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^ 18. Samstag, den 2. März 1918. 69. Jahrgang.
Kanzler und Dizekanzler im Weichstag.
Im Reichstag hielt der Reichskanzler Graf Hertling ine Rede, in der er einen Ueberblick über die Lage gab md sich mit unseren Feinden auseinandersetzte. Er be- annte sich zu der Ansicht, daß eine Auseinandersetzung m engen Kreise allein zu einer Verständigung über die Heien strittigen Fragen führen sönne, deren Erledigung rst den Ausgleich wirklich herbeiführen könne. Dafür ei die belgische Frage bester Beweis. Wir dächten nicht in Annexion Belgiens, müßten aber auch verhüten, daß Belgien ein Aufmarschgebiet für unsere Feinde werde. Dann setzte sich Graf Hertling mit dem Präsidenten Wilson auseinander, in dessen letzter Botschaft er einen leinen Schritt zur gegenseitigen Annäherung erblickt. Rit vier Punkten könne sich die deutsche Regierung völlig inverstanden erklären. Daß ein Frieden auf einem Aus- fleich aufzubauen sei, der lange Gewähr garantiere, sei elbstverständlicki, auch für das Selbstbestimmungsrecht »er Völker habe Deutschland vollstes Verständnis, mehr icherlich als Wilson für die Verhältnisse in Deutschland Sä besteht bei uns kein, Gegensatz zwischen einer auto^ ratischen Regierung und einer rechtlosen Masse. Eng- and habe doch eine recht eigentümlich egoistische Auf- affung vom Recht der Selbstbestimmung. Der Reichs- anzler muß deshalb daran zweifeln, daß die Wilsonschen Prinzipien je ernsthaft von den Engländern angewandt oürden. Wenn England vom Selbstbestimmungsrecht »er Völker redete, denke es dabei nie an Irland, Indien oder legypten. Enlands Kriegsziele seien nach wie vor ag- iressiv, während die deutschen rein defensiv'seien. Auch m Osten dächten wir nicht an Eroberungen, wir wollten lur Ruhe und Frieden in den unglücklichen Landen tisten und besonders der Ukraine Gelegenheit geben, hren jungen Staat aufzubauen. Indessen habe ja die ßetersburgerRegterung unsere Bedingungen angenommen, nd der Friedensschluß müsse in kü:^.stcr Frist erfolgen. Iuch mit Rumänien bahne stch der Frieden an, doch eien da noch mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden, dann widmete Graf Hertling den Polen einige Worte md sprach die Hoffnnng aus, daß sich auch diese ver- vickelte Frage werde lösen lassen. Leider eröffne der stieben auf der Ostfront noch nicht die Aussicht auf den Weltfrieden. Die Entente sei noch nicht geneigt, der stimme der Vernunft und Menschlichkeit Gehör zu geben, stach immer verfolge sie Eroberungsziele. Es gäbe aber eine internationale elsaß-lothringische Frage, das Reichs- land sei und bleibe deutsch. Italien wolle seinen völligen Egoismus" nicht ausgeben, und England wolle die Türkei zerstückeln. Die Entente arbeite gegen uns mit allen Mitteln der Lüge, so verbreite sie jetzt die Nachricht, wir wollten die Neutralität der Schweiz an« lasten. Der Reichskanzler betonte sehr energisch, daß uns atchts ferner liege als das. Die Welt sehne sich nach Frieden, und Deutschland sei und bleibe friedensbereit, aber auch abwehrwillig.
Nach dem Reichskanzler nahm der Vizekanzler Dr. von Paper das Wort. Er beschäftigte sich mit Fragen der inneren Politik, sprach von der Politik "r gleichen Pflichten und Rechte, streifte verschiedene geplante wirtschaftliche Gesetze, kam aus die neue Einteilung der Reichstagswahlkreise zu sprechen und beschäftigte sich dann eingehender mit der Frage der Abänderung des Wahlrechts zum preußischen Abgeordnetenhause, die nach seiner Ansicht bald im Sinne der Regierung gelöst sein werde. Dann kam er auf die Streiks der letzten Zeit zu sprechen, verdammte sie als vaterlandsverräterisch, Zwiespalt im deutschen Volk hervorrusend und die Hoffnung der Feinde nährend. Dann stellte er bei der Behandlung der Frage der ^iegszielerörteruug Thesen auf, die auf der rechten Seite des Hauses stärksten Widerspruch hervorriefen und erörterte endlich die Ernährungsfragen. Ani Schluß der Rede klatschte ein Teil des Hauses mit den Händen, der Präsident rügte das als nicht der Würde des Hauses entsprechend.
Nie Hoffnung der.Osten und Letten auf deutsche Kitfe.
