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m 40.

Samstag, den 17. Mai 1919.

70. Jahrgang.

Ariedensvitlgottcsdienstc

am Sonntag, den 18. Mai.

I '^Das Konsistorium zu Cass.l erläßt folgende Ver- fügung:

Die Bedingungen des Gewallfüedens, der unserem Volke aufgezwungen werden soll, lassen keinen Zweifel jarüber, daß unsre Feinde es auf die dauernde Ent Achtung und Knechtung unsres Vaterlandes, auf die Vernichtung unsrer und unsrer Kinder Zukunft abge­sehen h eben. /

Bei den Menschen ist, soweit wir sehen können, kein Erbarmen für unser Volk zu finden. Off n steht uns allein der Zugang zu dem Gnadenthron unsres Gottes.

Wir sind gewiß, daß in diesen Togen aus allen Kammern, in denen deutsche Christen ihre Anliegen Gott vortragen, ein einiger Schrei um Gnade zu dem Gott aller Barmherzigkeit und alles Trostes empordringt.

Verbunden durch das schwerste Leid, wie durch die tröstlichste Gewißheit, die sein Glaube ihm gibt, ist es unserm deutschen evangelischen Chrrstenvolk ein herzliches Bedürfnis, daß es seine große Sorge und Not auch gemeinsam seinem Gott dorbringt und ihn um Hilfe und Errettung anfleht, mit der Witwe im Gleichnis rufend: Rette mich von meinem Widersacher!

Wir ordnen daher an, daß wie in den übrigen Landeskirchen Preußens, auch in der unsrigen die Gottesdienste des nächsten Sonntags zu BiltgotteS- diensten gestaltet werden.

Gleichzeitig bestimmen wir, daß am Schluß der Gottesdienste eine Kirchensammlung zum Besten der Kriegsgefangenen u. Kriegsnorleidenden erhoben werden Der Ertrag ist durch die Klaffenvorstände hierher zu überweisen.

Gott der Herr aber gieße über unsre Sem ' den aus den Geist der Buße, des Glaubens u. des Gebets, daß wir mit Freudigkeit sein Angesicht suchen und daß wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten wie die lieben Kinder ihren lieben Vater!

Er schütze unser unglückliches Vaterland!

Er läutere, stärke und.segne unser geliebtes Volk!

Deutschlands Krrtmündigung!

Beispiellos steht in der Weltgeschichte das Schrift­stück, welches vor einer Woche uns überreicht worden ist. Wo sind die Versprechungen Wilson's geblieben? Von den schon am 17. November 1914 in der fran­zösischen geographischen Gesellschaft (und am 24. Februar 1915 in der englischen) festgelegten Richtlinien sind, wie wir schon vor über Jahresfrist kommen sahen; ganz besonders aber als die Wtlsousche Leimrute gelegt I wurde, ausnahmslos alle von unseren haßerfüllten I Feinden eingefallen würden ; gleichsam zum Spott und I Hohn der Versprechungen eines Wilson. Mit schmerz- I bewegtem Herzen müssen wir alle ausnahmslos zugeben, | daß unser leichtgläubiges deutsches Volk heute die I Quittung bekommt auf die blinde Gefolgschaft, die es I den Versiändtgungsaposieln (Hetzaposteln in fremdem I Sold?) in Deutschlands Entscheidungsstunde geleistet I hat. Gibt es denn noch einen Deutschen im Lager der Freiheit ausgenommen, der. den Mut hat, diesen Frieden zu unterzeichnen? Die Feinde haben uns nichts weniger zugedacht, als uns zu einem zweiten Aegppten zu machen. Sie trennen nicht nur tn offen- I kundiger Raublust lebenswichtige Landstriche von unserem Vaterlande, sondern sie unterwerfen auch Millionen I deutscher Männer und Frauen ihrer willkürlichen Zwangsherrschaft. Ist so das Wilsonwortkeine Ge­bietsabtretung ohne Zustimmung der betreffenden Be­völkerung" zu verstehen? Wir sollen dauerno verlieren: Elsaß-Lothringen, Neutral Moresnet, Preußisch Mores- net, Kreis Eupen, Kreis Maimedy, Oberfchü-fien mit seinen Kohlenbergwerken, Posen mit Liffa, Birnbaum, I Schneidcmühl, Westpreußen mit Thorn, Graudenz, | Danzig, das Gebiet um und nach Danzig,und so wie die Bestimmungen gemacht sind, auch Nordschleswig, wenn I nicht gar ganz Schleswig.

