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^ 93. Mittwoch, den 20. November 1918. 69. Jahrgang.
Bekanntmachungen des Soldaten-, Arbeiter- und Bauerurates für den Kreis Schlüchtern.
Nach einem telegraph. Erlaß der preußischen Ne- gierurgen rom 14. 11. 18 haben die Soldaten-, Arbiter u.id Bauernräte den einzelnen Vcrwaltvngsbchör- den (Oberpräs., Negier, und Landcattämtern) als Kontroüinstanz zur Seite zu treten und sind bei allen wichtigen Verhandlungen hinzuzuziel en. Die Form dieser Zuziehung wird sich vom Standpunkt gegenseitiger loyaler Unterstützung im einzelnen leicht finden lassen, wenn dabei das Ziel unbedingter F.rn- Haltung jeder Störung der öfstnllichcn Ordnung und Sicherheit im Auge behalten wird.
Nach der Schlüchterner Zc tung hat sich in Caffel ein Zentral-, Arbeiter- und Soldatenrat (wohlgemerkt ohne Bauernrat) Caffel gebildet, der sich als die oberste Zentralbehörde im Bezirk des 11. A. Ä. und im Reg.- Lez. Caffel bezeichnet.
Um jedes Mißverständnis auSzuschließen, bemerken «>!r, daß uns von einer solchen obersten Zentralbehörde nichts bekannt ist. Wir werden deshalb wie bisher im engsten Anschluß an den Soldaten- und Arbeiterrat Frankfurt a. M. und an das für den Kreis Schlüchtern zufiändtze stell». General Kommando 18. A K. arbeiten. Der Soldaten- und Arbeiterrat Frankfurt zeigt ein lebhaftes Interesse für unseren Rar. Er hat uns namentlich dazu beglückwünscht, daß uns die Gründung euch eines Bauernrates gelungen sei, der zusammen mit dem Soldaten- und Arbeiterrat einen einheitlichen Volksrat bildet und als Glied dieses Rats eine ganz andere Autorität genstßt, wie ein außerhalb des Soldatenrates für sich allein bestehender Bauernrat.
Der Vorstand des pp. besteht aur:
1. Dem Major d. L., Rechtsanwalt Henrichs, als ersten Vorsitzenden,
2. Dem Leiter des städtischen Elcktrizitätswerkes Schlüchtern — Tigge» — als stelln. Vorsitzender,
3. Dem Kaufmann Jakob Rosenbaum, als Schrijt- führer, Milch in Schlüchtern.
Bekanntmachung.
Zur Sichelstellung der Lebensmittelversorgung ist es unbedingt erforderlich, daß die bisher vielfach in großem Maßstab geübte Hamsterei und das noch verwerflichere mehr oder minder versteckte Zutragen und Annehmen von Lebensmitteln unterbleibt, daß ratio- nlrte Lebensrnittel nur auf Karten verabfolgt und an genommen werden, und daß hierbei keinerlei Bevorzugung irgend einer Person stattfindet.
Wer den zur Sicherung der Lebensmittelversorgung erlassenen Verordnungen, die nach wie vor in Kraft bleiben, zuwiderhandelt, verletzt die Interessen der Allgemeinheit, befördert die Gefahr des Schrecklichsten,
Schuld und Sühne.
Roman von Käthe Lubowski. 44
„Ich war vor einer Stunde bei meinem Verlobten," sagte sie still. „Er hat mich zwar nicht erkannt. Aber der Arzt meint, er ist jung nud krätig, und es wird schon alles wieder gut werden."
„Ruft sie mich hierher, um mir das zu sagen?" denkt Rastingen. Plötzlich fühlt er, wie sie schluchzt. Sie steht so dicht neben ihm, daß ihr Aermel an dem seinen aus und nieder zittert. Sie tastet nach seiner Hand.
„Ich muß es Ihnen sagen. Si^ sollen es von keinem andern erfahren. Keiner darf wissen, wie nah es Ihnen geht. Ich selbst kann eS noch immer nicht begreifen, yd) finde keinen Grund dafür. Lieber Herr Rastingen, seien Sie mutig. Marie Luise hat sich mit Diedersleben verlobt."
