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mitAmtlichem Kreisblatt". Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt.

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Mittwoch, den 6. August 1919.

70. Jahrgang

1917 oder 1919?

Lehren von Weimar.

Wenn jemand aus einer fremden Welt in den fiten acht Tagen die Veihandlungen der deutschen ^alionalversammlung und ihren Wiederhall in der .rutschen Oeffentlichkeit verfolgt hätte, so müßte er jlauden, daß es uns Deutschen doch gegenwärtig leidlich jut gehen müßte. Es müßte ihm erscheinen, als ob vir zu Beginn des Herbstes 1919 wenig Sorgen hätten, Denn wie wäre es sonst zu erklären, daß in der großen politischen Aussprache über das Programm der neuen Legierung fast ausschließlich vom Jahre 1917 und seinen Sünden und Sorgen die Rede war, während die Probleme von 1919 kaum gestreift wurden. Leider wissen wir, daß diese Folgerung nur jemand ziehen könnte, der von der deutschen Wirklichkeit keine Ahnung hat. Das Spiegelbild, das die Aussprache von Weimar liefert, ist trügerisch. Die brennenden Sorgen der deutschen Wirtschaft bestehen, auch wenn man in der deutschen Nationalversammlung es nicht für nötig hält, sie in den Vordergrund der Erörterungen zu stellen. Wn dieser falschen Einstellung der Weimarer Debatten Eigelt sich also vor allen Dingen die Unzulänglichkeit Parlaments.

Man greife nur eine Frage heraus. Wir alle sen, und der Reichswirtschaftsminister hat es in seiner öe in Weimar auch betont, daß die dringlichste fgabe für den Wiederaufbau unserer Wirtschaft und Weichzeitig die dringlichste Aufgabe für die Erfüllung bei Verpflichtungen aus dem FciedenSvertrage die Erhöhung unserer Kohlcnprodukrton ist. Trotz der ^überragenden Bedeutung dieser Aufgabe ist über die Ikge zur Lösung in Weimar kein Wort weiter gesprochen erben. Man hört j tzt, daß der Anreiz zur erhöhten ohlenerzeugung dadurch geschaffen werden soll, daß nächst einmal die Kohlenpreise von neuem erhöht erden sollen, daß aus dieser Preiserhöhung ein Fonds bildet werden soll zur Herstellung von Wohnstätten r Bergarbeiter. Wir wollen die Zweckmäßigkeit dieses ergehend hier nicht eingehend erörten. Ohne weiteres u^tet es aber ein, daß es eine Frage von großer razweite ist, obdieser sicherlich erforderlichen Bereitstellung »un Wohnstätten wirklich eine Preiserhöhung für Kohlen, die an sich zunächst ungünstig auf das gesamte f irtschaftsleben einwirken muß, vorausgehen soll, oder es nicht zweckmäßig wäre, die halbe oder dreiviertel illiarde, die für diesen Zweck erforderlich sein wird, nächst einmal zur schnellen Produktion; förderung vom äche zur Verfügung zu stellen. Aber in Weimar tte man für dieses dringende Gegenwartsproblem ne Zeit. Man mußte ja so viel bekannte Dinge aus ^bem Jahre 1917 neu enthüllen.

^ Daß das Parlament von Weimar dazu zu bringen .-sein wird, die großen Fragen des wirtschaftlichen Wiederaufbaus sachlich und frei von der rein parteipolitischen Einstellung zu erörtern, ist eine Hoffnung, die man aufgeben muß. Die Debatten der letzten Woche haben aber mit schlagender Kraft von neuem bewiesen daß an die Mette des rein politischen Parlaments ein WrrtschaftS Parlament treten muß, bissen Mitglieder die Vertreter Her produktiven Arbeit sind. Nur ein solches Parlament wird arbeitsfähig sein zur Lösung der dringenden Aufgaben von 1919.

| Deutsches Reich.

i Weimar 29. Juli. In der heutigen Sitzung Wr Nationalversammlung wurde ein Vertrauensvotum die Regierung mit großer Mehrheit angenommen. Die namentliche Abstimmung Über das von den Meutfchnationalen beantragte Mißtrauensvotum ergab Weffen Ablehnung mit 243 gegen 53 Stimmen.

Berlin. (Hindenburg schließt sich der Deutsch- Mionalen Partei an.) Generalfeldmarschall von Mindenburg wird sich, nach einer Mitteilung des preuß. s Abg. Kingelmann, nachdem er ins bürgerliche Leben Murücktritt, der Deutschnationalen Partei anschließen, und M ihr eine führende Rolle übernehmen.

