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Erscheint MittVochU Samstag

preis mitAreisblatt vierteljährlich 2, Mk.

70. Jahrgang.

Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum J5 pfg. Mittwoch, den 8. Januar 1919.

Amtliches.

Zu der in Nr. 2 dieses Blattes an dieser Stelle enthaltenen Bekanntmachung des Landrats von Trott zu Solz geben wir folgendes bekannt:

Am 14. v. Mls. wurde aus politischen Erwägungen beschlossen, an höherer Stelle die Absetzung des Land- rats zu beantragen. Dies geschah. Das weitere Ver­halten desselben gab Veranlassung zu seiner einstweiligen Suspendierung vom Amt (bis zur Entscheidung über den Antrag auf Absetzung) mit Einsetzung eines einst­weiligen AmtSverwesers.

Vom Negiert ngs-Präsident in Caffel erhielten wir am 29. v. MtS. folgendes Telegramm:

Amttentsetzung des LandratS schon nach den Vor- schristen des Reichs und preußischer Regierung unstatthaft. Neuer Erlaß vom 20. Dezember verbietet solches ausdrücklich. Ordnet sofortige Wiedereinsetzung des Landrats an und Draht Nachricht, daß dies geschehen.

gez. Regierungspräsident.

Dieses sandten wir sofort an den Zentralrat in Caffel.

Am 31. v. MtS. erhielten w'r von demselben Regicrungs-Präsidcnt ein Telegramm folgenden In­halts :

Erwarte sofortigen Drahtbericht, daß die von mir hiermit nochmals bestimmt a^eordnete so­fortige Amtseinsetzung des LandratS von Trott zu Solz erfolgt ist.

gez. Regierungspräsident.

Am 3. Januar erhieircn wir Kenntnis von einem Schreiben des Landrats an den Kretssckretär, welches lautete wie folgt:

gegenüber zu verhalten gedenkt. -

Für den Fall, daß er weiterhin die Befugn ffe tineS AmtSverwesers für sich in Anspruch ein- nehmen sollte und Sie nicht in der Lage waren, wirksame Vorkehrungen dagegen zu treffen, teile ich Ihnen mit, daß der Herr RegterungS Prä,rdent mich ermächtigt hat, Sie und die anderen staa lichen Beamten in seinem Namen bis auf Dauer von 4 Wochen zu beurlauben. Ich erteile Ihnen in diesem Falle Urlaub b.s auf Weiteres, vorläufig auf 2 Wollen und ersuche

Sie, dies dem Kreisassistenten und dem Kreis boten gleichermaßen zu eröffnen. Die Beamten haben sich jederzeit zur Verfügung zu W*-

Die von mir angenommenen Gehülfen und

Lehrlinge des Landratsamtes beurlaube ich gleicher­maßen und ersuche, es ihnen zu eröffnen. Das

Veranlaßte wollen Sie mir gest^ anzeizen.

g,z. von Trott zu Solz.

Das hier in Bezug genommene Telegramm des

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Schuld und Sühne.

Roman von Käthe LubowSki.

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And um die elfte Stunde tarnen sie ade mit offenem

Ohr.,

Rästingen stand auf der obersten Stufe der Stein- treppe und redete zu ihnen, wie er es sich vorgenom- men hatte.

Ein Festag heute für mich, weil ich meinen Kaiser liebe. Ein Festtag aber auch für Euch, weil ich will, daß Ihr ihn lieben lernt. Ich habe lange überlegt, wie ich diese Liebe am besten in Euer Herz säe, eS Erich lehre, daß mir in einem alle Brüder sind. Nämlich in der Liebe und Verehrung für ihn. Für unsern Kaiser, dessen Geburtstag mir miteinander begehen wollen. Denn wenn Ihr ihn erst liebt nnb ihm willig dient, wenn Eure Söhne mit Freuden und in Ehren seinen Rock tragen, dann kommt es von selbst, daß Ihr Euch schämt, das in der Nacht zu tun, worüber ich am Tage aus Scham für Euch meinen möchte."

Mit geneigten Gesichtern warteten sie ab. Lauernd, Wie die Katze, die, sich zum Sprung bereit haltend, den richtigen Augenblick dafür erspähen will. Keine Freu­digkeit, kein Verständnis glomm in ihren Augen auf. Und Rastingens Stimme klang weiter:Ihr werdet Euch vielleicht wundern, Leute, daß ich Euch nach ollem, was Ihr mir au meinem Eigentum getan habt, einen Feiertag gebe. Nach allem, habe ich gesagt. Rech­net Euch einmal in der Stille daheim zusammen, wenn Ihr eS nicht schon getan habt, mal für eine Summe an Schandtaten da herauSkommt.

