mit „Amtlichem Kreisblatt". ™ WochesbeilW: Illustriertes SonnLagsblatL.
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H. Mittwoch, den 18. Juni 1919. 70. Jahrgang
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J.Mr. 376 RK.
Gefangenen Fürsorge.
Dem „Gefangenen Durchgarigolager" in Gießen ließen wir 54 Kisten mit Liebesgaben für die Hetm- kchv.ndm Gefangenen, bestehend in Rauchtabak, Pfeifen, Hosenträgern, Zigaretten, Mundharmonikas, Spielkarten usw. aus der Weihnachtsliebesgabenssmmlung zugehen. Die Sachen haben einen Wert von 15- 16bC0 Mark. Außer diesen Naturalien kommt die nunmehr abgeschlossene Geldiammlung, deren Ergebnis demnächst veröffentlicht wird, unseren Tapferen zu Gute. Wir hoffen, sie bald hier begrüßen zu können.
Schlüchtein, den 16. Juni 1919.
Der'Männeroerein vom Roten Kreuz, von Trott zu Solz.
Abfindung von Kriegerwitwerr bei Wieder- -erheiratung.
Bekanntlich verlieren Kriegerwitwen im Falle ihrer Wiederverhetratung das Recht auf den Bezug des Kriegswitwengeldes, sie können aber eine einmalig Abfindungssumme erhalten. Voraussetzung dafür ist das Vorlieben eines Bedürfnisses. Wesentliche Erleichterungen für den Nachweis des Bedürfnisses bringt ein neuer Erlaß des KrtegSmimsteriums. Danach wird nunmehr von der Forderung eines Verwen- dungSnachweifcs überhaupt adgeselen und den Für- sorgestellen, denen die Abfindungssumme in der Regel überwiesen Wirten soll, nur anheimgefteilt, in gee:g mter Weise darüber zu wachen, daß das Gild in zweckentsprechender und nicht in unwirtschaftlicher Weise verwendet wird. Das Wichtigste aber in dem neuen Erlaß ist, daß eine nützliche und zweckdienliche Verwendung der Abfindungssumme auch dann angenommen werden kann, wenn sie zur nürtfch«s.UcheR Stärkung, zur vorlausitgen zinsbringenden Anlage oder auch zur Fürsorge für Kinder aus früherer Ehe dienen soll, während nach den bisherigen Grundsätzen ein bestimmtes Bedürfnis (Beschaffung von Aussteuer, Möbeln, Begründung eines Geschäfts u. dergl.) nachgewiesen werden mußte und die Verwendung für die Kinder aus früherer Ehe ausgeschlossen war. Damit wird nunmehr in allen Wen, in denen überhaupt Aussicht auf eine fachliche und wirtschaftliche Verwendung des Geldes besteht, mit der Bewilligung der Abfindungssumme gerechnet werden können.
Deutsches Reich.
— Die Rückführung unserer Kriegsgefangenen. Da der planmäßige Hctmtranspoit der Kriegsgefangenen unmittelbar nach Unterzeichnung deS Friedensvertrags beginnen dürfte, ist zur Vorbereitung der dazu erforderlichen Maßnahmen das deutsche Reich in sieben Gruppen eingeteilt worden. Diese haben ihren Sitz in Bresiau, Bartenstein, Stettin, Wilhelmshaven, Wesel, Bad Homburg und Konstanz. Der Gruppe „Rhein" in Bad Homburg fällt der bedeutendste Enteil zu, insofern nämlich, als es ihre Aufgabe sein soll, die Heimführung aller aus französischem und belgischem Boren in französischer, belgischer, englischer und amerikanischer Hand befindlichen Kriegsgefangenen zu regeln. Zum Chef der Gruppe „Rhein" ist Major Pabst von Ohsin vom preußischen Kriegsministerium ernannt worden, der sich als Vorsitzender derUnterkommission für Kriegsgefangenen fürsorge bei der WaffenstiLstandskommission in Spaa große Verdienste erworben hat. Dem Gruppenstabe sind eine Anzahl von Uedergangsstationen an der Rhein- linie von Duisburg bis Offenburg unterstellt, in denen die Kriegsgefangenen von besonderen Kommissionen empfangen und an eine Anzahl von Durchgangslagern weuergeleitet werden. Diese Durchgangslager liegen im Bereich des 7., 8., 11., 14., 18, des 13. (württember^ gifchen) und 2. (bayerischen) Armeekorps und erstrecken sich in der Tiefe b.S nach Ohrdruf in Thüringen. Mit einer Anzahl von auSgewählten Offizieren ura den erforderlichen Hilfskräften hat der Stab der Gruppe „Rhein" in diesen Tagen seine Tätigkeit begonnen. Zustatten kommt ihm dabei die zentrale Lage Homburgs inmitten des ihm zugewüsenen Abschnitts. Die Größe her Aufgabe wag man daran ermessen, daß es sich um etwa eine halbe Million gefangener Krieger handelt, die in die Heimat übergeführt werden soll.
