hatte man dies erst festgestellt, dann »rde schon das weitere finden.
Rachegeister waren schon an der Arbeit. Abgeltung! Vergeltung!" schrien sie mit ihren "Uncrstimmen.
, Koch an demselben Tage suchte er den ihm be- ^Adeten Reporter auf.
19. Kapiiel.
.Waldau hatte die letzten Tage in einer geradezu ^rhasteu Spannung verlebt. So viel, was den
würden, sollten die betreffenden Leute sie umsonst haben. Nach kurzer Zeit waren die Mieten des Ortsschulzen gesunden und die Kartoffeln wurden verteilt. Die Abnehmer bezahlten' trotzdem die Kartoffeln. Im übrigen ging überall alles in Ruhe und Ordnung ab.
• — Die Räubereien im lieben Deutschland mehren sich unheimlich. So hat eine sechsköpfige Räuberbande einen Postwagen in Treptow angehalten und den Postillon und den Begleiter gezwungen, abzusteigen. Zwei Mann hielten die beiden fest, während die übrigen mit dem Wagen in den Wald fuhren. Als fie den Wagen auSrauben wollten, wurden fie von Forstwächtern überrascht. Die Räuber ergriffen darauf ohne Beute die Flucht.
— (Ein Katzenhändler in der Markthalle.) Aus der Cölner Markthalle tönten erschütternde „Miez, Miez-Rufe" die auS einem Verkaufsstande kamen, wo ein Mann einen schwunghaften Handel mit Katzen eröffnet hatte. Er wurde später mit seinen drei noch übriggebliebenen Mieze« vom Verkaufe durch die Polizei ausgeschlossen. Wahrscheinlich war man mißtrauisch gegen die Herkunft der armen Katzen. Der Verkäufer saß unter den — Lebensmittelhändlern!
— Görlitz. (Der Millionenbetrüger Dr. Kroufeld.) Gegen den seit dem Frühjahr dieses Jahres in einer Villa in der Schützenstraße wohnhaften, durch feine großen Häuser- und Güterauskäufe bekannten Dr. Kronfeld ist von der Staatsanwaltschaft wegen Betruges ein Haftbefehl erlassen worden. Die betrügerischen Manipulationen Dr. Kroufelds, der ft$ zur Zeit auf der Flucht befindet, belaufen sich schätzungsweise auf 7 bis 10 Millionen Mark. Dr. Kronfeld, der sich für einen Grafen Sternberg oder als österreichischer Erzherzog ausgab, führte hier, wie auch in Berlin ein sehr luxuriöses Leben und pflegte Beziehungen zu den einflußreichsten Kreisen. Außer der obengenannten Villa, die er auf Kredit vollständig neu auSmöblierte, erwarb er auch das hiesige Schützenhausetablissement und schenkte es der Stadt Görlitz. Ferner kaufte er, wie der „Reue Görlitzer Anzeiger" meldet, vor längerer Zeit Bad Altheide für 13 Millionen Mark, sowie mehrere Rittergüter in der Provinz ohne aber die Kaufsummen zu bezahlen. Weitere Ermittelungen in dieser aufsehenerregenden Angelegenheit sind im Gange. Wie festzustehen scheint, handelt es sich um den vorbestraften Buchhalter Rudolf Kronfeld aus Mährisch- Ostrau»
M— (Wiener Wahnsinn.) Von einem weitgehenden Wohltätigkeitssinn ist die Stadt Wien beseelt; während die eigenen Volksgenossen in bitterster Rot leben, ver- austaltet man dort ein Konzert zugunsten der oberitalienischen Städte, die unlängst durch ein Erdbeben zu Schaden gekommen sind!
— (Der Tod eines Zigeunerhauptmanns.) In Weimar kam der Hauptmann eines Zigeunerstammes durch einen Unfall ums Leben. Mit einem wahrhaft „fürstlichen" Aufwand wurde die Aufbewahrung der Leiche des Hauptmanns vorgenommen. Alle, die sich zur „Kondolierung" einfande«, wurden von weißgedeckten Tafeln aus mit Wein und Sekt reichlich bewirtet. Die Beerdigung des Verunglückten wird nicht in Weimar stattfinde«, sondern es ist die Ueberführung der Leiche nach Leipzig vorgesehen, ein schwerer eiserner Sarg mit Zinkeinsatz, der einen Kostenaufwand von 8000 Mark ausmachte, war eigens hierzu aus Leipzig herangeholt/ worden.