Er meint, er stehe ganz unbeweglich, und doch zittert er und windet sich in Qualen. Da überkommt ste ein starkes, reines Gefühl. Aus ihrem treuen, weichen Kinderherzen heraus wallt es für ihn warm und schwesterlich empor. Sie weiß, sie nimmt dem Verlobten damit nichts.
Sie legt die Arme um RastingeuS Hals und ihre Wange gegen die seine.
„So weh tnt's mir, daß sie so treulos sein konnte, so furchtbar weh," schluchzte sie leise. Ihre Tränen rinnen auf seinen Wangen herab. Er wischt sie hastig fort. Er denkt, daß er sie geweint hat. Eine Fledermaus urt mit schwerem Flügelschlag an ihnen vorbei inS Nebelhafte.
Da löst er sich, von dem Geräusch in die grausame Wirklichkeit zurückgetragen, von ihr und taumelt ohne Ernß fort — heimwärts. , , ,
Nicht mehr in seine kalte Stadtwohnmig zurück, s»n- Jan nach Boldrowp. - . r
was man sich denken kann, der Hungersnot, die ihrer seitS mit Sicherheit eine Störung der öffentlichen Ordnung mit dcr Gefahr des Bürgerkriegs und letzten Endes eine feindliche Invasion unter dem Vorwand der Herstellung der Ordnung im Gefolge haben wird, mit der die Feinde schon rechnen. Möge die Rechnung der Feinde, die bisher leider immer richtiger wie die unsere war, diesmal falsch werden. Zur Erfüllung dieser Hoffnung bedarf es aber der rücksichtslosen Pfl chterfüllung eines jeden Deutschen.
Der unterfertigte Rat hat einen ErnährungSauS- schuß gewählt, der im Einvernehmen mit den bisherigen Bebürden die restlose Sicherstrllung dcr Lebensmittelversorgung in die Hand nimmt und zu diesem Zweck mit den weitgehendsten Vollmachten aus- geslattet ist.
Der untersirl^gte Rat gibt sich der bestimmten Erwartung hin, daß endlich jetzt Jedermann deSEcnstes der Stunde sich bewußt werden und ohne Zwang die bestehenden genugsam bekannten Bestimmungen befolgen wird Er darf kein Zweifel darüber bestehen, daß die Sicherung der Lebensmittelversorgung eine Hauptaufgabe dcr überall gebildeten Räte die Gewalt zur Erzwingung der Befolgung der bestehenden Bestimmungen haben und erforderlichen Falles auch anwcn- den werden. Jedermann wird daher gut tun, vorstehende sehr ernste Mahnung zu beachten, die sich ganz besonders auch gegen den im hiesigen Kreis in ganz unverantwortlicher Weise getriebenen Kriegswucher wendet, durch den der Allgemeinheit eine Unmenge Lebensmittel entgeht. Diesem Wucher wird von jetzt ab unnachsichtlich mit aller Schärfe entgegen getreten werden.
Schlüchtern/.den 14 November 1918.
Der Soldaten-, Arbei : und Bauernrat d.S Kreises Schlüchtern.
J. A.:
TiggeS._________ Habel._________
Ein Erlaß HisbevburM
Der Generalfeldmarschall von Hindenburg hat an die deutsche Armee nachfolgenden Erlaß gerichtet:
An die Armee!
Der Waffenstillstand ist unterzeichnet worden. Bis zum heutigen Tage haben wir unsere Waffen in Ehren geführt. In treuer Hingabe und Pflichterfüllung hat die Armee Gewaltiges vollbracht. In Angr ffsschlachten und zäher Abwehr, in hartem Kampfe zu Lande und in der Luft haben wir den Feind von unseren Grenzen ferngehalten und die Heimat vor den Schrecknissen und Verwüstungen bewahrt. Bei der wachsenden Zahl unserer Gegner, die dem Zusammenbruch der uns bis an das Ende ihrer Kraft zur Seite stehenden Verbündeten und bei den immer drückender werdenden Er- nähruvgS- und WirlschastSsorgen hat sich unsere Regie
Sie werden ihm schon anfmachen, wenn er auch spät kommt. Dazwischen denkt er an Ruth Regenstein.