— Berlin. Gestern ist von Berlin ein Sonder- goldzug mit 84000 Kilo Gold nach Holland abgegangen. Das Gold ist für die niederländische Bank in Amsterdam bestimmt.
— Aufhebung eines Todesurteils durch den ReichS- Prästdenten. Das Schwurgericht hat bekanntlich die Bergleute Utgenannt und Jlfing, welche an den Un
ruhen im Februar beteiligt waren, am 5. Juni zum Tode verurteilt. Die sozialistischen Bergarbeiterführer Sachs, Usomann und Pokorny haben sich an den R/ichrpräftdenten Ebert in Berlin gewandt und beantragt, daß Ebert die Genehmigung zur Vollstreckung des Urteils nicht geben möge. Darauf hat der Reichspräsident telegraphisch folgende Antwort erteilt: „Habe sofort das Erforderliche im Sinne Eures Antrags veranlaßt".
— Fochs Maßnahmen. Nach einer Neuierdepische sind dem Marschall Foch bte militärischen Vollmachten für den 20. Juni vormittags 10 Uhr übertragen worden.
— Bern. Aus Paris wird gemeldet, daß Marschall Foch vom Vierrat weitgehende Vollmachten erhalten hat, für den Fall, daß Deutschland nicht unterschreibt. In maßgebenden Kreisen wird aber versichert, daß der Marschall nicht marschieren werde, denn die Alliierten würden es nicht bis zum äußersten kommen lassen. Die Stimmung unter den Truppen sei derartiggereizt, daß sich Frankreich nicht in unübersehbare Abenteuer stürzen werde. Wenn der Ve-ehl zum Einmarsch in Deutschland erteilt werden sollte, würde die unter den Arbeitern vorhandene Gärung auf die Truppen über- greifen und den Zersetzungsprozeß, dessen Ansätze sich bereits bemerkbar machen, beschleunigen.
— Bern. (Die Unruhen in Italien.) Die allgemeine Unzufriedenheit in Italien, der meist Lebens- mittelknappheit zugrundeliegt, führte zu wetteren Störungen. In Genua ruht das gesamte öffentliche Leben. Es kam zu Zusammenstößen, wobei eS Tote und Verwundete gab. Besonders starke Unruhen werden aus Spezia, ernste Unruhen aus allen ligurischen Industriestädten gemeldet, die sich in Sympathiekund- y-bungen für die Sowjets äußern. Der Streik der Lehrerschaft hat sich über ganz Italien ausgebreitet. Die Verhandlungen zwischen der Regierung und dem Post- und Telegraphenpersonal wurden abgebrochen. Am Justizministerium haben alle Beamten ihre Demission eingeretcht. Die Unruhen in la Valetta (Malta) sollen sich in erster Linie gegen die Herrschaft der Engländer richten. Er wurden Umzüge Veranstalter, bei denen die Ruf« erklangen: Nieder mit der englischen Herrschaft! Ei wurden Lehmrmittslgeschäfte geplündert. Viele Verhaftungen wurden vorgenommen.
