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chlüchterner Zeitung

Anzeiger lur die amtlichen Bekanntmachungen im Kreise Schlüchtern.

BezngSpreis frei HanS, vorauSzahlbar vicrtelj. 5,80 Mk., (durch die Post ohne Bestell» gelb). Erscheint Dienstags, Donnerstags und SanistagS. Druck und Verlag C. Hohmeister, verantwort!. H.°C. Hohmeister, Schlüchtern. Fern­ruf 65. Erfüllungsort für den gesamten Ge­schäftsverkehr mit der Firma Schlüchtern.

Schüchterner LreisUatt

Netteste Setog im Kreise; gegrSudet im Jahre 1849.

Anzeigen: H. Zeile oder deren Raum 60 Pfg., Reklamezeile 2, Mk. Bei Betriebs­störungen kein Schadenersatz oder Minder» gebühr einschließlich BezugS. Keine Gewähr für Platz, Aufnahme-Zeit und Beleglieferung. Kein Nachlaß bei gerichtlichen Zwischenkosten. Zahlkarte Frankfurt a. Main Nummer 11402.

m 77.

Samstag, den 5. Juli 1920.

7S. Jahrgang

Muß die Kohle so teuer sein?

Bor dem Kriege kostete im Ruhrgebiet die Tonne Steinkohle 12 Mark, heute aber (in schlechterer Qualität) Mark 210.. In diesem Preise sind mitenttzatten die Zuschüsse an die Zechen für Lebensmittel und Bergarbetterwohnungen, die Kohlensteuer und die Umsatzsteuer. Setzt man diese Posten ab, die für die Vsrkrtegszett nicht in Frage kamen, so ergibt sich eine Steigerung von Mk. 12. auf 165 Mark oder auf das Vierzehnfache. Vor dem Kriege entfielen auf den Arbeitslohn 52 Prozent; für die sonstigen Selbstkosten rechüete man 38 Prozent, für den Unternehmergewinn 10 Prozent. Es betrugen also etwa pro Tonne: Arbeitslohn Mk. 6,20, sonstige Selbstkosten Mk. 4 60, Unternehmergewinn Mark 1.20. Heute beträgt der Arbeitslohn für die Tonne etwa Mt. 66 die sonstigen Selbstkosten, in denen auch die Schuldzinsen und zahlreiche andere Posten stecken, die garnicht oder wenig gestiegen sind, machen höchstens Mk. 60 aus, sodaß der Unternehmergewinn pro Tonne mindestens Mk. 39 beträgt. Der Unternehmergewinn ist also mindestens auf das 32fache gestiegen. Sein Anteil an dem Preis (ohne Züschüsse und Steuern) beträgt nicht mehr 10 Prozent, sondern mindestens 24 Prozent, während der Anteil des Arbeitslohnes von 52 auf 40 Prozent gesunken ist Arbeitslohn und Unternehmergewinn verhalten sich nicht mehr wie 5:1 sondern 5:3.

Diese für die Volkswirtschaft sehr nachteilige und nur für wenige Mitbürger sehr vorteilhafte Wendung der Dinge ist erst in den letzten Monaten eingetreten. Im vierten Vierteljahr 1919 betrug die gesamte Stein- kohlellssroerung im Ruhrgebiet 19,6 Millionen Tonnen mit einem Gesamtwert (ohne Kohlen- und Umsatzsteuer) von annährend 1,3 Milliarden Mark. Der gesamte Arbeitslohn betrug 69 Millionen Mark, d. h. 53 Prozent des Gesamtwertes. Auf eine Tonne entfielen also damals an Arbeitslohn 35 Mk., an sonstigen Selbstkosten schätzungsweise 23 Mark, an Unternehmer- gewinn etwa Mk. 8. Der Unternehmergewinn war also noch im vierten Vierteljahr 1919 relativ nicht viel höher als vor dem Kriege.