Flüchtlinge au5 Estland, die sich vor den Schrecken, in ihrer Hamat wüten, an die deutsche Front ge- W L baben, erzählen über ihre Erlebnisse folgendes : während die Roten Garden nach wie vor das Land
unsicher machen, strömen die Reste der eigentlichen russischen Armee in das Innere zurück. Der russische Soldat fühlt sich in den Ostseeprovinzen, deren verschiedene Landessprachen er nicht versteht, im „Auslande", jedenfalls in der „Fremde", und strebt nun „nach Hause". Wir begegneten auf unserer Fahrt, in der Gegend von Jürgensburg großen Mengen von Soldaten, die in einzelnen Trupps in Richtung Wenden zogen. In gleicher Richtung fuhren Geschütze, Munitionswagen und Bagagen. Die meisten der Bagage- wagen waren mit geraubten Tischen und Stühlen und anderen Möbeln beladen. In Dorpat sind in der letzten Zeit häufig Zusammenstöße zwischen den Angehörigen des estnischen und des lettischen Ersatz-Regiment? vorgekommen. Zuletzt sind die etwa 1000 Mann Esten von den Letten, die bedeutend in der Ueberzahl waren, entwaffnet worden. Walk, Wenden, Werro und Dorpat sind vollständig in den Händen von lettischen Mixima- listen." Die Flüchtlinge bestätigten, daß dagegen unter der eigentlichen lettischen Bevölkerung „immer mehr der Wunsch Platz greift, die Deutschen möchten Liv- und Estland besetzen und die Ordnung wiederherstellen". Sie sagten darüber: „Unter den besitzlosen Letten finden sich viele, die gern unter deutsche Herrschaft kommen möchten. Die Mehrzahl der lettischen und estnischen Mannschaften will im Falle eines Vormarsches der Deutschen die Waffen abgeben und dableiben. Die Esten sind in der überwiegenden Mehrheit deutschfreundlich gesinnt. Sowohl in Estland, als auch in Livland werden eifrig Unterschriften für einen Anschluß an Deutschland gesammelt Anfangs hielten sich besonders die lettischen Gesindewirte zurück, da sie befürchteten, durch ihre Unterschrift der Rache der Marimalisten zu verfallen. Dadurch verzögerte sich die Abgabe von Unterschriften selbst dort, wo die Bevölkerung mit Sehnsucht auf den Einmarsch der Deutschen wartet. Neuerdings aber unterzeichnen viele Letten willig, weil sie sich sagen, daß sie durch die Maximalsten alles verlieren und daß nur noch der Einmarsch deutscher Truppen sie retten kann."____________________________
Deutsches Reich.
— Der zukünftige Herrscher in Littauen? Zeitungsmeldungen zufolge soll die Möglichkeit, daß ein Prinz aus dem sächsischen Königshause Herrscher von Littauen werden könnte, in ziemlich greifbare Nähe gerückt sein. Es soll sich um den 24 jährigen Prinzen Friedrich Christian handeln, der gegenwärtig an der Front in Rumänien steht. Die „Sächsische Staatszeitung" erklärt eine be zügliche Nachricht der „Deutschen Zeitung" für unzutreffend und fügt hinzu, daß die Erhebung über die Zukunft Littauens noch in der Schwebe sind. Die „Tägl. Rundschau" erinnert daran, daß vor zwei Jahren Reichskanzler von Bethmann - Hollweg dem Prinzen Johann Georg von Sachsen die polnische Königskrone anbot, die der Prinz jedoch ablehnte.
— Diederich Hahn f. Wieder hat der Tod eine markante Persönlichkeit aus dem politischen Leben ge rissen. Der Direktor des Bundes der Landwirte und frühere Reichstagsabgeordnete Dr. Diedcrich Hahn ist im Krankenhause in Hamburg-Barmbek, wo er seit längerer Zeit schwer erkrankt darniedcrlag gestorben. Er hat ein Alter von 59 Jahren erreicht. Dem Reichstage gehörte Dr. Hahn, der aus Osterdeich im Kreise Neuhaus a. b. Oste stammte, in den Jahren 1893— 1903 und 1907—1912 an. Seit 1893 war er auch Mitglied des Abgeordnetenhauses. Als Direktor des Bundes der Landwirte aber entfaltete der Verstorbene eine große segensreiche Tätigkeit. Er war ein Mann von feuriger Energie und großer Beredsamkeit, treu seiner geoßen Aufgabe bis zum letzten Atemzug. Zu- sammen mit dem noch als Abgeordneter und Vorsitzender des Bundes der Landwirte wirkenden Dr. Rösicke und dem Freiherrn von Wangenheim-Kleiusviege! leitete Dr. Hahn die große Organisation des Bundes der Landwirte seit dem Jahre 1897 mit rücksichsloser Entschlossenheit und mit großem Erfolge. Was er als Organisator geleistet, trug seine herrlichen Früchte während. des Weltkrieges, denn das glänzende Durchhalten unserer Landwirtschaft wäre nicht denkbar ohne da Wirken derer, zu deren Besten Diederich Hahn gehörte.
