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mitAmtlichem Kreisblatt". -- Wochesbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt.

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M 1.

Mittwoch, den 1. Januar 1919.

70. Jahrgang

Zum neuen Jahr!

Ru« trägt des Zeitenstromes mächt'ge Welle Ei« Jahr dahin an'» EwigkeitSgestade, Wir aber filmen, stehend auf der Schwelle Be» neuen Jahres, daß es uns begnade Nach Zeiten voller Kämpfe, voller Schmerzen, Mit ihm, der schon so lange uns gemieden, Nach dem in Sehnsucht trennen alle Herzen, Mit einem vollen dauerhaften Frieden.

Daß es als Merkstein rag' im Zeitenwandel, Bor dem sich neigen aller Völker Heere, In dem aufrichtend sich, der Weltenhandel Ersteht in allen Ländern, auf dem Meere Zu neuer Blüte; laß nach allem Streite In ihm sich glätten leis des Krieges Spuren, Und jeder Bauer wieder friedlich schreite Säend und erntend durch der Heimat Fluren.

Baß alle Künste, alle Wissenschaften

Die Häupter wieder froh und frei erheben Und über Riffe, die, sie trennend, klafften, Vereint nach neuen, edlen Zielen streben.

Kommt's so dann jubeln dir, dem neuen Jahre, Millionen zu auf allen deinen Wegen, Und schreiten von des alten Jahres Bahre Dir, hoffnungSfrohen Dankes voll, entgegen.

Johanna Weiskirch.

Jas «enr Jahr.

Die letzten vier Neujahrstage haben uns durch eine Mille entgegengesetzter Hoffnungen getrieben. Mit vollstem Recht standen wir an diesen Wendetagen stolz erhobenen HaupteS vor der Welt. Vor der Welt unserer Femse, Die unserer nicht Herr zu weroen ver­mochten, die unserer auch nie Herr geworden wären, wenn nicht doch wozu neue Schuldfragen an­schneiden, da alles sein bitteres Ende gesunden hat? Von stolzer Höher wurden wir ntcdergeriffen, unser Name, der vor allen anderen hoch stand, ward herab- gezerrt, und wer findet sich unter uns, der verhindert, daß der Name der Deutschen nicht noch tiefer sinke, nicht zum Gespött derer werde, die ihn noch vor Jahresfrist, nur mit Furcht und unter Scheltworten schlecht verhüllter Ehrfurcht nannten.

Vor Jahresfrist stand die Ehre Deutschlands fest in deutscher Kraft verankert, heute steht sie auf der Gnade von Faktoren, deren guten Willen wir mit suchenden Augen zu finden hoffen. Der Leib Germanias, durch die mächtige deutsche Schaffenskraft Bismarcks zusammen­gefügt, soll wieder in seine Glieder zerriffen werden. Im Westen prunkt sich die gallische Faust ein, und im Osten wagt eS sogar die polnische Geterkralle, sich Land anzueignen, das nahe dem deutschen Herzen sitzt. Eine Abspannung ist über uns gekommen, die sich verbirgt

Schuld und Sühne

Roman von Käthe Lubowski.

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Der alte Matnschek neigt daS Haupt auf die Brust und schweigt.

Wozu auch reden! Seine Zunge ist müde und sein Herz traurig geworden. Er hört, wie die Steine, die er ge­meinsam mit dem alten Pan im Schweiße einer langen Werktages herangeschleppt hat, bamit der nächste mit frischen, Jugendmut ein HauS daraus erbaue, daS ewig ist, znrückgeworfen werden unb zerbröckeln durch das Uebermaß dieser Nächstenliebe.

Bruderliebe ist ein Geschenk, daS nur solchen wohl- «Nt und hilft, die denselben Kaiser, dasselbe Vaterland, daS nämliche Interesse haben, an dem Werk, das die Erhaltung des DentschseinS fördert, mitzuarbeiten, mit Leib und Seele.