Seit dem vierten Vierteljahr 1919 ist der Arbeits­lohn auf die Tonne Steinkohlen fast auf das Dopvelte, der Unternehmergewinn aber auf etwa das Fünffache gestiegen. Und bei einem Vergleich ist noch zu berück­sichtigen, daß die Arbeiter inzwischen das Opfer der Ueberschtchten gebracht haben, während von einem ähnlichen Grunde für die Verhienststeigerung der Unternehmer nichts bekannt geworden ist. Vor dem Kriege betrug der gesamte Unternehmergewinn im Ruhrsteinkohlenbergbau monatlich 10 Millionen Mark, heute aber, trotz verringerter Förderung mindestens 250 Millionen Mark. Der Durchschnittslohn für die Schicht (einschl. Ueberschichten) ist seit Kriegsausbruch auf etwa das Achtfache gestiegen. Nun ist es ja bet uns jetzt nicht üblich, daß sich die monopolistischen Unternehmer mit der gleichen Verdienststeigerung begnügen wie die Arbeiter, aber vielleicht wäre eine Einigung auf mittlerer Basis denkbar, etwa in der Weise, daß die Unternehmer künftig monatlich nur ebensoviel verdienen würden wie jährlich. Dann wäre es doch immerhin möglich, den Kohlenpreis für die Tonne um 24 Mk. zu ermäßigen. Das würde eine Verbilligung der Erzeugungskosten für fast alle Waren bedeuten, und auch für die Reichsfinanzen wäre das vorteilhaft, denn der Ausfall an Kohlensteuern würde reichlich ausgewogen durch die Mtnderausaus- Saben im Eisenbahnbetrieb usw.

Ich bin mir wohl bewußt: das Opfer das ich hier den Zechenbefitzern zumute, ist ungeheuer groß. Wenn sie künftig nur 20 Mk. an der Tonne verdienen sollen, so schrumpfte der Anteil ihres Gewinnes an dem Gesamtpreis (ohne Kohlensteuer und Umsatzsteuer) von Segenwärtig mindestens 24 Prozent auf 14 Prozent zusammen. Aber fie werden dann wie ja auch auf dem Gebiete der Besitzsteuergesetzgebung immer uoch wesentlich besser daran sein als ihre englischen Kollegen, deren Gewinn nach dem neuesten Etat des dortigen Kohlenkontrolleurs nur 4'/, Prozent des GesamtpreiseS der englischen Kohle ausmacht. Allerdings Entfallen dort auf die Löhne nicht weniger als 73 Prozent, das heißt 17 mal soviel wie auf die Unter- uehmergewinne, während die Löhne im Ruhrgebiet, wie gezeigt, gegenwärtig insgesammt nur das 1^/,fache und nach Durchführung meines Vorschlages das 3*/s suche der Unternehmergewinne ausmachen. Der Grund jür die verschiedenartige Entwickelung ist eben der:

am Gold gemessen sind heute in England die Berg­arbeiterverdienste reichlich doppelt so hoch, die Unter- nehmergewinne etwa ebenso hoch wie vor dem Kriege: am Gold gemessen find heute in Deutschland die Berg- arbeiterverdienste wesentlich niedriger als vor dem Kriege: Die Unternehmergewinne aber reichlich doppelt so hoch.

Aus Stadt und Kreis.

Schlüchtern, den 2. Juli 1920.

* Am nächsten Mittwoch findet eine Kreislehrer- konferenz statt. (Siehe Inserat in nächster Nummer.)

* Die Erneuerung der Lose zur I. Klasse der 16. Pr. Südd. 242 Pr. Klaffenlotterie muß bet Ver­lust des Anrechts bis spatens den 6. Juli abends 6 Uhr erfolgt sein.

* Wie wir im amtl. Teil der heutigen Nummer lesen, darf der Preis für das Pfund Kirschen bester Art im Kleinhandel Mk. 2,05 nicht übersteigen.

* Die Schwierigkeiten im Zeitungsgewerbe haben weitere Zeitungen zur Betriebseinstellung genötigt. Wie aus Darmstadt gemeldet wird, stellte dieHessische Landeszeitung" (früherNeue Hess. Volksblätter") am 1. Juli ihr Erscheinen ein. Das Blatt bestand seit etwa zwanzig Jahren. Der Zentralanzeiger für den Odenwald in Erbach bereitet seine Leser darauf vor, daß er, sofern eine Besserung der Lage nicht eintritt, trotz der am 1. Juli erfolgenden Erhöhung vom 1. Oktober ab nur zweimal wöchentlich erscheinen wird. Dazu bemerkt dieObcrschlesstsche Zeitung":Zu dieser Maßnahme werden wohl bis dahin noch viele Provinzblätter greifen müssen, wenn sie im wirtschaft­lichen Kampf nicht untergehen wollen."

