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M 46 Samstag, den 7. Juni 1919. 70. Jahrgang
A» die
Einwohner der Pr-dmz KefftN-Naffau.
Für den Fall eines Vorrückens der feindlichen Trvppm ergeht hierdurch an die Bevölkerung in Statt und Land die ernste Mahnung, nicht planlos die Flucht zu ergreifen, sondern in Ruhe und Fassung dem Um vermeidlichen entgegenzusehen. Der beste Schutz für Haus und Hof ist das Verbleiben am Orte. Das hat die Kriegserfahrung immer wieder gelehrt. Ein Abströmen in die östlichen Provinzen und die daraus entstehende Anhäufung obdachloser Menschenmasscn würde zudem unter den heutigen Ernährungsverhält- Nissen rasch Hungersnot, Seuchen und schwerste Ausschreitungen aller Art zur Folge haben.
Alle Beamten haben Weisung erhalten, auf ihren Posten zu verbleiben und der Bevölkerung nach Kräften zur Seite zu stehen. Gehe also Jedermann in Ruhe der gewohnten Beschäftigung nach, vermeide alles, wag dem Feinde Anlaß zu einem Einschreiten gilben könnte, und halte sich vor Augen, daß Flüchten die Gefahren für Leben und Eigentum unabsehbar steigert.
Cassel, den 5. Juni 1919.
Der Oberpräsident, von Trott zu Solz.
I -Nr. 6099 K.-A. Auf dem am 31. Mai d. Jhs. stattgefundenen Kreistage hielt der Vorsitzende nachstehende EinfüyrungS- uns Begrüßungsansprache:
„In dem furchtbaren Kriege ruhen die Waffen, der Krieg selbst ist noch nicht beendet. Unsere Feinde, denen wir uns ruedergebrochm, nicht in Schlachten, aber durch Hunger und Zwietracht besiegt, auf schwere Bedingungen wehrlos hingegeben haben, sind im Begriff, auch diese Bedingungen, denen wir vertrauen, bei Seite zu werfen und verblendet von Haß und Beutegier uns zu einem Gewaltfrieden zu zwingen, vor dem unser Volk erschüt tert die Augen schließt.
Wir sind ohnmächtig, uns zu wehren, aber wir wollen — und ich hoffe, Sie stimmen mir alle bei — auch in dieser schwersten Stunde unserer Geschichte uns nicht selbst aufgeben. Wir glauben an uns und unsere wiedererstehende Kraft. Wir nehmen sie aus dem Glauben unserer Väter an einen Gott im Himmel und aus der Uekraft deutschen Bodens, dem unsere Arbeit unser täglich Brot erbringen soll.
Arbeit, schwere AibUt allein kann uns wieder emporführen.
Ist uns Arbeit fremd? Kein Volk der Welt ist so arbeitssam wie das deutsche. Davor fürchteten sich ehedem neidvoll unsere Feinde. Heute, wo wir zerschlagen sind durch Krieg und Not, scheint es so, als ob wir nicht mehr arbeiten könnten. Gottlob es scheint nur so. Ich sehe auch hier im Kreise die Arbeitsfreude wieder erwachen.
Helfen wir ihr zum Wiedererstehen!
Ihnen, die Sie heute als ein neugewählter Kreistag des Kreises zum erstenmal zusammentreten, liegt es ob, ein leuchtendes Beispiel der Aibeit zu geben. Ich begrüße Sie als das Symbol der Arbeit, als die Körperschaft der Selbstverwaltung des Kreises, auf die 'heute aller Augen gerichtet sind.
Ihre Ausgaben sind durch die Kreisordnung und andere Gesetze umschrieben. Den Inhalt geben wir Ihnen selbst, und die Arbeit freier Männer ist es, was den Inhalt der Selbstverwaltung ausmachl. Der große Gedanke, der zum ersten Male nach den Befreiungskriegen in der Städtcordnunz des Freiherrn vom Stein ins Leben trat, kann nur fruchtbar werden, wenn er Männer findet, die bereit sind, für das Wohl bis Ganzen selbstlos ohne Klasseninteresse und freudig mitzuwirken. . . .
Der Kreis Schlichtern hat unter der Herrschaft des Wahlrechtes, welches die Kreisbevölkerung nach den großen Gruppen: Stadt, Landgemeinde und Großgrundbesitz mit Großgewerbe zur Wahl berief, seit Bestehen derKre isordnung stehts Männer h<rvorgebracht, die sich in solch selbstloser Arbeit hohe Verdienste um das allgemeine Wohl erworben haben.
Sie sind auf Grund eines neuen Wahlrechts gewählt das alle Kreisemwohner ohne Uat-rschied des Geschlechts in direkter Wahl ausüben konnten.
Ich gebe der Hoffnung Ausdruck, daß Sie sich in gleichem, ja erhöhtem Matze als Vertreter der Ge- samihett der Kreirbcwohner jeden Standes und leben Berssszweiges betrachten werden und daß Ihre Arbeit für den Kreis eine fruchtbare sein möge.
