SchlüaMnerMtung
it „Amtlichem Kreisblatt". — Wochentage: Illustriertes Sonntagsblatt.
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M 19.
Mittwoch, den 5. März 1919.
70. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Berlin, 3. März. (Der Berliner Generalstreik.) Der Generalstreik ist nun in Berlin Tatsache gerorden. Die Berliner Arbeiterräte faßten nach längerer Aussprache den Beschluß, den Generalstreik als politisches Kampfmittel gutzuheißen und den Berliner Arbeitern zu empfehlen, von diesem Mittel in der jetzigen politischen Lage Gebrauch zu machen. Das hatte zur Folge, daß die gesamte Berliner Arbeiterschaft einschließlich das Verkehrswesen auf den Glockenschlag 8 Uhr abends in den Generalstreik eintrat. Sämtliche elektrische Bahnen, Omnibusse und alle übrigen Verkehrsmittel blieben stehen. Schon vorher war es in verschiedenen Stadtteilen zu Unruhen und Schießereien gekommen. Auch verlautet, daß auf dem Görlitzer Bahnhof ein Angriff der Spartakisten erfolgt ist. Infolgedessen entschloß sich die Regierung, gegen 8 Uhr abends den Belagerungszustand über Berlin zu erklären. Die Besatzungen im Zettungsviertel wurden verstärkt, weil man mit der Möglichkeit neuer spartakisttscher Ueberfälle rechnet. Sämtliche Berliner Truppen sind schon seit heute mittag in Alarmbereitschafft.
— Berlin. General von Lettow-Vorbeck ist auf dem Wege von Plymouth nach Holland. Am 8. März soll der feierliche Einzug unserer Ostafrika Krieger durch das Brandenburger Tor statifinden. Es werden daran etwa 130 Afrika-Kämpfer teilnehmen, an der Spitze derselben General von Lettow-Vorbeck und Gouverneur Schnee.
— Berlin. Der „Staatsa^zeiger" teilt jetzt mit, daß die preußische Nationversammlung ab 5. März 2 Uhr in Berlin zusammentritt.
— Eine halbe Million gestohlen. Laut B. T. wurde, wie nachträglich festgestellt wurde, ein ^ ß / Kassemanb während des Transportes des Regimen:s Garde du Corps vom Osten nach feiner Garnisonstavt Potsdam verübt. Räuber übersi len unterwegs den Transportzug und raubdn einen eisenbeschlagenen Kasten, bet die Kassen-, Bekleidungs-, Post- und AbrechnungSbücher des Regiments, sowie einen Barbetrag von ungefähr 500 000 Mk. enthielt. Nach den bisherigen Feststellungen wurde der Raub auf der Station Prosten verübt. Die Räuber benutzten hierzu eine Zeit, während der der Wachtposten seine Ablösung, die in einem Wagen des Zuges schlief, wecken wollte. In dieser Zeit war die offene Lowry, auf der sich die Kasse befand, unbewacht.
— Jn Neuyork wurde eine anarchistischeVerschwörung gegen Wilson entdeckt.
— Polenzwist. Aus Warschau wird gemeldet, daß der Widerstand unter den Arbeiterparteien und den kleinen Bauern in Polen gegen die Regierung Paderewski-Pilsudski immer mehr wachse. Die Maßnahmen der Regierung werden von der polnischen sozialdemokratlschm Partei bekämpft. Diese Partei, die früher im Fahrwasser der deutschen NehrheitSparteilief, hat sich immer mehr nach links entwickelt und steht heute auf stark radikalem Standpunkt.
— Gegen die Bolschewisten. Die 100 000 ukrainischen Kriegtzfangenen in Italien sollen im Emv-r nehmen und unter Mitwirkung der italienischen Regierung von den anderen Kriegsgefangenen getrennt und zu Divisionen vereinigt werden. Sie werden nach Odessa gebracht und in das ukrainische Heer etngereiht werden, um gegen die Bolschewisten zu kämpfen.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, den 4. März 1919.
