Schlüchterner Mung
Anzeiger für bie amtlichen Bekanntmachungen im Kreise Schlüchtern.
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Schlüchterner Meistzlatt
Ueltrfte Aettrexg im Greife; gegrSxdet im Jahre 1849.
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M133. Donnerstag, den 11. November 1920. 22. Jahrgang
Aus der Heimat.
—* Von zuständiger Seite wirb geschrieben: Es wird für zweckmäßig gehalten, die Steuerpflichtigen schon jetzt darauf hinzuweisen, daß in vielen Fällen trotz des Steuerabzuges vom Arbeitslohn nach erfolgter endgültiger Veranlagung noch Nachzahlungen zu leisten find. Dem Abzuge unterliegt bekanntlich der Arbeitslohn im weitesten Sinne, also der des Arbeiters wie der des höchsten Beamten. Der jetzige Abzug bezweckt' die Tilgung der auf das Rechnungsjahr 1920 abzu-
Ken Reich-einkommensteuer die an Stelle der
jen Staats- und Gemeindeeinkommensteuer zu erheben ist. Da das Rechnungsjahr 1920 am 1. April begonnen hat, die Bestimmungen über den Steuerabzug aber erst Ende Juni wirksam geworden find, so ist die auf das erste Vierteljahr entfallende Einkommensteuer allgemein gestundet worden. Infolgedessen und da die Retchseinkommensteuer nur bet einem steuerpflichtigen Einkommen bis zu 1000 Mk. ebenso hoch ist wie der Steuerabzug, nämlich 10 v. H., bei höherem Einkommen aber entsprechend steigt, und beispielsweise bet einem steuerpflichtigen Einkommen von 10 000 Mk. schon 1450 Mk, bet einem solchen von 15 660 Mk. bereits 2550 Mk. beträgt, so ist mit Bestimmtheit zu erwarten, daß die nach Ablauf des Kalenderjahres 1920 auf Grund des in diesem erzielten'Einkommens endgütig festzustellende Einkommensteuer in den weitaus meisten Fällen mehr beträgt als durch den Steuerabzug gedeckt worden ist. Es wird also allgemein trotz des Steuerabzugs noch eine Nachzahlung auf die Einkommensteuer für das Rechnungsjahr 1920 erfolgen müssen, die um so höher sein wird, je höher das Einkommen ist. Die getroffene Maßregel des Lohnabzugs ist als - .nichts als dte von vielen Steuerpflichtigen seit langem herbeige- sehnte Erleichterung in der Steuerabführung. In den seltenen Fällen, tu denen schon vor Ablauf deS Steuer- jahre- mit Sicherheit festgestellt werden kann, daß die endgültig zu entrichtende Einkommensteuer weniger als 10 v. H. des mutmaßlich im Jahre 1920 zu erzielenden Arbeitseinkommens beträgt, kann beim Finanzamt eine bare Herauszahlung aas den einbehaltenen Betrag beantragt werden. Sonst erfolgt die Rückzahlung zuviel ein^ehaltener Beträge nach endgültiger Feststellung der Steuer. Uebrigens wird zu wenig beachtet, daß nach dem Gesetz bei einem Steuerpflichtigen, der den Haushalt eines anderen Steuerpflichtigen teilt, der steuerfreie Einkommensteil nur 500 Mk. beträgt.
—* (Kein Brot ohne Tagesstempel ) Nach reichs- gesetzlicher Vorschrift muß jeder Laib Schwarzbrot mit dem Stempel des Tages seiner Herstellung versehen sein.
—* (Der ZuckerprekS.) Die Reichszuckerstelle hat
Feindliche Brüder
Roman von Jost Freiherr» von Stetnach. 68 (Fortsetzung folgt.)
