chlüchterner Zeitung
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M 96
Lchlüchterser Kreisblatt
Aettche ZeitAKtz im Äreih; gegeßsUet m Jahre 1849,
Dienstag, dsn ir Angust 1920.
Anzeigen: kl. Zeile oder deren Raum 60 Pfg., Reklamezeile 2,— Mk. Bei Betriebs- stSruugcn kein Schadenersatz oder Minder- gebühr einschließlich BezugS. Keine Gewöhn für Platz, Aufnahme-Heit und Belmlieferuag. Kein Nachlaß bei gerichtlichen Zwischenkosten- Zahlkarte Frankfurt a. Main Nummer 11402.
T3. Jahrgang
Nie Aechnuug am Whem.
Ein Staatssekretär im britischen Kriegsminisierimn äußerte sich aus eiuc Anfrage im Unterlaufe über die BesatzungSkosten der britischen Rhein armee. In der Zeit vom November 1918 bis Juli 1920, also etwa in 20 Monaten, haben die Gesamtausgaben die gewaltige Summe von 49 Millionen Pfund Sterling erreicht. Der Kurs des englischen Pfundes belauft sich gegenwärtig aus 168 Mark. Die bisherigen Auswendungen der britischen Besatzungstruppen belasten also das deutsche Reich mit 8,2 Milliarden Mark; auf das Kalenderjahr von 12 Monaten umgerechnet, bedeutet das eine jährliche Zahlung von fast 5 Milliarden Mark. Außerdem gibt es aber noch einen französischen und einen belgischen Besatzungsabschnitt.
Es ist dem deutschen Volke noch immer nicht klar geworden, daß die uns obliegende Unterhaltungspflicht der BesatzuNgstrunppen am Rhein und in den Abstimmungsgebieten, sowie der verschiedenen Verbands« Kommissionen Deutschland mit einer jährlichen Zahlungspflicht belastet, die jede irgendwie erhebliche Zahlung von Wiedergutmachungen ausschließt Es ist der Gipfel des Unverstandes, wenn unsere früheren Kriegsgegner am Rhein Hunterttausende von Truppen in Mäßigkeit daherleben lassen und damit jede produktive Wiederaufbau-Leistung verhindern. Wie der englische Staatssekretär weiter feststellt, hat Deutschland von den Besatzungskosten bisher nur den zwölften Teil bezahlt. Der für die letzte Septemberwoche in Aussicht genommene internationale Finanz- und Wirtschaftskoagreß in
. M FragL ^."»--infamen ■ Aufbaues und der gemeinsamen Währungsreform zu befassen haben. Vorher oder nachher wird in Genf über die deutsche ZahlungSpflicht Beschluß gefaßt werden. Wenn die Verschwendung der Sieger, — wie sie in der Rechnung vom Rhein zum Ausdruck kommt — andauert, werden weder die deutschen Milliarden noch der genialste Wiederaufbauplan Europa vor dem wirtschaftlichen und finanziellen Ruin bewahren.
Aus Stadt und Kreis.
Gchlüchtrrn, den 16. August 1920.
—* Der Fußball-Verein Schlüchtern 1910 begeht am 5. 9 20 fein tOjähriges Stiftungsfest und verbindet diese Feier mit größeren sportlichen Wettkämpfen. Es ist jedem Sportfreunde Gelegenheit geboten, sein Können zu zeigen und sich in edlem Wettkampfe mit seinen Gegnern zu messen Die ersten Sieger eines jeden Wetikampses .sollen mit Ehrenpreisen bedacht werden. Um auch den erst in neuerer Zeit gegründeten Vereinen der näheren und weiteren Umgegend Gelegen
Fe!«dLi«che Brüder
Roman von Jost Frecheren von Stetnach. 47 (Fortsetzung.)