I Weiter will man in teuflischer Begehrlichkeit das Saargebiet und die Pfalz auf 15 Jahre nebst Kehl I und allen Rheinbrücken an Frankreich schmieden, nach * I welcher Zeit dann eine Volksabstimmung über das I endgiltige Schicksal der Pfalz und des Saargebietes I entscheiden soll (?). Buchstäblich sollen wir zum r | Sklavenvolke gemacht werten, so daß ein jeder Deutsche, - I gleich welchen Standes, während der nächsten Jahr- zehnte (Jahrhunderte?) für den so sehr begehrten IVölkerbund, in dem alle Völker einträchtlich belein- I ander wohnen sollen, gleich Brüdern" arbeiten soll, i Sogar unsere Steuern werden unter die Aufsicht unserer

Feinde gestellt, unser Vermögen im Ausland restlos geraubt, unsere Bergwerke, unsere Werften, unsere Fabriken, kurz unser ganzes Volk hat nur für dre Feinde zu arbeiten, selbstredend ohne einen roten Pfennig Entschädigung. Dieser Friedensentwurf setzt dem Raubzuge unserer Feinde die Krone auf, die von Anbeginn des Krieges nichts anderes im Auge hatten, als unser fleißiges, sparsames, hochentwickeltes Volk auszurotten.

Was unsere Feinde schon vor dem Ausbruch dieses Völkermordens beschlossen hatten, ist zur Wirklichkeit geworden. Umsonst verhallten die Mahnungen, den Machenschaften Englands u tb Frankreichs nicht nachzu- hufen, als die Regierung und die iyr nahestehenden demokratischen und sozia tftischen Kreise sich überboten, in Unkenntnis englisch und französischer Politik, die Verbrüderung mit diesen Nimmersatten Heuchlern her- beizuführen.

Zu spät kommt die Erkenntnis eines Berliner Tageblattes, eines Vorwärts, kurz aller jener Blätter, die sich nicht dick genug tun konnten, Wilso als den größten Mann des zwanzigsten Jahrhunderts zu feiern und i m Palmen auf den Weg zu Deutschlands Ver- nichtung zu streuen.

Wenn selbst Herr Graf Brockdorf Rantzau bei der Uebergabe Liescs Schanddokumentes vonerhabenem Moment" und vonUnrecht an Belgien" spricht, so sei hier nochmals festgestellt, daß dieser Weltkrieg ein jahrelang, bis ins einzelne vorbereiteter Raubzug gegen Deutschland war mit dem Ziel seiner gänzlichen Ver­sklavung. Wir sind wehrlos durch eigene Schuld denn unsere Feinde, voran der edle Friedensapostel Wilson, können uns noch weiter quälen. Wenn sie uns den Brotkorb noch höher hängen und den Massen­mord an unseren wehrlosen Frauen 'nd Kindern weiter fortsührcn wollen vielleicht nach dem Muster des Burenkrieges, oder der Aufstände in Indien, oder den amerikanischen Unabhängigkeitskriegen, eines können sie aber nicht: Diesen Frieden für die Dauer verwirklichen. So sicher es eine ausgleichende Gerechtigkeit im Men- schenleben und in der Weltgeschichte gibt, so sicher gibt es aber auch ein ewiges ungeschriebenes Recht. Bis aufs Blut kann man den Wehrlosen peinigen, aber alle Weisheit des Peinigers hat einmal ihr Ende.

Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, Wenn unerträglich wirb die Last,

Greift er hinauf getrosten Mutes in den Himmel Und holt herunter feine ew'gen Rechte, die droben hangen unveräußerlich

Und unvergänglich wie die Sterne selbst."

Die'es ewige Recht des deutschen Volkes, zu leben und zu wachsen, wird uns kein Racheakt unserer Feinde nehmen können. Nur ein Totengräber unseres Volkes kann diesen Schmachfrieden unterzeichnen. Wir aber wollen alle Mann für Mann mit reinem Gewissen und ehelicher Vaterlaudsbegeisterung den alten Rüttlischwur erneuern:

Wir wollen fein ein einzig Volk von Brüdern, In keiner Not uns trennen und Gefahr.

Wir wollen frei fein, wie die Väter waren, Eher den Tod als in der Knechtschaft leben Wir wollen trauen auf den höchsten Gott Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.

Nm.

Kantate.

Mir summt im Kopf manch altes Lied Und hält mein Auge wach,

Mir summt im Kopf manch altes. Lied und klingt im Herzen nach!

Mir summ'ts wie ferner Orgelschall

Wie Glockentongebrause,

Wie heil'ger Andacht frommer Hall, Wie einst im Gotteshause.

Manch altes Lied klingt fort und fort

Durch Jahr und Tag und Zeiten,

Manch altes Lied, manch Trosteswort

Konnt' Freud und Leid begleiten.

Manch altes Lied, manch alter Sang

Klingt mir im Herzen nach

Wie Orgelton und Glockenklang

An hohem Feiertag.

Und deckt Ihr mich mit schwarzem Tuch

Nach müdem Pilgerlauf:

Spann aus den Pflug, es ist genug!

Herr Gott, so nimm mich auf!

Gundhelm, Mai 1919. Marie Hoffmann.

Deutsches Reich.

