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mit „Amtlichem Kreisblatt". — Wocheubeilage: Illustriertes Sonntagsblatt.
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JS 99. Mitwoch, den 11. Dezember 1918. 69. Jahrgang.
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Deutsches Reich.
— Hindenburgs Meinung. Rcichstagsahg. Justiz- rat Dr. Ablaß berichtete in einer Rede folgendes über e|R Gespräch mit Hindenburg: Hindenburg gab seiner Liebe zu Schlesien bereden Ausdruck und sagte: Früher habe er in seinem Lande etwas gegolten, heute sei das vorüber. Er habe aber das Empfinden seine Pflicht getan zu haben. Im Osten habe er den Feind ge« schlagen, im Westen sei dieser ferngehalten vom deutschen Boden. Mchc habe er nicht tun können. Daß es anders gekommen sei, „wer weiß, wozu das gut ist!"
— Berlin. LIebknecht-Demostrationen mit Maschinengewehren. Wie der „Abend" meldet, zog gestern nachmittag ein sehr großer Zug Demonstranten mit einem Kraftwagen mit Maschinengewehren unter Füh- rung Liebknechts die Straße Unter den Linden entlang. Vor jedem öffentlichen Gebäude hielt der Zug und Liebknecht hielt Reden gegen Scheidemann und seine Gesinnungsgenossen. Als die Menge die Bibliothek stürmen wollte, machte die Sicherheitswache ihr Maschinengewehr bereit. Darauf stob die Menge mit dem Rufe: Richt schießen I auseinander. Vor der Kommandantur staute sich eme nach Tausenden zählende Menge. Liebknecht brach in Verwünschungen gegen den Kommandanten Wels aus. Ein anderer Redner forderte die Menge auf, stch zu bewaffnen und Wels und die „Scheidemänner" zu verjagen. Zreinem Angriff auf die Kommandantur kam es aber nicht.
— Reue Abzeichen. Welches werden die Farben der ne^en Deutschlands sein? Die Zusammenstellung Schwarz-Weiß Rot scheint ja wenig Aussicht auf Erhaltung zu haben. Der Vorschlag liegt nahe, auf Schwarz-Rot Gold zurückzugreifen. Tie schwarz rotgoldene Fahne wehte über dem deutschen Einheits- gedanken, als dieser nah verfemt war; sie war das Banner manches Freiheitskampfes, und sie ist durch die deutschen Burschenschaften und die Deutschen in Oesterreich bis heute am Leben und in Ehren gehalten worden. In künstlerischer Hinsicht wäre diese Wahl wohl willkommen zu heißen, da die Farbenzusammen- stellung sehr wirkungsvoll ist. — Ein wichtiges Unter- cheidungs- und HoheitSmerkmal des Staates ist ferner e n Wappen. Es wäre zu wünschen, daß im deutschen ReichSwappen der alte deutsche Adler erhalten bliebe. Er ist, soweit die Geschichte zurückretcht, des Reiches Wappentier gewesen, und aus seinem Wappen als Abzeichen des ReichSschutzeS in zahlreiche Slädtewappen übergegangen, die, wenn der Adler aus dem Reichswappen verschwände, gewissermaßen den geschichtlichen Grund unter den Füßen verlieren würden. — Wenn unsere Münzen und unsere Briefmarken in absehbarer Zeit eine neue Gestalt erhalten, so kann das vom Standpunkte des Geschmacks und der künstlerischen Erziehung nur willkommmen geheißen werden. Dringend
Schuld und Sühne.
Roman von Käthe Lubowski. 47
Einmal fuhr sogar Diedersleben aus seinem tiefen Schlaf entsetzt in die Höhe. Sie hatte sich wimmernd und klagend neben ihm herinngewälzt. Sie hatte geträumt, daß sie eine Hand an ihrem schweren langen Haar über den Boden schleife und ein Mund ihr zn- raune: „Das ist dafür, daß Dir nicht an lhn geglaubt hast, geglaubt — trotzdem 1“
Sie saß starr in ihrem Bett aufrecht und sah ihren Mann mit Augen, die um Hilfe und Barmherzigkeit schrien, an. Ein wenig später waren sie inne geworben, daß der Bube geschrien hatte, weil ihn hungerte.