Sie hat ihm das Beste zum Trost geben wollen, was sie besitzt. Sie ist es wert, daß er ihr Glück gerettet
hat.
12. Kapitel.
Drei Jahre wanderten seitdem am Meilenstein der Zeit vorüber, dem Abgrund entgegen, der die Ewigkeit im Schoß hält. Die Jahre warfen die Bürde der Sor- gen ab, ohne sie gerecht zu verteilen. Sie glitten mitten hinein in die Blumen und das junge Grün, das die Hoffnung an den Wegrändern gesäet hatte.
Manch einer versucht sich dagegen aufzulehuen. Er bricht seinen Weg plötzlich ab und führt ihn an einer neuen Stelle fort. Aber das Schicksal folgt ihui immer nach, wohin er sich anch wenden mag. — Marie Luise hatte das auch getan.
We Verlobung mit dem Hauptinaun HauS Walter ^von Diedersleben war auf die kürzeste Zeit beschränkt warben Sein Kommando nach Peking gab den will- koinmeneu Anlaß zur Beschlenuigung. Drei Tage nach der vollzogenen Vermählung hatte das Paar sich in Bremerhaven cingeschifft, um in breüuibmeijmtdgiger Reise durch den Snezkaual die Stadt zu erreichen, die still und erhaben in märchenhafter Versunkenheit die Erzählungen über die längst verrauchten SchreckenStage ^^Diederslebe'i fühlte sich stolz und glücklich. Er hatte vorläufig erreicht, waS er erstrebte. Der Müitarattachee, ein liebens.oürdiger Major, der vorher sieben Jahre der Kaiserlichen Gesandtschaft in Bukarest zngete.lt ge- Wesen war, behandelte ihn mit ansgeiuchler Freund- ick keit Und Marie Luise endete überall die nnemge- schränkte Beivnnderung, die ihrer Schönheit zukam.
Ob sie dauernd in der neuen Umgebung zu leben wllsite sie noch nicht. (Gewaltsam zwang sie löwen aus ihren Postamenten über leben Wache H'el.
rung zur Annahme harter Waffenstillstandsbedingungen entschließen müssen. Aber aufrecht und stolz gehen wir. aus dem Kampfe, den wir über vier Jahre gegen eine Welt von Feinden bestanden. Aus dem Bewußtsein, daß wir unser Lind und unsere Ehre bis zum äußersten verteidigt haben, schöpfen wir neue Kraft. Der Waffenstillstandsvertrag verpflichtet zum schnellen Rückmärsche in die Heimat. Unter den obwaltenden Verhältnissen eine schwere Ausgabe, die Selbstbeherrschung und treueste Pflichterfüllung von jedem einzelnen von euch verlangt, ein harter Prüfstein für den Geist und den inneren Halt der Armee. Im Kampfe habt ihr euren Generalfeldmarschall niemals im Stich gelassen. Ich nertraue auch jetzt auf euch!
ron Hindenburg, Generalfeldmarschall.
Deutsches Reich.
— Wilson auf der Friedenskonferenz. Der Londoner Berichterstatter des „Manchester Guardian" erfährt, daß W:l'on endgültig beschlossen hat, zur Friedenskonferenz zu kommen und daß er vor Mitte Dezember in London erwartet wird.
— Deutschenhaß. Eine öffentliche Versammlung in Hongkong hat einstimmig beschlossen, daß die von Hongkong deportierten Deutschen keine Erlaubnis zur Rückkehr erhalten, daß sie vielmehr nach Hause geschickt werden sollten. Keinem deutschen Untertan soll erlaubt sein, auf eine bestimmte Zeit von Jahren in Hongkong zu wohnen od.r Handel zu treiben.