— Bafel. (Italien will nicht weiter nachgeben) Nach einer Meldung der neuen Korrespondenz aus Rom kam der Ministerrat dahin überrin, Orlando gegenüber zu erklären, daß die italienische Friedensdele- gation im Laufe der jüngsten Verhandlungen die äußersten Konzessionen gemacht habe. Kein neuer Vorschlag könnte nun noch in Betracht gezogen werden.
— Bolschewismus in Kanada. Der „Times" wird aus Montreal berichtet, daß die Zustände in Winmpeg hoffnungslos erscheinen. Winuepeg wird von dem Zentralstreikkomitee des Arbeiterrates beherrscht. Es wird ernstlich versucht, die britischen Einrichtungen nach dem Sowjetsystem zu ersetzen. Die Ziele der Gewerkschaften sind offenbar rein bolschewistisch. Die Regierung ergreift Maßregeln, um gegen die Bolsche- wisten aufzutreten, und die Bevölkerung hat zu Sicher- Heitszwecken ein Freiwilligenheer aufgestellt.
— Paris. (Ein diplomatischer Sieg der Japaner?) „Chicago Tribune" meldet in der Pariser Ausgabe: Der für Deutschland bestimmte FriedcnSvcrtrag wird wieder geöffnet, um die durch die deutschen Gegenvorschläge bedingten Veränderungen aufzunehmen. Es wird nicht lediglich ein Anhang mit Erläuterungen für beabsichtigte Aenderungen gegeben werden. Makinos Anwesenheit wird als Grund dafür angesehen, daß der Vertrag wieder geöffnet wird, nachdem der Viererrat schon erklärt hatte, daß er eine abgeschlossene Sache darsrelle. Jnfslgs der Hinzuziehung Makinos müssen erneut umfassende Aenderungen im Vertrag ssege- nommen werden. Diese Verzögerung ist für Wilson höchst ärgerlich, da sie nicht durch M«i«ungS»erschieden- Heilen, sondern lediglich durch die Hinzuziehung der Japaner verursacht ist. Man betrachtet dies als neuen diplomatischen Sieg der Japaner.
— Die drohende japanische Faust. Gs witb auch offiziell mitgeteilt, daß die Koltschakeegierung anerkannt werden soll, was wiederum einen glatten Triumpf für Japan bedeutet, da Koltschsk in Tokio zuerst anerkannt wurde und man ihm von dort aus schon Hände und Füße mit Vereinbarungen Über Japans Rechte in Sibirien und in der Mandschurei gebunden hat. Die starke Drohung der japanischen Fa»st sängt nunmehr an, sich fühlbar z« machen mit der Alternative, daß Japan sich mit Deutschland und Rußland verbündet, um die Ruhe der übrigen Welt zu zerstören. Wegen
der japanischen Intervention ist Wilson gezwungen, am Freitag und Sonnabend hier zu bleiben und die Abänderungen im Vertrag mit Koltschak durchzuzehen, anstatt die beabsichtige Reise nach Belgien auszu- führen.
Der Wechsel im OberprasitziuM.
Kassel, 14. Juni.
Mit dem Ende dieses Monats scheidet Ee. Exzellenz Staatrminister von Trott zu Solz aus dem Kasseler Oberpräsidium. Er geht als der aufrechte Mann, der er stehts gewesen, weil er der neuen Regierung nicht dienen kann. Ganz gewiß ists für ihn schon ein ungeheures Opfer gewesen, das er seiner Heimatprovinz gebracht hat, daß er nach der Revolution so längs auf seinem Posten ausgehalten hat. In schwerer Zeit, im vierten Kriezsjshre, wurde ihm sein Wunsch erfüllt und er an die Spitze seiner Heimatprovinz berufen. Es war keine Zeit zu großen Taten im Innern. Es galt nur, durchz»hailen. lurch treue Arbeit daheim dem tapferen Heere das Durchhalten zu ermögliche». Deutschlands und Hessens schwerste Tage hat er all Oberpräsident erlebt, die Revolution, denZusammenbruch, die Auslieferung des nassauischen Teile« seiner Provinz an den Feino durch den, Waffenstillstaidsvertrag. Der streng konservative, in monarchischer Gesinnung groß gewordene Mann sah stürzen, was ihm teuer und heilig gewesen, sah die RevolutionSmänner an die Stelle seines KönigS treten. Aber mit der Pflichttreue des preußischen Beamten blieb er auf seinem Platze und veranlaßte seine Getreuen, das Gleiche zu tun, um unsere Heimat vor dem Chaos zu bewahren. Denn was wäre geworden, wenn nicht unsere Beamtenschaft von oben bis unten so treu ausgeharrt hatte unter den größten Opfern an U«-erze»r"t§ ! Ex^esenz von Trott gab, ohne seiner Würde etwas zu vergeben, ein leuchtendes Beispiel. Und das wollen wir ihm danken, wo er jetzt aus seinem Amte scheidet.