Die letzte hat mir am wehesten getan. Daß Eure Roheit nicht mal den Gaul, das unschuldige Tier, schonte. Ich habe Euch in der Hand. Ich könnte Euch schlagen oder dem Gericht überliefern. Ich mache keinen .Gebrauch von dieser meiner Macht,"

Regierungs-Präsidenten vom 31. Dezember lautete wie fclLt:

Falls Vollzugsrat meine Wiederholte Anweisung auf Ihre Wiedereinsetzung in das Amt des LandratS nicht umgehend befolgt, ermächtige ich Sie Kreissekretär und Kreisboten bis 4 Wochen zu beurlauben, stelle auch anheim, Kreisausschuß zur Beurlaubung seiner Beamten anzuregen.

gez. Negierungs-Prästdent.

Mit Rücksicht auf die unbeschreiblichen Folgen, welche die Befolgung der Aufmunterung des RegierungS- Präsidenten zur Beurlaubung des Personals des Land- ratSamtS und des KreisauSschufseS weit über unseren Kreis hinaus gehabt haben würde (man denke nur an die sehr schwierigen Ernährungs- und WirtschaftS- verhältnisse aller Art) sah sich der von uns einges tzte Amtsverweser unter Aufrechterhaltung der Euspendier- ung des Landrates zur Vermeidung geradezu einer Katastrophe gezwungen, nachdem er TagS zuvor bereits eine entsprechende Vereinbarung mit dem ersten Kreis-

An die ^nndbevsltevnttg!

Stunden der größten Not sind in unserem Vaterlande angebrochen. Die Aufrechterhaltung unserer inneren Wirtschaft ist auf das schwerste gefährdet. Mangel an Kohlen und'Rohstoffen legen die Industrie in großem Umfange lahm. Ungezählte zurückkehrende Krieger sind arbeits- und erwerbslos. Es wird unmöglich sein, diesen allen und den vielen anderen erwerbslos gewordenen Arbeitern in Indu­strie und Handwerk Unterkunft, Nahrung und Arbeit zu geben. Hier muß und kann das Land helfen. Landwirte, Ihr habt in ausopfernster Weise und unter Einsetzung Euerer ganzen Kraft bisher geholfen! Helft auch jetzt, die zurückkehrenden Krieger und alle anderen, die keine Arbeit finden, auf dem Lande zn beschäftigen. Gebt ihnen Arbeit, Nahrung und Woh- nuna, auch dann, wenn Ihr Euch selbst im Rrum beschränken müßt. Baut Wege, melioriert Enere Felder und Wiesen, macht W ldardeiten, kurz, schafft Arbeit! Dat ist jetzt eine hohe, sittliche

-;^ - s* - t

Industrie und Handwerk, die Euch bisher beschäftigt haben, liegen danieder. Die Kohlen- und TranSportnot zwingt sie zur Einstellung oder Einschränkanz der Arbeit. DaS Land aber braucht Arbeiter. In den landwirtschaftlichen Betrieben ist überall vieles nachzuholen. Nichts ist jetzt wichtiger als die Sicherung unserer Ernährung. Landverbefferungen, Wegebauten und viele andere Arbeiten ähnlicher Art harren der Ausführung. Bei der Bestellung und Ernte des kommenden Wirtschaftsjahres können viele Arbeiter lohnende Beschäftigung finden. Er gilt, den Boden bis zum letzten Fleckhen zu bebauen.

Jas Land ruft Euch und braucht Euch!

In jedem größeren Verwaltungsbezirk sind landwirtschaftliche Arbeitsnachweise vorhanden. Wendet Euch an sie, Ihr werdct Arbeit finden und helft so am besten Eurem Vaterland.

Jleichsamt für die wirtschaftliche Aemoöitmachuug (DemobilmachungSamt.) Koeth.

Im Hintergrund klingt es mie leise zitterndes Glocken- I spiel. Rästingen horcht aufmevffam hinber. Es sind nur die Mägde, die ihre unzähligen Bernstein- und Korallenketten aneinander klirren lassen, weil ihnen die Zeit gar zu lang wird.

Ich mache keinen Gebrauch davon," sagt Rast in- gen noch einmal mit Nachdruck, als wollte er ihnen recht eindringlich einprägen, maS er ihnen damit schenkte.Ich strafe Euch, indem ich Euch ein letztes Mal vergebe. Versteht Ihr, was ich bamil tue?"

In ihren Augen erivacht eine kleine heiinliche

Flamme.

Wir verstehen, daß wir eS hinfort noch viel ärger treiben können, denn Di« tust uns nichts," liest Ma- tuschek daraus.

