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mit Amtlichem Kreisblatt". — Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt.
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M 15 Mittwoch, den 20. Februar 1918. 69. Jahrgang.
Das große Rätselraten.
Seit Rußland niedergeworfen ist und die Hoffnung es könnte noch einmal die Kraft zur Offensive gewinnen, sich verflüchtigt hat, lastet auf der Entente wie ein Alp das Gespenst eines deutschen Generalangriffs an der Westfront. Als im November dem General Bpng im Cambrai-Abschnitt ein kleiner Ueberraschungserfolg glückte, da hallte die gesamte englische und französische Presse wider von Siegesjubel ohne Maß. Der ist heute längst verklungen und hat Stimmen Platz gemacht, die, obgleich sie zuversichtlich klingen sollen, doch eine starke Besorgnis verraten. Den Engländern hat der Jahres-Rechenschafts- bericht Sir Douglas Haigs klar zu machen vermocht, daß die blutigen englischen Mißerfolge im Jahre 1917 nicht etwa an den englischen Kriegsführungsmethoden, sondern nur an dem Mangel an ausgebildeten Mannschaften lagen: jetzt ruft die gesamte englische Presse nach mehr Rekruten. Wir wissen, es ist die Angst vor der deutschen Offensive, die sie diesen Ruf ausstoßen läßt. Repingtou sagte es in den „Times" auch ausdrücklich und ohne jede Beschönigung, daß England eine halbe Million frischer Streitkräfte, eine größere Anzahl von Geschützen und vor allem viele Angriffsflugzeuge braucht, weil die deutsche Defensivtaktik im Westen nun zu Ende gehe. Er verlangte die Heraussetzu ig des dienstpflichtigen Alters bis auf 50 Jahre, und selbst eine so zweischneidige Maßregel, wie die Anwendung des Dienstgesetzes auch auf Irland.
Auch in der französischen Presse kommen die ängstlichen Stimmen nicht mehr zum Schweigen. Die Militärkritiker der Pariser Blätter sind sich darüber klar, daß die deutsche Offensive kommt. „Gaulois" fürchtete sogar, es möchten zu ihr nicht nur die deutschen Truppen aus dem Osten, sondern auch die „abkömm^ch gewordenen ^ivisien-n Seltnes und Mackenseus" heeu.^rz-^u werden. In ihrer kaum zu verschleiernden Not helfen sich die französischen Propheten mit recht fadenscheinigen Mitteln, unter denen eins der dürftigsten die Prophezeiung der in Deutschland angeblich bevorstehenden Revolution ist. Am belustigendsten aber ist für uns das große Rätselraten, das seit Wochen in der französischen Presse eingesetzt hat. Gar zu gerne möchte man den Ort kennen, an dem die deutsche Offensive, beginnen wird; und da man ihn nun einmal nicht kennt, so unterhält man sich und seine Leser mit immer neuen Vermutungen, die stets höchst ernsthaft untersucht und begründet werden. Wenn man den Pariser Redaktionsstrategen glauben sollte, so würde die deutsche Offensive am Montag bei Calais, am Dienstag bei Laon, am Mittwoch bei Verdun, am Donnerstag im Elsaß und am Freitag auf dem Wege durch die Schweiz erfolgen: alle diese Punkte sind von den Zeitungsmajoren und -Hauptleuten schon mit viel Ernsthaftigkeit, die an den Ernst von Kindern beim Spiele erinnert, betrachtet worden.
Gegenwärtig ist Naney die Stelle, wo, wie die Pariser Auguren ihrem Publikum augenzwinkernd zuflüstern, die deutsche Offensive losbrechen wird. „Petit Batisten" versichert, die deutschen Truppen könnten aus vier doppelgleisigen Eisenbahnlinien uitb auf zahlreichen Automobilstraßen plötzlich gegen die lothringische Front geworfen werden, wobei ihnen die „mächtige Zitadelle" von Metz als Rückendeckung dienen würde. „Polpbe"- Reinach im „Figaro" gehört zu den neunmal Klugen. Er orakelt, ein solcher Angriff auf Nanep wäre kein originaler Gedanke, wurde im Gegenteil nur Begonnenes sortsetzen. Er habe, schreibt er, schon vor längerer Zeit einem großen Heerführer die Gründe auseinandergesetzt, die einen deutschen Angriff auf Vianet) wahrscheinlich erscheinen ließen. Die Deutschen hätten nun eingeschen, daß sie mit „militärischer Kriegskunst" nichts erreichten; daher ließen sie diese fallen und wendeten sich der „geschichtlichen und politischen Strategie" zu. Zu dieser gehöre ein Kampf um Vianet) (!). Nun wissen wir also, was Hindenburg jetzt vor hat; er will geschichtlich polititsche Strategie treiben. . . .