—* Zum drittenmale in kurzer Zeit ist am vergangenen Sonntag die Bürgerschaft in Schlüchtern und in vielen anderen Orten zur Wahlurne gerufen worden. Die am 19. Januar zutage getretenen Wahlbegeisterung hat einer Wahlmüdigkeit und politischen Jntcressenlossigkeit Platz gemacht. Von vielen Leuten konnte man die Bemerkung hören: „Ich wähle nicht, weil es ja doch keinen Wert hat. Nach den vorliegenden Ergebnissen verteilen sich die 18 Sitze auf die einzelnen Perteien wie folgt:
Liste Stiebeling (MeyrhettS-Soz.) 541 Stimmen Liste Walther (Demokratische Partei) E 38 Stimmen Liste Hadermann (Bürger Parte!) 131 Stimmen Liste Dr. Stern (Nationale Partei) 175 Stimmen Somit haben die MchrhettS-Sozialisten 8, die Demokraten 7, die Nationale Volkspartei 2 und die Bürger- Partei 1 Sitz im Stadlparlament.
Hk. Preisausschreiben fürFreimarkenentwürfe. Die Bedingungen hierfür liegen auf der Handelskammer zu Hanau zur Einsichtnahme aus (Reichsanzeiger Nr. 49 vom 27. 2. 1919).
-* Meldepflicht für gewerbliche Verbraucher von
mindestens 16t Kohle Koks und Briketts monatlich müssen lt. Bekanntmachung des Reichskommissars für die Kohlenverteilung vom 4. Februar 1919 (ReichS- anzeiger Nr. 33) die üblichen Meldungen in der Zeit vom 1. bis 5. März 1919 erneut erstatten. Aendert ungen in den Bestimmungen über die Meldepflich- stnd gegenüber dem Vormonat nicht eingetreten. 'Die Meldekarten sind bei den bekannten Stellen (OrtS- oder Bezirk-kohlen-, KriegSwirtschaftS-, Kriegsamtstellen bezw. der an ihre Stelle getretenen ZivilverwaltungS- stellen) zum Preise von 35 Pfg. für ein Meldekarten- heft mit 4 Karten (40 Pfg. mit 5 Karten) nebst Wortlaut der Bekanntmachung, sowie 10 Pfg. für eine Einzelkarte erhältlich.
Hk. Rückgabe der in Belgien und Frankreich weg- genommenen BetriebSeinrichtungen. Die Anmeldung hat bis spätestens 20. März zu erfolgen. Die Bestimmungen über Art uud Inhalt der Anmeldungen liegen auf der Handelskammer zu Hanau zur Einsichtnahme aus.
—* Druckfehlerberichtigung. In unserm Bericht über die Versammlung des „Hessischen Volksbundes" in Hess. Lichtenau hat sich ein sinnentstellender Druckfehler eingeschlichen. Statt „neutralistischen" soll natürlich von einem „zentralistischen Polizeistaate * die Rede sein.
—* Weiperz. Bei der Wahl zur Gemeindevertretung wurde für die Liste Buch 78 Stimmen für die Liste Müller 87 Stimmen abgegeben.
* Gundhelm. In der letzten Zeit hat der „Bund der Landwirte" in unserem Kreis wieder mächtig Propaganda gemacht und es ist ihm auch gelungen, zu den alten neue Mitglieder zu gewinnen. Im Interesse der mittleren und kleinen Bauern unseres Kreises sei aus zolgenveS hiägewiesen: Obgleich nach Angabe des Agitators des „Bundes der Landwirte" sich derselbe zu 85°/, aus mittleren und kleineren Bauern zusammengesetzt, haben dieselben in dem Bunde doch nichts zu sagen, da ja die Leitung des Bundes einzig und allein in den Händen der Großgrundbesitzer liegt. Daraus folgt, daß der „Bund der Landwirte" in erster Linie die Jnür.ssen des Großgrundbesitzes wahrt und natürlich auch dementsprechende Politik treibt. Die mittleren und kleine» Bauern Deutschlands, die die Vormundschaft des Großgrundbesitzes nicht mehr ertragen wollten, sehen sich daher gezwungen, sich in dem „Deutschen Bauernbund" zusammeuzuschließen, an dessen Spitze Leute aus ihrer Mitte stehen,der feinen Mitgliedern dieselben Vergünstigungen wie der „Bund See Landwirte" gewährt und heute 50 000 Mitglieder zählt. Auch in unserem KrUse scheint der „Deutsche Bauernbund" Wurzel fassen zu wollen, ^n einem der nächsten Sonntage (Ort und Zeit wird noch genau bekannt gegeben) wiro der bekannte hessische Bauer, Herr Corn-lms Frisch mann aus Obercllenbach, in einer Versammlung in Schlüchtern über den „Deurschen Bauernbund" reden. Alle mittleren und kleinen Bauern unseres Kreises, und das dürften mit wenigen Ausnahmen alle Bauern unseres Kreises sein, seien heute schon auf diese Versammlung aufmerksam gemacht, und es kann ihnen in ihrem eigenen Interesse nicht dringend genug ans Herz gelegt werden, diese Versammlung zu besuchen.