— (Wie reinigt man am besten Flanell.) Trotz der größten Vorsicht beim Waschen passiert es doch immer wieder, daß Flanellblusen, Flanellröcke und der-,
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tiefsten Kern seines Wesens berührte, stürmte zu gleicher Zeit auf ihn ein; wußte er doch nun ganz genau, wo dieses befremdende, ablehnende Benehmen Hildes hergerührt hatte, ohne sich aber entschließen zu können, sie jetzt eines Besseren belehren zu wollen. O nein! Dazu war er viel zu stolz. Die Geliebte hatte an ihm zweifeln können, an ihm, dessen heiße Liebe für sie in jedem seiner Blicke und Worte zum Ausdrucke gekommen war, nun mochte es schon beim allen bleiben! Wozu sie erst aufklären und die böse Geschichte noch einmal aufrühren, jetzt, wo es doch zu spät war und keinen Zweck mehr hatte! Jetzt war sie sicher schon längst mit dem jüngeren Bruder seines unglücklichen Freundes heimlich versprochen: das war für sie schließlich ja auch das , beste, denn wie sollte seine Schlichtheit, außen wie innen, gegen den glänzenden Kavalier in Konkurrenz treten können! Also war es besser so."
Neben diesen seelischen Aufregungen wurde er durch mehrfache Benachrichtigungen seines Mandatars in einem beständigen Schwanken zwischen Hoffnung und Entmutigung gehalten. Das letzte Schreiben war allerdings mehr geeignet, seine Zuversicht bedeutend zu heben; der Detektiv schrieb ihm kurz: „Alles wird gut, glaube auf der richtigen Spur zn sein, nur noch ein wenig Geduld. W"
„Alles wird gut!" wiederholte er bitter lächelnd.
Was kann noch gut werde«/ das ist die Frage. Bet mir wird es nie mehr gut und bei Otto! Wird er jemals die Leiden vergessen können, die blöde Schtcksalstücke über ihn verhängt hat? Und Melitta! Die, wie ihm ihre Wirtin schrieb, von Tag zu Tag in sich gekehrter und melancholischer wurde. Die (n*
gleichen nach öfterem Waschen einlaufen. Da gibt es ein ganz vorzügliches Mittel, diesem Uebel abzuhelfen. Man 'löse 30 Gramm Pottasche in einem Eimer Waffer auf und lege den Flanell hinein. Nach zwölsfiüvdiqem Stehenlaffen bringe man das Gefäß mit der Pottaschen- lösung und dem Flanell aufs Feuer und wäscht dcL Zeug durch, sobald die Lösung warm geworden ist. Man reibe den Stoff aber ja nicht, sondern presse ihn nur zwischen den Händen. Ist das geschehen, so setze man ein neues Gefäß mit Waffer zu, dem auf je 1 Liter ein Löffel Wetzenkleie beigefügt ist. Nachdem das Waffer wieder erwärmt ist, wäscht man den Flanell zum zweitenmale, spült ihn mit lauwarmem Waffer gut nach, preßt ihn aus und hängt ihn zum Trocknen auf.
Das ftetterfreie Existenzmiaimum.
Von verschiedenen Seiten wird neuerdings eindringlich gefordert, den steuerfreien Einkommenteil (das steuerfreie Existenzminimum) zu erhöhen. Zur Begründung wird angeführt, daß bei den heutigen Preisverhältniffen, namentlich wenn der Einkommensteuerpflichtige Familienvater ist, der gesetzlich vorgesehene steuerfreie Elnkommsteil zu gering ist, um die steuerliche Belastung erträglich zu gestalten. Zu der geforderten Heraufsetzung des steuerfreien Existenzminimums sieht sich jedoch die Reichsfinanzverwaltung außerstande, da das Reich sonst Miliardenausfälle in den Steuereinnahme« erleiden würde, Einnahme«, auf die es bei den gewattigen eigenen Bedürfniffen und denen der Gliedstaaten und Gemeinden nicht verzichten kann, zumal eine anderweitige Deckung der Ausfälle infolge der Anspannung aller Steuerquellen bis zur Höchstleistung kaum noch möglich erscheint. Immerhin ist in Erwägung gezogen, für die Jahre 1920/21 vorübergehend eine Ermäßigung der Steuerlast für die kleineren Einkommen entweder durch Erhöhung des steuerfreien Sinkommenteils oder durch eine Ermäßigung der Tarifsätze herbeizuführen. Die Verhandlungen darüber find noch nicht abgeschloffen.