— Berlin. Für d'e Bearbeitung ihrer Dienstgeschäfte hat die Reichsregierung nachfolgende GeschäftS- verteilung vorgesehen: Ebert: Inneres und Militärisches; Haase: AeußercS und Kolonien; Scheidemann: Finanzen; Dittmann: Demobilisierung, Verkehrswesen, Rechtspflege und LEgr. fauchest, Landab::g.; P^ff?. und Nachrichtenwesen, Kunst und Literatur; Barch: Sozialpolitik.
- Lettow-Vorbecks Widerstand. „Hollandsch Nieuwr- bureau" meldet aus Lendon: Laut Mitteilungen aus halbamtlicher Quelle hält der Feind unter General Lettow-Vorbeck noch immer mit seinen Truppen, 1000 Eingeborenen und ;300 Europäern, stand. Er verfügt zwar nicht über Geschütze, wohl aber über zahlreiche Maschinengewehre — Sicherlich hat also eine zuverlässige Nachricht vom Abschluß der Waffenstillstandes den standhaften Verteidiger Ostafr.kaS noch nicht erreichen können.
— Entente-Note angekündigt. Die Beratungen des Versailler KriegSrateS sind wieder ausgenommen worden. Gegenwärtig wird der Wortlaut einer neuen Note an Deutschland festgelegt, die die Aufforderung zur Entsendung von Delegierten für die Friedenskonferenz enthält und auch den Ort, wo diese Konferenz stattfinden soll, festsetzt. Allgemein nimmt man an, daß Versailles in erster Linie in Betracht kommt. Gegenstand der Beratungen in Versailles sind auch die inneren Vorgänge
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teil, der durch das Tor mit der deutschen Flagge in das Gesaudtschaftsviertel ciudringen wollte, so hütete ihr eigener Wille das Erwachen ihres Herzens. Stundenlang konnte sie in dem Gesandtschaftsgarten vordem zum Gedächtnis des eruiordeten Freiherr von Kettler aufgefiihrteu Denkstein sitzen und die plastischen Ornamente der marmornen Kreuzborde betrachten, und kein Gedanke und kein Wunsch flog in die Heimat zu- riick, denn Mutter Hoffnung war unter zuckenden Quäken gestorben, und ihre Kinder — die Wünsche — verdarben mit ihr.
Nnr zuweilen fühlte Marie Luise das biimpfe Nachzittern eines unversehens empfangenen Stoßes in ihrer Seele; weber sonderlich schmerzhaft noch anbanenib. Etwa wie ihn das Versinken der Rikshaiv, dem zwei- räderigen, mit einem Kuli oder mongolischen Esel bespannten Karren, der auch teilweise von den Gesandten als VerkehrSiuittel benutzt würbe, in den schrecklichen Straßen der schönen Stadt mit sich bringt. Ein plötzliches Gefiihl des Erschreckens, ein Auffahren aus wohligem Hiudämmern.
Das war jedeSu.al bei einem der spärlichen Briese der Fall, die aus der Heimat kamen. Ihr Bruder hatte, damals bei ihrer Hochzeit gefehlt. Ruth hatte ihr in rücksichtsloser Offenheit die Anklage in das Gesicht geschleudert, daß die Mitteilung oou ihrer Verlobung mit Diedersleben die Schuld an einem gefährlichen Rück- fall seiner Krankheit getragen habe.
Sie wußte nicht mehr, ob sie das getroffen hatte/ Sie war gänzlich stumpf und gefühllos geworden. Sie wußte nur, daß es gut war, daß ihr Bruder noch im Fieber lag, als sie Abschied von ihm nahm. Jetzt schrieb er ihr zuweilen. Aber der Reiz des Jutiulen fehlte ihren beiderseitigen Nachrichten. Es standen zwei auf ihrem Wege und sah ihnen über die Schulter: Rastin- .gen und Ruth. Da blieb baS, was sie am meisten quäke — ungesagt. . 229,18^