«Ich hoffe, Ihr lernt mid) verstehen. Ich sage da­mit: eS soll alles vergeben und vergessen sein. Ich will versuchen, ob ich wieder Vertrauen zu Euch haben kann. DaS Vertrauen, daß mein Hab und Gut Euch fortan heilig ist. Laßt Euch diesen Tag, den Geburtstag un­seres gnädigsten Herrn und Kaisers zur Offenbarung dienen', mie ich hinfort daS Verhältnis zivischeu mir und Euch wünsche und erhoffe. Seid mir treu. Um Euch daS zu sagen, habe ich Euch unter der Fahne versam­melt, die unser gemeinsames Hurra für unsern gelieb- ten- Kaiser hinaustragen soll. Gebe Gott, daß sie nicht umsonst weht! Er lebe hoch ! hoch! hoch!"

Dünn und lebensunfähig klingt der Ruf durch die Wiilterluft. Aber Rastingens Begeisterung steht im

Frühling; sie märtet und hofft."

Hub nun wollen mir singen," sagt er leiser wie zu­vor.Soldek Du hast ja die Noten. Spiel unS daS Lied:

Heil Dir im Siegerkranz!"

ES singt und klingt und jauchzt zum Himmel empor.

Erich Rästingen und Jadiviga fingen hell und kraft­voll. Matuschek brummt den Baß mit. Sonst singt kei- , ner weiter.

1 deputierten getroffen, am 3. d. Mts. 11 Uhr vor­mittags auch die einstweilige Führung der LandratS- amtSgeschäfte durch den Kretssckretär (dort wie hier unter seiner Kontrolle) zu gestatten. Es ist deshalb unverständlich, wie der Landrat seine Bekanntmachung vom 2. d. Mts. hat datiren können.

Selbstverständlich haben wir alles an die für uns zuständige Stelle, als welche der RegierungS-Präfident nicht in Betracht kommt, berichtet. Die Kreisingefeffenen werden sich jetzt ein Urteil bilden können, wie der Regierungspräsident in Caffel mit dem Feuer spielt. Man spricht jetzt vielfach vomTerror", wie er leider von bekannter Seite geübt wird. Aber verdient nicht auch das Telegramm des Regierungspräsidenten vom 31. v. Mts. und das Schreiben des Landrats vom 3. d. Mts. eine ähnliche Bezeichnung?

Schlüchtern, den 6. Januar 1919.

Der Vollzugsausschuß des Soldaten- Arbeiter- und BauernrateS.

Trggcs.________Kunde. F. Winkler.

Die erste Strophe verrauscht. Rästingen gibt dein

Geiger daS Zeichen zu einer Pause.

Warum singt Ihr nicht mit, Leute? Ich habe doch die Texte reichlich unter Euch verteilen lassen."

Da schiebt sich einer auS den hintersten Reihen her­vor, hochrot im Gesicht, flackernden BlickeS, die Hände in den Taschen, den keuchenden Atem voll Fuselgeruch: ®aium hat denn der Pan nicht die Uniform von dem da, dessen Fahne daS ist, an, wenn er ihn doch so hoch ehrt?"

Erich Rästingen taumelt bei der Frage zurück, all habe er einen Schlag empfangen.

Ist das Eure einzige Antwort auf meine

Rede?"

Der Arbeiter, der vorher gesprochen hat, stößt ein schrilles Lachen aus. ES wächst zu einem wilden Ge­brüll an. Wo hat Rästingen nur feine Augen gehabt? Sie sind ja alle trunken. Das »rächt, LadislauS von Dublischinski hat ihnen in aller Frühe dreißig Mark gegeben, damit sie Mut haben sollten zu einer Ent­gegnung auf die Kaiserrede.

Wir wollen nicht, wie der Pan will."

Wir haben keinen Kaiser mehr; unser Kaiser schläft noch! Hat sich ja selbst keine Uniform mehr an, popol- litt ransgeschmisseneS!"

Wie er dasteht! Faß ihn, Dubrow, drei Maß Wodki! Halt ihm die Gegenrede!"

So schwirren die Stimmen wirr durcheinander. Ein junger, schlanker Kerl schwingt'vor Erich Rästingen einen armdicken Knüppel hin und her.

Es ist so schnell gegangen, daß der alte Matn-j schek, der den Krantnsch nicht aus den Augen lassen' wollte, nicht mehr rechtzeitig dazwischen springen konnte.

Ein Schlag saust durch die Lüfte. Ein Schrei tönt.

Erich Rastingen steht blaß, aber völlig unverletzt da. Jadwiga ist statt seiner das Opfer gemorben. Sie ist vorgesprungen, damit Pan Erich der Stock nicht wehe

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