KircheLsüMNlsng am 1. u. 2, Psirrgsttag
für kirchliche Notstände iNnerhalb des Konsistodralbezirks.
Die seit vorigem Jahr wieder ausgenommene Sammlung für kirchliche Notstände unserer Heimat wird auch an diesem Psingstfrst den Gemeinden dringend aus Herz gelegt. Noch ist der Friede nicht eingekehrt im schwer heimgesuchten Vaterland und noch kann nicht überschen werden, welche Notstände in Zukunft die erste Hilfe erheischen. Aber das ist sicher: viele Hände werden sich ausstrecken, und viele Bitten werden laut werden: „Helft uns bauen, was in schwerer Kriegszeit zurückging oder ganz liegen blieb."
Daß wir dann im Geist der helfenden und dienenden Bruderliebe Notleiden und Notstände beseitigen können, dazu segne Gott unseren Gemeinden mit den Früchten seines heiligen Geistes. —
Mugsten.
Als Jesus, ihr Meister, gen Himmel gefahren, Im Gebet blieb vsreint der Jünger Schar; Sie harrten hoffend und denoch beklommen Des Trösters, der ihnen verheißen war.
Und siehe — am Pfingstfest nahet mit Brausen Der Geist des Herrn, der mit göttlicher Kraft Die Seelen erfüllt und aus zaghaften Fischern Apostel, Helden und Märtyrer schafft.
Odem des Höchsten, du wehest auch heute L-benerzeugend durch blühende Gaun, Weck in den Herzen die schlummernden Keime, Laß uns dein mächtiges Walten schaun.
Zartgrüne Birken schmücken die Häuser, Um Altar und Kanzel rankt duftend der Kranz, Weihe du selbst uns zum Tage der Pfingsten, Leihe der Frier himmlischen Glanz.
Ströme hernieder, gib Zungen der Engel
Und rüste als deine Boten uns aus, Die ewige Wahrheit von Gottes Liebe Froh zu verkünden im Weltgebraus.
Mngsten 1919.
Von Professor Lic. Moldaenke, Berlin-Steglitz.
In den Abschiedsreden, mit denen sich Christus vor Antritt seiner Leidensweges an die Jünger wandte, verheißt er ihnen einen „anderen Tröster", der an seine Stelle treten soll, wenn er von ihnen gegangen ist. „Ich will den Vater bitten, und er soll euch einen anderen Tröster senden, daß er bei euch bleibe ewiglich, den Geist der Wahrheit, welchen die Welt nicht kann empfangen." Wir hören heute das Wort vom anderen Tröster in der Stimmung eines Schwerkranken, der von Arzt zu Arzt umsonst gelaufen ist und zwischen Hoffnungslosigkeit und Zuversicht schwankt, da ihm ein neuer Name anfleuchtet.
. Wieviel eitlen Trost haben wir uns seit dem Zu- sammenbruch eingeredet! Dem hieß er Wilson, und jenem das internationale Proletariat, dieserglaubte an die Heilung durch Rückkehr zur Vernunft und zur Arbeit, jener erhoffte von der inneren Zersetzung der Feinde den Umschwung zum Besseren. Aber Wilson versagte schmerzlich, und die Internationale erwies sich als Trugbild, das nur in weltfremden deutschen Köpfen spukte; statt der ersehnten Vernunft ward hoffnungsloses Irresein die Frucht selbstverschuldeten Wahns, und die Arbeit — droht als ehernes Muß in Sklavenketten. Die Zersetzung im Lager der Feinde aber bleibt ein leerer Wunsch, viel zu stark hat satanische Rachgier den ehernen Ring geschmiedet: es tut uns not, daß wir uns nach einem „anderen Tröster" umschen.
Das Wort, das Luther mit „Tröster" wiedergcht, bedeutet eigentlich Fürsprecher, Anwalt; als solchen verheißt Jesus den „Geist der Wahrheit." N cht den Geist der Zweckmäßigkrit oder dessen, war so erscheinen mag, nicht den Geist d.r Schwächlichkeit und der Lauheit, der dir Wahrheit nicht verträgt, sondern eben keinen anderen Geist als den der Wahrheit ohne jede Einschränkung. Der soll Anwalt sein vor Gott und vor Menscken, der ist der „andere Tröster."
Wie vermag er das? Sollten wir nicht vielmehr fragen: woran liegt es, daß wir noch immer vor der" Verheißung Tor stehen? Denn wie kann ein Mensch anders seines Gottes gewiß (trotz aller Rätsel) und sroh (trotz aller Schwachheit) werden, als wenn er ihm „in der Wahrheit" dient, d. h. im unbedingten Gehorsam gegen Golt.s Stimme in der eignen Brust? Und wie kann er ander» gegen Berkennang und Verleumdung, gegen Wahn und Furcht gewappnet sein, als in der Kraft eines aus der Wahrheit geborenen Lebens, das kein Vernichtungswille töten kann?