Eingesandtes.
(Ohne Berantworrung der Redaktion.)
Der geistreiche Artikel aus Weiperz in der letzten Nummer der Schlüchterner Zeitung bedarf einer eingehenden Richtigstellung, da sonst falsche Schlüsse aus demselben gezogen werden können.
Die Liste Friedrich Buch ist überhaupt nicht nach politischen Grundsätzen rufgeftellt, sondern enth lt eine gerechte Vertretung aller hiesigen Berufssiä»de. Lehrer Buch und die Mehrzahl der übrigen Mitglieder sind ausgesprochene Zentrum-leute und ist el deshalb eine schnöde Lüge die Liste als eine sozialistisch« zu bezeichnen. Mahr ist nur, daß auch die hiesigen Sozial- demokrate» für diese Liste eintrete». Da sie gleicher Recht für all« Berufsstände erstrebt. Der ganze Artikel ist nur darauf berechnet Herrn Buch in ein schiefes Licht zu stellen. In der seitherigen Gemeindevertretung waren von neun Mitgliedern sechs Bauern. Obgleich diese noch nicht ein drittel d«r hiesigen Einwohner ausmachen, ging man auf einen gerechten VertretungSvorschlag des Lehrers Buch, drei Bauern, bret Hüttner, drei Arbeiter nicht ein. Der Bürgermeister ebenfalls ein größerer Bauer, dessen 6 Kühe — Simm«utaler Rasse — in der schweren.und be- drängten Kriegszeit für die Allgemeinheit nur wenig Milch gaben meinte, es wäre ein Verstoß, die alten
Mitglieder nicht beizubehalten. Alle Versuche des Lehrers Buch eine Einigung zu erzielen blieben erfolglos, da man von der alten Zusammensetzung nicht abweichen wollte. Es sahen sich deshalb die geringeren Stände im Verein mit einigen r-chtdenkenden Landwirten genötigt, eine zweite Liste aufzustellen, setzten Lehrer Buch an die Spitze und gab auch dieser auf vielseitiges Drängen seine Einwillung dazu.
Der Inhalt des Artikels in der vorigen Nummer läßt offensichtlich die niedere und gemeine Gesinnung des Einsenders erkennen, der es wagt Lehrer Buch der nunmehr fast 40 Jahre segensreich in unserer Gemeinde gewirkt und sich die Liebe und Zuneigung fast aller Einwohner erworben hat, öffentlich, — dazu noch bei der Presse — zu kompromittieren. Dieses ist der größte Gemeinheitsakt, der bis jetzt in unserer Gemeinde vorgekommen ist. Der vorige Artikel ist deshalb als ein gemeines Machwerk an den Pranger zu stellen.