Wie die letzten hier eingetrossenen Nummern der sranzösischen Presse zeigen, geht das Rätselraten auf
Punkt, an dem die deutsche Westoffensive einsetzen wird, fröhlich weiter. VMtjrenb gestern noch mit aller Bestimmtheit versichert wurde, das Vianet) das Ziel sein werde, und „Polpbe" im „Figaro" mit einem großen Aufgebot von Gründen nachwies, daß das allein logisch - liest man's heute wieder anders : die große Offensive wird am englischen Frontabschnitt prophezeit. „Journal, diese Entdeckung gemacht hat, weiß sogar des ^"lum des Beginns: es sei der 27. Januar, der b^burtstag des Kaisers. Wir schreiben Anfang »ebtuat. . . ,
R Wenn man aber das „Echo de Paris" fragt, so Md uns Marcel Hutin sagen, warum auch diese
Prophezeihung falsch war. Es liegt an den Ueber- schwemmungen im Neckar- und Moselbecken, die die deutschen Truppen- und Matertaltransporte behindern. Schließlich scheint dem „Journal" selber der Mut zu weiteren Prophezeiungen vergangen zu sein. In der Nummer vom 23. Januar läßt es einen Mitarbeiter schreiben: Er glaube nicht so recht, daß die Offensive überhaupt kommen werde. . . .
Während man so täglich von neuem die Frage nach dem „Wo" erörtert, scheint es doch auch in Frankreich noch Stimmen zu geben, die überhaupt an dem „Ob" zweifeln. General Berthaut schreibt daher im „Petit Journal" vom 22. Januar; der preußische Kriegsminister habe erklärt, Frankreich werde sich als besiegt anerkennen, wenn es eingestehen müsse, daß die Deutschen nicht mehr aus Frankreich und Belgien zu verjagen sind. Diejenigen, fährt Berthaut fort, müßten naiv sein, die auf Grund einer derartigen Behauptung annehmen wollen, Deutschland werde sich in Zukunft rein defensiv verhalten und in Ruhe eine feindliche Offensive abwarten.
In der Tat, wer das glaubt, der ist auf dem Holzwege. Die Aussichten, die wir durch Rußlands Niederwerfung und völlige Auslösung in die Hand bekommen haben, lassen wir nicht wieder los. Die Mehrzahl der Franzosen weiß das auch ganz genau; daher die Nervosität, mit der die Zeitungen täglich das große Rätselraten von neuem beginnen, ohne zu bedenken, wie lächerlich sie sich machen.
Deutsches Reich.
— Die Beratungen des Reichskanzlers, des Vizekanzlers v. Paper und des Staatssekretärs v. Kühlmann mit dem Kaiser und den leitenden Militärischen Persön- lschkeite» im Großer H«»otßuä.r>tr üb.» die Stellungnahme zu der russischen Abrüstung find, wie wir erfahren, noch nicht zum endgültigen Abschluß gelangt. Als vorläufiges Ergebnis der Verhandlungen kann festgestellt werden, daß zwischen der militärischen und politischen Leitung völlige Uebereinstimmung über die Auffassung der Lage besteht.