Und als mein Blick auf die Geliebte fiel, als ich sie mit bleichen Wangen, mit furchtsamen Augen, die mir ihre Unschuld offenbarten, neben mir stehen sah, da schoß mir plötzlich der Gedanke durch den Kopf, Du denkst nur an Dich und nicht an sie! Wenn sie es getan hat, für wen tat sie es, wenn nicht für Dich! Für Dich allein hat sie ihre bisherige Tugendhaftigkeit über Bord geworfen, für Dich allein hat sie selbst vor einem Verbrechen nicht zurückrescheut, unb Du willst sie mitbüßeu lassen, willst sie für ihre grenzenlose Liebe zu Dir dem Gefängnis überliefern ? Und da wurde es klar in mir: Hier gab es nur eine Pflicht für mich und zwar die, das Verbrechen auf mich zu nehmen- Unb als mir der Richter, nachdem alles gegen Uns gezeugt, zum letzten Mal rief, zu gestehen, da zuckte es mir schon in allen Gliedern, mit einem lauten Ja zu antworten. Noch besann ich mich, da tat Melitta eine Bewegung, als wollte sie vocfpringvn, das war für mich entscheidend; ehe ich zugab, daß sie sich der Schande überlieferte, eher hätte ich die größten Martern ertragen wollen. So kam ich ihr zuvor — und gestand."
Doktor Waldau ließ seinen Blick mit wahrer Zärr- sichkeit auf seinem Freunde ruhen. Dann streckte er ihm in einer spontanen Aufwallung beide Hände entgegen und drückte die seinigen kräftig.
„Sie haben recht daran getan, Ranzenberg," sagte er leise, „auch ich hätte es jedenjalls nicht an bers gemacht."
Er war völlig zufrieden mit dem Ergebnis; alles
heit zu bieten, sich an den unter anderen Wettkämpfen auch zum Austrag kommenden Sechserspielen zu beteiligen, ist nachträglich außer den A- und Belassen eine Klasse C vorgesehen worden. Der Zweck der Veranstaltung ist, den Sport, der durch den Weltkrug gerade bei uns sehr gelitten hat, wieder zu beleben und zu neuer Blüte zu bringen.
Hk. Für Sendungen nach dem Saargebiet werden von deutschen Handelskammern ausgestellte Ursprungs- zeugniffe seitens der französischen Behörden wieder anerkannt.
—* (Aus dem Regierungs-Amtsblatt). Herr Pfarrer Wolpert in Oberkalbach, Kl. Schwarzenfels, wurde zum Pfarrer in Salmünftcr, Kl. Schlüchtern, ernannt. Herrn Hegemeister Schember zu Marjoß, gl. Obersörsterei, wurde zum 1. Okt. d. Js. die Förster stelle Oelshausen, Obersörsterei Ehlen, übertragen.
—* Wie die „Dorf Ztg." aus Hildburghausen von amtl. Seite erfährt, ist die Frist zur Abgabe der Reichsnotopfersteuerecklaruag b's 30. September d. Js. verlängert worden.
