gegen Rußland Vorgehen können, ist die Verhäugung der wirtschaftlichen Blockade. Aber auch, sie hat nicht die Wucht wie die im Weltkrieg gegen Deutschland verhängte Blockade. Wird die Baltische Küste und das Schwarze Meer wirksam blockiert, so verlieren damit Litauen, Lettland, Estland und Rumänien die Ver- bindung mit dem Weltmarkt; sie würden dann möglicher- weise gerade Sowjetrußland in die Arme getrieben, jedenfalls aber kein Bollwerk mehr gegen den Bolschewismus abgeben, Rußland lebt nun schon seit Jahren von eigenen Produkten und von dem Rest der Vorräte aus der Kriegszeit. Man macht in Deutschland so oft den Fehler, die z. Zt. vorhandenen Vorräte auf das russische Volk zu berechnen, und steht dann fest, daß die Versorgung in gewissen Jndustrieprodukten uns Rohstoffen unter das Existensminimum gesunken ist. Die Sowjetregierung ist eine Tyrannis, die in der Geschichte ihres Gleiches sucht. Solange auch nur ganz geringe Mengen von Metallwaren, Chemikalien, Arzneimitteln usw. vorhanden sind, wird es der Sowjetregierung, ihrem engsten Anhängerkreis und ihrer Armee nicht am nötigsten fehlen. Es ist eine Torheit der Verbandspolitiker zu glauben, die Sperrung der Zufuhr an Sowjetmßland würde den Bolschewis- mus stürzen und Polen retten. Das einzige, was allenfalls erreicht werden könnte, ist ein weiteres HinauSschieden des Wiederaufbaus, der ja auch für Räterußland irgendwann einmal kommen muß.
Reichstagsferien. Ja ^r abgelaufenen Woche ist der Reichstag in die Ferien gegangen. Mit ihm zugleich haben der Reichskanzler und der Außenminister die Reichshauptstadt verlassen ; man wird iynen aber kaum irgendwo in Dcurschland glauben, daß die damit zum Ausdruck gebrachte politische Ruhe der Tatsachen entspricht. Der Reichstag soll erst wieder im Oktober zusammentreten, wenn nicht die Vorbereitungen für die WiederZutmachunzskonfercnz in Genf oder die internationale FinanzkoNferenz in Brüssel eine Stellungnahme deS deutschen Parlaments wünschenswert erscheinen lassen. — Der Reichstag hat nur die aller- dringendften Aufgaben erledigt. — Unter den wirtschaftlichen Fragen steht die Erfüllung des Spaaer Kohlenabkommens obenan. Unter den sonstigen dringenden wirtschaftlichen Problemen ist die endgültige Finanzreform noch immer nicht in Angriff genommen; sollte in Genf endlich die deutsche Wieder gut machungs- pflicht festgesetzt werden, so darf auch nicht einen Augenblick mehr mit der gründlichen Behandlung dieser Frage gewartet werden. — Das ReichsardettS- Ministerium hat den Entwurf eines Arbeitsnachweis- gesetzes veröffentlicht. Die ReichStagsabgeordneten werden in den Sommerferien genug Muse haben, sich | mit diesem Entwurf zu beschäftige». DaS Gesetz will
■ den Arbeitsnachweis zentralisieren. Vom änehrischen Standpunkt aus ist der Aufbau der Behörden: Deutliche Arbeitsnachweise, Landesämter und ReichSamt gewiß etwas Schönes. Ob sich dieser Jnstauzengang praktisch bewähren wird, ist eine andere Frage. E.u deutlicher Mangel des Gesetzes ist es weiter, daß die Erwerbslosenvecsicherung oder wie man jetzt sagt; „Produktive Erwerbslosenfürsorge" nicht muhinern- gewoben worden ist. Jedenfalls wird es Monate dauern bis das Ärbeitsnachwelszesetz in Kraft tritt. Bis dahin wird sich die Wirtschaftskrise in Deutschland weiter verschaff haben. Es ist deswegen unbedingt erforderlich, daß in den heutigen Bücos für Arbeitsnachweis und Eiwerbslosenfürforge uotz ihrer Bunt- scheZigkeit intensiv, verständnisooll und schnell gearbeitet wird. — Der Kurs der deutschen Mark hat sich in der BerichtSwoche etwas verschlechtert. Der holländische Gulden kostete an der Berliner Börse Anfang der BerichtSwoche Mk. 14,37'/,, Ende der Woche Mk. 15,19.
___________W-ühiindtl.___________
— Die Bolschewik rücken weiter vor. Der polnische Heeresbericht meldet, daß die Bolschewik! Cischnow genommen haben, uod damit einer der beiden Eisenbahnlinien von Danzig nach Warschau abgeschnitten haben.