DaS Leben in Peking war jetzt während der kalten Zeit voller Abwechslung. Früher hatte Marie Lupe sich manchmal davon fernhalten können. Zuerst galt die Entschuldigung, daß sie sich in der Stille am besten eingewöhne, als genügende Erklärung, dann kam die lange Wartezeit auf das Kind, die ihr Ruhe zum Gebot machte.
Nun aber wußte sie nichts zu sagen. Sie mußte den Schnitzeljagden zusehen, die auf einem vor der Stadt liegenden Rennplatz abgehalten wurden, Preise oettei« len und Blumen entgegennehmen; man traf sich in Theater und Konzerten und ging manchmal in das vm- nehm anSgestattete Restaurant „Znm beständigenUeber- stutz", das seinen deutschen Namen mit der Ueberfülle der goldgelben Seide und den plastisch eingewebten Drachen in den Zimmern Lügen strafte.
Auch mußte sie zuweilen die Festlichkeiten im Hause der Unverheirateten AttacheeS leiten. Und sie, die Stolze, die bisher immer nur voller Eigenwillen das getan hatte, was ihr gut und richtig erschien, tat DiederS- leben jetzt ohne den geringsten Widerspruch in allen Stücke» den Willen, chs war, als triebe sie das uner-
ist, auch eine Umgestaltung unseres Papiergeldes zu wünschen, wenngleich anerkannt sein mag, daß man sich während des Krieges bestrebt hat, das Papiergeld geschmackvoller auszustatten.
— Die Belgier und Franzosen führen in dem von ihnen besetzten Gebiet im Rheinland ein sehr strenges Regiment, während die Engländer anscheinend höflicher zu sein scheinen. A,- und S.-Räte erkennen die Feinde nicht an, auch etwa nur von S.-Mäten, anstelle von militärischen Stellen ausgestellte Militär-EnllassungS- papiere, schützen im besetzten Gebiet nicht vor Jnter- nierung.
— Der sozialdemokratische Partetausschuß für die Nationalversammlung. Der Parteiausschuß der sozial- demokratischen Partei Deutschlands hat einstimmig eine Entschließung angenommeu, in der sich die Partei zu der Politischen Gleichberechtigung aller Volksgenossen bekennt. Die Partei erblickt in dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht aller Männer und Frauen die wichtigste politische Errungenschaft der Revolution und sieht darin das Mittel, die kapitalistische Gesellschaftsordnung nach dem Willen des Volkes in planmäßiger Arbeit zur sozialistischen umzuwandeln. Die Partei spricht ihre Entschlossenheit aus, die Errungenschaften der Revolution gegen alle gegenrevolu- tionä.en Bestrebungen bis aufs letzte zu verteidigen, wendet sich aber zugleich mit Entschiedenheit gegen alle, die dem deutschen Volke das Selbstbestim mungsrecht vorenthalten wollen, sei es auch unter dem Vorwande, es durch die Diktatur gegen seinen eigenen Willen beglücken zu können. Es wird die schleunigste Einberufung der Nationalversammlung verlangt. Die Genossen im Reiche werden aufgefordert, für die bal- digste Einberufung der Nati'uclversammlung zu wirken.
fokal« und Kroviiqkler.
Schlüchtern, den 10. Dezember 1918.
—* Am Sonntag, den 8. Dezember nachmittags 3 Uhr fand eine von dem sozialdemokratischen Verein des Kreises Schlüchtern einberufene Vollversammlung in der Turnhalle in der Grabenstraße zu Schlüchtern statt. Die Versammlung wurde von ungefähr 400 Personen aller Parteirichtungen, darunter auch viele Soldaten, besucht. Sie wurde von dem Vorsitzenden des sozialdemokratischen Verein», Herrn Kunde, geleitet. Der Redner war ein Beamter der Ortskrankenkasse Frankfurt, Herr Goller, welcher bei der letzten Reichs- tagswahl als Kandidat der sozialdemokratischen Partei für den Wahlkreis FUda-Schlüchtern-Gelnhausen aufgestellt worden war. Herr Goller war ein sehr gewandter Redner, der eS verstand, die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer voll und ganz zu fesseln. Er sprach in der Hauptsache von Vergangenem. Er weißt der alten Regierung, dem Militarismus, der Zollpolitik die größte Schuld am Kriege bei. Er ist aber objektiv
müdliche Bestreben, für ihre Gedankensünden zu büßen.
