Zchlüchterner Zatung
Anzeiger für Die amtlichen Heknnntmachungen ün .Kreise schlüchtern.
»emaspretö frei HanS, voraus^hlbar vieüclj. 5,80 M-, (durch die Post ohne Bestell- aeldi. Erscheint DienStagS, Donnerstags und KamStagS. Druck und Berlag-T. Hoymcister, »crantwortl. H.-T. Hohmeister, Schlüchtern. Fern- ruf 65. Erfüllungsort für den gesamten Ge. schLftSverkehr mit der Firum Schlüchtern.
Zchlüchterner Kreisblatt
Aelteste AeiLmg im Krüft; gxgrßKdet im Jahre 1849.
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Samstag, den 2. Oktober 1920.
es. Jahrgang
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Wirtschaftliche Wochenschau.
Der Reformbeschlntz der Reichsregierrmg
Südlich scheint die große Wirtschafts-und Finanzreform, Die uns vor dem Staatsbankrott, „vor Hungersnot und Lhaos" bewahren soll, aus dem Zustand der Ermä- jungen heraus in den der Tat treten zu wollen. In )cr vergangenen Woche hat eine feierliche Sitzung des Rcichskabiuetts in Gegenwart des Reichspräsidenten statt- zesunden. Dr. Wirth, der Reichsfinanzminister, hat ein Abschiedsgesuch zurückgezogen, auch die anderen, mgeblich wankenden Minister haben erklärt, daß sie feststehen, und der Vizekanzler, Dr. Heinze hat die Solidarität des Reichskabinetts ausdrücklich versichert. Dr. Wirth hat die neuesten Ziffern unseres Finanzelends genannt: Wir haben über 240 Milliarden Reichs- schulden und über 55 Milliarden Fehlbetrag im laufenden Zahl. Wir erfahren auch, daß die Besatzungshecre, der Wiedergutmachungsausschuß und andere Verbands- kommiffionen uns jährlich 12 Milliarden Mark kosten. Das Reichskabinett hat beschlossen, einen energischen Versuch zur Abwendung der Katastrophe zu unternehmen. Zs verzichtet auf keine der bisher bewilligten Einnahme« tob will eine großzügige Ermäßigung der Ausgaben herbeiführen. Der ReichSfinanzminister soll, wie wir das von früher her bei allen finanzschwachen Ländern Sennen, eine Art Vorrang-Stellung unter seinen Kollegen einnehmen. Man will mit der Auflösung überflüssiger Behörden und der Zusammenlegung von Dienststellen ernst machen, grundsätzlich keine neuen Beamtenstellen schaffen und die noch immer steigende GehaltSwoge eindämmen. Von besonderer Wichtigkeit vird die Herabminderung des Fehlbetrages bei den ReichSverkehrsanstalten (Eisenbahnen und Post) sein. Dr. Wirth nennt für das laufende Jahr die unge« seuerliche Ziffer von 18 Milliarden Mark. Angeblich staut man Staffeltarife für den Güterverkehr, wobei geringwertige Güter weniger belastet werden sollen als zochwertige. Das deutsche Volk erwartet, daß die Veschlüße vom 22. September mehr sind, als ein Ver- uch, den in Brüssel versammelten internationalen Vertretern ein düsteres Bild unserer Lage und unserer Aussichten zu malen. In der amtliche« Erklärung über )ie Kal^nettssttzung fehlt der Hinweis auf die verderbliche Rolle, die der Frixdensvertrag in unserem öffentlichen Finanzleben wie in unserer ganzen Wirtschaft spielt.
ist aussichtslos, die Entwicklung auch nur zum Stillstand zu bringen, — geschweige denn aufwärts zu lenken, — wenn nicht die wirtschaftlichen Bedingungen des Versailler Vertrages von grundauf geändert werden, sind mögen die Aussichten, daß Frankreich unserer Lage Rechnung trägt, auch noch so gering sein, Vernunft tob Ehrli^keit zwingen uns, unsern Gläubigern zu lagen: „Selbst unsere äußersten Kraftanstregungen sind vergeblich, wenn ihr uns nicht die Ketten vom
Arm nehmt!"