—* (Die Buchsührungspflicht des selbständigen Gewerbetreibenden in Rücksicht auf das Umsatzsteuergesetz ) Die strengen Bestimmungen, die in diesem Gesetz hinsichtlich der Buchsührungspflicht der selbständigen Gewerbetreibenden enthalten sind, finden offenbar nicht genügende Beachtung. Besondere. Bedeutung hat die Buchsührungspflicht für alle Gewerbetreibenden, die bei der Herstellung oder dem Betrieb luxussteuerpflichtiger Gegenstände beteiligt sind. Durch die Unterlassung ^ rsm Gesetz AMd-asku J^^rnttg ErWu.d-u Gewerbetreibenden erhebliche Nachteile. Wenn eine geordnete Buchführung fehlt, sindet eine Veranlagung im SchätzungSverfahren statt. Die Berufung in diesem Verfahren ist aufs äußerste eingeschränkt- Die Steuerämter find angewiesen, gegen solche Gewerbetreibende, die die bestehenden Vorschriften wegen der Buchhaltungspflicht absichtlich nicht beachten, mit den schärfsten Mitteln vorzugehen. In manchen Gewerbezweigen wird die LuxuSsteuer einen erheblich höheren Betrag ausmachen, als der erzielte Gewinn. Wenn hier nun die Steuer nicht berechnet wird, kann der Fall eintreten, daß der Gewerbetreibende nachher nicht imstande ist, den von ihm geforderten Steuer-betrag zu entrichten. Es ist dringlich erwünscht, daß die Gewerbetreibenden die Bestimmungen über die Buchsührungspflicht mehr als bisher beachten, weil sonst erhebliche Schwierig leiten und andere Unannehmlichkeiten unausbleiblich erscheinen. In Zweifelsfällen wende man sich an die zuständige Handwerkskammer. Diese wirb wegen der Einrichtung der Buchführung usw. die notwendige Auskunft gern erteilen.
war ihm in dieser halben Stunde klar geworden. Da fiel ihm noch etwas ein.
„Otto, Sie find so offen zu mir gewesen, wie Sie es nur zu einem treuen Freunde tun konnten, von dem Sie genau wissen, daß er Sie liebt. Darf ich noch eine Frage an Sie richten, die mir auf dem Herzen brennt ?"
„In unserer Sache? Selbstverständlich!"
„Zwei Zeugen, der Portier sowohl wie Ihr Diener Finke sagten gleichlautend aus, daß Sie mit einem Paket unter dem Arm zurückgekommen wären."
„Auch das will ich Ihnen erklären, mein Freund. Ich habe allerdings etwas mitgenommen, das im Grunde mit wohl nicht gehörte."
„Sie haben —"
„Ja. Im Sterbezimmer meines Vaters fand ich in einer Ecke ganz verstaubt, unb zerkntllt, ein Bild meiner Mutter, ein Pastellbild, dasselbe, das der Rechtsanwalt zur Bestätigung meiner Worte dem Richtertisch vorlegte. Sie werden begreifen können, daß ich dieses mir so teure Bild nicht in einem Hause zurücklassen wollte, wo es nach dem Tode meines Vaters eine noch ichtn>pfl!chere Behandlung zu erleid, n gehabt hätte."
„Das waren Sie als Sohn verpflichtet zu tun, darüber kann kein Zweifel entstehen."
Der begleitende Wärter mahnte zur Beendigung der Unterreduug. Und so schieden sie, nachdem Waldau noch dem Freunde hatte berichten müssen, wie sich Melittas Dasein gestaltete und ob es ihr auch an nichts fehle.
„Grüßen Sie sie von mir. und sagen Sie ihr, daß Tag und Nacht alle meine Gedpuken nur ihr gelten," waren seine letzten Worte, die er dem Scheidenden