Die Mitglieder der kaiserlichen Familie begannen amfj — hin und wieder — die Einladungen der deut- scheu Gesandtschaft auzunehmen. DaS Ringen um den Segen der Kultur, dessen erste Ernte ihr östlicher Nach- bar jetzt einheimste, der Wunsch, die sich durch die deutsche Gesandtschaft langsam anbahnend- Reorgani- sation der chinesischen Armee durch freundschaftliche Be- ziehungen mehr und mehr zu beschleunigen, trieb sie dazu. Der Prinz Kiang-Wü war der erste, der über tue formellen Besuche hinaus zu verkehren wünschte. Er überschüttete Marie Luise mit kleinen Aufmertsamkei- ten und freute sich wie ein Kind, wenn sie eure tost« bare Tändelei auS Gold oder Elfenbein aufmerksam betrachtete. Sie quittierte über alle Huldigungen mit bem gleichen starren Lächeln, daß sie krampfhaft fest- ruhalten bemüht war.
4 Zuweilen bat sie den jungen Dolmeticherasprranten ,ur Teestunde. Und während sie den gelblichen Trank anS breiten, bunten Schalen nippten und mit dünnen Stäbchen köstliche Früchte dazu atzen, redeten sie von der Heimat. .
Der junge Gelehrte hatte zu solchen Zelten nasse Augen. Aber «S war ja so dämmrig bei änane fiinse, daß diese Tränen verborgen blieben. Darum schämte er sich auch neben ihr seiner Weichheit nicht.
13. Kapitel.
Ueber dem allen verrauschte allmählich die Zeit. Die Eisdecke aus dem Pei-Ho brach, und die uüi mit« ^en di- grünen Maudariueusäuften mit einem Auf- nnb uvu Teeblüten, weil es Frühling werden wollte
^ ^Marie Luise ging von seltsamer Unruhe erfaßt durch dieR^nehreSHauses sag-esichnumer >me- £ hnk ^r bethe Wiud, der sich über Nacht aufge. habe auch in ihr Blut diese Wallung trüge. Der ra^nh^afftarn Doktor Krummacher, gab Diedersle- Ä*» ?«i< «fW^ “" »^ «Iif.fi« f ««•
genug, auch dem französischen Chauvinismus, dem ruffifchenPanslawiSmuS u. EnglandsSchuld beizumessen. Für Englands Eintreten in den Krieg fand der Redner eine Reihe von Beweggründen, die er in langen Ausführungen der Versammlung darlegte. Außer der Schuldfrage am Kriege legte der Redner natürlich auch das Programm der sozialdemokratischen Partei dar. Das Ziel der Partei ist die sozialistische Republik. Die Zukunft konnte der Redner nur in trüben Farben malen. Hungersnot, Mangel an Rohstoffen und damit Mangel an Arbeit stehen in Aussicht. Herr Goller sprach sich nicht deutlich über die Einberufung der Nationalversammlung und ihre Aufgaben aus. Doch darf man ohne weiteres annehmen, daß auch er für eine baldige Einberufung der Nationalversammlung ist, damit wieder Ruhe und Ordnung in Deutschland ihren Einzug halten. Die Anhänger Liebknechts hält er für reif für eine Kaltwasserheilanstalt. — An diese mit Beifall aufgenommene Rede schloß sich eine kleine Diskussion an. Um 6 Uhr schloß Herr Kunde die Versammlung mit einem Hoch auf die internationale Sozialdemokratie. -«-
—* Preußische Klassenlotterie. In der letzten Ziehung fiel die Prämie von 300000 Mk. auf die Nr. 60232.