' „Sie schrieben, daß Sie sich jetzt davon überzeugt zu haben glaubten, daß Sie Hilde nicht ganz gleichgültig seien, daß fie dies jedenfalls von Ihnen schon längst wüßte; denn Sie liebten ste mit aller Kraft, deren Ihre Seele fähig sei, und Sie würden, falls sie sich entschlösse, Ihre Bewerbung anzunehmen, ste auf Händen durchs Leben tragen. Sie hätten die Absicht, schon am nächsten Tage vor ihre Eltern zu treten und um ihre Hand zu bitten und so weiter."
„Und als ich am nächsten Tage kam," erwiderte Waldau bitter, „da erhielt ich einen Korb."
‘ „Durch meine Schuld, und was ich dazu tun kann, so wahr mir Gott helfe, das soll geschehen, um mein Unrecht wieder gut zu machen."
„Erzählen Sie weiter! Was taten Sie nun? Ich kann es mir denken, Sie haben den Brief vernichtet!"
„O, weit schlimmeres! Eine teuflische Idee flog mir durch den Sinn! Ich konnte Ihren Verbindnngen ein für alle Mal ein Ende machen, und ich tat es. Ich nahm Ihren Brief heraus und steckte den Brief meines Sohnes ‘an dessen bisherige Braut an feine Stelle; darauf klebte ich das Kuvert wieder zu und legte es auf die silberne Schale zurück."
„O, nun wird wir alles klar! Mein Gott, mein Gatt," stöhnte er tief und vergrub sein Antlitz in beide Hände. „So haben Sie mein ganzes Lebensglück ^it einem Schlage vernichtet."
Er saß stumm da, ohne stch zu rühren, nur in seinem Schmerz versunken.
den Zuckerpreis um mehr als 100 Prozent, also auf reichlich das Doppelte des jetzigen Preises, erhöht. Infolgedessen muß leider auch der Kleinhandelspreis von 2,40 Mark pro Pfund auf 4,20 Mark pro Pfund (2,75 Mark pro Anteil) erhöht werden.
—* (Neue Titel bet der Polizei.) Wie aus Berlin gemeldet wird, sollen nach der Bildung der EinheitS- polizei die Beamten der Kriminalpolizei und der Ver- waltungse-ekutive neue Titel erhalten. Der Polizei- wachtmeister der alten blauen Polizei,, die künftig fortfällt, wird Polizetasststent der Polizeioberwachtmeister erhält den Titel Polizeisekretär. Die Polizeikommissare werden künftig Polizetinspektoren genannt, und noch höher hinauf gibt es Polizeiinspektoren, Polizeträte und Polizeidirektoren.
—* (Wucherpretse, für Weihnachtsbäume.) Aus dem Vogelsberg und dem Spessart, die als Hauptver- sorgungsgebtete mit Christbäumen für Hessen-Nassau und den Freistaat Hessen in Betracht kommen, wird gemeldet, baff dort die Weihnachtsbäume auf dem Stamm, d. h. umgeschlagen im Walde pro Stück 8 bis 12 Mark kosten. Dazu kommen nun noch Holz- ungs und Abfuhrlöhne, Bahnfracht und Händlerverdienst Auch hier dürften die großstädtischen Händler als Quelle der Wucherpreife in Betracht kommen. •
—* (Gänsebraten) Stelle dir, geneigte Leserin und geneigter Leser, einen Gänsebraten vor, knusprig goldgelb gebacken, mit Trüffeln oder irgend einer delikaten Fleischfarce gefüllt, von Rotkohl mit pikanter Sauce begleitet, von einem guten Glas Burgunder angefeuchtet und von einer extrafeinen Havanna oder einem gewürzigen Schokoladenpudding beschlossen. Stelle dir alles dies recht eindringlich uvd wahrheitsgetreu vor, blicke dann in dein Portemonnai und konstatiere, daß es knapp -für Riadfl-isH^chr - 2B«ir.M .E. dann noch behaupten kannst, daß alles in dieser Welt weise eingerichtet ist, dann bist du entweder ein Mensch von erhabener Eharaktergröße — oder du ißt überhaupt keinen Gänsebraten, weil er dir vielleicht zu fett ist.