— Jndianertruppen sollen in Amerika Ordnung schaffen. Wie „Rtcuw Rotterdamsche Courant" aus MexikoStadt meldet, ist eine Truppenmacht von 3000 Indianern nach Riederkalfformen gesandt worden, um die ÄusftandS'sewezung zu unterdrücken.
— Die Frist zur Abgabe der ersten Steuererklärung für die Luxussteuer und die erhöhte Umsatzsteuer ist allgemein bis zum 1. September verlängert worden.
— Die deutsche Regierung hat die Entente gebeten, das in Ostpreußen befindliche Material der Entente einstweilen dort unter Aussichr zu belassen.
— Nachrichten aus Ungarn besagen, daß man sich dort zu einem bewaffneten Einschreiten zugunsten Polens rüstet. Das hochmütige, überspannte • Polen vcrvienl cie Unterstützung nicht, und Ungarn sollte „vor seiner Tür h^itu".
— Die neugewählten Mitglieder der Heereskammer trairr? im Reichswehrenuüsterium in Berlin erstmalig, zusammen. Der ReichSweyrmmister Dr. Geßler begrüßte die Kammer, aus Die S^wlerigkiten hinweisend, worunter üu Wctzrmachr zu arbeiten haben wird, die aber durch ein treues Zusammenarbeiten aller Angehörigen der Wehrmacht untereiuanoer unü mit der Bevölkerung überwunden neiden müßten. Ende August oder Anfang Septemper wird sich die HeerceEammer mit dem Em- wuit zum Reichsweyrgesetz zu beschästigen haben.
Proteststreik der SaarbLamteV.
Die Beamten. des Saargebietes sind in den Ssteir Meierr. Sie tampsen im wahren Sinne des
Wortes einen Existenzkampf in dem Lande, dessen vom Völkerbund eingesetzte Regierung das Muster von Gerechtigkeit und leidenschaftsloser Vernunft fein sollte. Der Beamtenbuud und sieben andere Angestellten-Verbände des Saargebietes warnen ihre Mitglieder vor Sabotageakten, welche das Einschreiten von Militär zur Folge haben könnten.
Als es sich darum handelte, die Beamtenschaft des Saargebietes in ihrer wirtschaftlichen und rechtlichen Lage grundsätzlich fest zu verankern, hatten sich die Saarbeamten von der Völkerbunds-Regierung einfangen lassen und die Mitwirkung des Reiches bei diesen Verhandlungen abgelehnt. I tzt werden alle wichtigen Interessen der Saarbeamten teils offen verletzt, teils heimlich umgangen. So sollten nach dem Friedens- vertrag nur gebürtige Saarländer und zwar zu den in Deutschland bestehenden Bedingungen in den Saardienst übernommen werden. Nachdem aber die Saarregierung für sich das Recht in Anspruch genommen hatte, Gesuche um Aufnahme in die saarländische Staats-Angehörigkeit durch einfache Verfügung zu genehmigen, verstärkt sich das französische Element in der Saar-Beamtenschaft von Monat zu Monat.
Die Beamtenschaft im Saargebiet ist das Rückgrat des Deutschtums. Wirtschaftlich wird das Gebiet je länger je mehr dem Reiche entfremdet. Die Kohlen- schätze stießen nach Frankreich. Französische Verwattungs organe kontrollieren die Gruben und die Eisenwerke, Schritt auf Schritt wird das erwerbstätige Saarvolk nach Frankreich herübergezogen. Der gegenwärtige Be- amtenstreik, der sich auch aus die wirtschaftlich so wichtigen Gruppen der Postbeamten und Lokomotivführer erstreckt, droht sich zum Generalstreik auszuwachsen. Die Franzosen betreiben an der Saar eine rücksichtslose Vergewalligungs- und Eroberungs-Pslitik Es ist nicht nur nationale Pflicht jedes Deutschen, den Saarländern im Kampfe um rtzr Deutschtum und um ihr Selbstbe- sttmmungLrecht — wenigstens moralisch — zu helftn, es ist auch für die wirtschafusche Zukunft des Reiches unerläßlich, daß wir das kohlenreiche u. erwerbsfleißige Saarland nach der fünfzehnjährigen Sperrfrist zurück- gew innen.
Der „bewaffnete" Aufffand der Htnöewaffneten!