— Zur Wahlreform. Zu einer halbamtlichen Aeußerung zur Wahlreform in der „Norddtsch. Allg. Ztg." wird betont, daß sich die Regierung durch innerpolitische Ereignisse nicht beeinflussen lassen werde. Versuche, die Wahlreform durch Streiks, die heute als Landesverrat anzusehen seien, durchzudrücken, könnten nur das Gegenteil veranlassen, nämlich den Widerstand anderer Parteien verstärken. Die Regierung sei nach wie vor entschlossen, nur einem VerhandlungSergebnis zuzusttmmen, das auf dem Boden der Regierungsvorlage ruht, und sie erwarte, daß ein solches Ergebnis im Wege der Verständigung erreicht werde. Der Zeitpunkt des Inkrafttretens der Wahlrechtsvorlage sei nach wie vor so in Aussicht genommen, daß die nächsten Wahlen, d. h. die ersten Wahlen nach Friedensschluß, nach dem neuen Wahlrecht vor sich gehen sollen.
— Der Zentrumsabgeordnete Trimborn nahm Veranlassung, dem Reichskanzler und dem Staatssekretär von Kühlmann im Namen aller Parteien Dank und Anerkennung für den ersten Friedensschluß anszusprechen.
— Mit einer Erhöhung der Teuerungszulagen für die Staatsbeamten ist nach Blättermeldung in nächster Zeit bestimmt zu rechnen. Das preußische Finanz- miniftcrium beabsichtigt, dem Landtag dahin zielende Vorschläge zu unterbreiten.
— An die Spitze der Commission, die nach Kiew geht, um zunächst über wirtschaftliche und handelspolitische Angelegenheiten zu verhandeln, ist der frühere Botschafter Freiherr Mumm von Schwarzenstein berufen.
Lokales und Provinzielle.
Schlüchtern, 19. Februar 1918
—* Der Lehrer Adam Weitzel von hier, welcher als Leutnant der Landw. im Jnf. Regt. Nr. 88 steht und bereits vor einem Jahre schwer verwundet wurde, ist mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet worden. Er ist jetzt Inhaber des Eisernen Kreuzes I. unb_ll. Klasse, sowie der Hess. Tapserkeils-Medaille. Sein Bruder, der Wagner Georg Weitzel erhielt auch für seine Tapferkeit im Felde das Eiserne Kreuz II. Klasse.
Staatssekretär von Kühlmann ist auf kurze Zeit zum Besuch aus Schloß Ramholz, der Heimat seiner verstorbenen Gattin, eingekehrt.
—* Auf der letzten Versammlung des Landwirtsch. HauSfrauenvereins sprach Frl.König über die rätigketc einer KreiSfürsorgerin. Sie schilderte uns, daß Die Fürsorge für die kleinen Kinder notwendig sei, nicht allein in der Stadt, sondern erst recht auf dem Lande. In jeder Gemeinde müßte eine Helferin sein. Diese i|t
auch überall zu finden, in der Gemeindeschwester, in der Pfarrers- oder Lehrersfrau. Wer bedarf denn der Fürsorge? Früher Kranke und Alte, jetzt ist aber vor allem eine Gesundheit?- und Säuglingspflege hoch nötig. Bei den kleinen Kindern von 1V- bis 2 Jahren tritt die Rachitis stark auf. In der Stadt fehlt es oft an leichten und bekömmlichen Nahrungsmitteln, an Mich, Gries, Hafer und Eier. Das ist alles auf dem Lande noch in für die Kinder ausreichenden Mengen vorhanden, aber es muß eine Fürsorgerin in die Häuser gehen, um die Mütter über die beste Ernährungsweise aufzuklären. Ebenfalls sind die Infektionskrankheiten auf dem Lande stark verbreitet, namentlich die Tuberkulose ist während des Krieges sehr gestiegen. Aufklärungsarbeiten find da so nötig. Ferner sind die Kinder von 2—6 Jahren so viel ohne Aufsicht, wenn die Mütter auf Arbeit gehen müssen, da sind Kinderschulen so nötig. Frl. König bat zum Schluß sie zu unterstützen und ihr zu helfen in ihrer neuen Tätigkeit. — Daran anschließend brächte uns Frau Dr. Frick noch einen Bericht über die Schuh- flickstube. Mit großem Fleiß und Freude wird dort gearbeitet. Ein jeder konnte sich während der Versammlung davon überzeugen beim Ansehen der vielen warmen, weichen Hausschuhe, die dort ausgestellt waren und jetzt im Fenster der Firma H. Reis stehen.
