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Anzeiger für Die alnUichett Lekalrülmachunge« im Kreise 8chlüch1ern.
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JK 89.
Schlächterner Kreisßlatt
Netteste ZettMg im Kreise; gegründet im Jahre 1849.
Samstag, den 31. Juli 1920 72. Jahrgang
Nie Bergarbeiter zur Koytmfrage.
Ja einer von 256 Schachtanlagen des Ruhrgebiets beschickten Ruhrbergarbeiter-Konferenz in Bochumberichtete der Abgeordnete und Kohlensachverständige Huö über die Konferenz in Spa. Er betonte, daß er mit Stinnes nur in den wirtschaftliche» Fragen einer Meinung gewesen sei. Die Regierung sei gezwungen gewesen, das Kohlen- abkommen zu unterzeichnen, um das Reich nicht zerstückeln zu lasten, außerdem hätten anßenpolitische Gründe dabei mitgesprochen. Die Durchführung des Kohlenabkommens sei nahezu unmöglich. Die Bergleute würden sich auch von der Entente nicht um die Siebenstundenschicht bringen lassen. Eine Besetzung des Ruhrgebiets würde für ganz Europa die schwerwiegendsten Folgen haben. Huö sowohl wie alle übrigen Redner forderten die schleunige Sozialisierung des Bergbaues.
In einer einstimmig angenommenen Entschließung billigte die Versammlung das Verhalten der Bergar- beitervertreter in Spa. Die Entschließung protestiert gegen eine Besetzung des Ruhrgebiets und gegen eine Versklavung der Bergleute und erklärt, daß die Bergleute sich dagegen zur Wehr setzen würden. Die Bergarbeiter seien freiwillig bereit, die Kohlenförderung so zu steigern, daß die von der Entente geforderten Kohlen- mengen und außerdem der Kohlenbedarf Deutschlands und die laut Verträgen an Holland, die Schweiz usw. zu liefernden Kohlenmengen geliefert werden könnten. Voraussetzung sei eine bessere Ernährung der Bergleute. Solange diese nicht erfolgt, sei eine Mehrförderung beim besten Willen nicht möglich. Schließlich wurden betriebstechnische Verbesserungen der Bergwerke, des Transportwesens und des Wohnungswesens und die ungesäumte Sozialisierung verlangt.
Ein Antrag her Radikalen auf Einstellung der Ueberschtchten und Lohnerhöhung wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Vom Reichswirtschaftsministerium wohnte ein Vertreter den Verhandlungen bei. Er appellierte an die Bergarbeiter, das Vaterland vor der Zerstückelung zu bewahren. Dann wurde noch ein Antrag angenommen, denjenigen Landesteilen die Kohlenzufuhr zu sperren, in denen sich Sonderbünde- leien durchsetzen sollten.
Was gibt es Wmes?
Ja Paris fand ein Ministerrat statt über eine Friedenskonferenz der russischen Randstaaten, an dem auch Marschall Foch teilnahm.
Der Friedensvertrag mit Bulgarien ist von der französische» Kammer ratifiziert worden.
Die englische Regierung hat die Forderung der Bergarbeiter auf Lohnerhöhung von zwei Schilling pro
Feindliche Brüder
Roman von Jost Freiherr« von Steinach. 42 (Fortsetzung.)
Seine Mutter und sein Bruder Hans ließen ihm völlige Freiheit.
Was der lebenslustige Leutnant in diesen Tagen am meisten bedauerte, war, daß er durch die Trauer um seinen Vater verhindert war, dem um dieser Zeit stattfindenden Feste des Geheimen Kommerzienrates Bendemann betzuwohnen. Besonders als er erfuhr, daß auch Hilde von der Traun anwesend sein und den Abend mit dem Glänze ihres Persönchens verschönen werde. Aber es ging nun einmal nicht, die ungeschriebenen Gesetze der Gesellschaft zu übertreten, und so mußte er wohl oder übel für diesmal resignieren.
Uebrigens war er von der Mutter zur Begleitung durch die Schweiz und Italien ausersehen, was ihm durchaus nicht unangenehm war; doch vorher wollte er noch alle Hebel in Bewegung setzen, um mit Hilde einig zu werden. War auch seine Liebe zu ihr nicht besonders groß, so hatte sie in ihrem Wesen etwas Eigenartiges, das ihn anzog und das er in seinem bisherigen weiblichen Bekanntenkreise nicht gefunden hatte; und die Aussteuer war bei Trauns eine Zugabe, die auch nicht zu verachten war. Daher kränkte ihn dieses erzwungene Fernbleiben von dem Fest ganz besonders, ohne daß er jedoch gewagt hätte, dem bestimmten Befehl der Mutter zuwider zu handeln.