— Nach deutschem Muster. Die Einführung der
allgemeinen Lebensmittelkarte stehe in Frankreich unmittelbar bevor. So rächt sich aller Spott und Hohn, den Frankreich über unsere Notorganisation ausschütttte' Es muß sie nachahmen.
Zum Tode des Großherzog von Mecklenburg Strelitz.
Einem tragischen Schicksal erlag der junge Groß- Herzog von Meklenburg-Strelitz, der sich in einer An- Wandlung von Melancholie selbst entleibte. Großherzog Adolf Friedrich VI., der im Juni 1914 zur Regierung gelangte, war mit 35 Lebensjahren einer der jüngeren deutschen Bundesfürsten. Er hatte als Erbgroßherzog in München studiert und am bayerischen Hose die beste Aufnahme auch gefunden. Dann trat er als Leutnant ins 1. Garde-Nlanen-Regiement in Potsdam und in nabe Beziehungen zu dem ihm eng verwandten Kaiser Hause. Die Verwandtschaft geht zurück auf die Königin Luise, des Kaisers Urgroßmutter, die bekanntlich eine Prinzessin von Strelitz war. Eine kurze Studienfahrt nach den deutschen Kolonien in Afrika mit seinem Vater dem Großherzog Adolf Friedrich V, unterbrach den Potsdamer Militärdienst, den der Erbgroßherzog 1912 verließ, um 2 Jahre später nach dem Tode seine? Vaters den Thron zu besteigen. Der Verstorbene war unvermählt, und es ist wohl noch bekannt, daß er des öfteren als verlobt gesagt wurde. Während des Krieges weilte der verstorbene, wie die meisten deutschen BundeS- fürsten, mehrmals an der Front, um das Kontinent seines Landes, das 2. Bataillon des Grenadier-Regiments Nr. 89, zu besuchen und wurde auch mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. In der preußischen Armee war er allmählich bis zum Generalmajor aufgerückt. Die Frage der Nachfolgeschaft wird noch zu regeln sein. Nach dem Hamburger Vertrag fällt das Großherzogtum nach 91u5sterben der agierenden Linie an die Groß Herzöge von Mecklenburg-Schwerin. ES ist sehr wahrscheinlich, daß dieser Fall eintritt, denn der einzige männliche Verwandte des verstorbenen stand in russischen Diensten als hoher Offizier.
Politische Uebersicht.
— Die Alands-Jnseln. Das schwedische Blatt „Rua Dagligt Allehanda" will von autoraliver Seile erfahren haben, daß Herr von Kühlmann in Brest-Litowsk in strenger Uebereinstimmung mit den Wünschen der schwedischen Regieruna die Neutralisierung der Alands-Jnseln vorgeschlagen habe. Angesichts des schwedisch-deutschen Einvernehmens hinsichtlich dieses „Marimalprogramms" sei die wenig freundliche Haltung der schwedischen Re- gierungSpresse gegenüber dem Neutralisierungsgedanken nicht recht verständlich.
— Petersburg soll verteidigt werden. Wie die Petersburger Telegraphen-Agentur berichtet ist nach einem Befehl des Kriegskommissariats vom 21. Februar über die Verteidigung der Revolution ein außerordentlicher Generalstab für den Bezirk Petersburg eingesetzt, der aus Grund des Belagerungszustandes die augen blickliche Unterbrüdung der verbrecherischen Versuche gegenrevolutionärer Elemente, Ausschreitungen anzustiften, anorbnet. Gleichzeitig wird die sofortige Beschlagnahme aller in Privatbesitz befindlicher Explosivstoffe befohlen. Es werden Maßregeln zur Bestandaufnahme und Verteilung der Lebensmittel getroffen und die gesamte Be völterung für Verteidigungsarbeiten mobilisiert und zur Verfügung der Militärbehörden gestellt. Außerdem werden alle Immobilien, die zur Verteidigung notwendig sind beschlagnahmt. ____ _____
Lokales und Provinzielles.
Schlächtern, 1. März 1918
—* Auf die in heutiger Nummer bekanntgegebene Handwerker-Versammlung, sei an dieser Stelle^noch malS Hingewiesen. Die Versammlung habet am — onn rag. den 3. März nachmittags ' ,4 llhr in Salmünster im „Gasthaus zum Löwen" statt, wo der Vorsitzende vom Handwerkü-AmtHanau einen Vertrag halten wird
* Die Verteuerung der Drucksachen ist verursacht durch das erschreckende Ansteigen der Erzeugerpreise. Einen Begriff dafür, wie die Preise während des Krieges in die Höhe gingen, vermittelt die nachstehende Uebersicht. Die 'Teurungzuschläge betrugen bei den
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