I ~ Berlin. DerVorwärts" sagt, die Abrechnung geht weiter. Die Regierung hat angekündigt, das Mnzc Material zu veröffentlichen. In den nächsten Wochen werden die Aktenstücke durch Druck bekannt Weben werden, die sich auf die Vorgeschichte des MchmftillstundcS beziehen, und danach wird das übrige Material folgen. Ueber ein neues Schulkomprom ß K0*, den Zeitungen aus Weimar berichtet, daß die ^-»gültige Formulierung zwar noch nicht gefunden sei, We Verständigung aber auf der Grundlage der Simul tanschule beruhe, die die Regel bilden soll. Nur, wo W.e Mehrheit der Erziehungsberechtigten den Wunsch

nach einer anderen Schulform Ausdruck gebe, soll die- andere Schulform eingeführt werden. Die nähere Durchführung dieser Ausnahme soll der LandeSgesetz gebung vorbehalten bleiben.

Wie Napoleon I. über das deutsche Volk dachte. Es ist vielleicht nicht allgemein bekannt, daß Na­poleon I. während der Gefangenschaft auf St. Helena auch die Frage erörtert hat, welches sein Schicksal gewesen wäre, wenn er nicht französischer, sondern deutscher Kaiser geworden wäre. Die Erörterung findet sich imMemorial de St. Hölane par las Cafes". Wenn­gleich oder vielmehr, gerade weil sie tief be­schämend für die Jetztzeit ist, sei sie mitgeteilt:Hatte mich das Geschick zu einem deutschen Fürsten gewacht, ich hättb dies Volk aus den Stürmen unserer Tage unter ein Szepter gerettet. 30 Millionen Deutsche umständen meinen Thron und, wie ich zu kennen glaube, so hätten sie mich, war ich einmal von ihnen erhoben und erwählt, nicht verlassen. Als ihr Kaiser wäre ich nicht nach St. Helena gekommen.

Deutsch Amerikaner halten in Neuyork, in Ch'cigo und anderen Städten Massenversammlungen ab,. um Geld zur Durchführung einer Hilfsaktion für Deutschland und Oesterreich aufzubringen. Der Finanz- mann Sp per erklärt, man müsse mindestens 25 Milli­onen Dollar zusammenbringen. Man hat bereits den Hauptausschuß für das Unternehmen gebildet; örtliche Organisationen sind im Entstehen begriffen.

Haag. (Eine neue Völkerwanderung.Rewpork Herald" bringt folgende Aeußerung des Einwanderungs­kommissars Howell in Newyork: Es ist eine Rück­wanderung der verschiedenen Volksschichten im Gange. Die Fremden kehren nach Europa zurück, sobald sie Fahrgelegenheit finden. Die Schiffe nach Südeuropa sind voll. Tausende warten auf chre Pässe. Bis jetzt bestehen die Rückwanderer hauptsächlich aus Italienern und anderen südeuropäischen Rassen. Die allgemeine Abwanderung beträgt 1,/, Million. Man kann in den nächsten drei Jahren auf fünf Millionen Abwanderer rechnen.'

London. (Poltawa erobert.) Denekin nahm Poltawa und erbeutete große Mengen Proviant und Kriegsmaterial.

Budapest. (Standrecht in Budapest ) Kriegs­minister Haubrich ordnete für das Gebiet des 4. Korps (Budapest) das strengste Standrecht an. Wer die Ordnung pikt, plündert oder seinen Befehlen nicht Folge leistet, wird anf der Stelle erschossen. Die dienstfreien Angehörigen der Roten Wache und der Roten Armee haben sofort in ihre Kasernen zurück- zukehren.

Flm dich, mein Matertand!

Mir rannen in einsamer Kammer

Schon oft übers bleiche Gesicht Die Tränen, doch so voller Jammer Wie heute, weint' ich noch nicht.

So rissen noch niemals am Herzen Mir, der doch das Leid nicht fremd, Die heißesten, bittersten Schmerzen, Wildstürmend und ungehemmt.

So rang ich noch niemals die Hände, Die oft schon gerungen ich hab, Wie heut, da mit dir es zu Ende, Da sie dir geschaufelt das Grab.

Mein Deutschland. Daß sie nicht verdarben Bet ihrem furchtbaren Tun, Mein Deutschland, daß sie nicht stürben Dabei, daß läßt mich nicht ruhn.

Daß dem nicht die Hand verdorrte, Versteinert vor Schmerz er nicht blieb, Er, der die unseligen Worte, Die dich vernichtenden, schrieb---

Einst werden die Heldenlieder Erklingen aus unserer Zeit, Dann werden erstehen wieder Die Taten vom großen Streit.

Dann wird auch der Tag erstehen/ Der Deutschland heute zerbricht, Und die Enkel werden dann gehen Mit den Vätern scharf ins Gericht.

Und mancher wird zürnend dann sprechen

Noch ob ihrer Gräber Nacht: Schmach euch, die durch Deutschlands Zerbrechen So bettelarm uns gemacht!"

Wenn und Aber in 1917.

Enthüllungen" die keine sind.