Geistige Reserven. In den trüben Herbst- beginn hinein reichten einige wichtige Kongreffe, die in der vergangenen Woche abgehalten wurden. In Berlin tagte die 60. Hauptversammlung des Vereins deutscher Ingenieure, und die Deutsche Gesellschaft für Metallkunde, in Kiel hatte sich der Verein für Sozial- Politik zusammengefunden und tu Bad Nauheim sammelt die 86. Jahresversammlung der deutschen Naturforscher und Aerzte, hervorragende Wissenschaftler ju einer Heerschau. Es wurde der Beweis erbracht, daß Deutschland geistige Reserven hat, die zum Nutzen der Gesamtheit mobil gemacht werden und dem drohenden Verhängnis, Einhalt gebieten können. Der Ludwigshafener Professor Bosch hielt in Nauheim einen Vortrag über „Stickstoff in Wirtschaft und Technik" und gad das erfreuliche Urteil ab, daß der Verlust der Patente an das Ausland durchaus nicht bedeute, daß wir nun erreicht oder überflügelt seien. Selbst die gelehrtesten Bücher und Schriften können die leben« digen Experimente und die Praxis nicht ersetzen, in denen wir dem Ausland auf vielen Gebieten auch heute noch voraus sind. Allerdings besteht die Gefahr daß unser verarmtes Reich die großen Forscher nicht im -lande und die Forschungsinstitute nicht auf der Höhe ”8 Fortschrittes zu halten vermag. Bei der großen Sparsamkeit, die beginnen soll, darf die Wissenschaft nicht darben, sonst können wir von ihr nicht die Früchte erwarten, welche unserer Technik auf so vielen Gebieten die frühere Höhe und Ueberlegenheit wieder ^schafft.
Ziffer« des deutschen Außenhandels.
Endlich sind die so lange geheim gehaltenen Ziffern des deutschen Außenhandels bekannt geworden. Die Reichsregierung hat die Ziffern in die Denkschrift ausgenommen, welches Ende der abgelaufenen Woche der Brüsseler Konferenz eingereicht worden ist. Diese Außen- handels'Ziffern (für das Jahr 1919 und der ersten 5 Monate 1920) lassen erkennen, daß bis März 1920 einschließlich die Einfuhr erheblich höher war als die Ausfuhr. Der Einfuhrüberschuß in den 15. Monaten Januar 1919 bis März 1920 belief sich auf annähernd 28,5 Milliarden Mark. Um diesen Betrag hat also als Endergebnis des Ein- und Ausfuhrhandels das Nationalvermögen des deutschen Volkes abgenommen. Mit März 1920 weisen die Abgaben des Reichswirt- wirtschaftsNinistertums einen Uederschuß der Ausfuhr über die Einfuhr aus und zwar im April 576 Millionen und im Mai 1110 Millionen Mark. — Es ist nicht zu erkennen, wie die Berechnung statt- gefunden hat. So weiß man z. B. nicht, wie hoch sich die Wiedergutmachungsleistungen belaufen. Für das einzelne Werk, des Wiederaufbaumatertal liefert, ist die Ausfuhr natürlich ein nutzbringendes Geschäft, für die Gesamtheit dagegen nicht; die deutsche Volkswirtschaft erhält nämlich den Gegenwert nicht in Forderungen an das Ausland, sondern als Abstrich von einem Schuldkonto unbekannter Höhe. Es wäre voreilig, wollte man aus den anscheinend günstigen Ziffern schließen, wir seien endgültig auf die ansteigende Linie gelangt. ; 2