—♦ Die Papier-Beschränkung der Presse. Infolge der Kohlen- und Transport-Schwierigkeiten hat sich die Regierung veranlaßt gesehen, eine Verordnung zu erlassen, die den Wochen-Umfang der Tageszeitungen unter Zugrundelegung der Seitenzahl und Erscheinungs- Ort einschränkt und die Z Rücknahme der unverkauften Ex Mplare verbietet. Diese Einschränkung ist notwendig und jeder einsichtige Verlag wird sich damit abfinden, wie er sich schon mit so manchen Erschwernissen und Einschränkungen seines Betriebes abgefunden hat. Dagegen hat der „Verein großstädtischer Zeitung» Ver- leger", die Organisation der großen Annon^en-BläUer, gegen die Verfügung sofort Sturm gelaufen. Diese Blätter sind durch die Verordnung nicht in der Lage, im Inseraten-Geschäft die erhofften Mehrgewinne zu erzielen und hätten eS am liebsten gesehen, wenn die Provinz-Presse benachteiligt würde, nur damit ihre Jnseraten-Plantagen in groß m Umfange weiter erscheinen können. Grade mit der vorliegenden Verordnung der neuen Regierung kann man uneingeschränkt einverstanden sein, denn sie sichert der Heimat-Presse, die in bet gegenwärtigen schweren Zeit so hohe Aufgaben hat, wenigstens notdürftig eine der ersten Daseins-Bedingungen: das Papier.
—* Wandert nicht in die Großstädte! In einzelnen Gegenden macht sich eine Abwanderung weiblichen Dienstpersonals nach den mittleren und größeren Städten bemerkbar, in der Annahme, daß dort geeignete Stellen vorhanden sein werden. Die Annahme ist durchaus falsch. Mit der Einschränkung der Arbeiten in den Rüsiungsbetrieben sowie auch in anderen Betrieben ten. ES war etwaS in ihrem Lachen und den kurzen stoßweisen Atemzügen, was ihm zu denken gab. Aber DiederSleben hatte gerade jetzt besonders den Kopf voll von anbern Sorgen und Interessen. Jhni war die selbstständige Erledigung einer ziemlich belanglosen An- gelegenbelt überlassen, bei der sich seine Diplomatie allzu spitzfindig eriviesen hatte. Der Altachee hatte ihm mit liebenswürdiger Zurechtweisung bewiesen, daß im Uebermaß allemal ein Fehler liegt. Gerade weil ihm diese» erste Debüt einen Tadel eintrug, geriet Diedersleben außer Fassung. Sein unbändiger Stolz, alles, was er tat, besser zu vollenden als jeder andere, sta- chelke seine Empfindlichkeit auf. . .
Seine sonst nach außen als unorschütterlich geltende Ruhe verlor sich in dem eigentümlichen Summen der Flut, die vor seinen Ohren zu einem Zischen und Brausen anwuche. Er hatte ein unbezivingliches Bedürfnis, sich an jemand auszulassen. Er ging in sein Arbeitszimmer, um den heißen Kopf zu kühlen, und fand darin seinen Di« ner Ln die Scherben einer billigen Base anflesend, die jener soeben zerbrochen hatte. Damit war baß Objekt für bie innerliche Entladung gefunden.
Er sah sich hastig nach allen Seiten um, ehe er aifr Lu rinschlug. Dann aber tat er eS mit einem leidenschaftlichen Eifer, btr an Raserei grenzte. Marie Luise kannte ihn nicht von bieser Seite. Für sie war er bisher der von allem Häßlichen unberührt Bleibende gewesen, dessen seelisches Gleichgewicht unerschiitterlich festgelegt war. DaS war aber nur die undurchdringliche Maske, die er zur Schau trug. Er halte sich unheiinlich in der Gewalt. Niemals kani im Kreis von ihm gesellschaftlich Gleichstehenden ein scharfes Wort — geschweige denn eine Heftigkeit — über seine Lippen. Er blieb bei ewig Verbindliche, dessen Korrektheit im elften Re- giment sprichwörtlich gewesen. Und doch wohnte in seiner Seele ein Teufel, bet gefährlich wurde, sobald er sich unbeobachtet fühlte. 229,18*j