* Schlüchtern. Nach Erlaß des Herrn Piäfidenten des LaadcsstnanzamteS in Eaffel vom 28. Okt. 1920 I. A. 4967 ist die hiesige städtische Sparkasse als amtliche Annahmestelle für Reichsnotopferzahlungen bestellt worden. Sowohl Barzahlungen als auch Zahlungen in 5'/, Kriegsanleihe werden entgegenge- nommen. Es (st den Zahlungspflichtigen im eigenen Interesse zu empfehlen, sofern das Reichsnotopfer in Krieg-anleihepapieren bezahlt werden soll, alsbald bei dem Finanzamt feststellen zu lassen, welche Summe zu zahlen ist und die.Wertpapiere einzuliefern.
* Utirichshausen. Vergangener Woche brach in einer Scheune neben der Gastwirtschaft von Diegel-
Sie schaute ihm beklommen zu und erst nach einer Weile wagte fie leise das Gespräch von neuem zu beginnen.
„Herr Doktor", sagte fie flehend, „vielleicht wird doch noch alles gut, ich bin zn jeder Sühne bereit."
Er hob langsam den Kopf.
„Geben Sie sich keine Mühe, es ist jetzt doch vorbei. Ein für allemal."
Seine Stimme klang tonlos und heiser.
„Sie haben mich um mein Leben betrogen, ich will Ihnen gerne verzeihen, ich glaube, Sie haben genug zu tragen. Die Vergeltung beginnt nicht erst nach dem Tode, sie beginnt schon auf Erden und jeder, der kein reines Gewissen hat, wird seines Lebens nicht mehr froh."
„Sie haben recht! entgegnete sie leise, und eine Träne bitterMReue glänzte in ihrem Auge.
„Gehen Sie, Fran von Neudeck!" sagte er, sich erhebend, „Sie haben von meiner Seite nicht das geringste zu befürchten. Das, was ich für Ihren Sohn getan habe, häte ich in einer ähnlichen Situation für jeden getan. Und was Sie an mir getan haben, das mögen Sie mit sich selbst ins reine bringen. Ich habe auf mein Glück verzichtet."
Sie hatte sich ebenfalls erhoben und streckte ihm die Hand mit flehender Gebärde, wie um Verzeihung bittend, entgegen. Doch er schien wohl in Gedanken versunken, denn er beachtete sie nicht, und so schritt sie auf unhörbaren Sohlen zur Tür, wandle noch einmal traurig den Blick zu ihm zurück und verschwand dann. Er hatte ihr Fortgehen wohl gar nicht bemerkt; er saß stundenlang auf demselben Platz und starrte tränenloS vor sich hin.
Der Detektiv war sofort, nachdem ihn Waldau
mann Feuer aus. Die Scheune wurde eingeäschert, ferner wurde das Diegelmannsche Gasthaus von den Flammen sehr schwer mitgenommen. Die Feuerwehren von hier, von Büchenberg, Motten, Heubach und Oberkalbach dämmten die Brandgefahr ^in. Seit Menschengedenken hat es in unserem Orte nicht gebrannt mit Ausnahme von zwei Bränden infolge Blitzschlag, der eine im Jahre 1882 in der Notkirche, das gelöscht wurde, und ein Blitzschlag vor mehreren Jahren in einer Scheune, die abbrannte.
* Aus dem Vogelsberg. Die Unsicherheit 'm oberen Vogelsberg nimmt täglich zu. Den letz.cn Wochen sind eine ganze Reihe Raubüberfälle zu Verzeichnen, die namentlich zur Nachtzeit an Wanderern verübt wurden. Man will nunmehr die Gendarmerie verstärken.