-* Wegen der Unklarheit, die über das besetzte Memeler Gebiet noch immer herrscht, sei mitgeteilt, daß deutsche Staatsangehörige mit einem einfachen Personalausweis nach dem Memeler Gebiet reisen und es wieder verlassen können. Für den Warenverkehr gilt das Memeler Gebiet wie das Ausland.

* Einfuhr von Gemüse und Obst. Der Reichs­minister für Ernährung und Landwirtschaft hat eine Verordnung über Einfuhr von Gemüse und Obst erlassen, nach welcher ohne die vorgeschriebene Be­willigung die Einfuhr von frischem Obst gestattet ist mit Ausnahme von Pfirsichen und feinen Tafeläpfeln und Tafelbirnen (Edelobst), ferner für getrocknetes und gedörrtes Obst und frisches Gemüse. Die Vorschrift tritt für frisches Gemüse mit Wirkung vom 28. Juni im übrigen mit dem Tage der Verkündung in Kraft.

* Wir machen auf die im amtlichen Teil unseres Blattes veröffentlichte Bekanntmachung des Herrn Re- gierungs-Präsidenten zu Cassel aufmerksam, nach welcher alle Anträge auf Gestaltung.von Hauskollekten für das Jahr 1921 bis 1, August d. Js. unmittelbar an den Herrn Regieruwgs-Prästdentcn zu Cassel einzureichen find. '

* Beförderungen^: Kreissparkassen-Assistent Knauf in Höchst a. M. wurde zum Kreisfparkassen-Sekretär befördert.

Hk. Vertretungen ausländischer Staaten in Frank­furt. Ein Verzeichnis dieser Vertretungen (Konsu­late rc.) liegt auf der Handelskammer zur Einsicht­nahme auf.

Hk. Wertangabe bei Auslandspostsendungen. Um den Absendern von Wertsendungen im Auslandsverkehr die Möglichkeit zu geben, den Inhalt der Sendungen wesentlich höher als jetzt und zwar bis zur Höchstgrenze der tm Bestimmungslands zugelassenen Wertangabe zu versichern, soll vom 1. Juli an bet Briefen, Paketen und Kästchen mit Wertangabe nach dem Ausland der Wertbetrag vom Absender nicht mehr in der Mark-, sondern in der Frankenwährung angegeben werden. Bet Wertsendungen nach dem Freistaat Danzig, dem Memelgebtet, der 1. Zone des Abstimmungsgebietes Schleswig, Oesterreich und Ungarn sowie bei Wert­paketen nach Luxemburg und der Tschechoslowakei bleibt vorläufig der Wert noch in der Markwährung anzu- geben. Bei Schadenersatzleistungen im Auslandsverkehr rechnen die Postgnstalten vom 1. Juli an den Franken nach dem für die Gebührenerhebung geltenden deutschen Gegenwert in die Reichsmark um.

* Steinau. Um Mißdeutungen vorzubeugen und solche zu zerstreuen, sei noch nachträglich mitgeteilt, daß die betreffende, allerdings fast schildbürgertsch anmutende Bestellung des Fußbodenöls in der Slpotheke nicht durch den jetzigen Herrn Bürgermeister und

Schulverbandsvorsteher erfolgte, sondern bereits vor dessen hiesiger Dienstzeit ausgeführt wurde.

* Steinau. Herr Bürgermeister Kiffeberth wurde von der Regierung zum Vorsteher des Gesamt-Schul- verbands Steinau, Hundsrück, Oberförsterei und zum Vorsitzenden des Schulvorstandes ernannt. Als neue Mitglieder traten in den Schulvorstand die Herren Landwirt Fritz Weitzel und Diamantschleifer Konrad Traxel ein. Dieser Selbstverwaltungskörper besteht somit nunmehr aus folgenden Herren: Bürgermeister Kisse- berth, Pfarrer Römheld, Domänenpächter Marggraf, Hegemeister Regehly, Rektor Maldfeld, Lehrer Wagner und den beiden vorgenannten neuen Mitgliedern. In feiner letzten Sitzung am 25. d. Mts. erhöhte der Schulvorstand die Dienstentschädigung seines Vorsitzenden von 200 auf 400 Mk. Ebenso billigte er dem Rechner der Schulkasse für seine Mühewaltung jährlich 300 Mark zu. Auch wurde die Vergütung sür Erteilung des katholischen Religionsunterrichts in der Stadtschüle von 100 auf 400 Mk. heraufgesetzt.