Das Fest bet Kommerzienrar Bendemann war an und für sich stets eine Sensation für die hauptstädtische Ereme und pflegte jedesmal die Saison der Winterver- Aügen einzuleiten. Bendemann, einer der ersten Großindustriellen und ein gleichwertiger Konkurrent der
Woche und auf Herabsetzung des Preises für Hausbrand um 14 Schilling pro Tonne abgelehnt.
Nach amerikanischen Meldungen soll der Mikado ernstlich erkrankt sein.
Die politische Aussprache im Reichstag endete mit einer Zustimmungserklärung zu der von der Regierung in Spa verfolgten Politik.
Die italienische Kammer hat das Ausführungsgesetz zum Friedensvertrag von St. Germain angenommen.
Nach einer Havasmeldung aus Konstantinopel, ist der türkische Gesandte in Bern, Reschad Fall Bei, beauftragt worden, sich als Delegierter nach Paris zu begeben.
Nach einer Meldung aus Tokio wird amtlich gemeldet, daß der Mikado an schwerer Zuckerkrankheit leidet.
Die Insel Luzen wurde 10 Tage von Wirbel- stürmen und Wolkenbrüchen heimgesucht. Tausende Personen sind obdachlos, mehrere Menschen find umge- kommen.
_______ WelthS-d-l.
— Die Reichsregierung hat unter dem 25. Juli eine Verordnung erlassen, wonach im Hinblick auf die Neutralität Deutschlands im Krieg zwischen Polen und Sowjet-Rußland die Ausfuhr und Durchfuhr von Waffen, Munition, Pulver und Sprengstoffen sowie von anderen Artikeln des Kriegsbedarfs verboten wird, soweit diese Gegenstände für die Gebiete eines der beiden kriegführenden Länder bestimmt sind. Die Reichsregierung hat mit dem Erlaß dieses Verbots von einer ihr nach anerkanntem Völkerrecht Anstehenden und durch die Bestimmungen des Versailler Vertrags unberührt gebliebenen Befugnis Gebrauch gemacht. Dadurch ist jederMögltchkeit vorgebeuat,daß eine kriegführende Partei von der anderen durch Zufuhren von Waffen usw. durch deutsches Gebiet begünstigt wird.
— Die Folgen des Kohlenabkommens von Spa treten bereits jetzt in Erscheinung. Wie verlautet, geht die Reichsregierung mit der Absicht um, durch eine Verordnung den Verbrauch von Licht für Unternehmungen, die dem Vergnügen und dem Luxus dienen, wiederum einzuschränken.
— Karlsruhe, 28. Juli. (Neue Kommuntstenun- ruhen in Karlsruhe.) Gestern nachmittag fanden hier auf dem Marktplatze Kundgebungen der Kommunisten statt. Ihre Redner erklärten, daß die Preise der Hauptnahrungsmittel eher teurer als billiger geworden seien. Die Preiskommission habe völlig versagt. Wenn dies so weiter gehe, so seien sie, die Kommunisten, als Männer der Tat gezwungen, einzuspringen ; denn sie hätten keine Angst vor dem Bezirksamt, dem
Union, sah bei dieser Gelegenheit die Koryphäen der Residenz auf allen Gebieten bei sich; sowohl der alte Adel, wie die Hochfinanz, indesgleichen die hervor- ragensten Vertreter der Kunst und Wissenschaft schätzten es sich zur Ehre, zu dieser Soiree eingeladen zu werden, die noch durch die Vorträge der ersten Künstler einen extraordinären Reiz erhielt.
Schon lange vor Beginn des Festes hatte sich vor der vornehmen Villa am Kurfürstendamm eine zahlreiche Menge angesammelt, um die feinen Toiletten zu be- wundern, respektive zu bekritteln, die von den den Wagen entsteigenden Damen getragen wurden.
Oben füllten sich allmählich die lichtdurchstrahlten Säle, überall, wohin das Auge blickte, wurd^ es von dem Glanz und dem fast ostentativen Schaugepränge gefesselt, das der Hausherr zur Aufrechterhaltung seines Renommees für nötig hielt. In dem weiten Hauptsaal erklangen sogar schon die festlichen Klänge eines flotten Strauß-Walzer, der den Ankömmlingen gewissermaßen schon einen Vorgeschmack der Freuden gewähren sollte, die sie schon im Verlauf des Abends und der Nacht erwarteten.
Unter den Ersten, die erschienen, war auch Doktor Waldau, diesmal mit ausgesuchter Eleganz gekleidet. Ein tadelloser Frack nach der neusten Facon saß ihm wie angegossen, und über der schneeweißen Hemdbrust erhob sich sein männlich schöner Kopf in sorgfältiger Frisur.