Bruderliebe schadet, wenn sie zu Unreal gegeben wirb. Sie brennt daS Samenkorn fort. Etwa wie das Uebermaß treibenden ChiliS auf losem Sand, dem die Urkraft fehlt, das in trockenen Sommern bewirkt. Erich Höflingen will daS nicht einsehen. Matnschek denkt Tag und Nacht darüber nach, wie er eS bessern könne. Er mug noch einmal sprechen, ein letztes Mal. Dann erst "jjibt erbte Sache ganz verloren. Er wird noch einmal priuen jungen Herrn anflehen, daß er den Ring von feinem Handgelenk nehme. Jetzt. Gleich in dieser Stunde, «he die leidenschaftliche Angst wieder im Staub des Resig^lierens versinkt.

Er'ich Rastingen sitzt an seinem Schreibtisch. Er sieht «tät ^f als Matnschek über die Schwelle tommt. Er SS ob er eifrig rechne. In Wahrheit hat er bett Morgen stumpf auf die unbeschriebenen Blätter cnrechnung gestarrt und über die Frage nachge- üt seit Monaten in ihm um Antwort schreit: fit eigentlich Menschen oder Tiere?"

'alt* Mann, der ihn einst auf dm REt S«-

unter innerpolitischer Bielgeschästizkeit. Es ist, als werbe ein toter Körper künstlich bewegt, um Leben »or- zutäuschen. Viele, viele Zuschauer betrachten diese Scheinbewegungen; die interessiertesten sitzen auf der Bank unserer Feinde, die sich über dieseablenkende Geschäftigkeit" baß erfreuen.Was soll da« werden," so fragen alle gute Deutschen, und mit einer befriedigen­den, besser gesagt, sie befriedigenden Antwort sind nur die bei der Hand, die man kaum als die eigentlichen Vettteter deutschen Geistes betrachten möchte. Alles gärt in Deutschland, alles ist im Fluß, ohne daß auch nur einer weiß, zu welchem Ende das führen soll. Wohl sind die Wahlen zur Natronalversammlung indessen für Mitte Januar von der provisorischen Regierung durch die A.- und S.-Räte angesetzt worden, aber wer will sagen, was sich bis dahin aus dem Hexenkessel der deutschen Gegenwart loslöst. Was nutzt er uns, daß wir wie hypnotisiert auf einen Vunkt starren, ehe wir wissen, ob es Wilson gelingt, seine 14 Punkte, die uns so friedensbereit machten, durchzusetzen. Warum tun wir so herzlich wenig, unsere Stellung im Rat der Völker jetzt schon wieder fester zu bauen ? Der polnische Wille ist heute stärker als der deutsche, und wenn wir uns vorstellen, daß unsere Ansprüche auf der großen Friedenskonferenz ebenso lau und durch keinen starken deutschen Maffmwillen gestützt vertreten werden, so hellen sich unsere Augen wahrhaftig nicht auf.

Wir denken daran, wie Talleyrürchsein Frankreich nach dem tiefenSturzRapoleonS aufdemWienerKongreßvertrat. Wohlhatte Frankreich die Welt durch Jahrzehnte in einen Trümmerhaufen zerschlagen, Europa erniedrigt, wie nie vor­her einWertteilerniedrigt wurde,den Wohlstand derVölker zertreten und zerstampft, aber nicht als reuiger Büßrk er­schien Gallien unter TaUey rand in Wien, sondern als gleichberechtigrer, jeyr setviwewllßur Faktor. Der fran­zösische Diplomat beherrschte beinahe den Kongreß, und fast wäre es ihm gelungen, der Sache eine Wendung zu geben, die Frankreich schon damals in einer neuen Kriegskonstellation wieder ganz obenauf gesehen hätte. Talleymnd war eben Franzose und gab sein Volk nicht auf, weil eine Welt von Feinden ihm mit Recht grollte. Er stand nicht mehr auf Seite des Korsen, sondern des neuen Franzosenkönigs, aber nichts tzörtr man davon, daß er des gestürzten Kaisers Schuld irgendwie vor dem Kongreß schmeichelnd zu vergrößern bestrebt gewesen wäre. Er blieb Franzose, ganz egal, ob er bonapartistisch oder bourbonisch auftrat. Ist es so furchtbar unbescheiden von Deutschland, wenn es sich an der Jahreswende vom Geschick wenigstens Männer wle Tallr-cand erhofft und erbittet? Deutsche, nicht Bayern oder Preußen oder Badenser! Zeigt diese Bitte nicht schon, wie ungeheuer bescheiden wir geworden sind, die wir vor wenigen Jahrzehnten noch einen Bismarck hatten?