Der vom Neichsfinanzminister Erzberger herauf- beschworene Spektakel in Parlament und Presse scheint ein ziemlich rühmloses Ende zu erleben, wobei als beschämendes Merkmal das Ergebnis zurückbleibt, daß die sensationell vorgetragenenEnthüllungen" gar nichts Neues gebracht haben, also gar keine Enthüllungen find. E; muß einigermaßen überraschen, daß die ganze Versammlung unserer Volksvertreter in Weimar unter denen sich doch zahlreiche alte Mitglieder des früheren Reichstags befinden, durch die Erzbergersche Rede sich haben verblüffen lassen, daß sie nicht sofort merkten, wie bekannte Vorgänge aus der zweiten Hälfte des Jahres 1917 in neuem Gewände zum Vorschein kamen. Die Frage der Friedensmöglich­keit, die im August September jenes Jahres von der Regierung behandelt worden war, ist im Dezember 1917 im Reichstage öffentlich besprochen worden, und merk­würdig genug der zurückhaltende Standpunkt der damaligen Regierung wurde seinerzeit sogar von Herrn Erzberger, als dem einzigen Abgeordneten, der Kennt­nis von den Friedenserwägungen hatte, im Reichstage mit der ihm eigenen Begeisterung verteidigt! Heute verdammt er eine Tat, die er selbst vor anderthalb Jahren als das einzig Richtige und Wahre gepriesen hat. Er klagt heute Staatsmänner und Heerführer an, mit denen er damals durch Dick und Dünn gegangen ist. Sind zu jener Zeit politische Fehler begangen worden, so sind doch schon die Wiedersprüche sehr verdächtig, in die der Ankläger, der die Fehler auf­decken will, sich verwickelt.

Das seit letztem Freitag aufgehäufte Material ergibt drei deutlich von einander getrennte Aktenstöße. Erstens die Anschuldigungen von seitens Erzdergers, der der früheren Regierung (unter dem Reichskanzler Michaelis) und der Heeresleitung vorwirft, ein englisch» französisches Friedensangebot abgelehnt zu haben, zweitens die Wiederlegungen und Gegenanklagen, worin Dr. Michaelis Dr. Helfferich, Graf Ezernin, Graf Wedel und Ludendorff erklären, daß Erzberger die Friedensbemühungen durch seine Indiskretion zerstört habe und drittens die Dokumente von feindlicher Seite: Painlevö, Ribot, Lloyd George und Lord Cecil. Zu der ersten Serie gehört das vom Päpstlichen Nuntius Paccelli eingesandte bedeutsame Schriftstück der englischen Regierung, das Englands angebliches Friedensangebot enthalten soll. Man mag es so oft durchlesen, wie man will, es läßt sich beim besten Willen kein Angebot herausfinden, hingegen ist es als Friedensfühler zu bewerten, wie es Dr. Michaelis auch getan hat. Genau genommen ist es ein Antwort­schreiben auf ein früheres päpstliches Anerbieren zur Friedensvermittlung. In diesem englischen Schreiben ist vielmehr zum Ausdruck gebracht, daß von London aus nicht der erste Schritt zu Verhandlungen getan werde, sondern Deutschland erst seine Auffassung über Belgien erklären müsse. Der Vorwurf, die deutsche Regierung habe die FriedenSgelegenheit abgelehnt, erweist sich als ungerechtfertigt, denn sowohl der Kanz- l r, als auch die Heeresleitung und der Kronrat hatten sofort Schritte zur Friedens Vermittlung eingeleitet. Wenn die Regierung anstatt sich des pästlichen Ver­treters zu bedienen, einen spanischen Diplomaten als Vermittler erwählte, so kann das nicht als belastend angesehen werden.

Im Gegensatz zu diesen Verwürfen fallen die zur zweiten Serie gehörigen Anklagen gegen Erzberger schwer ins Gewicht, da sie folgende genaue Daten festlegen: Am 31. März 1917 hat Kaiser Karl einen Brief an den französischen Präsidenten Poincar« geschrieben, worin eine Anregung zurr! Frieden ausge- drückt war. Am 14. April 1917 schrieb der österreichische Ministerpräsident Graf Ezernin einen sehr pessimistischen Brief über Oesterreichs innere Lage an Kaiser Karl und sagte darin, daß Oesterreich vor dem Zufammen- bruch stehe. Acht Tage später war Erzberger in Wien und hatte Kenntnis von Czernins streng vertraulichem Briefe, den er aber nicht diskret behandelte. Am 30. August sandte Nuntius Paccelli einen Brief nach Berlin, dem das oben erwähnte englische Schreiben beigefügt war mit dem Hinweis, Deutschland möge seine Haltung bezüglich Belgiens erklären. Es folgten dann Besprechungen zwischen dem Reichskanzler und der Heeresleitung und am 11. September die KronratS- sitzung, woraus der Entschluß hervorging, daß die Regierung Schritte zur mündlichen VermittlungStätigkeit einleitete, die aber an der ablehnenden Haltung der Feinde scheiterten. Dr. Helfferich schuldigt Erzberge;