So tut uns Pfingsten heute mehr not denn je, denn wir brauchen den Trösiergeist der Wahrheit, wie wir ihn noch nie gebraucht.
„O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein!" Heile uns von dem Irrglauben, daß d« bei den Massen bist, „welchen die Welt doch nicht kann empfangen
Du liebst es, einsame Seelen zu erfüllen, daß fie Lichter werden für die große Dunkelheit —
Du wirkst nicht im Absonderlichen, sondern in den großen Selb ^Verständlichkeiten des Daseins — fülle uns mit heißer Liebe Glut für Volk und Vaterland!
Du treibst die Furcht aus — laß unsere Treue nicht wanken und den Spott der Menschen nicht scheuen!
Komm, Geist der Wahrheit!
Deutsches Reich.
— Die Blockade. Dem „Manchester GurdiaN" zufolge erhielt der englische Reedereiverband die vertrauliche Information von maßgebender Seite, daß mit der Freigabe des internationalen Handel» und mit der Aufhebung der Blockade gegen Deutschland bestimmt für den 1. bis 10. Juli zu rechnen sei.
— Der deutsche Charakter Südtirols. Bor einigen Wochen konnte dem Präsidenten Wilson eine Denkschrift aus Deutschsüdtirol überreicht werden, die die Frage der Annexion eingehend beleuchtet. Das historische Dokument erweist den vollkommenen deutschen Charakter des Landes nach Geschichte, Volkskunde und Kultur, zeigt die Ungerechtigkeit der italienischen Ansprüche auf die Brennerlinie und kommt zum Schlüsse, eine Annixion durch Italien entschieden abzulehnen. Semit stellt die Denkschrift eine wahre, wichtige und unbeeinflußte Volksabstimmung dar, wie sie sonst nirgen» vorgenommen worden ist.
— Berlin. Am Samstag wurde in Libau vvn Mannschaften auf dem französischen Geschwader die rote Flagge gehißt. Die Mannschaft forderte von den Offizieren, nach Frankreich zurückkehren zu dürfen. Die Forderung wurde bewilligt. Die Mannschaften verlangten außerdem einen gerechten Frieden mit Deutschland. Nunmehr liegt ein englisches Geschwader im Libauer Hafen.
Versailles. HavaS meldet: Der Präsident der Grubenbesitzer, Krupp von Offen, kam am Dienstag, den 3. Juni morgens an, um f» schnell wie möglich die Frage der Lieferung von Jndustriekvhle zu regeln. Er wird sich sofort mit der Kommission für Kohle in Verbindung setzen.
— Bochum. Schweizer Hilfe für ein deutsche» Bergwerk. Da der Fortbestand der Zechen der Bochumer Bergwerks-A.-G. durch aus der Schweiz zur Verfügung gestellte Kapitalien fichergestellt ist, beantragte die Gesellschaft beim Amtsgericht die Aufhebung des KonkurS- vcrfahrens.
— Lloyd George droht. Lloyd Gevrge erklärte in einer kürzlich in AmienS gehaltenen Rede, die Deutschen müßten den FriedenSverlrag unterzeichnen, wenn nicht in Versailles, dann in Berlin. Wenn sich der Rat der Vier nach Berlin besitzt, muß er jedoch eine Armee hinter sich haben.
— Ein englischer Protest gegen die FeiedenSbeding- ungen. „Het Volk" veröffentlicht den Wvrtlaut eine» den verschiedenen Sektionen der Internationale zuge- sandten PivtesteS der englischen unabhängigen Arbeiterpartei gegen die Friedeurbedingungen. In dem Prvtest heißt eS: Die Parteileitung der unabhängigen Arbeiterpartei weist die Bedingungen des Frieden»,ertrage», der mit Unrecht diesen Namen führt, auf da» energischste zurück. Diese Bedingungen widersprechen allen öffentlichen Erklärungen über die KriegSziele der Alliierten. Die Bedingungen lassen erkennen, daß der militärische Sieg alles vernichtet hat, worauf die Völker geäfft hatten, als der Krieg von ihnen unsägliche Opfer forderte. Der Vertrag führt sicher zu neuen, furchtbaren Kriegen.
— Bafel. HavaS verbreitet folgende tendenziöse Meldung aus Warschau: 1200 Deutsche sollen die polnische Grenze überschritten haben und die vorgc- geschvbenenen pvlntfchen Linien angegriffen hahen. Die angetammenen polnischen Verstärkungen traten in G.- fechtrsühlung zwischen Ossvwcz und Grauewcz. Nach schweren Kämpfen feÜex die Deutschen mit schweren Verlusten zurückgetrieben »vrde« sein.
— Amsterdam. Ankanf deutscher Landungsplätze durch Amerika. Nach einer Meldung aus Newyork hat die amerikanische Regierung die Landnngspiätze der Hambmg-Amerika-Ltnie in Hoboken für 2V Milliarden