August von Trott zu Solz entstammt einer alten hessischen Adelsfamilie. Am 29. Dezember 1*55 mürbe er zu Jmthausen als Sohn bei kurhessischen L«gation«ratS Werner von Trott zu Solz geboren. Nach Bceudig«ns feiner Studien trat er in den preußischen Vkrwaltxng«- bknft 1886 wurde er Landrat in Höchst, 1812 kam er in gleicher Eigenschaft nach Marburg. Hier war ihm nur eine zwerjährige Wirksamkeit vergönnt, weil man ihn als Vortragender Rat in« Ministerium bsrief. 1898 wurde er z«m RtgierungSprästdenten in Koblenz ernannt. Aber schon im folgenden Jahre hatte er das Glück, in gleicher Eigenschaft an die Spitze seines kurhessischen Heimatbezirks berufen zu werden. Sechs Jahre hat er mit bestem Erfolg zum Ashle der Hessen- landes gewirkt, dessen Interessen er auch in den Jahren 1894—98 als konservativer LandtagSabgeordneter für den Marburger Wahlkreis warm vertreten hatte. 1905 wurde er als Nachfolger Btthmann Hollwegs zum Ober-Präsidenten der Provinz Brandenburg ernannt.
Im Juli 1909 erfolgte seine Ernennung zum preuß. Kultusminister. Entsprechend seinen konservativen Grundanschauungen setzte er die Ueberlieferung seiner Vorgänger fort. Allen neuzeitlichen Forderungen brächte er lebhafte Teilnahme und tiefes Verständnis entgegen. So verdankt beispielweise die Frankfurter Hochschule ihr Entstehen zum nicht geringen Teile seiner Förderung. Im Juli 1917, bei dem großen Aemterwechsel, als Bethmann Hollweg zurücktrat, erbat er auch seinen Abschied. Wir glauben nicht, daß er grundsätzlicher Gegner einer WahlrechtSänderung in Preußen war. Wohl gehörte er zu denen, die die Ausrollsng innerer Kämpfe während des RinzenS mit bet Halden Welt für ^in UMck hielten. Er sah im voraus, daß diese innere Kämpfe uns zerbrechen mieten« Und weck er seine Zustimmung zu der von Bethmann jeingeleiteten und seinen Nachfolgern vollendeten Politik nicht geben konnte, trat er zurück, ein Aufrechter damals wie heute.
Mit der Wahl seine« Nachfolgers im Oberpräsidium darf Hessen-Nassau zufrieden sein. Staatssekretär Dr. Rudolf Schwander ist ein ganzer Mann von unge- wöhnlichen Fähigkeiten. Diese lassen sich schon an seiner seltenen Laufbahn erkennen. Vom Schreiber hat ers bis zum Staatsfekreiär gebracht, nicht, wie heute üblich durch Parteizugchörigkeit, sondern nur durch eigene Tüchtigkeit und etsrrnen Fleiß. Am 23. Dez. 1868 wurde er in Kolmar im Elsaß in kleinen Verhältnissen geboren. Er besuchte die Volksschule und trat im Alter vo« 15 Jahren all Schreiber bei einem Bürgermeisteramt in Kolmar ein. Neben seiner Tätigkeit hier bildete er sich wissenschaftlich selbst weiter fort mit solchem Erfolg, daß er.eintge Jahre später nach Ablegung