* Steinau. Der Heerespark im Kinzigtale be Steinau ist in den bewegten Zeiten Ende 1918 und und Anfang 1919 stark bestohlen worden. Das Schöffengericht Salmünster hatte in einer Oktobersitzung des vorigen Jahres die Bauernsöhne Hetdenretch und Möller aus Uerzell bei Steinau zu je drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil ihnen Diebstahl von Heeresgut aus dem damaligen Heerespark bet Steinau zur Last gelegt worden war. Es soll stch um große Mengen von hohem Werte gehandelt haben. Gegen dieses Urteil hatte nur der eine der Verurteilten, der 20jährige Bauernsohn Leonhard Heidenreich von der Schmidtmühle bei Uerzell Berufung eingelegt, mit der sich jetzt die Ferienstrafkammer Hanau zu befassen hatte. Das zur Verlesung gekommene Urteil des Salmünster Schöffengerichts führt in seiner Begründung aus, beim Rückzug der durch das Kinzigtal strömmenden Truppen sei bei Steinau ein Heerespark eingerichtet worden, in dem die Wagen mit ihren Ladungen zunächst aufgestellt wurden. Ein riesengroßes Lager bedeckte ein ganzes Feld Die vorgesehene Bewachung dieses hochwertigen Lagers fruchtete nicht allzuviel. Das Salmünsterer Gericht führt weiter aus, daß alsbald ganze Massen beutelustiger Menschen aus den umliegenden Dörfern herbeiströmten und wie die Raben stahlen. Leonhard Heidenreich soll sich nun auch unter ihnen befunden haben, ebenso der mit ihm verurteilte Möller. In dem elterlichen Hause des H. fand die Gendarmerie bei einer Durchsuchung ein großes Lager von Heeresgut. H. behauptete, diese Sachen seien von den Soldaten weggeworfen oder zurückgelassen worden. Zum Teil sch fegtben amrt a Pferdefutter oder dergleichen mehr. Das Schöffengericht Salmünster hatte angenommen, daß solche damals stark begehrten Gegenstände von keiner Truppe einfach auf die Straße geworfen worden seien. Den Tauschwert hätten die Soldaten wohl gekannt. In der Verhandlung vor der Ferienstrafkammer Hanau blieb H. dabei, daß die in der elterlichen Wohnung gefundenen Sachen weggeworfen worden seien. Die Ferienstraf- kammer Hanau verwarf jedoch die Berufung.
• Hauauer Ztg.
* Jossa. In der Nacht vom 13. auf 14. August wurden Frau Katharina Beyer dahier 4 Gänse gestohlen. Wachtmeister Rahmsdorfer' aus Mottgers verfolgte mit dem Polizeihund die Spur, die durch die Wiese an der Joffa entlang aus der naturgemäß stark begangenen Bahnhofstraße endete. Von den Tätern hat man keine Spur.
Ms Provinz und Wachöargeöiet,'
§ Gschwege. Die hiesigen KinoS werden geschlossen,
zurief. Doch als dieser schon an der Tür war, äußerte, er: „Nein, Waldau, sagen Sie ihr lieber garnichts von mir, es ist besser. Sie mag mich lieber im Gedächtnis tragen wie einen in die Ferne Gereiften oder einen Verschollenen. Unb wenn ich dann wieder vor sie hintrete, wird die Freude des Wiedersehens nur um so größer sein."
Bald darauf schlug das mächtige Tor hinter Waldau zu, und er mußte plötzlich daran denken, wieviel unsägliches Leid, wieviel Sünde und Haß aber auch wie viel Reue sich hinter den düsteren Mauern verbarg.
Doch das eben Gehörte hatte seine Seele in ihren innersten Tiefen aufgerührt. Wohl hatte er sein Wort gegeben, keinen Gebrauch zu machen, das heißt natürlich nur in dem Sinne, daß cr keinerlei Versuche unternehme, anstatt Ottos Melitta diesen Mauern zu übergeben. Wie aber, wenn Otto sich doch geirrt, wenn auch sie nichts von dem Verbrechen gemein hatte ? Dann hätte bet leicht erregte und impulsive Künstler ein ungeheuerliches Opfer für einen Fremden — vielleicht gar für einen Menschen gebracht, der der Letzte war. es zu verdienen ! Das stand bei ihm fest. Der Sache mußte auf den Grund gegangen werden, und zwar je eher, desto besser. Konnte Melitta denn überhaupt die Schuldige sein? Nach all den Äußerungen, die er erst vor kurzem von ihr über den Fall gehört, schien ihui das ganz ausgeschlossen. Oder sie hätte die größte Schauspielerin sein müssen, die es je gegeben! Sagte sie ihm nicht selbst, daß sie nicht an Ottos Schuld glaube ? Und da hätte sie sich mit keinem Wort ja mit keinem Blick verraten, wenn sie es gewesen ? Es war unmöglich.
(Fortsetzung folgt.)