Die „Rote Fahne" bringt jetzt fast täglich fett gedruckte Ausrufe „an die deutsche Arbeiterschaft", in denen mit ermüdender Eintönigkeit immer wieder dieselben Phrasen von der auf der Lauer liegenden Wellbourgeotesie und dem armen zum Tode gehetzten Wild, dem Weltproletariat, gedroschen werden. Den Schluß bilden dann die üblichen Hochrufe auf die Weltrevolution, auf das russische Proletariat, die energische Forderung „Hände weg von Sowetrußland" usw. usw. Für gewöhnlich werden dann noch die „gegenrevolutiouären" Gewerkschaftsführer, die die Weltrevolution „sabotieren" in Acht und Bann getan, an ihre Stelle die „politischen Arbeiterrate" die Schetdemärmer und KaMskyuer als elende Arbeiter- verräter und „Lakaien der Bourgeoisie" an den Prangr gestellt und so fort.
Inmitten dieses G-klappers findet sich nun in der Nr. 152 vom 10. August eine pikante Abwechslung — die Aufforderung zum Generalstreik und „zum bewaffneten Aufstand" ! Beides wird sogar als das „einzige Mittel zur Rettung vor dem Untergang" gepriesen! Es ist nur gut, daß der lyrische Schwung des Sängers der „Roten Fahne" ihn gelegentlich zur derartigen Offenheiten verleitet. . . denn für gewöhnlich läßt das Zentralorgan der K. P. D. das Proletariat unbewaffnet sein und weist alle gegenteiligen Behauptungen als „gemeine Spitzelmache" zurück!
— Ein vorsorglicher Theaterzettel aus dem Jahre 1734, der im Braunschweiger Städtischen Museum aufbewahrt wird, enthält einen vielsagenden Schluß- abschnitt, den die Zeuschr.st „Niedersachsen" wörtlich mitteilt: „B. B. Zur Bekwewwlichkeut de Bublikumß ißt angrordnet, tas die erste Reihe sich hinterlegt, die zweute Reihe Knieth, die dritte sützt, die vührte steht; so können alle sehn. Das Lachen is Verbothen, weills ein Drauerspül ttzt."
— In Großberlin haben am 1. August wieder 750 Firmen den Abzug der Steuer vom Lohn abge- lehnt.
— (Hinrichtung eines achtzehnfachen Mörders.) In Schneidemühl wurde auf dem Hofe des Gecichts- gesängntsses derMaubmöroer Otto Perleberg hingerichtet. ißerlcberg zeigte bis zum litten Augenblick keine Reue, lehnte auch geistlichen Zuspruch ab. Er hatte am 26. Januar d. Js. aus der Stritte Schneidemühl— Berlin einen Eilgüterzug zum Entgleisen grbracht, und ein von Schneidemühl kommender D-Zug raste in die Trümmer des entgleisten Zuges. Von den Reisenden wurden damals 18 gerötet und 20 verletzt.
Zeitbilder.
Manches hat .n t efen Sagen — unser Süjieöcrtum erlebt, — was a s drohendes Ereignis — längst schon in der Lust g üxw.bt, — daß sich mal der Tag ereignet,— wo er > Äuslands Konkurrenz unsere Julands- schieberpretse -- >.Verdrucke letzten Ends. — Seife, Fett und Si. n'L . de — haben ichon dran glaubtN müssen, — na, .ud man sich noch im Frühjahr — um die Ware toi e ■ lien — und an Preisen alles zahlre — was nw j , o dert ward, — sorgt man sich, sie Usjuiverben - M.r noch in der Gegenwart. - Mancher Schieber hat Liillwnen — noch in seinem Lager
stecken, — weil er glaubte, sie zu nutzen.— einst zu seinen schmutzigen Zwecken. — Jetzt indes kann er erleben, — daß es für ihn schon zu spät, — daß sein ganzer Schieberreichtum — plötzlich wieder flöten geht. — Deutsches Volk! Kannst Du vermeiden — jetzt in nächster Zeit zu kaufen, — kannst Du weise Dich beherrschen, — statt der Ware nachzulaufen, — kannst Du noch in ein paar Monat — jetzt das Kaufen Dir entsagen, — dann erlebst auf alle Fälle — noch in dieses Herbstes Tagen — Du das langersehnte Schauspiel — noch mit eignem Angesicht, — daß die ganze Schieberclique — rettungslos zusammen- bricht. Walter-Walter.
Amtlicher Teil.
J.-Rr. 9560. Nach einem Erlaß des Herrn Ministers des Innern werden für Fahrten im Interesse der Jugendpflege auf den Strecken der Reichseifenbahnen wieder Fahrpreisermäßigungen gewährt.
Die Leiter der staatlichen Jugendpflege ange schlossenen Vereinigungen mache ich hierauf aufmerksam.
Schlüchtern, den 9. August 1920.
Der Landrat. J. V.: Schultheis.