* * *
In Nr 16 der Schlüchterner Zeitung vom 22.2 greift Herr Dr. med. Strückmann in Soden den hessischen Volksbund und seine Arbeit in sehr persönlicher Weise an. Es kommt hier allein auf das Sachliche an. Da muß erwidert werden, daß große Volksbewegungen, wie die hessische und ihre Nachbarbestrebungen im Rheinland, in Hannover und in Thüringen sich so leicht denn doch nicht abtunlassen. Gerade Herrn Dr. Strückmanns den tiefen Zusammenhängen nachschärfende Art sollte eS doch nicht entgehen, daß hier als Frucht der Revolution ein Neubau Deutschlands im Werke ist, der über die bisherigen Bundesstaaten hinaus nach vorwärts schreitet zum wahren Bündnis deutscher EinheitSreiche. Die neuen Landesstaaten sollen schlechthin nichts sein als Glieder des Reiches, die In freier staatsbürgerlicher Seflbstzesetzgebung ihre inneren Landesangelegenheiten selbst verwalten. Nicht wir treiben Sonderstaatelei und Partikular smus; die Gefahr ist ganz anderswo zu Hause, nämlich bei den bisherigen Bundesstaaten, die den neuen Notwentigkeiten des deutschen Volkes, der Vereinheitlichung und der Stärkung der Reichsgewalt, ihre ererbten Rechte gegenüber stellen. Preußen wehrte zuerst sich gegen jedes Opfer fürs Reichsganze, und die Süd- und Kleinstaaten folgten ihm alsbald eifrig nach.
Man vergleiche nur die jetzigen Kämpfe um die Reichsverfassung. Daß auch in Darmstadt der Plan des „gesamthessischen Gliedstaates im Sinheitsreich" auf partikularische Widerstände stößt, ist daher nicht zu verwundern. Jeder neue Gedanke muß sich erst durchsetzen und ins VolkSbewustsein dringen. Daß Darmstadt den Gedanken des LandesstaateS Hessen aber rundweg ab- lehnt, kann nicht behaupt«! »erden. Der herangezogene Beschluß einer dortigen Versammlung vom 28. Januar (der nebenbei bemerkt über vier Wochen zurückliegt!), nimmt lediglich Kenntnis von der vorsichtigen Erklärung des Ministers Ulrich, nach der „die hessische Staats- regierung Wünsche ablehnen wird, welche Hessen schädigen." „H-ssen zu schädigen" hat m. W. auch der Hess. Bolktbund keineswegs in Absicht. Wetter erklärt sich die dortige Versammlung gegen jede Gebiet-änderung ohne die freie Selbstbestimmung der Bevölkerung; dies SelbstbestimmungSrecht bildet aber gerade einen wesentlichen Punkt im ersten Entwurf Preuß und in der Arbeit des hessischen Volksbundes. Was dann noch übrig bleibt, ist Darmstädter Lokalpatriotismus: man will sich die Hauptstadt retten. Roch hat niemand ernstlich behauptet, daß Darmstadt nicht auch Hauptstadt des neuen GesamthessenS werden könnte. Die Frage ist aber sicher nicht wesentlich genug, um daran die Neugliederung des Reiches scheitern zu lassen.
Diese Neuordnung wird kommen. Auch das bisherige Großherzogtum wird in Kürze, schon au; wirt- schastl. Gründen, sich auf breitere Grundlage stellen müsse», um seine Kulturaufgabin wie bisher erfüllen zu können; und zumal in Oberhessen, in Gießen, Friedberg, AlSfeld u. s. w. hat die hessisch« Bewegung star- k«n Anhang g«fu»d«n. Die Regierungen werden und müssen in heutiger Zeit sich abmartend verhalten; vom souveränen Volk-willen muß die Neugestaltung des starken deutschen EinheittreicheS ausgehen. Im deutschen republikan. 60-Millionenreich ist kein Platz für eine ganz selbständige preußische Großmacht von 40 Millionen, die jederzeit das Reich sprenge» kann; wohl aber für gleichberechtigte natürlich umgrenzte Landesstaaten die auf da» Reich angewiesen sind, statt es zn beherrschen. Unter ihnen ist ein wichtiger und notwendiger Platz frei für unseren deutschen Gliedstaat Großhessen. Der hessische Volk-bund arbeitet mit an der Zukunft der deutschen Einheit. Tretet ihm bei und helft ihm bauen!
Dr. H. Butte.