* Steinau. Das Schwarzwild tritt in der letzten Zeit auch in den Steinauer Revieren auf der Speffar- ter Seite häufiger auf und verursacht hier und da Wildschaden. Namentlich in der Nähe des Krugbaues sind verschiedene Kartoffel- und Bohnenstücke von den Sauen heimgesucht worden. Seitens der Jägerei wurden schon mehrere Jagden veranstaltet, lieferten aber kein Ergebnis. Auch die staatliche Forstverwaltung hat schon auf Sauen treiben lassen. Bei der letzten Treibjagd streikten jedoch die Treiber, und so kam auch hier kein Schwarzkittel zur Strecke. Nur ein Schlüch- terner Herr erlegte einen schwachen Rehbock und leider auch eine säugende Fähe.

* Steinau. Wie in anderen Orten, so herrscht auch in Steinau . große Wohnungsnot. Neubauten entstehen nicht. Im Gegenteil: man reißt ab: Solist die Heid'sche Ziegelei vor dem Bellinger Tore auf Abbruch verkauft worden, und auch das Roßmüller'sche Kalkwerk am Bahnhöfe, das schon lange stille liegt und fast zur Ruine geworden war, wird niedergelegt. Für die dadurch gewonnenen Baumaterialien werden Preise erzielt, welche die einstigen Errichtungskosten weit übersteigen. Nur auf dem Berge betätigt sich die Baulust. Neben dem Beutler'schen JagdhauseAutlers- horst" hat sich voriges Jahr ein Herr Dr. Schmidt aus Berlin ein schmuckes Sommerhäuschen erbaut, und gegenüber will der zeitige Pächter der hiesigen Stadt­jagd, Herr von Klippstein aus Frankfurt a. M. sich ein ebensolches Anwesen errichten. Die frühere Roß­müller'sche V.lla am Bahnhöfe ist für 65000 Mk. durch Kauf in den Besitz des Holzhändlers Noack aus Hanau übergegangen.

Aus Provinz und Wachöargeöiet.

§ Gelnhausen. In Lichenroth erschien ein fremder Hamsterer, um Eier und Butter einzukaufen. Hierbei suchte er die Häuser auf, deren Bewohner auf dem Felde waren. Bet dem Landwirt Wagner drang er durch das Küchenfester in die Wohnung ein, erbrach einen in der oberen Stube befindlichen Schränk und stahl daraus 670 Mk. Im Dorfe Wettges drang er in die Stube des Bürgermeisters und entwendete den Betrag von 5000 Mk. Der Einbrecher wird als ein im Alter von etwa 2425 Jahren stehender Mann bezeichnet.

§ Frankfurt a. M.Gelt Freund da schwitzt mer." Von einem ^Lagerplatz der Eisenbahn am Ostbahnhof wurden vier Benzolsäffer gestohlen, von denen das Stück 4500 Mk. kostete. Um die Diebe zu fangen, von denen man nicht mit Unrecht annahm, daß sie sich eines Tages wieder einfinden würden, verkleidete sich ein Angeyöriger der Eisenbahnpolizei als Gärtner und grub ein Grundstück um, das an das Lager anstieß. Am 17. April, kam ein Fuhrwerk angefahren, auf dem Bock saß ein Mann mit einer Eisenbahnermütze. Zwei Jasassen machten sich da­ran, drei Fässer Benzol aufzuladen und als einer den vermeintlichen Gärtner graben sah, rief er ihm zu: Gelt Freund da schwitzt mer." Und jener bestätigte das und nahm die Corona gefangen. Der Kutscher war der Fuhrmann David Schrimpf, der inzwischen wegen Geisteskrankheit ins Irrenhaus kam, die beiden anderen waren die Güterbodenarbeiter Karl Meinung und Friedrich Wagenlöhner. Als Familienväter konnten fie mit 134 Mk. Wochenverdtenst nicht auskommen. Dem Güterbodenarbetter Konrad