Zeitbilder.
(Vom Decken-Sticken.) Rund in unseres Vaterlandes — Dörfern, Städten, Winkeln, Ecken — stickt die weibliche Bevölkerung — gegenwärtig nichts als Decken, — Decken mit und ohne Löchern, — mit Filet- und andren Spitzen, — Decken, um darauf zu schreiben, — Decken, um darauf zu fitzen, — Decken für die Kaffeetafel, — für Büffets und sonstige Zwecke, — Decken für die Notenständer, — Decken für die Sofaecke, — Decken für die Nähmaschine, — Decken für das Stubenhündchen, — Decken für das Sofakiffen, — Aufschrift: „Nur ein Viertelstündchen", — Decken, welche bunt bebändert, — Decken mit verzierten Nähten, — Decken selbst für jene Stätte, — wo dich keiner kann vertreten. — Ueberall wohin man schaut, — stickt die Schwester, stickt die Braut, — stickt die Mutter, stickt die Tante — zu zweihundertfünfzig Zwecken — täglich jede freie Stunde — Decken, Decken, nichts als Decken. — Höchstes Ziel der deutschen Frauen — ist das innige Verlangen, — mindestens ein Dutzend Decken — gleich auf einmal anzufangen, — weil sie sonst am Wethnachtstage — sich mit der Erkenntnis quält, — daß in irgend einem Winkel — irgendwo noch eine fehlt. — Könnten mit gestickten Decken — unsre Kriegsschuld wir bezahlen, — würde unsres Volkes Zukunft — sehr viel rosiger sich malen, — die uns täglich jetzt erschreckt, — bis uns selbst der Rasen „deckt".
Walter-Walter.
zwischen vielleicht auch verlernt hatte, an Glück zu glauben. O nein, ein einmal gekrümmter Baum wird niemals wieder ganz gerade, das war seine feste Ueberzeugung.
Während er noch seinen trüben Gedanken nachhing, trat der alte Finke ins Zimmer und übergab ihm einen Rohrpostbrief, der soeben abgegeben worden war. Zu seinem maßlosen Erstaunen war der Oberst der Abs. Was wollte der von ihm? Sie hatten seit Jahren kein Wort miteinander gewechselt und sich seitdem fast völlig aus den Augen verloren.
Zweimal hatte er thu seitdem flüchtig gesehen, das erste Mal im Tiergarten, das zweite Mal auf dem Feste bei Bendemann, wo er ihm und seiner Gattin sogar geflissentlich ausgewichen war, was hatte der noch an ihn zu schreiben, nachdem er ihm damals so schroff die Hand seiner Tochter verweigert hatte?
Das Schreiben hatte folgenden Wortlaut: Sehr geehrter Herr Doktor! In wichtiger Angelegenheit bitte ich umgehenden Besuch, Tageszeit gleich, da ich zu Hause bleibe. Lege Ihnen nochmals meine Bitte dringend aus Herz. Ergebenst Georg von der Traun, Oberst a. D.
Waldau war sprachlos. Der Alte lud ihn in seine Woh- nung? Der ihn so hochmütig über seine Achsel angesehen hatte mitsamt seiner teuren Gattin ? Was zum Teufel hatte das zu bedeuten! Gleichviel, er hatte mit diesen Leuten keinerlei Berührungspunkte mehr, wollte auch keine habe«.
-Er war entschlossen, in einer höflichen Antwort sein Bedauern auSzusprechen, nicht kommen zu können; ein Vorwand war, bald gefunden. Schon hatte er stch auch an seinen Schreibtisch gesetzt, und einen Briefbogen vor sich hingelegt, als er nochmals die Zeilen durch- flog. (Fortsetzung folgt)