* Frankfurt a. M. (Der wilde Markt.) Nachdem im vorigen Jahre der wilde Markt als Herd von Unruhen und Verbrechen am Börneplatz von der Polizei aufgehoben wurde, hat sich nunmehr das Ge- findel in der Allerheiligenstraße vor das bekannte Kaffee Goldschmidt verzogen, wo alle gestohlenen Gegenstände verkauft werden. Es gibt da Fahrräder, Kleider, Brillanten, Gold und Silbergeld, Schuhe, Lebensmittel, kurz alles, was man haben will.
* Darmstadt. Ein schlechter Hirte war seiner Gemeinde der Pfarrer Otto Schäfer aus KöyigS städten. Er stand wegen Verbrechens gegen § 76 Abs- 3, erschwert nach § 174, Abs 1 des Str.-G.-B. vor der Strafkammer. Der Herr Pfarrer ist etwa 50 Jahre alt, verheiratet, hat mehrere Kinder und wirkt seit etwa 11 Jahren in Köntg»städte». 1918 und 1919 hat er sich in fortgesetzten Handlungen an der damals 13jährigen Tochter des Kirchendieners, die später auch zu ihm in den Konfirmandenunterricht ging sittlich vergangen. Welt Beginn der Voruntersuchung von» Amte suspendiert, war er zur Beobachtung seines Geisteszustandes in Gießen. Der dortige Sachverständige Medizinalrat Dr. Wagner verneinte die Zurechnungsfähigkeit, während ein Obergutachten des Herrn Dr. Dannemann-Heppenheim ihn für voll zurechnrr-gs« fähig erklärte. Ein teilweises Geständnis des >4n$e» klagten und das übereinstimmende Zeugnis der uer nommenen Zeugen »läßt den Tatbestand, nicht zweifelhaft erscheinen. Der Staatsauwalt beantragte gegen den Angeklagten zwei Jahre sechs Monaie Gefängnis. Da das Gericht jedoch Zweifel bezüglich der Zurechnungsfähigkeit hegte, erkannte es auf Freispruch.
* Fuida. (Die Kanalfrage.) Die ReichstagSab- geordneten für Hessen Nassau und den Freistaat Hessen haben folgende Anfrage an die Reichsregierung gerichtet: Wir fragen an, ob in dem dem Reichstaig vorzule^enden ReichSwafferstraßenplan die Kanalisaron
verlassen, nach der Villa Ranzenberg zurückgekehrt Är hatte sich auf einige Stunden Urlaub erbeten und ihn auch erhalten, denn die Baronln hielt große Stücke auf ihn.
Nun war er wieder bet der Arbeit, die ihm oblag, und während er Teppiche und Möbel klopfte, Botengänge ausführte oder bei der Ausfahrt der Herrin au^ dem Bock neben dem Kutscher Platz nahm, überlegte er, schmiedete er Pläne.
Nach den Andeutungen des Freiherrn in seinem Tagebuch hatte er nicht im Traume daran gedacht, seinen Aeltesten zu enterben, folglich hatte dieser auch kein Interesse daran gehabt, das Testament fortzu« schaffen, respektive zu vernichten. Wer hatte demnach dieses Interesse? Doch nur die Gegenpartei. Doch nur einer, der durch das faktische Testament benachteiligt wurde.
Wer kam also hierbei in Betracht? Die Baronin und ihr ältester Sohn, denn der andere, der Leutnant obgleich ein leichtsinniger und schwacher Charakter, schien ihm zu einer solchen Schurkerei von vornherein unfähig. Also blieben die beiden anderen. Wer von ihnen war nun aber der Richtige.
Ein Zufall kam ihm hierbei zu Hilfe. Damals war gerade die öffentliche Meinung über einen Fall erregt, der sich in der Eifelgegend ereignet hatte. Vor Jahren "war dort ein Mann auf die Aussagen seiner eigenen Frau hin des Mordes angeklagt und trotz seiner Unschuldsbeteuerung zum Tode verurteilt worden; später hatte man ihn zu 15 Jahren Zuchthaus begnadigt, wovon er bereits 3 Jahre abzeseffen, als sich plötzlich durch einen Zufall seine gänzliche Unschuld herauSstellte.