Trotzdem er momentan von großen Sorgen erfüllt war, die sich auf das Schicksal seines Freundes bezogen, so wollte er doch dieses Fest nicht versäumen, das sein alter Gönner und Protektor gab. War es doch Kom- merztenrat Bendemann einst gewesen, der sich zuerst des
Staatsanwalt und den Maschinengewehren. Dann verlangten sie unter Androhung von Gewalt die Freilassung der bei der vorigen Demonstration verhafteten Personen.
— Arbeiter haben in Harburg einen Zug mit tschecho-slowakischen Kriegsgefangenen angehalten und eine größere Menge von Waffen und Munition beschlagnahmt.
— Die Franzosen wollen das 50jährige Bestehen ihrer Republik am 1. September feiern. Tatsächlich erfolgte die Ausrufung der Absetzung NavoleonS in Paris am 3. September 1870, nachdem Tags zuvor die Kapitulation von Sedan zwischen Moltke und dem französischen General von Wimpfen vereinbart worden war.
— Verschleppung Deutscher durch die Polen. Die „Oberschlefische Volkszeitung" bringt unter Nennung der Namen dte aufsehenerregende Mitteilung von über 20 Fällen, in denen oberschlefische Einwohner von den Polen gewaltsam verschleppt worden seien. Darunter befinden fich Minderjährige, die jenseits der Grenze festgehalten werden. Abgesehen von der Völkerrechtswidrigkett find einzelne Fälle besonders schwerwiegend, da die Angehörigen der verschleppten junge Leute vielfach in bitterster Not bleiben, wenn, wie es vorgekommen ist, der verschleppte Sohn den Hauptanteil der Familie zu bestreiten hat.
— Die Ausfuhr von Gold aus Canada ist bis zum 1. Juli 1921 außer auf besondere Ermächtigung verboten worden.
— Die litauische Regierung hat an die Sowjet- Regierung ein Ultimatum gerichtet, in dem sie die sofortige Räumung des litauischen Gebiets durch die roten Truppen verlangt.
— Der Friede mit Rußland soll in London raten werden. In Boulogne sind die Ententechefs Lloyd George, Millerand, Foch und Marsal zusamme" gekommen. Sie werden fich mit der Annahme des englischen Vorschlags bezüglich einer Friedenskonferenz der Randstaaten in London unterhalten. .
— Die englischen Zeitungen beschäftigen sich mit der Konferenz in Spa. „Daily Telegraph" schreibt: „Deutschland ist ein zu wichtiges Mitglied der europäischen Völkerfamilie; es darf nicht länger als Paria behandelt werden. Die führenden Männer der gegenwärtigen Regierung scheinen die aufrichtige Erfüllung des Abkommens von Spa zu gewährleisten; mit dieser gemäßigten Richtung in Deutschland kaun England verhandeln. Sobald aber die deutschen Kreise zur Herrschaft gelangen, die auf gewisse Ereignisse im Osten spekulieren, um der Erfüllung des Vertrages zu entgehen, müssen die alliierten Militärs handeln."
jungen Ingenieurs angenommen hatte, als er noch unbekannt und ohne Konnexionen gewesen »^ Bendemann hatte ihn lanciert, hatte ihm stets eine väterliche Zuneigung entgegengebracht. Und keinen hatte wohl das plötzliche Abfchwenken Waldaus aus seiner Berufstätigkeit mehr enttäuscht, als den alten Herrn, der mit ihm noch Großes im Sinn gehabt hatte, das natürlich durch seine unerwartete Fahnenflucht zu Wasser geworden war.
Und noch etwas außer der alten Anhänglichkeit an seinen Protektor zog Waldau wie mit magischen Fäden zu dieser festlichen Veranstaltung, die so gar nicht zu seinem augenblicklichen Gemütszustand passen wollte. Er hatte, als er nach erhaltener Einladung dem alten Herrn einen Höflichkeitsbesuch abstattete, durch ihn zufälligerweise auch die Teilnahme Hildes an dem Fest erfahren, und diese Nachricht hatte ihn in eine nicht geringe Aufregung versetzt.
So sollte er denn nach langer Zeit zum ersten Mal wieder dem Mädchen gegenübertreten, dem er einst sein ganzes Herz geweiht, dessen Nähe ihn schort mit Seligkeit und nie geahntem Entzücken erfüllt hatte, die er schon in schwärmenden Gedanken als die Seine betrachtete, bis zu jenem dunklen Moment, da er auf einen Schlag aller Hoffnungen beraubt wurde. Da sein kühnes und herrliches Luftschloß gleich einer Seifenblase in ein Nichts versank, nichts weiter zurücklaffend, als einen in seinen heiligsten Gefühlen getäuschten Mann, dem die Schönheit nur noch die glänzende Außenseite für innere Hohlheit und Oberflächlichkeit war, und die Anmut und Liebenswürdigkeit eine Maske für Egoismus und Herzlosigkeit.
(Fortsetzung folgt.)