Berlin. (Nationalversammlung.) Die National­versammlung war von der Reichsregierung zu einer kurzen Tagung nach B-rlin zusammenberufen worden, um die Erklärung der Reichsregierung zu den Friedens­bedingungen der Entente entgegenzunehmen. Die Voll­versammlung in der Aula der Berliner Universität gestaltete sich zu einer mächtigen Kundgebung, welche die in ganz Deutschland auflammende Stimmung des Protestes gegen den Vergewaltigungsfrieden der Entente deutlich zum Ausdruck brächte. Die leidenschaftlichen Protestkundgebungen aus dem ganzen Reiche waren auf die Tonart, die Ministerpräsident Scheidemann heute ^inschlug, nicht ohne Einfluß. Mit aller Schärfe legte Schetdemann die Unmöglichkeit und - Undurch- führbarkeit der feindlichen Friedensbedingungen dar.

Zu den Friedensverhandlungen. Die vom Internationalen Sozialistenkongreß eingefetzte Friedens- kommtsfion, welcher Brant'.ng, der Generalsekretär Hupmans, Henderson, Longwy und Troelstrea ange­hören, wird, wie man aus Versailles meldet, in den nächsten Tagen angesichts des drohenden GewaldfriedenS einen Kongreß eiligst einberufen. Präsident Wilson wird in derPopulaire" als ein Staatsmann bezeichnet, der eine große Niederlage erlitten und dem Gewalt­frieden zugesttmmt habe. Die anderen Pariser Blätter verbreiten das Gerücht, daß Graf v. Brockdorff-Rantzau abreisen werde, sind aber der Meinung, daß trotzdem Deutschland den Frieden unterzeichnen werde. Allmäh­lich kommt man zu der Einsicht, daß, wenn Deutschland in der gewollten Weise vernichtet wird, Frankreich unmittelbar dem finanziellen Ruin entgegengeht. DaS französische Volk merkt, daß es trotz der Versicherung Clemenceaus, Deutschland müsse alles bezahlen, es selbst jährlich 21 Milliarden erbringen muß, das aber geht über seine finanzielle Kraft.

Berlin. (Die Stellung der Regierungsparteien) Wie verlautet, hat Herr v. Paßer dem Ministerprä­sidenten Scheidemann einen Besuch gemacht, bei dem er ihm im Namen der Demokratischen Partei mitteilte, daß dieselbe entschieden gegen die Unterzeichnung des Friedensvertrages in seiner jetzigen Form sei xnb daß die Partei ihre Mitglieder aus der Regierung zurück­ziehen werde, falls die Regierung sich für die Unter­zeichnung entscheide. Die gleiche Haltung gedenkt, wie wir weiter erfahren, auch das Zentrum einzu- nehmen.

Die neuen Reichssteuern. Die Steuervorlagen, die in den nächsten Tagen der Nationalversammlung zugehen werden, find an indirekten Steuern: Erhöhung und Umgestaltung der Tabaksteuer mittels Einführung einer Banderole für alle Tabakerzeugnisse. Erhöhung der Zuckersteuer, der Zündwarensteuer, bei Spielkarten - stempels, Vereinheitlichung der Grundwechselabgabe, Einführung einer Vergnügungssteuer deren Erträge zu gleichen Teilen dem Reich und den BundeSstaaten nebst Kommunen zufallen sollen, endlich Ausbau der Umsatzsteuer. Dazu kommen auf dem Gebiete der Besitzsteuern eine außerordentliche Kriegsabgabe für das Jahr 1919, die für die Abgabe vom Dichreln- kommen die gleichen Sätze wie die Kricgsabgabe von 1918 vorfieht und den Höchstsatz der Abgabe vo n Mehrgewinn der Gesellschaften auf 80 v. H. (gegen bisher 60 o. H.) erhöht, sodann die Abgabe von dem den Betrag von 5000 Mk. übersteigenden, in der Zeit zwischen dem 31. Dezember 1913 und 31. Dezember 1918 eingetretenen Vermögenszuwachs mit Steuersätzen v. 10 v. H bis 100 v. H-, endlich eine erweiterte Erbschaftssteuer, die mittels Abstufung der Abgaben vom Erbanfall den VerwandschaftSgrad, die Höhe des Anfalls und den bereits vorhandenen Vermögensstand berücksichtigt. Zur Deckung des Gefamtbedarfs werden weitere Steuern und Abgaben erforderlich, über die, wie Reichsfinanzminister Dernburg in feiner Rede in der Berliner' Handelskammer mitgeteilt hat, gegenwärtig die Erwägungen noch schweben.

Berlin. (Heimkehr der deutschen Truppen aus der Türkei.) Der Heimtransport der deutschen Truppen aus Saloniki und Konstanttnopel ist im Gange. Die Alliierten teilten, wie die WaffenstillstandSkommmission meldet, in piner Note vom 9. Mai mit, daß der Heimtransport der von Nikolajew nach Saloniki ge- brachten deutschen Truppen und der noch in Konstan­tinopel befindlichen deutschen Truppenteile im Gange ist.

Die landwirtschaftlichen Entschädigungen. In dem Auszug, der bisher über die Friedenspräliminarien veröffentlicht würbe,- fehlten ganz besonders bemerkens­werte Bestimmungen über die landwirtschaftlichen Wiedergutmachungen, die Deutschland auferlegt werden