Was soll das werden? In den Nächte« werden

tragen, wenn es im Feld breite Gräben und losen Flug­sand gab, auf dem die Kinderfüße erlahmten, nimmt auch heute Erich RastingenS zerschlagenes, jammern­des Menschengefühl in die Hand und streichelt es leise.

Haben Sie ein wenig Zeit für mich, Pan Erich ?"

Gewiß, Matnschek, setzen Sie sich doch."

Pan Erich, ich muß noch einmal davon anfan- gen. Es geht so nicht länger. Ich habe nun lange genug nachgedacht, waS wohl an dem Elend und der Rebel­lion schuld haben könnte. Und ich habe auch gemeint, daß ich'S herausgefnuden hätte. Aber ich bin nur ein alter, einfältiger Mann, und Sie mochten doch wohl recht haben, alS Sie mir sagten, daß ich das nicht verstände. Da mußte ich doch wieder mit dem Suchen von vorn anfangen. Unb ich habe wieder waS gefunden. Dies­mal werden Sie mir auch wohl recht geben."

Ich bin schuld daran, Pan Erich, ich allein. Ich verstehe baS neue Verfahren mit der Liebe nicht. Ich bin zu bitmm, den Zweck einzusehen. Und darum muß ich Sie bitten; Lassen Sie mich gehen, Pan Erich, da­mit Sie bleiben können."

Rastingen taumelt von seinem Stuhl auf und lacht grell.

Also auch der Letzt« fahnenflüchtig. Das steckt ja unheimlich an. Gehen Sie denn, lassen Sie mich ruhig allein in der Rot, wenn Sie Angst haben."

Der Alte will auch hochfahreu unb mit scharfer Entgegnung seinem Herrn einen Schlag versetzen, von dem er sich nicht im Handumdrehen erholen soll. Aber er teuft an das zerschlagene Meuschengefühl unb breitet von neuem schützend seine harten Hände darüber.

Nicht fahnenflüchtig, Pan Erich ; bloß treu.Ich kann aitf meine alten Tage nicht mit mischen, wie daS zir- arnnde geht, was ich mit vielem Schweiß angefaugen habe, bamit eS den Rastingen« was zu essen gibt, so­lange sie sind. Ich kenne Ihr« Slrbeiter besser, als Sie fit kennen Ich hatte einen Großvater und einen Va- tes» der von ihrer Art war. Meine Mutter war bloß eine

in der Neujahrsnacht Bleioraktl durch Erbschlüssel geg»ff«n. Viel mehr als pslitische Bleiorakel wagt man auch heute nicht anzustellen aber den Erb­schlüssel läßt man füglich weg. Im Augenblick hat alles Ererbte keinen guten Kurs, und bedauerlich ist nur, daß uns daneben auch das Erworbene so traurig im Kurs sinken mußte. Möge der Kurs an der deut­schen Wende 1920 in jeder Beziehung ei« besserer sein all heute das ist wohl der beste Neujahrswunsch, den wir jetzt aussprechen können. Er klingt nicht girade trotzig, aber er cnthäll leider alles, was uns tm Augenblick zu wünschen erlaubt ist. Von der Hoffnung allein leben macht nicht stark, aber ohne Hoffnung leben ist schlimmer als der Tod. DaS fines Germaniae wagt selbst der kleinmütigste Deutsche nicht durch seine Zähne zu stoßen, und in der Tasche geballte Fäuste sind zwar nicht viel wert, aber immer doch noch bester, als überlöbliche Unterwerfung unter einen Zustand, der selbst dickflüssigstes nationales Blut zum Aufwallen bringen muß.

Lokales und Urovinziesses.

Schlüchtern, den 31. Dezember 1918.