—* Die Bullerkörungstermine werden für das Jahr 1918 wie folgt festgesetzt: 9. März in Schlüchtern, 4. Mai in Sterbfritz, 27. Juli in Sterbfritz, 5. Okt. in Schlüchtern, 14. Dezember in Sterbfritz.
—* Erleichterung für der Bezug kleiner Saalgutmengen. Die Nachprüfung der Saatkarten durch die höhere Verwaltungsbehörde, die vor einigen Wochen infolge der aufgedeckten Mißst nde im Saatguthandel angeordnet worden ist, erschwert die Abwicklung des Hülsenfruchtsaatverkehrs in klcl.iHi M».?ge-> «-UMrordemrU. ES herrscht für die Kleingärten und Hausgärten e-n derartiger Bedarf an Bohnen- und Erbsensaatgut, daß durch die Nachprüfung die rechtzeitige Belieferung nahezu unmöglich gemacht wird. Der Staatssekretär des Kriegsernährungsamts hat daher genehmigt, daß bei Mengen bis zu 5 Kilogramm diese Nachprüfung der Saatkarten nicht stattzufinden braucht.
—* Mißglückter Tauschhandel. Auf ^eine gefährliche Idee war der 18jährige Hilfsarbeiter Nikolaus Fröhlich, gebürtig aus Seidenroth, Kreis Schlüchtern, gekommen. Er trieb sich mit Butter an der Festhalle in Frankfurt a. M. herum und bot sie Unteroffizieren und Soldaten zu dem verhältnismäßig niedrigen Schleichhandelspreis von 5 Mark das Pfund an, unter der Bedingung, daß sie ihm als Gegenleistung für die Gefälligkeit Stiefel verkauften. Ein Unteroffizier ließ das Bürschchen „hochgehen", und der Amtsanwalt erhob Anklage wegen Bestechung. Das Schöffengericht zog die Gemeingefährlichkeit eines solchen Treibens in Betracht und erkannte auf sechs Monate Gefängnis.
Hk. Anmeldung von Auslandsforderungen. Für die gemäß Bekanntmachung vom 30. Januar 1918 anzumeldenden Auslandsforderungen gegen Schuldner in den Vereinigten Staaten, Panama, Kuba, Siam, Liberia, China und Brasilien können Anmeldebogen von der Handelskammer zu Hanau unentgeltlich bezogen werden.
Hk. Zu Anträgen auf Zulassung von dringenden Stückgutsendungen können Vordrucke von der Handels kammer zu Hanau unentgeltlich bezogen werden. Sie gelten während der Dauer von Stückgutsperren für dringende Sendungen der MunitionSherstellung und Kriegsrüstung, soweit sie nicht in der vom Ministerium der ' öffentlichen Arbeiten aufgestellten Liste der von Stückgutverkehrsbeschränkungen ausgenommenen Güter geführt werden. , , , .
' _* „Aus allen Ecken." Der Krieg hat mancherlei auf den Kopf gestellt, und so zeigt der Kriegsausschuß für Sammel- und Helferdienst, der unter dem Vocutze des Kriegsamte? die großen zentralen Wohlfahrtsvereinigungen zusammenschließt, in seiner Ausstellung „Aus allen Ecken" in Berlin, Leipziger Straße 65, gleichsam die auf den Kopf gestellte Technik. Wahrend es im Frieden Ausgabe der Technik war aus Rohstoffen Fertig, sabrikate zu erzeugen, kann man hier sehen wie den Notwendigkeiten des Krieges entsprechend Ferligsadrikace zur Gewinnung von Rohstoffen umgearbeitet werden. Alte Zeitungen, Akten, Geschäftsbücher, verwandeln sich in Pappe, Schreibpapier und Karton. Das Altpapier hilft die Cellulose strecken und macht sie frei zur Erzen- gung der verschiedensten Gegenstände aus Papiergewebe. Alte Konservenbüchsen Staniolpapier liefern das ginn für neue Weißblechdosen. Metallreste aller Art liefern Rohstoff für Munition und Maschinen. Der alte Kork wird auf neue gearbeitet, der Korkadfall ergibt den Kunstkork. Die Flasche kann ohne weiteres an der