Dic Beicht zu Brüssel. Die Ende der abge- lausenen Woche in Brüssel eröffnete internationale Finanz- und Wirtschaftskonferenz hat die Vertreter von 24 Ländern aller Erdteile versammelt. Die Konferenz gilt nicht als ein Kongreß amtlich beglaubigter Regierungsvectreter, sondern als ein Organ von Sachverständigen, die für künftige Entscheidungen eine gewisse Vorarbeit leisten sollen. Aeußerungen des neu gewählten französischen Präsidenten Millerand und seines Nachfolgers auf dem Posten des Ministerpräsidenten Leygues lassen erkennen, daß Frankreich nach wie vor nicht dulden wird, daß am Versailler Vertrag gerüttelt werde. Zu allem Ueberfluß sind die französischen Vertreter in Brüssel angewiesen worden, sich unter keinen Umständen an Verhandlungen zu beteiligen, an denen Abänderungen des Versailler Vertrages besprochen werden. Die Erörterung der deutschen Finanz- und Wirtschaftslage ist bis Ende der anlaufenden Woche oder Anfang der kommenden Woche verschoben worden. Ohne eine Erörterung der aus dem FriedeuSvertrcg fließenden Leiden und Gefahren kann Deutschland kein zutreffendes Bild seiner Lage geben. Einstweilen hört sich die Brüsseler Versammlung die etwas eintönigen Wirtschafts- und finanzpolitischen Beichten der kleinen Länder: Dänemark, Norwegen, Holland, Schweiz usw an. Vielleicht ist man in Brüssel der Ueberzeugung, daß die Eröterungen der deutschen Angelegenheiten zu einer Krise in der Konferenz führen wird. Die deutsche Beichte, für die sich — nach bisher allerdings noch unbeglaubigten Meldungen — die Reichsregierung einige Trümpfe und Sensationen aufbewahrt zu haben scheint, ist zwriflos das wichtigste Kapital des Brüsseler Programms. Die deutsche Mark hat sich Anfang der vergangenen Woche von ihrem tiefen Kurssturz erheblich erholen können, büßte aber in der zweiten Hälfte der Woche den größten Teil des Kursgewinns wieder ein. Zu Beginn der Woche kostete der holländische Gulden an der Berliner Börse 21,05 Ende der Woche 19,85 Mark.
Aus Stadt unb Kreis.
Schlüchtern, den 1. Oktober 1920.
- * Am 3. und 4. Oktober d. Js. feiert die Seminarklasse 1877/80 in den Mauern Schlüchtcrns ihr 40jähriges Abgangs und Dienstjubiläum. Von der damals 30 M.mn zählenden Klasse sind noch 26 am Leben und im Lehrberuf tätig. Viele der Herren stehen mit dem Kreis Schlüchtern in freund- und verwandtschaftlichen Beziehungen z. B.: E. Friedler Weilburg, M. Brodmeter Hamburg, H. Mauß Berlin, E. Wörner Lassel, W. Schmidt Jossa, G. Hamburger Hanau, B. Cronberger Frankfurt.
—* Oktobergeschäst und Umzug bedeuten stets einen erfreulichen Umsatz für das Verkehrsleben, wenn auch heute die Preise noch von mancher sicher häufigen Neuanschaffung und Reparatur der neuen Wohnung absehen lassen. Der WohnungSmangel hat auch in
diesem Jahre noch nicht behoben werden können, nur vereinzelt ist eine wirkliche Erleichterung eingetreten. Jedoch hat man gelernt, sich mit dem Unvermeidlichen abzufinden, und Streitigkeiten kommen weniger vor.
—* (Ueberfluß an SchulamtSbewerbern.) Im Regierungsbezirk Caffel ist ein großer Ueberfluß an SchulamtSbewerbern, sodaß viele auf Anstellung warten müssen.
—* (Schwere Strafen für Steuer-Hinterziehungen.) Eine exemplarische Strafe wegen Steuer-Hinterziehung ist dieser Tage gegen einen Berliner Kaufmann vollzogen worden. Er hatte sein Einkommen und sein Vermögen erheblich zu niedrig angegeben und der Behörde gegenüber zur Begründung seines Rechtsmittels unrichtige Angaben gemacht. Es wurde gegen ihn deswegen nicht weniger als 100382 Mk. Geldstrafe wegen Steuer-Hinterziehung verhängt. Dieser Fall gibt Anlaß zu ernstester Mahnung. Die Finanzbehör- den sind beauftragt, allen Steuer-Hinterziehungen mit der größten Energie und Rücksichtslosigkeit nachzugehen.