J.-Nr. 3076 K.-A. Die Herren Standesbeamten weise ich auf die Beachtung des Gesetzes über den Personenstand vom 11. Juni 1920 (R G.Bl. S. 1209) und der zur Ausführung dieses Gesetzes ergangenen Verordnung der Reichsregierung vom 6. Juli 1920 (R.G.Bl. S. 1392/1431) besonders hin. Die Einträge in ■ die Standesregister sind darnach fortan nach den vorgeschriebenen neuen Mustern unter Streichung der überflüssigen Druckworte vorzunehmen.
Je ein Stück der Reichsgesetzblätter Nr. 135 und 148, in denen Las erwähnte Gesetz und die Verordnung veröff ntlicht sind, sind zum Dienßgebrauch auf Kosten der zum Siandesamtsbezirk gehörigen Gemeinden zu beschaffen.
Schlüchtern, den 9. August 1920.
Der Landrat. I. V.: Bert«.
I. Nr. 9535. Der Kriegsinvalide Ernst Gärtner zu Schwarzensels ist als Feldhüter der Gemeinde Schwarzensels bestellt und verpflichtet worden.
Schlüchtern, den 10. August 1920.
Der Landrat. J. V.: Schultheis.
J.-3ic. 9768. Durch die Schlüchterner Zeitung Nr. 78 1920 ist eine Polizeiverordnung des Regierungspräsidenten äik Gaffel vorn 19. Juni d. Js. über die Meldepflicht der Ausländer veröffentlicht worden. Dte Ortspolizeibehörden werden nochmals ersucht, die Vorjchrfften dieser Verordnung mit aller Strenge durchzusühren. Jeder Zu- uno Abgang eines Ausländers ist mir sofort unter Beifügung eines Liflenauszuges (siehe § 4 der Polizeiverordnung) zu melden. Bei der Anmeldung eines Ausländers sind dessen AuSwciSpapiere und die vorgeschriebene Anzahl Lichtbilder mitvorzulegen. Ich weme gclegenUich nachprüfcn lassen, ob die vorgezchriebene Ausläuderliste bei den Orttpoltzeibehörden geführt wird.
Schlüchtern, den 10. August 1920.
Der Landrat. I. V.: Berta.
Abänderung der Gebühreuordauag für die Hebammen
des Regierungsoezirks Cassel.
Aus Grund des § 1 des Gesetzes, betreffend die Gebühren der Hebammen vom 10. Mai 1908 (Gesetz- sammt. S. 103) ändere ich die für den Umfang des Regierungsbezirts Crssel erlassene Gebührenordnung vom 15 Dezember 1998 (Amtsblatt 1908, ^S. 375) wie folgt ab:
I. § 4 a. a. O. erhält folgende Fassung:
Die in den folgenden Nummern bezeichneten Leistungen unterliegen nachstehenden Gebührensätzen:
1. Für den Beistand bei einer regelmäßigen (rechtzeitigen oder frühzeitigen) Geburt 30—75 Mk.
2. Für den Beistand einer Fehlgeburt 15—30 Mt.
3. Für den Beistand bei einer Zwillingsgeburt oder einer regelwidrigen Geburt 35—80 Mk.
Die höheren Sätze sind insbesondere dann zu gewahren, wenn es sich um eine mit starken Blutungen, mit Eklampsie oder mit mühsamer Wiederbelebung des Kindes verbundene Geburt handelt oder wenn die Hebamme vorgeschriebene Eingriffe selbständig anwenden mußte.
4. Dauert der Beistand zu 1 -3 ununterbrochen länger als 10 Stunden, so erhöht sich die Gebühr für j.de weitere Stuude um 2—4 Mk.
5. Für Hilfeleistung bei ärztlichen Operationen außerhalb der Zeit der Entbindung e.nichl. des Besuches 8—18 Mk.
6. Für die gesamte regelmäßige Wochenbettpflrge mit den zugehörigen zehntägigen Besuchen einschl. der notwendigen Untersuchungen und Verrichtungen, wie Ausspülungen, Ginläufe, Katheteristeren, Baden und Wickeln des
K.ndes 40—80 Mk.
W.rd die Tätigkeit der Hebamme während des Wochenbettes auf einen Teil der vorgeschriebenen Besuche beschränkt, so vu>ägt die Gebühr für jeden einzelnen Wochenbesuch 4—8 Mk.
7. Für einen sonstigen Besuch (außerhalb des Wochenbetts) emschl. Untersuchungni uno Verrichtungen bei Tage 3—5 Mk. bei Nacht 5-7 Mk.
Muß die Hebamme bei den B.suchen zu 7 und den CinjeldesuHen zu 6 nach der Beschaffenheit des Falles oder aus Verlangen langer als eine Stunde verweilen, so sieht iy. für jede wettere halbe Stunde die Halste der AnfangSgebühr zu.