* Am zweiten Weihnachts-Feiertage fand in der evangel. Kirche zu Schlächtern eine Versammlung der Gemeindeglieder statt, damit man Stellung nehme zu der beabsichtigten Trennung von Staat und Kirche. Nach einigen einleitenden Worten des Herrn Superintendenten Orth ergriff Herr Lehrer Flemmtg das Wort zu seinem herzandringenden Vortrege über die Frage:Was haben wir an unserer Kirche?" Ausgehend von der Entstehung des Verhältn.stes zwischen Staat und Kirche entwickelte der Vortragende, wie die evangel. Kirche zur Zeit ihres Entstehens, von allen Seiten bedrängt, ae» nötigt war, ben Schutz Ser LandeSfürsien anzürufea. Und so kam es, daß jeder Landesherr oberster Bischof seiner Landeskir t e wurde, daß die weltlichen Obrigkeiten die Konsistorien beriefen, daß die Superintendent-tr, Pfarrer usw. Angestellte des Staates waren. Thron und Altar gingen Hand in Hand: der Staat zwang alle Glieder, Stellung zur Religion zu nehmen, die Kirche unterstützte den Staat durch Pflege der Gesinnung, ohne die ein Staat nicht bestehen kann. Durch Grün­dung von Werken barmherziger Liebe, von Anstalten zur Rettung Der wahrloser und irgendwie Unglücklicher hat die Kirche dem Staote die größten Dienste geleistet. Unter der Verbindung mit dem Staate aber litt die Kirche; denn im Staate blieben auch die, die nicht zur Kirche sich bekannten. Und es waren wahrlich nicht die Schlechtesten, die unter der engen Verbindung mit dem Staate zu leiden hatten. Welches Los wartet nun der Kirche? Nach einem Regierungserlaß soll von 1. April 1919 ab der K rche die staatliche Unterstützung entzogen werden. Wie soll da die Kirche noch Missten (innere und äußere) treiben können! Förderung und Unter- auS dein Preußendorf hier an der Grenze. Ich weiß, waS für Teufel in ihnen hetzen, wenn sie genug zu sau­fen kriegen. Ein allerletzteSinal sage ich Ihnen darum, Pan Erich, Sie werden eines TageS von Boldrowo runter müssen unb nichts weiter in der Hand halten als Ihren Stock unb das Bewußtsein, Ihr Bestes umsonst weggeroorfen zu haben.

Ich weiß nicht, wie ich an diesem Tage vor Ihrem Va­ter bestehen soll. Ich bin ja meineidig geworben. Ein Kerl, von dem kein Hund ein Stück Brot mehr neh- men sollte, wenn ich znließe, daß eS so weit käme. Ich hab' inich noch nie vor einem aus Fleisch und Blut geduckt. Heute tu ich'S. Hier liege ich vor Jhuen und fleh: Silagen Sie den andern Weg ein, Pan Erich, den, der die Leute zum Gehorsam bringt. Und wenn Sie nicht gutwillig folgen will, dann zwingen Sie bie Bande. Ich helf Ihnen. Aaach daS wirb ein Tag werden. Wieder Ordnung, wieder Fortgang

Der Alte weint leise vor sich hin. ES ist ganz ftiu im Zimmer. Endlich fängt er wieder an zu reden. Seine Weichheit ist verflogen. Jugendliche» Feuer brennt in feinen Augen.

Erlanben Sie, Pan Erich, daß ich auf ber Stelle ben Krautusch für seine Gemeinheit bestrafe, wie eS ihm gnkommt?"

Rastingen zivingt sich zu einer Gegenfrage: »Woher wissen Sie, daß es der Krantnsch gewesen ist, Matu- schek?" , . .

Er hat doch nach Aussage der aiidern dem Schwar- zen "daS letzt« Futter eingeschüttet und die Laterne ge­löscht."

Unb wenn eS nun doch ein anderer als er getan hätte» Wissen Sie überhanpt, daß nichS schlechter, nicht» verstockter macht, als für eine Sünde leiden zu müssen, die »ran gar nicht begangen hat?"

Nein, da» weiß ich nicht. Aber t* paßt wohl nicht anf iyn." ___________ < 229,18^