Es sei auch darauf hingewiesen, daß die Steuerbehörden das Recht haben, Bestrafungen wegen Steuer- Hinterziehuna unter Namensangabe öffentlich bekannt zu geben. Es sei auch weiter auf die schweren Straf- Bestimmungen im Reichsnotopfergesetz hingewiesen, wonach das Vermögen, welches bei der Veranlagung zum Reichsnotopfer vorsätzlich verschwiegen wird, vollständig zu Gunsten des Reiches verfällt.
* Elm. Vor etlichen Tagen wurde kurz oberhalb unseres Dorfes ein Mädchen von etwa acht Jahren durch eine fremde männliche Person Überfälle» und gewaltsam in den Hohlweg, der von der Bahnhof- straße abweicht, geschleppt. Wie verlautet, ist das Kind durch einen Eisenbahner befreit worden. Es ist bisher nicht gelungen, die Sache zur Aufklärung zu bringen, da die Person des Täters noch die des Eisenbahners zu ermitteln ist. Der Bahnhofsvorstand bei Bahnhofs Elm versuchte durch Aushang von Plakaten die Personalien des Eisenbahners zu ermitteln, jedoch ohne jeden Erfolg. Es wird vermutet, daß es sich hier um eine Bestechung handelt. Der Eisenbahner setzte nämlich das Kind vor die Tür feiner Mutter und verschwand spurlos. Hoffentlich gelingt es noch, Licht in diese rätselhafte Sache zu bringen.' K.
An Asse, die es angeht!
Ein Wort zur Rotenhamsterei.
Von Tag zu Tag wird es offenbarer, daß riesige Summen baren Geldes auf dem Lande in Truhen, Kästen und auch im vielgepriesenen-— Strumpf nutz- und zinslos aufgespeichert werden.
Warum ? Die törichsten Gründe hört man nennen, die dieses Verfahren rechtfertigen sollen. Mau will sich vor dem „StaatSbankerott" schützen und vergißt dabei ganz und gar, daß gerade diese unsinnige Geldhamsterei es ist, die immer von Neuem die Notenprefs« in Tätigkeit setzt und dadurch die Kreditwürdigkeit des Reiches tiefer untergräbt.
Fordert nicht jeder Schein, der in das „sichere" Versteck wandert, seinen Ersatz, und wohin muß das letzten Endes führen? Ein Körper, dem man das Blut entzieht kann nicht lieben, und in den Adern der deutschen Volkswirtschaft muß das Geld zirkulieren, soll das Reich nicht erliegen!
Darum: Heraus mit den Scheinen. Bringt Euer Geld zu den Sparkassen und Banken, wo es Euch Zinsen bringt und Arbeit für Alle leistet!
Baut auf, aber reißt nicht nieder, dann wird auch der StaatSbankerott ein häßliches Wort im Munde mäßiger Schwätzer bleiben!
Aus Provinz und Wachöargeöiet.
§ Bad Orb, Im benachbarten untetfränkischen Städtchen Lohr sind siamesische Zwillinge, d. h. Zwillinge, welche am Rumpfe zusammengewachsen waren, tot zur Welt gekommen.
§ Oberdicten. Tot aufgesunden wurde ein hiesiger junger Mann außerhalb des Ortes. Er hatte in der Nacht vorher einen Mast der Ueberlandzentrale erklettert, war mit der Leitung in Berührung gekommen und tot abgestürzt. Was ihn hierzu veranlaßte, ist nicht bekannt.
§ Frankfurt a. M. (Vier Geschwister zusammen angeklagt.) Ueberaus unerq uickliche Familienverhältnisse herrschen bei einer Familie in Seckbach. Eine Witwe lebte mit ihren vier verheirateten Töchtern fortwährend